Jahrgang 
1865
Seite
575
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die unnatürlich lange Brutzeit des Erfolges einmal unſicher, ent⸗ ſchloß ich mich, die Kuppel des Neſtes ein wenig zu lüften und er⸗ blickte zu meinem Staunen mehrere eben dem Ei entſchlüpfte Junge. Das Weibchen bedeckte ſie ängſtlich und das kleine Mutterherz hatte den Muth kräftige Schnabelhiebe gegen meinen neugierigen Finger zu führen, der es wagte, zwiſchen den Drähten hindurch eine Oeffnung in die Charpiedecke zu machen.

Sechszehn Tage alt es war am 15. November wagten ſich zwei der Jungen ſchüchtern, zwar nicht ohne von den Alten von hintenher geſchoben und von vornher durch Lockſpeiſen geködert zu werden, auf kurze Zeit aus dem Neſte. Nach mehreren Tagen ſchon lernten ſie, wenn auch noch ungeſchickt, ſich ſelbſt am Futternapfe bedienen, ließen ſich aber wie alle jungen Vögel noch ſehr gerne und am liebſten füttern.

In einer geſchloſſenen Reihe auf einen Zweig gekauert, nicht ſelten zwiſchen ihren Eltern, hier an den Vater, dort an die Mutter angeſchmiegt, pflegten ſie der Ruhe. Gar bald aber änderte ſich das reizende Familienbild, ſo oft nämlich der Appetit ſich regte und ſelten nur ſchien dieſer lange auf ſich warten zu laſſen. Plötz⸗ lich ertönte der Ruf eines der Jungen und unterbrach das Stillleben. Dies war das Signal zu allgemeinem Lärmen, wachſend und wachſend, je unbeweglicher die Eltern dem ungeſtümen Verlangen gegenüber ſich verhielten. Der eine oder der andere glaubte ſich der vorzugs⸗ weiſen Gunſt der Alten zu erfreuen, ſtürmte, ſein Bitten für un widerſtehlich haltend, über die anderen hinweg, dieſer auf die Mutter, jener auf den Vater ein und ein dritter wohl gar von dem Gezweig herabhängend, ließ über den Kopf der Hartherzigen herein immer ein⸗ dringlicher ſein Klaglied ertönen.

Die Jungen konnten wie geſagt bereits allein freſſen und den Alten ſchien es eine wohlweiſe Maßregel der Erziehung, die Kinder durch Hunger zur Selbſtändigkeit zu zwingen. Suchte ſich auch der geſtrenge Herr Papa der immer zudringlicher werdenden Bettler durch einen Verweis mit dem Schnabel zu erwehren oder flog un⸗ willig davon, das Mutterherz war nicht im Stande dem ungeſtümen Lamento ihrer Kinder auf die Dauer zu widerſtehen. Sie entſchloß ſich Futter zu holen. Sehnſüchtig und unaufhörlich lärmend er warteten ſie ihre Rückkehr und umringten ſie dann von allen Seiten, rechts und links, von oben herein und von unten hinauf. Ueberall ſtreckten ſich ihr Schnäbelchen entgegen und ſie wußte nicht wo anfan⸗ gen; denn der Hungrigſte war eben jeder. Zuweilen hüpfte die Frau Mutter ihrem Kindlein auf den Rücken und ſtopfte von hier aus in den ihr rückwärts zugewendeten Schnabel des Jungen hinein oder ſie hing auch an dem Gezweig über ihrer Kinderſchar und ſpendete freundlich lockend Labſal von oben herab.

Endlich ſchien aber doch die Zeit gekommen, wo die Jungen ſich ſelbſt zu bedienen lernen ſollten. Die Alten ſaßen beim Futternapf am Boden des Käfigs und naſchten, unbekümmert um das Lärmen und Rufen ihrer Kinder bald von dem, bald von jenem. Was blieb den Schreihälſen übrig? So gut es gehen wollte, kletterten, flogen und purzelten die annoch unbeholfenen und ängſtlichen Jungen zum Boden nieder. Mit Ungeſtüm rückten ſie an die Eltern heran, um gefüttert zu werden, doch vergebens. von ihnen machte endlich einen Es ging, die Geſchwiſter folgten nach und in wenig Lectionen war die Kunſt erlernt. Jetzt verfügten ſich die Lehrmeiſter an das ziem⸗ lich große Waſſergefäß, welches ſie ausnehmend lieben, nicht blos des Durſtes willen, ſondern um in überſchwenglicher Weiſe wiederholt des Tages, zumal bei Sonnenſchein, zu baden. des Glasnapfes und ſtillten zuvörderſt ihren Durſt, tauchten den Schnabel ein, mit ſchneller Bewegung des Kopfes das Waſſer in weiten Strahlen um und über ſich herzuſpritzen..

Die Jungen ſaßen dabei, ſchauten den Eltern bedenklich und neugierig zu und ſtaunten nicht wenig, wenn ſie gelegentlich ein Spritzbad empfingen. Kaum daß ſie ſich von dieſem Schrecken er⸗ holt, ſo verſenkt ſich die Mutter vor den Augen ihrer Kinder in die Flut und in Wellen und Strahlen ergießt ſich das gepeitſchte Element über die Leiber der gelehrigen Schüler. Erſchreckt treten ſie zurück oder werden vom Rande hinweggeſpült. ſich die Mutter aus dem Bade. Umringt von ihren Kindern ſchüttelt ſie ihr durchnäßtes Gefieder und ſprengt ihre Kinder tüchtig ein. Unterdeſſen ſteigt der Vater ins Waſſer und ertheilt ſeinen Kleinen dieſelbe Lection. Da ſetzt der Kühnſte an und probirt. Zuerſt mit

W

Der klügſte und ſelbſtändigſte Verſuch, ein Körnchen aufzunehmen.

Endlich erhebt

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dem Schnäbelchen, er lernt ſich beſprengen. Er ſondirt mit dem Fuße, aber ja nur mit einem, recht vorſichtig, ob er Grund faſſen kann. Plump! da verliert er das Gleichgewicht, er ſteht mit beiden Beinen im Waſſer. Schnell heraus! Noch einmal probirt! Und ſiehe da, in dem ſeichten Waſſer iſt keine Gefahr! Ihm folgt der zweite und dritte. Raſch erlernt es das ganze Chor und bald wird ihnen ein Bad tägliches Bedürfniß und ſichtliches Vergnügen.

Die Eltern machten zu einer zweiten Brut Anſtalt. Für ihre Kinder ſchienen ſie keinen Sinn mehr zu haben. Mancherlei Stö⸗ rungen im Neſtbau, die ſich die Jungen erlaubten, führten ſchließlich zu deren Verbannung aus dem Paradies ihrer Kindheit. Die auf Schritt und Tritt mit Schnabelhieben von den Alten verfolgten Vögelchen wurden entfernt. So endete die Idylle, welche mir tag⸗ täglich immer neue Unterhaltung geboten und Frühlingsſcenen in mein winterliches Stubenleben gezaubert hatte.

Den ganzen Winter hindurch waren die Alten mit Niſten be⸗ ſchäftigt. Um die Weihnachtszeit war draußen eine Kälte von 24 Grad R., am Fenſter brüteten meine Elſtervögelchen mit afrikaniſcher Inbrunſt. Das Pärchen hatte bis zum Auguſt 22 Kinder groß gezogen. Die letzten 6 hatten das Neſt noch nicht verlaſſen, als eines ſpäten Nachmittags der Herr Papa mit ſeiner Ehehälfte in Wortwechſel gerieth, der zu Thätlichkeiten überging. Die Mutter flüchtete ſich zu ihren Jungen ins Neſt. Dem Wüthrich war auch dieſe Stätte nicht heilig. Er drang auf ſie ein, wohin ſollte die Be⸗ drängte flüchten? Da bot ſich die ſchmale Oeffnung, die mein neu⸗ gieriger Finger in die Charpiedecke der Drahtkuppel des Neſtes ge⸗ bohrt, um die Geheimniſſe ihrer Brüteſtätte zu belauſchen, als einziger und günſtiger Ausweg dar. Und huſch! war mein Vögelchen im Zimmer und weiter und weiter fliehend zur offenen Thür hinaus in den Garten. Mein Schreck war groß. Und was ſollte aus den 6 Jungen werden, die der Mutter noch gar ſehr bedurften. Der Abend war vor der Thür. Schon traf das Männchen Vorbereitungen zum Schlafengehen, nahm das Nachteſſen und den Schlaftrunk ein und huſchte ſorglos ſo ſchien es zu den Jungen ins Neſt. Ich trug den Käfig in den Garten. Der Alte rührte ſich nicht und ſchien nicht auf die wirklich jammernden Locktöne ſeines Weibchens zu achten, das aus dem Gezweige eines großen Nußbaumes ſich vernehmen ließ, von uns aber nicht zu erſpähen war. Bekümmerten Herzens ließ ich meinen Käfig ins Zimmer zurückbringen. Draußen in der Natur wurde es immer ſtiller und immer matter und ſeltener wurde der Klageton der Verſtoßenen. Zuletzt verhallte er ſo eigenthümlich, als ob der Vogel in wehmüthige Träume verſunken nur noch dann und wann mit einem halberſtickten Weheruf ſein gebrochenes Mutter⸗ herz erleichterte. Die Nacht ſank hernieder und mit ihr verſtummte die arme Verlaſſene ganz. Meine Gedanken freilich wem brauche ich das zu verſichern? waren bei ihr. Mit dem grauenden Morgen war ich in dem Garten, der Käfig mitſammt der kleinen Familie bei mir. Noch rührte ſich kein Vogel, das Elſterweibchen aber, noch immer auf dem Nußbaum, hatte ſein altes Klagelied ſchon wieder angeſtimmt. Nicht lange zwar währte es, aber für meine Ungeduld viel zu lang, da ſtimmten die 6 Jungen den Hungerchor an und der Herr Papa mußte ſich bequemen, aus dem warmen Neſte in die herbſt⸗ liche Morgenfriſche hinauszutreten. Er ſchien herrlich ausgeruht.

Abber ſein armes Weibchen, wie mochte es die Nacht verbracht haben?

Sie ſaßen am Rande

Mit dem erſten Ruf, der aus dem Neſte ertönte, ſtürzte das Weibchen aus dem Nußbaumdickicht hervor und flog auf den dem Käfig nächſten Pflaumenbaum. Das Gebauer ringsum war mit Leimruthen ge⸗ ſpickt. Mit klopfendem Herzen und angehaltenem Athem ſtand ich in Geſellſchaft eines gedienten und bewährten Vogelſtellers, den ich zu dieſem koſtbaren Fange eigens citirt hatte, etwas entfernt im Verſteck. Das Männchen antwortete dem Weibchen mit ſüßgewohnten Tönen und da erſt ſchien es Muth zu faſſen, kam von ſeinem Baume herab und tanzte rund um den Bauer hin und her, zwiſchen den Leimruthen durch, jede Spalte des Gitterwerkes verſuchend, ob ihr der Eingang geſtattet ſei. Jetzt verſuchte ſie aufzufliegen und da lag ſie jämmer⸗ lich ſchreiend an Kopf, Hals und Flügeln in ein Gewirr von Leim⸗ ruthen eingewickelt. Mein Vogeltobias ſprang raſch zu, ergriff die ſeltene Beute, entfernte die Leimruthen und ich eilte mit dem Käfig ins Gartenzimmer, ſorgfältig hinter mir die Thüre ſchließend. Jetzt galt es den Leim aus dem Geſieder zu entfernen. Aſche her! Ja Vogel⸗ tobias war nicht im Stande, ſo zitterten ihm die Glieder, die altge⸗ wohnte Operation vorzunehmen. Deutſche Vögel hatte er genug