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Auch der normal Hörende muß ungleich hören, denn ſeine Luft in der Trommelhöhle iſt im ſteten Wechſel begriffen; je gleichge⸗ ſpannter dieſe mit der Luft des Gehörganges, deſto beſſer die Re⸗ ſonanz unſeres Inſtrumentes, alſo deſto beſſer die Hörkraft. Doch iſt der Wechſel gering und das Gehör für gewöhnlich ſo fein, daß der Wechſel nicht auffällt, wohl aber, wenn wir aus der Kälte ins Zimmer treten. Anders bei Schwerhörenden, hier kommt der natür⸗ liche Wechſel ſofort zum Bewußtſein.
Ebenſo dürften wir irren, wenn wir glauben, daß unſer ſchwerhörender Freund im Fahren, beim Lärm beſſer hört, weil er uns beſſer zu verſtehen ſcheint. Er hört im Wagen die Uhr, das Geräuſch, niemals beſſer; es bliebe nur noch zu verſuchen, ob er im Wagen einen Klang, z. B. eine Spieldoſe, eine Stimmgabel hört, den er gleichmäßig ertönend außerhalb des Wagens nicht ver⸗ nimmt; meines Erachtens wird er vom Lärm nur weniger betäubt als wir, und wir ſprechen, ohne es zu wiſſen und ohne es zu wollen, im Fahren, beim Lärm immer lauter.
Der Gehörkranke ſucht die Hilfe des Arztes, wenn ſein In⸗ ſtrument verſtimmt iſt, und ſo iſt denn der rationelle Gehörarzt im Grunde nur ein rationeller Inſtrumentenſtimmer. Alſo folge er dieſem nach! Und wie unterſucht denn ein rationeller Violinen⸗ ſtimmer die ihm anvertraute zweckwidrige Violine?
Er ſieht mit dem Auge zerriſſene, fehlende Saiten, verdorbene Stege, abgedrehte Wirbel, zerſprungenen Reſonanzboden und die fehlende Luft in demſelben— nachdem er ſolches erneuert, greift er in die Saiten, entlockt ihnen Töne und prüft mit dem Ohr deren Reinheit. Und ſo prüfe der Gehörarzt mit dem Auge fehlende Luft im Gehörgange, zerriſſene, fehlende Trommelfelle, gelockerte Knöchel⸗ chen, er prüfe mit dem Katheter die fehlende Luft in der Trommel⸗ höhle und der Trompete, dann aber entlocke er dem Ohr melodiſche Töne, harmoniſche Klänge, anregende Geräuſche, um aus der Hörerſcheinung den Sitz der Verſtimmung zu erkennen, gleich einem Leverrier der aus der Erſcheinung eines Trabanten am Firmamente den Sitz des unſichtbaren, dieſen Trabanten beherrſchenden Planeten, berechnete. Denn die Berechnung, der geiſtige Blick, dringt tiefer als das Auge, der materielle Blick.
Wir ſehnen uns gewiß alle nach der Erfindung eines brauch⸗ baren und möglichſt wenig auffallenden Hörrohrs. Die Kunſt muß ſich hierin nach ihrer Meiſterin, nach der Natur richten. Wir wiſſen jetzt, unſer Inſtrument leitet die Geräuſche, es leitet und reſonirt auf Töne und Klänge. Die ſchwächere Leitung verbeſſert, wie bereits erwähnt, das ſ. g. künſtliche Trommelfell durch zweck⸗ dienlichen Druck; die ſchwächere Reſonanz aber müſſen wir verſtärken durch Einſchieben reſonirender Apparate. Inſtinctmäßig legen ge⸗ bildete Schwerhörende die Hand um ihre Ohrmuſchel; ſie hören da⸗ durch nicht lauter die Geräuſche(Uhren), weniger laut die Töne (Stimmgabel), doch intenſiv lauter die Klänge und ſomit die Sprache.
Die abgeſchloſſene, neu gebildete Luftſäule iſt alſo das reſo⸗ nirende Element für die Sprache, und aus gleichem Grunde öffnen ſchwerhörende Kinder den Mund. Die Form der hinzukommenden Luftſäule mag dabei wohl von einigem Einfluß ſein, vielleicht iſt die beſte die Schneckenform; immerhin aber muß ſie eine gewiſſe Größe haben und direct in die Luftſäule des Gehörganges übergehen. Nimmer dient ein Hörrohr dem Ohre zur Zierde, wie unter Um⸗ ſtänden die Brille dem Auge. 4
Der Vortheil, den das Anlegen des Hörrohrs gewährt, iſt ein verſchiedener, je nach der Verſtimmung unſeres Inſtrumentes. Je mehr Reſonanz daſſelbe behalten hat, deſto größer iſt dieſer; denn alsdann werden die durch Reſonanz des Hörrohrs verſtärkten Schwingungen der Außenwelt noch einmal verſtärkt durch die Reſo⸗ nanz des Ohres, bevor ſie zur Empfindung gelangen. Alſo nützt das Hörrohr nicht jedem Schwerhörenden, wie auch die Brille nicht jedem Schlechtſehenden.
Daß die Beeinträchtigung eines ſo edlen Sinnes den Charakter und die geiſtige Anſchauung beeinflußt, iſt leicht erſichtlich; der Einfluß iſt aber ein anderer auf die Kindheit, die das hohe Glück, hören zu können, noch nicht zu würdigen weiß und auf die reiferen Jahre, die das verlorene Glück betrauern müſſen. Wir vermiſſen zwar am ſchwerhörenden Jünglinge die ſtolze Zuverſicht und den freudigen Muth zum Kampf mit dem Leben, ſowie an der ſchwer⸗ hörenden Jungfrau die feſſelnde ſorgloſe Heiterkeit; beide aber offen⸗ baren dafür eine ſeltene Tiefe und Reinheit des Gefühles, einen unverdorbenen, ja kindlichen Sinn; ſchützte doch gerade ihr Unglück ſie gegen die ſchleichenden Tritte der heimlichen Luſt und Begierde, gegen die flüſternden Stimmen der Neider und Schmeichler.
Wir tadeln ſo gern das Mißtrauen und die Empfindlichkeit ſchwerhörender Männer und Frauen; wir meiden ihren Umgang, wir finden ſie unliebenswürdig und mürriſch, und loben dagegen die Demuth und Ergebenheit der Blinden!„Alles verſtehen heißt alles verzeihen.“ Der eine ſagt: Lieber taub als blind; der andere: Lieber blind als taub. Beides iſt eine harte Prüfung— doch alles im Leben iſt ja nur relativ und ſo beſtimmen die begleitenden Um⸗ ſtände allein die Schwere der Prüfung. Eine blinde, heitere, lebens⸗ friſche Greiſin im behaglichen Kreiſe, gepflegt von liebenden Händen, iſt lieblicher anzuſchauen, als ein tauber, verdrießlicher Greis, ver⸗ einſamt ſitzend im fröhlichen Kreiſe. Doch iſt der arme, zur härteſten Arbeit aus Noth gezwungene taube Taglöhner um vieles mehr zu beneiden, als der blinde hilfloſe Bettler, den ein gieriger Führer um die Almoſen betrügt.
Man ſtreitet hin und her über den Vorrang des Auges vor dem Ohre— ein nutzloſer Streit— man genieße doch beides vereint. Das Auge weidet ſich an der Farben Glanz und Pracht, an der Formen Anmuth und Kraft und durch die Pforte des Ohres dringen gefühlvolle Klänge, beredte Worte!
Die Oeſterreichiſche Kaiſerfamilie.
Sinn für das Familienleben iſt ein Erbtheil des Habsburgiſchen Geſchlechts. In der Zeit, in welcher es in ganz Europa„guter Ton“ war, die rechtmäßige Gemahlin des Herrſchers zurückzuſetzen, ſobald ſie einem Erben der Krone das Leben gegeben hatte, gab Maria Thereſia ihren Ländern das leuchtendſte Beiſpiel einer glück⸗ lichen Ehe auf dem Throne. Dies Verhältniß beſteht auch heute fort. Den Ehebund des jetzt regierenden Kaiſers hat die Liebe ge⸗ ſchloſſen, die ſo ſelten bei fürſtlichen Verbindungen zu Worte kommt, und es war— wie bei der ebengenannten Stammmutter des Hauſes Habsburg⸗Lothringen— eine glückliche Fügung, daß die Wahl des Herzens mit den Wünſchen der Familie und dem Staatszweck zu⸗ ſammentraf.
Es war vor zwölf Jahren; den Kaiſer, welcher, wie Marie Thereſia, im jugendlichſten Alter die Regierung eines Reiches ange⸗ treten hatte, das in ſeine Urbeſtandtheile zerfallen zu wollen ſchien, hatte die ſtrenge Schule früh zum Manne gereift, und der Mordan⸗ fall, welcher ſich im Februar des Jahres 1853 gegen ihn richtete, mochte die Sorge für die Erhaltung der Dynaſtie lebhafter in Erinnerung gebracht haben. Als er ſich im Hochſommer wie ge⸗ wöhnlich nach Iſchl begab und eben dahin ſeine Tante, die Herzogin
Max in Baiern mit ihren älteſten beiden Töchtern kam, ahnte man wohl, daß dieſe Begegnung einen tieferen Zweck habe. Die Schweſtern, Erzherzogin Sophie, Mutter Franz Joſephs, und die Herzogin Ludovika ſollen eine Verbindung zwiſchen dem Kaiſer und der älteren Prinzeſſin Helene gewünſcht haben, aber wie man ſagt, hat die erſte Begegnung den Entſchluß des Kaiſers beſtimmt. Am 24. April des folgenden Jahres führte er die erſt ſiebzehn⸗ jährige Gattin heim. Das war eine Zeit der hoffnungsvollen Freude in Oeſterreich. Die junge Fürſtin, deren blühende Schön⸗ heit durch mädchenhaft ſchüchternes und anſpruchsloſes Weſen den höchſten Reiz erhielt, hatte im Augenblick alle Herzen gewonnen, und wie das ſonſt ſo ernſte Geſicht des Kaiſers damals von Glück ſtrahlte, gab man ſich um ſo lieber der Hoffnung hin, daß nun dem ganzen Reiche Frühling und Sonnenſchein wiederkehren würden. Dieſe Hoffnung täuſchte freilich, nicht ſo friedlich und freundlich ſollte der Verjüngungsproceß und nicht ſo bald ſich vollziehen; um ſo voll⸗ ſtändiger erfüllte ſich die Erwartung einer glücklichen Häuslichkeit für den Monarchen. 2
Freude und Leid ſind ihm auch in ſeinem Familienkreiſe reich⸗ lich beſchieden worden. Die älteſte Tochter, Erzherzogin Sophie,


