Jahrgang 
1865
Seite
550
Einzelbild herunterladen

brauche des Bades Kiſſingen die Kaiſerin bald ihr blühendes Aus⸗ ſehen und eine Rüſtigkeit wiedererlangte, welche ihr nun ſchon ſeit zwei Jahren geſtattet, den Winter in Wien zu verleben und an allen Freuden der Geſelligkeit wieder wie früher Antheil zu nehmen. Sobald die Witterung ſich einigermaßen günſtig geſtaltet, pflegt die kaiſerliche Familie nach dem Luſtſchloſſe Schönbrunn, eine halbe Stunde ſüdweſtlich von Wien, zu überſiedeln; die heißern Monate führen ſie nach Laxenburg mit dem ſchattigen und waſſerreichen Parke, und im Hochſommer folgt ziemlich regelmäßig ein längerer Beſuch in Iſchl, wo zwei freundliche kaiſerliche Villen mit weit⸗ läufigen Gartenanlagen von einem mäßigen Bergabhange auf das wundervolle Alpenpanorama des Salzkammerguts blicken. Die beiden Kinder aber, deren intellektuelle und körperliche Entwickelung unter der verſtändigſten Leitung höchſt erfreuliche Fortſchritte macht, bringen regelmäßig einen Theil des Sommers in dem ungemein ge⸗ ſund gelegenen Dorfe Reichenau in einem Thal am Fuße des Semmering zu.

Reichenau iſt ſeit Vollendung der Semmeringbahn das Ziel vieler Ausflüge Einheimiſcher und Fremder von Wien aus. In nicht ganz zwei Stunden führen die Eilzüge nach Payerbach, wo das Reichenauer Thal ſich öffnet, und in einer Viertelſtunde hat man den Ort ſelbſt erreicht, welcher mit einem Schlage in die Alpenwelt ver⸗ ſetzt. In weitem Halbkreiſe ſchließt eine Kette blauer Berge, ſchein⸗ bar plötzlich aus der Ebene emporwachſend, die Häupter, wie Schnee⸗ berg, Schneealpe, Raxalpe, mit dem ewigen Diadem des Winters ge⸗ ſchmückt, die Ausſicht ab, kräftiger Laub- und Tannenwald, ſaftige Wieſen mit ihrer üppigen Flora, das klare Grün und der muntere Lauf der das Thal durchſchneidenden Bäche, und die reine würzige Luft, die man athmet, alles mahnt daran, daß man wenige Stunden von der Hauptſtadt an der Schwelle des Hochgebirges ſteht. Und wer kein Bergſteiger iſt, kann bequem und allmählig dem Laufe des Flüßchens Schwarzau entgegen durch das romantiſche Höllenthal und den Naßwald mit ſeiner von Holzſchlägern gegründeten proteſtan⸗ tiſchen Kolonie zu den Wundern der Alpenwelt hinaufwandern. In dieſem reizenden Thale, deſſen keineswegs geringſten Vorzug ein vor⸗ treffliches Gaſthaus, der weit und breit berühmteWasnix bildet, beherbergt ein Landhaus mit geräumigem Gartenplan, die kaiſerlichen Kinder unter der Obhut der Gräfin Welden, der Wittwe des aus den Jahren 1848 und 1849 wohlbekannten Generals, welche ſich die Zuneigung der Kleinen und ganz beſonders des Kronprinzen in höchſtem Grade erworben hat. Neuerdings mußte ſie freilich einen Theil ihrer Macht an den Gouverneur des Prinzen, den Grafen Gondrecourt, abtreten. Dort kutſchirt der künftige Kaiſer ſeine Schweſter in einer Eſelequipage umher oder tummelt ſeinen Pony ſchon recht wacker. Mit ihren Altersgenoſſen aus dem Ort ſtehen beide auf dem beſten Fuße, und am Geburtstage des Kronprinzen, dem 21. Auguſt, welcher von dem ganzen Reichenauer Thal als Feſt⸗ tag begangen wird, pflegt er ſie alle in der ungezwungenſten Weiſe zu bewirthen. Natürlich laſſen die Reichenauer ſich auch nicht nehmen, zu dieſem Tage jedesmal eine Ueberraſchung vorzubereiten; ſo wurde einmal eine kleine Almhütte gebaut, ein andermal ein voll⸗ ſtändiger Maierhof en miniature eingerichtet, welche jetzt in dem Garten des kaiſerlichen Landhauſes aufgeſtellt ſind. Der Kaiſer ſelbſt ſucht ſeine Kinder häufig heim und macht von hier aus Jagd⸗ ausflüge in das Hochgebirge Niederöſterreichs und Oberſteiermarks; bekanntlich iſt er einer der beſten Schützen und rüſtigſten Bergſteiger.

Unſer Bild zeigt die kaiſerliche Familie im Garten von Schön⸗ brunn, dem an ſo vielen großen und ſchmerzlichen Erinnerungen reichen Luſtſchloſſe am Ufer der hier noch klar aus den Bergen herab⸗ kommenden Wien. Hier hatte ſchon vor beinahe dreihundert Jahren

5o

Kaiſer Maximilian II ein Jagdſchlößchen, dem Mathias, nachdem er auf einer Jagd die Quelle in dem jetzigen Schloßgarten entdeckt hatte, den heutigen Namen gab, und das er zugleich vergrößerte. Später war Schönbrunn wiederholt der Wittwenſitz von Kaiſerinnen; 1683 zer⸗ ſtörten es die Türken von Grund aus. hunderts ließ Kaiſer Leopold I durch Fiſcher von Erlach, welchem Wien ſo viele ſeiner ſchönſten Bauten dankt, auf der Stelle der Trümmer einen Sommerpalaſt für ſeinen Sohn, Joſeph I, erbauen und den Garten anlegen. Gebäude und Garten wurden bedeutend vergrößert und vervollkommnet unter Maria Thereſia, welche dem Schloſſe eine beſondere Vorliebe bewahrte; ſie legte auch den botaniſchen Garten und die Menagerie an und ließ den Garten mit Bildſäulen, einem Obelisken, dem Gloriet ꝛc. aus⸗ ſchmücken. Das Schloß enthält jetzt nahe an 1500 Gemächer und 139 Küchen, ein kleines Theater, in welchem zum letzten⸗ mal bei Anweſenheit des Königs von Preußen im Auguſt 1864 geſpielt wurde, eine Anzahl prachtvoller Säle mit Gemälden von Guglielmi, Hamilton u. a. Wie ſeine Mutter, bewohnte auch Joſeph II gern Schönbrunn, ebenſo Franz I. Im Jahre 1800 hatte Erzherzog Karl, 1805 und 1809 Napoleon hier ſein Haupt⸗ quartier, Stapß wollte bei einer Parade in Schönbrunn den Kaiſer der Franzoſen ermorden, und in denſelben Räumen, welche dieſer be⸗ wohnt hatte, verbrachte der Herzog von Reichſtadt ſeine letzten Lebens⸗ jahre. In Schönbrunn iſt der Thronfolger geboren, und ebendahin bewegte ſich während des deutſchen Juriſtentages in Wien im Auguſt 1862 ein unüberſehbarer Fackelzug, um der Kaiſerin die Freude der Bewohner über ihre Geneſung auszudrücken.

Der Kaiſer iſt eine ungewöhnlich ſtattliche Erſcheinung, groß, ſchlank und ebenmäßig; das oft mißbrauchte Wortritterlich findet auf ihn volle Anwendung. Nicht allein, daß er Meiſter iſt in allen ritterlichen Uebungen, er hat auch bei Santa Lucia und Raab Proben des höchſten perſönlichen Muthes abgelegt. Wie echt fürſtlicher Anſtand ſich mit Ungezwungenheit und Jugendlichkeit der Bewegung aufs glücklichſte vereinigt, ſo weicht der für gewöhnlich ernſte, oft gleichgültige Ausdruck ſeiner Züge, ſobald er ſpricht, der gewinnendſten Freundlichkeit; von den zahlreichen Bittſtellern oder Dankenden, welche jeder Audienztag in das kaiſerliche Cabinet führt, findet ihn jeder gleich leutſelig, gleich eingehend auf den Gegenſtand, gleich unter⸗ richtet in allem, was ſein Land betrifft. Ein ſeltenes Sprachtalent, auch ein Erbtheil der Habsburger, iſt bei dem Kaiſer in dem Grade ausgebildet und gepflegt, daß er mit den meiſten Bewohnern ſeines viel⸗ ſprachigen Reiches in ihrem Idiom ſich unterhalten kann. Auch die Kaiſerin, welche beſondere Vorliebe für das Engliſche hat, legt ſich ſeit Jahren auf das Studium der Landesſprachen und ſoll es namentlich im Ungariſchen ſchon zu großer Fertigkeit gebracht haben. Die Kaiſerin Eliſabeth iſt heute nicht mehr die etwas ſchüchterne junge Frau, als welche ſie nach Wien kam, welche den Wächtern der Hof⸗ etikette manchmal Entſetzen eingejagt haben ſoll, und die gern dem Zwang entfloh, um mit ihrem jüngſten, damals zwölfjährigen Schwager ſich im Schloßgarten ungebunden zu ergehen, wie ſie das von Poſſenhofen her gewohnt war. Sie iſt eine majeſtätiſche Dame geworden, ihre Schönheit iſt entwickelt und gereift ohne an Liebreiz verloren zu haben. Beide Kinder ſind dem Kaiſer ſehr ähnlich; aber während die Erzherzogin Giſela einen über ihre Jahre hinaus⸗ gehenden Ernſt zeigt, iſt der Kronprinz ein gar munterer freundlicher Knabe und hat etwas von den weicheren Zügen der Mutter geerbt. Er iſt ſeit ſeiner Geburt Oberſt eines Infanterieregiments, aber öffentlich erſcheint er in der kleidſamen Blouſe, in Reichenau ſieht man ihn wohl in ſteiriſcher Tracht umherlaufen, die ihm drollig genug ſteht.ch

Zwei alfe Wanduhren.

Bei meinem Eintreten hatte ich den Kammerherrn in einem leb⸗ haften Geſpräche mit dem Hauptmann unterbrochen, und als er mich begrüßt, ich aber mich zu ihnen geſetzt hatte, fuhr er halb gegen mich gewendet fort:Begreifen Sie es, wie man in unſeren hellen Tagen noch an Geiſtererſcheinungen und ähnlichen Spuk glauben kann?

Mißverſtehen Sie mich nicht! verſetzte der Hauptmann.Wäre

hiervon die Rede, ſo würde ich ſagen, ich wiſſe recht gut, wie ge⸗ ringer Gunſt ſich gegenwärtig die zarte Geiſterwelt zu erfreuen hat, und verdenke ihr deshalb nicht, daß ſie ſich von den Menſchen zurück⸗ zieht. Ich würde ferner ſagen, daß gar manche ſogenannte Geiſter⸗ geſchichten zu ihrer Erklärung tiefere Blicke in die Seelenzuſtände und das Weſen der Dinge erfordern, als man ühnen gegenwärtig zuwendet, und daß ſie durch ein wohlfeiles ſtumpfes Wegleugnen nicht

Zu Ende deſſelben Jahr⸗