gefangen, aber das war ja ein Afrikaner! Beide waren wir in unge⸗ wöhnlicher Erregung.. Wer vermöchte aber auch die ſpannenden Momente zu beſchreiben, wie der Vogel aus ſeinem Verſteck hervorſtürzte, an ſeinen Käfig niederflog und wie er zwiſchen den Leimruthen hindurchtänzelnd be⸗ gierig gerade das erſtrebte, was auch wir erflehten nnd eben noch zu entfliehen drohte, als ſich die feinen Rüthchen um ſein Gefieder hefteten und ihn zitternd in ſeines Freundes zitternde Hand brachten. Die Begrüßung beider Vögel war eine ſehr kurze. Unter jedem anderen Verhältniß würde der Vogel ſicherlich für das Wichtigſte gehalten haben, ſeine Toilette in Ordnung zu bringen, der Mutter aber war nichts wichtiger als ihre Kinder zu beſuchen und mit Futter zu ver⸗ ſorgen. Dann erſt ging es an ein Putzen und Striegeln, was dies⸗ mal keine leichte Arbeit war.
Die Jungen wuchſen heran. Schon war ein volles Jahr faſt das arme Weibchen nicht aus den Kinderſorgen herausgekommen. Noch einmal ſchlüpften Junge aus. Im November aber ſollte ſie ihr letztes Ei legen. Sie ſtarb dabei, jedenfalls an Erſchöpfung. Und mir blieb nur übrig zu bereuen, der widernatürlichen Brüteluſt nicht Feſſeln angelegt zu haben, dadurch vielleicht, daß ich das Pärchen
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trennte. Die Herzinnigkeit beider Gatten war aber ſo groß, daß eine Trennung grauſam und für das Leben beider nicht minder bedenk⸗ lich ſchien.
Die Elſtervögelchen empfehlen ſich als Stubenbrüter ganz be⸗ ſonders. Jeder kleine Käfig mit der nöthigen Niſthöhle genügt ihnen. Auf dem Schreibpult und dem Nähtiſch ſind ſie heimiſch zu machen; da führen ſie uns, während es draußen friert und ſchneit, das an⸗ ziehende Bild eines innigen Familienlebens in immer neuen Scenen vor, die zwitſchernden Jungen zaubern den Frühling in unſere Bruſt. Es wäre gewiß eine dankenswerthe Aufgabe, dieſe lieben Vögelchen bei uns heimiſch zu machen, die, wenn ſie auch keinen eigent⸗ lichen Geſang haben, doch durch die Innigkeit der Gattenliebe, durch die Leichtigkeit, mit der ſie und zwar im Winter brüten, gewiß jeden, der Sinn für das Leben und Treiben der Thiere hat, ergötzen und eine reiche Quelle von überraſchenden Beobachtungen bieten. Frei⸗ lich nicht jedes Pärchen wird ſofort im Käfig das Behaglichkeitsge⸗ fühl gewinnen, um hinter dem Drahtgitter von der Freiheit an den ſonnigen Ufern des inſelreichen Gambiafluſſes oder den reizenden Thälern der Sierra Leona zu träumen.
Bilder aus dem Seeleben.
Von Corvettencapitän Werner.
III. Nacht und Uebel.
Es ſind mehrere Tage vergangen. Der anfangs günſtige Wind iſt umgeſchlagen und das Schiff lavirt mühſam vorwärts. Eine Winterreiſe in unſern Meeren iſt ſchon für Seeleute keine ange⸗ nehme Partie, geſchweige denn für ſolche, die zum erſten Male auf der See ſind, und unſere Badegäſte haben in den wenigen Tagen mehr Kummer, Unbehaglichkeit und Qual erfahren, als am Lande in eben ſo viel Jahren. Aber auch der erſte Officier hat einen geheimen Kummer, der ſchon ſeit dem Abgange aus dem Hafen an ſeinem Herzen nagt und ihn in eine Aufregung verſetzt, die man an dem ſonſt ſo ruhigen Manne gar nicht gewohnt iſt. Freilich hat er auch genügenden Grund dafür, denn was kann es für einen erſten Officier Schlimmeres geben, als wenn ſein Schiff nicht ſegelt, wie es von Gott und Rechtswegen ſoll und muß; wenn ein lumpiger Kauffahr⸗ theiſchooner an ihm vorbeikreuzt, wie das geſtern Sr. M. Fregatte „Seeſtern“ horribile dictu paſſirt iſt! Vergebens ſucht Kurzſpleiß alle möglichen Mittel hervor, um die Segelkraft zu erhöhen. Er läßt die Maſten bald nach hinten, bald nach vorn überbiegen und zum großen Kummer der Matroſen den Eiſenballaſt von einer Seite zur andern ſchleppen, als wäre dies nichts, während doch jedes Stück ſeine richtigen hundert Pfund Zollgewicht hat. Es hilft alles nichts und das alter ego des erſten Officiers, der Oberbootsmann der ſeit ſeinem Avancement nur noch hochdeutſch ſpricht, meint, die Geſchichte ſei zumtal(total) zum Verzweifeln; ſonſt hätte das Schiff deicht(dicht) am Winde bei ſolcher Brieſe doch ſtets ſeine zehn Meilen gemacht, jetzt aber kaum ſieben.
Freilich könnte Kurzſpleiß leicht erfahren, weshalb das Schiff nicht ſegeln will, wenn er nur den alten Bootsmannsmaat Schramm fragen wollte, denſelben alten Graukopf, der beim Verlaſſen des Hafens die Bemerkung über das Freitagſegeln murmelte. Der Frei⸗ tag allein trägt die Schuld. Welcher vernünftige Seemann ſegelt aber auch an einem Freitage? Der iſt ja faſt eben ſo ſchlimm wie
ein Montag, und der alte Schramm weiß tauſende von Beiſpielen,
daß dieſer Tag den Schiffen nur Unglück gebracht.
An dem verhängnißvollen Freitage hat der tückiſche Unhold, der Klabautermann, die Macht, an Bord der in See gehenden Fahrzeuge zu kommen, und wo der ſich einmal eingeniſtet da— lebewohl guter Wind und glückliche Reiſe! Nebel, Regen, Windſtillen und ſchlechtes Wetter ſind ſeine ſteten Begleiter. Wer am 29. Februar in der Mitternachtsſtunde eines neuen Jahrhunderts geboren iſt, dem iſt es vergönnt, den Kobold von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen.
Wenn ein Unglück paſſirt oder ein Sturm im Anzuge iſt, kauert er auf der Mittelwache von 12—1 Uhr unter dem Bugſpriet. Ein gräulicher Fiſchkopf ſitzt ihm zwiſchen den ſpitzen Schultern, mit
blutigem Rachen und langen gelben Zähnen, die er grinſend fletſcht. Langes ſtruppiges Haar ſträubt ſich um ſeinen Kopf und die feurigen Augen drehen ſich wie glühende Kohlen.
Schramm gehört zu dieſen Bevorzugten, denen ſowohl der Klabautermann als auch der fliegende Holländer zu Geſicht kommen und er weiß ſchaurige Geſchichten davon zu erzählen, für die er zwar unter ſeinen Kameraden auf der Wache eben ſo eifrige als gläubige Zuhörer findet, auf die aber weder der Oberbootsmann noch der erſte Officier etwas geben wollen.
Es iſt wieder Freitag geworden; Schramm hat vorige Nacht den Klabautermann geſehen und dieſer hat ihm unheimlich zugenickt. Das bedeutet nichts Gutes und der alte Unterofficier geht düſter ſchweigend bei der Fallreep auf und ab.
Es iſt Kurzſpleiß nicht gelungen, den Seeſtern zum ſchnelleren Segeln zu bewegen und auch er befindet ſich in einer höchſt unange⸗ nehmen Stimmung, der der Oberbootsmann bisweilen durch einen hochdeutſchen Fluch Ausdruck geben zu müſſen glaubt, wenn ihm ein Matroſe in die Quere kommt oder ſeine Befehle nicht ſchnell und ge⸗ ſchickt genug ausgeführt werden.
Dagegen ſcheint den Badegäſten ein Troſt zu erblühen. Der hartnäckige Weſtwind iſt allmälig abgeſtorben und es iſt heute Neu⸗ mond, der faſt ſtets einen Witterungswechſel mit ſich führt. Die Oberfläche der Wellen hat ſich ſeit einer Stunde wie ein Spiegel ge⸗ glättet, die Segel hängen todt an Maſten und Stengen nieder und ſchlagen mit eintönigem Geräuſch den Takt zu den wiegenden Be⸗ wegungen des Schiffes.
Auf ſo hohen Breiten ſind Windſtillen im Winter nicht ge⸗ wöhnlich und die Hoffnung auf baldigen guten Wind wächſt be⸗ deutend. Ihre Erfüllung läßt auch nicht lange auf ſich warten. Im Oſten zeigt ſich ein grauer Streifen am Horizont und breitet ſich mit ſteigender Geſchwindigkeit bis zum Zenith aus.
Das Waſſer kräuſelt ſich leicht an einzelnen Stellen und bildet „Katzenpfoten“, die ſich bald zu größeren Strecken vereinigen. Noch iſt„das kleine Zugchen“ allerdings kaum durch ein Kältegefühl zu unterſcheiden, das ſich am benäßten und hochgehaltenen Finger äußert. Es kommt jedoch aus Oſten und die Raaen werden in das Kreuz gebraſſt, um beim Eintritt ſtärkerer Brieſe das Schiff ſogleich drehen und auf einen weſtlichen Curs bringen zu können.
Die Brieſe wächſt allmälich, das Schlagen der Segel gegen Maſten und Stengen hört auf, die gegen den Wind geſtellten Vorder⸗ ſegel bringen mit Hilfe des Steuerruders das Schiff herum und bald gleitet es leichtfüßig durch die Wogen, getrieben von den rund voll⸗ ſtehenden Segeln, die ſich im Scheine der Abendſonne in ſchneeiger Weiße an den Raaen blähen.
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