Jahrgang 
1865
Seite
546
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Ferne der Eiſenbahnzug, der vermuthlich das Mehl abholen ſollte, allein er mußte Unrath merken, denn kaum in Sicht gekommen, hielt er an, dampfte rückwärts und verſchwand.

Wir waren offenbar entdeckt und wagten deshalb nicht, länger zu bleiben. Mit den erbeuteten Mauleſeln zogen wir von dannen, ohne daß wir im Laufe des Tages oder der Nacht behelligt wurden. Am andern Morgen ſetzten wir den Marſch fort; es mochte Mittag ſein, als dem Oberſt gemeldet wurde, links vom Wege ſei ein vom Feind beſetztes Erdfort ſichtbar. Der Colonel, durch ſeinen geſtrigen Erfolg kühn gemacht, beſchloß, dieſe zum Schutz der Eiſenbahn dienende Verſchanzung, eine Redoute mit Wallgraben und Glacis anzugreifen. Ich glaubte, als ich den Befehl dazu hörte, daß wir abſitzen und zum Sturme vorgehen würden. Aber nein, die Com⸗ pagnien J. und K. von unſerem Regiment ſollten vom Wege abbiegen und von der linken Seite, das 13. Newyork Regiment ſollte von der Fahrſtraße aus gegen das Fort vorgehen, alles zu Pferde und in ge⸗ ſchloſſener Attacke. Die vier letzten Compagnien unſeres Regiments (es war auf dieſem Zuge in ſechs Compagnien rangirt) blieben im Walde verſteckt ſtehen, die 200 Mauleſel merkwürdiger Weiſe nicht hinter, ſondern vor ſich aufgeſtellt, eine Anordnung, die eine nicht geringe Verwirrung veranlaſſen ſollte.

Ich habe wohl geleſen, daß polniſche Lanciers ſpanifche Ver⸗ ſchanzungen auf der Somo Sierra, und daß ſächſiſche Garde du Corps ruſſiſche Schanzen bei Borodino nahmen, allein die Kriegsgeſchichte führt dieſe Beiſpiele als merkwürdige Verwendung der Cavallerie an, und jene Schanzen, insbeſondere die bei Borodino, waren zuvor vom Ge⸗ ſchützfeuer eingeebnet. Hier ſtand die Sache anders, wir ſollten völlig unberührte Erdwälle angreifen, und ich calculirte, ob wohl unſere Namen dereinſt in goldenen Buchſtaben in die Tafeln der Geſchichte eingegraben, oder ob wir insgeſammt in den Gräben die Hälſe brechen würden, was mir allerdings bei weitem wahrſcheinlicher vor⸗ kam. Während ich ſolchen Gedanken nachhing, waren unſere zwei Com⸗ pagnien aus dem Walde debouchirt und formirten ſich auf der Ebene etwa 1200 Schritte vor dem Fort. Plötzlich krönte ſich der Rand der feindlichen Bruſtwehr mit weißen Wölkchen und ein ungemüth⸗ liches Geklapper und Gepfeife zog über unſere Köpfe hin. Das ging ſo fort, bis das Commando: Chargé! alles in Bewegung ſetzte. Etwa 2 bis 300 Schritte ſprengten wir vor, dann betraten wir einen grünen Raſenteppich, der ganz harmlos ausſah, aber für uns zum unüberſteiglichen Hinderniß wurde. Wir ſanken in die Tiefe und näherten uns dem Mittelpunkte der Erde, aber nicht dem Fort. Wir waren eben in einen jener Sümpfe gerathen, deren betrügeriſche Oberfläche der ſchönſten Wieſe gleicht. Hier ſaßen wir feſt, bis an die Sattelgurte im Schlamme, und die feindlichen Geſchoſſe ziſchten um uns herum, glücklicher Weiſe flogen indeß die meiſten über uns weg.

Das 13. Regiment konnte ſich keines beſſern Erfolges rühmen; es war auf der breiten Straße vorgegangen, aber bei einer Biegung des Weges in das heftige Gewehrfeuer einer im Dickicht ver⸗ ſteckten Infanterieabtheilung gerathen. Das Regiment, welches von der andern Seite durch die leichten Feldſtücke des Forts beſchoſſen wird, fällt in Schritt, macht Halt, wendet um und ſetzt ſich nach rückwärts in langen Galopp. So kommt es zu den 200 Mauleſeln, die jedoch, wahrſcheinlich in dem Wahne, daß die Ehre des Tages unrettbar verloren ſei, nicht geſonnen ſind, ſich dem fliehenden Regi⸗ ment entgegenzuwerfen. Sie machen ebenfalls Kehrt, verlaſſen die Straße und gehen in den Wald. bedenken nicht, daß Eſel ihnen den Weg zeigen und folgen hinter⸗ drein. Inzwiſchen war es mir gelungen, mich und mein Pferd aus dem Sumpfe zu ziehen, ich ritt der Cavalkade nach, in der Richtung auf unſere Reſerve zu, wo die Jagd doch irgend ein Ende finden mußte. Das fand ſie denn auch bald und zwar in einem breiten, tiefen Graben, den ich in bunteſtem Durcheinander mit Reitern, Pferden und Eſeln gefüllt erblickte, ſelbſt eine Ambulance hatte hier Poſto gefaßt, die Räder gen Himmel gekehrt. Beneidenswerth war dieſer Aufenthalt nicht, denn der Graben war in der Nähe einer großen Lichtung und wurde von der feindlichen Infanterie mit Kugeln überſchüttet. Von unſerer Reſerve ſahen wir keine Spur, ſie war unter der Führung des Oberſten gleich anfänglich zurückge⸗ gangen. Etwa eine engliſche Meile vom Schlachtfeld ſammelten wir uns, nach und nach kamen 50 Mann Verſprengter zuſammen, ein Major vom 13. Regiment organiſirte die Schar, und übernahm das Kommando. Wir traten, da niemand die Richtung kannte,

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Die Dreizehner, einmal im Jagen,

die wir einſchlagen mußten, den Marſch auf gut Glück an, wurden aber ſehr bald von einer Abtheilung ſüdlicher Cavallerie eingeholt. Es kam zu einem Feuergefecht, welches uns 5 bis 6 Verwundete koſtete, dann kehrten die Feinde um. Die Conföderirten hatten nur dieſe eine Reitercompagnie, das war unſere Rettung. Gegen Abend hörte die Verfolgung auf und am dritten Tage erreichten wir das Lager von Vienne. Den nächſten Morgen erſchien auch die Reſerve und eine große Zahl Verſprengter aus den anderen Compagnien. Viele ritten auf Mauleſeln, weil ſie ihre Pferde im Sumpfe ver⸗ loren hatten. Im Ganzen waren 1 Officier und etliche 30 Mann geblieben.

Von nun an ging im Lager alles wieder ſeinen gewohnten Gang, nur trat eine mir ſehr unangenehme Veränderung ein. Unſer Capitän O. K. verſchwand plötzlich von der kriegeriſchen Bühne. Er war nämlich in den Verdacht gerathen, Compagniewaffen und ſogar Pferde an einen Farmer verkauft zu haben; llein Diener, der ein Erzhalunke war, zeugte gegen ihn und O. K. ward, obgleich ſich die Sache nicht klar feſtſtellen ließ, to Der neue Capitän war früher Sergeant in engliſchen Dienſten ge⸗ weſen, Fama ſagte von ihm, er ſei mit einer Kaſſe aus Canada nach den Vereinigten Staaten durchgegangen, habe hier ſeinen Namen geändert und ſei als Volunteer eingetreten. Da er durch ſeine Erſcheinung imponirte er war 6 2 groß, ſich durch bedeutende Körperkraft hervorthat und einiges Talent zum Drillen hatte, auch ein vorzügliches Mundwerk beſaß, ſo wurde er bald Wachtmeiſter. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß er einen

Guerillaführer und 5 Mann, die in einer Farm nächtigten, gefangen

nahm; er wußte dieſe That in das gehörige Licht zu ſetzen und wurde in Folge deſſen zum erſten Lieutenant und gleich darauf zum Capitän befördert. Von den feindlichen Guerillas war ihm Rache geſchworen, weil er bei der erwähnten Gelegenheit die Gefangenen hatte an die Schweife der Pferde binden und eine Strecke weit mitſchleppen laſſen. Seit er dies erfahren, war er ſehr auf der Hut und ſorgte ängſtlich dafür, daß er immer ein ſchnelles, kräftiges Pferd ritt. Kurze Zeit, nachdem er die Führung der Compagnie übernommen, fand er Ge⸗ legenheit, ſich zu ſeiner Fürſorge Glück zu wünſchen.

Es waren einige Vorpoſten aufgehoben worden, und der Oberſt beauftragte den Capitän T., mit 50 Mann aus allen Compagnien nachzujagen. Es geſchah, aber wie gewöhnlich zeigte ſich von den Feinden keine Spur. Gegen Abend machte das Detachement Halt, um ein wenig zu raſten. Da in der Eile vergeſſen worden war, Rationen mitzunehmen, ließen die Leute, einſchließlich der ausge⸗ ſtellten Poſten, die Pferde graſen und kletterten auf die Apfelbäume, um ſich ein frugales Souper zu verſchaffen. T., deſſen Wahlſpruch das Wort Falſtaffs war: daß Vorſicht die beſſere Hälfte der Tapfer⸗ keit iſt, hatte ſich unter einen Baum geſtreckt, fing die Aepfel, die ihm ein Soldat von oben herunterwarf, auf und hielt das Pferd am Zügel. Mit einem Male knallen von allen Seiten Schüſſe und be⸗ rittene Guerillas umzingeln den Lagerplatz. T. iſt mit einem Sprunge auf dem Pferde; ohne den geringſten Verſuch zum Wider⸗ ſtande zu machen, ohne nur einen Schuß abzufeuern, vertraut er ſich der Schnelligkeit des Thieres an und ſtürmt durch die feindlichen Reiter, ſeiner Mannſchaft überlaſſend, wie ſie ſich retten will und kann. Er erſchien ganz allein im Lager und meldete dem Oberſten, die kleine Schar wäre überfallen und nach verzweifelter Gegenwehr gefangen genommen, er habe ich weiß nicht mehr wie viele Rebellen mit eigener Hand niedergeſtreckt und ſich durchgeſchlagen. Zwei oder drei ſeiner Leute waren indeß ebenfalls entkommen, und fanden ſich etwas ſpäter ein, ſie erzählten die Wahrheit, und wir wußten nun, wie es mit der Tapferkeit des Capitäns beſtellt war.

Wenige Tage ſpäter hatte das Regiment einen neuen Verluſt zu beklagen. Eine Abtheilung von 70 Pferden ſtößt bei Fairfax⸗ Station auf ein feindliches Cavalleriedetachement von 40 Mann. Der Unionscapitän, ein ehemaliger Hutmachergeſell, ſtellt ſeine Reiter in einem Gliede auf und weiſt ſie an, den Feind mit einer Salve zu empfangen. Die Conföderirten laſſen ſich jedoch auf kein Feuer⸗ gefecht ein, ſondern attackiren, den Säbel in der Fauſt, in geſtreckter Carriere und in geſchloſſener Reihe. Die auf ſie abgefeuerten Schüſſe gehen über ihre Köpfe hinweg, im nächſten Moment ſind die Unſrigen über den Haufen geritten; in wilde Flucht aufgelöſt, jagen ſie davon, von den Südlingern hart verfolgt. Der größte Theil ward zu⸗ ſammengehauen oder gefangen, nur etwa ein Dutzend Leute retteten