Jahrgang 
1865
Seite
544
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für danke ich ſchön, antwortete er,wenn ſie mich kriegen, werde ich aufgeknüpft, Sie aber nur mitgenommen. Mit Anſpan⸗ nung der letzten Kräfte ſchleppte ich mich noch eine halbe Stunde lang fort, dann war ich fertig. Der Scouter blieb einen Augenblick ſtehen, beſchrieb mir den Weg zu unſern Vorpoſten und verſchwand ſchon in der nächſten Minute in der Dunkelheit. Ich ſcharrte mir etwas Laub zuſammen, legte mich nieder und ſchlief augenblicklich ein. Als ich erwachte, mochte Mitternacht vorüber ſein; die Sterne leuchteten glänzend am Himmel, ich aber war kalt wie ein Stein und kaum fähig, ein Glied zu rühren. Ich horchte angeſtrengt, vernahm indeß nur die bekannten Stimmen des Waldes, ſonſt war alles ſtill. Mühſam erhob ich mich, brachte durch Springen und Schlagen der Arme das Blut in einige Circulation und ſetzte meinen Marſch fort. Die Kälte verging im Gehen, deſto fühlbarer aber wurde der Hunger. Ich hatte ſeit dem Morgen des vergangenen Tags keinen Biſſen ge⸗ geſſen! Endlich traf ich auf einen Fahrweg, den ich der Anweiſung des Scouters gemäß nach rechts verfolgte. Der Morgen dämmerte, allein er zeigte mir kein Obdach. Ich war ſo erſchöpft, daß ich mich faſt nicht mehr auf den Füßen zu halten vermochte, da gewahrte ich in meiner Noth zwei graſende Pferde auf einem Weidefleck am Wege. Eine menſchliche Wohnung war nicht zu entdecken, wie mochten die Thiere hierher gekommen ſein? mir hatte ſie jedenfalls Gott geſendet. Ich beſann mich nicht lange, ſondern verſuchte es, den einen Gaul zu fangen, er war jedoch zu ſcheu und ſo verſuchte ich mein Glück bei dem andern, einer alten Schimmelſtute, die ſo abgemagert war, daß man jeden Knochen zählen konnte. Mit dem Ende einer die Stelle des Zaumes vertretenden Schlingpflanze gelang es mir, auf das Thier zu kommen und es aufzuzäumen. Das war nun recht ſchön, aber vorwärts wollte die Beſtie nicht. Ich machte ihr meinen Willen durch einen nicht gerade ſanften Sporenſtoß verſtändlich, die Creatur verſtand indeß falſch, ſie bockte entſetzlich, mein Zügel riß, und ich lag im Graſe. Gliücklicherweiſe blieb der Gaul ruhig ſtehen. Nach⸗ dem ich mir aus einem kleinen Stock und einigen Schlingpflanzen eine Trenſe verfertigt hatte, verſuchte ich es von neuem und dies Mal mit beſſerem Erfolge. Der Schimmel ließ ſich beſteigen und trottete gemächlich mit mir von dannen.

Meine Lage ſollte aber bald wieder eine recht unbehagliche werden. Ich ritt und ritt, ohne eine Spur von Menſchen zu ent⸗ decken, es wurde Mittag und Abend und noch immer war ich in der Wildniß. Ich mußte mich in der Marſchrichtung geirrt haben, ſonſt hätte ich längſt unſere Vorpoſten erreichen müſſen. Viel weiter konnte ich nicht mehr, denn der Hunger und der Durſt wurden immer qualvoller und mein Schimmel fing an zu ſtolpern und den Dienſt zu verſagen. Plötzlich hörte ich das Knacken eines Hahnes und den Anruf:Halt! who comes there!(Halt! Wer da!)Freund, erwiederte ich;Dismount! contresign!(Abgeſtiegen! das Loſungs⸗ wort!) hieß es nun. Ich rutſchte vom Gaule herab und ſagte, daß ich verſprengt wäre und keine Loſung hätte.Können nicht paſſiren. Ich legte mich auf das Parlamentiren, der Corporal kam hinzu und man führte mich zu einer Feldwache der Unionsarmee. Nachdem ich meine Geſchichte erzählt hatte, ließ mir der Officier Brot und eine wollene Decke reichen. Ich, hüllte mich ein, legte mich an das Feuer und ſchlief ein. Am andern Tage ritt ich auf meiner Roſſi⸗ nante gen Vienne in das Lager des Regiments. Eine Anzahl Ver⸗ ſprengter hatte ſich bereits eingefunden, die größere Hälfte der Ab⸗ theilung kam jedoch nicht wieder, ſie war todt oder gefangen.

VII. Schlacht bei Spottſilvania. Streifzug nach der Wildniß.

Das Frühjahr 1864 war herbeigekommen, die großen kriegeriſchen Operationen, die im Winter wegen der völligen Unwegſamkeit hatten ruhen müſſen, begannen von neuem. Der Oberfeldherr Grant be⸗ ſchloß einen Angriff auf die verſchanzte Stellung des conföderirten Generals Lee. Alle disponiblen Truppen wurden herangezogen, auch die drei bei Vienne ſtehenden Regimenter erhielten Befehl, nach Rapahannok⸗Station aufzubrechen. Wir trafen daſelbſt an demſelben Tage ein, an welchem die Schlacht bei Spottſilvania geſchlagen wurde. Die hier über den Rapahannok führende Eiſenbahnbrücke war durch ein Fort gedeckt, bei welchem wir uns aufſtellen ſollten. Als wir den Gipfel einer nahen Anhöhe erſtiegen hatten, lag die Verſchanzung vor uns, aber kein Menſch war darin zu bemerken, nur ein Reiter kam

uns entgegengetrabt und blieb etwa 300 Schritt vor der Colonne halten, indem er uns Zeichen gab. Der Colonel Loöll vom 2. Maſſa⸗ chuſettsregiment, der Commandeur der Brigade, ſchickte ihm einen Officier entgegen, der alsbald mit der Weiſung zurückkam, das ganze Corps ſolle halten und der Oberſt allein vorreiten. Nach längeren Verhandlungen zwiſchen unſerem Anführer und dem Reiter aus dem Fort, durften wir näher rücken und ſahen nun, daß alle Schanzen mit Soldaten beſetzt waren. Der Befehlshaber des Forts, ein vor⸗ ſichtiger Mann, fürchtete einen Angriff durch die Conföderirten und traute uns anfänglich um deßwillen nicht, weil der Feind ſchon wie⸗ derholt Ueberrumpelungen dadurch bewerkſtelligt hatte, daß ſeine Leute in der Kleidung der Unionstruppen erſchienen.

Auf einem freien Platze bezogen wir das Lager und harrten der weiteren Befehle. Drei Tage lang hörten wir den ununterbrochnen Donner der Kanonen und ein nie endendes Kleingewehrfeuer von dem Schlachtfelde her. Ueber den Verlauf des Kampfes drangen die widerſprechendſten Nachrichten zu uns, bald war das Rebellenheer vernichtet, bald die Unionsarmee aufgerieben und in voller Flucht. Die Verwundeten paſſirten zu tauſenden an uns vorbei, um mit der Eiſenbahn zurückgebracht zu werden. Endlich am vierten Tage ſchwieg der Lärm und wir erfuhren allmählich die Wahrheit. Grant hatte es auf eine Entſcheidungsſchlacht abgeſehen gehabt, ſeinen Gegner Lee in der ſogenannten Wildniß angegriffen und ſeine Stellung durch⸗ brechen wollen, um Richmond zu erobern. Vier Tage lang dauerte das blutige Ringen, dann hatte ſich Lee vor der Uebermacht zurückziehen müſſen. Geſchlagen war er jedoch nicht, denn Grant befand ſich trotz ſeiner numeriſchen Ueberlegenheit außer Stande, ihn zu verfolgen. Es trat ein abermaliger Stillſtand ein. Grant hatte ſich Richmond um einen Schritt genähert, allein es ſollten noch Ströme von Blut fließen, ehe das Sternenbanner auf den Mauern dieſer Stadt wehte.

Wir kehrten nach Vienne zurück. Dort wieder angekommen, wurden wir angewieſen, ohne Verzug auf einem andern Wege auf das Schlachtfeld in der wilderness(Wildniß) zu eilen, dort ſo viel Verwundete als möglich zu ſammeln und in Sicherheit zu bringen. Die Conföderirten waren nämlich eifrig beſchäftigt, bleſſirte Unions⸗ ſoldaten durch ihre Streifcorps aufzuleſen, um ſie ſpäter gegen geſunde ſüdliche Kriegsgefangene auswechſeln zu können.

In Verbindung mit mehreren anderen Abtheilungen ſetzten wir uns etwa 1400 Pferde ſtark am nächſten Morgen in Marſch, über⸗ ſchritten den Rapahannok unweit Frederiksburg, ritten über das Schlachtfeld, wo die Unionsarmee etwa ein Jahr vorher durch die Un⸗ fähigkeit eines ihrer Generale, des Deutſchen Schurz, eine derbe Schlappe erlitten hatte, und erreichten ſodann die Wildniß, den Schau⸗ platz der neueſten Kämpfe. Das Terain führt ſeinen Namen mit der vollſtändigſten Berechtigung, denn es iſt ein faſt undurchdring⸗ licher Wald, hohe und ſtarke Stämme, dazwiſchen Unterholz, Geſtrüpp und Schlingpflanzen, ſo daß man nur auf den gebahnten Wegen hin⸗ durchkommen kann. Hier hatten ſich die Südlinger verſchanzt ge⸗ habt, und zwar beſtanden die Verſchanzungen aus drei hintereinander liegenden Linien. Die Schanzen waren übrigens nichts Beſſeres als flache Gräben mit einer niedrigen Bruſtwehr von Erde, an mehreren Stellen ſah man die Gräben unterbrochen und durch natürliche Verhaue verbunden.

Um dieſe Linien hatte vier Tage lang der heiße Kampf gewüthet, endlich waren die Confödrirten aus der dritten Vertheidigungslinie hinausgedrängt worden. Die Bruſtwehren der erſten und zweiten Linie hatte das Geſchützfeuer theilweis völlig eingeebnet; um ſich neue Deckung zu ſchaffen, ſchichteten die Südlinger ihre Toden über ein⸗ ander und kämpften hinter den entſetzlichen Leichenwällen weiter.

Die Verwundeten, welche wir wegbringen ſollten, lagen an den Wegen und auf den Lichtungen in kleinen Zelten bunt durcheinander; für 3 bis 4 Zelte war je ein Wärter vorhanden, der hinreichend zu thun hatte, die Unglücklichen mit Waſſer zu verſehn. An Aerzten fehlte es ſehr, viele waren nur nothdürftig oder erſt ein einziges Mal verbunden. Unſere 45 Ambulancewagen wurden ſehr ſchnell voll, wir brachten hinauf, was möglich war und machten uns dann auf den Rückweg, da Guerillaſcharen umherſchwärmten und dieſſeit des Rapahannok in jeder Minute ein Ueberfall drohte. Der Eindruck

dieſes Todtenfeldes war ein entſetzlich unheimlicher, ſelbſt die roheſten

von unſern Leuten wurden ernſt und wagten kaum zu flüſtern. Das Regenwetter hatte noch immer nicht nachgelaſſen, als wir den Rapahannok wieder erreichten. Der Fluß mußte überſchritten

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