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Norfolk⸗Island werden nur die allergefährlichſten, zum Tode ver⸗ urtheilten, aber begnadigten Verbrecher deportirt.
Da mahnte— kaum zehn Minuten waren vergangen— ſchon ein zweiter Kanonenſchuß von der düſteren Inſel herüber. Gleich⸗ zeitig trat der Kapitän mit der gefertigten Depeſche an Deck und die engliſche Flagge flog zur Gaffel hinan. Sofort ward das Boot ins Waſſer gelaſſen und ſechs Hände zur Bemannung aufgerufen. Der Capitän, welcher das Schiff nicht verlaſſen wollte, wandte ſich darauf an mich mit der Bitte, die Miſſion zu übernehmen, die Uebelthäter ans Land zu bringen und ſeinen Rapport der Commandantur zu übergeben; natürlich ſagte ich gerne zu. Während ich mich raſch an⸗ kleidete, hatte Capitän Wittmann ſorgfältig mit dem Fernrohr die Küſte beobachtet.„Hurtig, flink!“ rief er auf einmal laut, und ob⸗ gleich ich nur wenige Minuten zu meiner Toilette gebraucht hatte, be⸗ kam ich doch während der Zeit drei Botſchaften, mich zu beeilen. Als ich hinaufkam, ſollten eben die Flüchtlinge ins Boot geſchafft werden. „Nur noch einen Schluck!“ flehte, ſich ſperrend, der Ire— er erhielt nochmals den Becher mit Rum gefüllt und leerte ihn mit leuchtenden Augen. Die beiden andern ließen ſich apathiſch hinabhiſſen. Alle drei wurden in die Mitte geſetzt, ich trat ans Steuer, und wir trieben durch die ſpiegelglatte, von keinem Lüftchen erregte See dem Lande zu, ſo raſch es mit ſechs Riemen und einem ungefügen Küſtenboote gehen wollte. Die Entflohenen ſaßen ihrem Gefängniß abgekehrt; der Ire hüllte ſich in Wolken von Tabaksrauch, ſein Kamerad rollte ſeinen Twiſt aus einer Backenhöhle in die andere; der„Gentleman“, wie unſere Matroſen ſchon den dritten getauft hatten, hatte den Kopf in die Hände geſenkt. An was mochte er in dieſem fürchterlichen Augenblicke wohl denken?
Wir waren noch keine Meile von der„Louiſe“ abgekommen, als ich ein großes Boot vom Lande her auf uns zufliegen ſah. Es war eine mit achtzehn Ruderern in der Uniform der engliſchen Marine⸗ ſoldaten bemannte Barkaſſe, worin außerdem ſich als Befehlshaber ein Unterintendant nebſt vier bewaffneten Aufſehern befand. Einer der letzteren ſchrie und ſchimpfte ſchon wüthend aus der Ferne, als könne er es gar nicht erwarten, die Entflohenen wieder in ſeine Ge⸗ walt zu bekommen; ſeiner Obhut waren ſie anvertraut geweſen und er mußte unter dem eiſernen Regiment, das auf Norfolk herrſcht, ſtreng für ſeine Nachläſſigkeit büßen. Dieſer war es auch, der, als wir beilegten, ſofort in mein Boot ſprang und mit der Fauſt dem Iren die Tabakspfeife in und um den Mund ſchlug, daß Blut und Feuer umherſprühten, indem er die gräßlichſten Verwünſchungen über die Unglücklichen ergoß. Ich glaübte meinen Auftrag beendet, und wollte dem Officier der Barkaſſe die Depeſche des Capitäns übergeben; dieſer aber, welcher ſehr artig und würdevoll gegrüßt hatte, winkte, ohne ein Wort zu ſprechen, abwehrend mit der Hand; zugleich ſah ich, daß ſeine Leute damit beſchäftigt waren eine Schleppleine im Ringe meines Fahrzeugs feſtzumachen. Waren wir Gefangene? Jedenfalls mußten wir uns in das Unvermeidliche ergeben und ſo flogen wir denn im Kielwaſſer der Barkaſſe dem Lande zu, das immer deutlicher, höher und dunkler ſich aus den ſonnigen Wogen hob.
Die Norfolkgruppe beſteht aus drei Inſeln, deren größte ihr den Namen gegeben hat. Sie iſt die allein bewohnte; ihr Flächengehalt
mag kaum mehr als 4—5 engliſche Meilen im Quadrat betragen. Augenſcheinlich vulkaniſchen Urſpungs bildet die ganze Norfolk⸗Inſel nur einen einzigen Berg, deſſen höchſte Spitze, Pic Pitt genannt, weithin ſichtbar, mit einem Walde von Norfolktannen düſter genug bewachſen iſt; bekanntlich der ſchönſte von allen Nadelholzbäumen. Ueberall fällt das Ufer ſteil und hoch ab in die brandende See, ſo daß nur ganz wenige ſichere Landungsplätze zu finden ſind. Die Strafcolonie liegt am ſüdweſtlichen Ufer der Inſel, wo das letztere einen breiten, ſanft anſteigenden Gürtel bildet. Wir ruderten in den ſchmalen Canal zwiſchen Norfolk und der kleineren Inſel Nepean, während in geringer Ferne ſüdlich die dritte, Philipps Island, ein nackter Felſen, aus den Fluten emporſtieg. Indem wir um Cap Howe herumbogen, wo wir zum erſtenmale die Dächer des Etabliſſe⸗ ments erblickten, mußte ich mir geſtehen, daß es ohne den trefflichen Lootſen, der uns ſchleppte, mir ſchwer geworden wäre, mein Boot zu landen, ſo ſchmal und windungsreich ſchlängelte ſich das Fahrwaſſer zwiſchen Klippen und Brandungen hin. Endlich gelangten wir in eine halbkreisförmige, geſchützte Bucht, an deren öſtlichem Strande wir landeten. Hier war aus feſtem Geſtein eine Art Quai mit weit vorſpringendem Damm errichtet; vor Anker lag ein kleiner Poſtkutter, rings um ihn einige Lichterſchiffe und Boote; auf dem Damme ſteht ein Schilderhaus; hier nahm uns eine Gruppe Marineſoldaten, mit Ober⸗ und Untergewehr, in Empfang. Als wir am Land waren, entſchuldigte ſich der Officier höflich gegen mich, und bat mich, ihn zu dem Intendanten zu begleiten, damit ich demſelben perſönlich Be⸗ richt abſtatte; meinen Leuten ward bedeutet, bei ihrem Boote zu bleiben, ihnen aber Erfriſchung verſprochen. Mittlerweile hatten die Auf⸗ ſeher den drei Flüchtlingen wieder mit fabelhafter Geſchwindigkeit Hand⸗ und Fußſchellen angelegt, die Soldaten nahmen ſie in die Mitte und führten ſie ab. Vorher aber hatte einer unſerer Matroſen dem Irländer noch eine ganze Hand voll Tabak zugeſteckt, den er jetzt mit geſchwollenen Backen kaute.
In Geſellſchaft des Unterintendanten— hinter uns, ob abſicht⸗ lich oder nicht, weiß ich nicht, ein halb Dutzend Mariners— ſchritt ich in dem Zuge über eine mit zahlloſen Rollſteinen bedeckte, nackte Fläche, dem Gebäude der Colonie zu, das ſich uns gegenüber ein⸗ förmig, aber ſchreckhaft erhob. Eine hohe, auf dem Kamm mit Schiefer oder Platten gedeckte, endlos lange Mauer umſchließt die ſämmtlichen Häuſer, von welchen nur ein Paar mit kleinen, eng ver⸗ gitterten Fenſtern darüber hinweg ins Freie ſchauen. Wir kamen an ein hohes, eiſernes Thor, ganz aus ſtarkem Blech gefertigt, mit einem Guckfenſter, welches ſich öffnete, um der Wache Gelegenheit zu unſerer Inſpection zu geben, ehe wir Einlaß erhielten. Zunächſt traten wir, zwiſchen zwei Schilderhäuſern und verſchiedenen Bänken voll Soldaten hindurch in einen großen Hof; ein kleines, iſolirtes Haus darin zur linken Seite iſt das Wachtlokal, zugleich das Polizei⸗ büreau; hier mußte ich meinen Namen, den meines Capitäns und Schiffs, ſowie den Zweck meines Hierſeins in ein Buch eintragen; als letzteren ſchrieb ich:„Unbekannt, angekommen im Schlepptau von J. M. Barkaſſe?“ Mein Führer lächelte und ſetzte einige Worte dar⸗ unter, die ich nicht zu ſehen bekam..
(Schluß folgt.)
Im Arſenal Spandau.
„Haben Sie das Arſenal in Wien geſehen? Wahrlich eine großartige Anlage, zugleich Citadelle mit einer ſtarken Beſatzung, Werkſtätte für alle Kriegsbedürfniſſe des Kaiſerreiches und durch Kirche und Waffenmuſeum ein Tempel des Friedens und des Ruhmes. In der Nähe des Südbahnhofes gelegen und mit demſelben durch Geleiſe verbunden, bildet es das eigentliche Centrum und auf einem einzi⸗ gen Punkte ein gut Stück von der Macht des Kaiſerſtaates. Im Vertrauen, das Arſenal wünſchte ich den Berlinern.“
Da waren Sie wohl nie in Spandau, oder waren Sie dort und haben nicht geahnt, daß auch Preußen ſchon jetzt ein Arſenal beſitzt, ſo reich, daß es nach drei oder vier Jahren auf dem Conti⸗ nente vielleicht nicht ſeines Gleichen finden wird? 1
Allerdings möchte es Ihnen nicht gelingen, überall Zutritt zu finden; aber machen Sie nur nicht ein zu auffallend pfiffiges Geſicht, als ob Sie einige Maſchinen mitnehmen könnten, ſo wird wenigſtens
der ſchneeweißköpfige Portier der Königlichen Geſchützgießerei unſre Karten dem freundlichen, verdienſtvollen Director und uns dafür die Erlaubniß zum Eintritt überbringen, natürlich mit der ſtrengen Weiſung, daß Geheimniſſe uns verhüllt bleiben.
Vorher geſtatten Sie mir, daß ich Ihnen einiges über Spandau erzähle.
Noch vor wenigen Jahren war Spandau oder Spandow ein ſo ruhiges, beſcheidenes Städtchen, daß ein würdiger Wallmeiſter, ein Polizeiſergeant oder gar ein Gefängnißinſpector in den„Lokalen“ auf dem Platze der Honoratioren ſaß, daß man am erſten Tage nach der Ankunft von der Schuljugend gegrüßt wurde, und daß man den Damen faſt vierundzwanzig Stunden vorher anſehen konnte, wenn ſie nach Berlin fahren wollten. Da ſehen Sie heute dieſes Treiben. Die Garde hat ein ganzes Regiment nach Spandau abgegeben, und neben dem beſcheidenen ſchwarzen Kragen, der ſonſt auch ſchon zum


