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Als Rolf das unerwartete Schauſpiel mit haſtigen Blicken überflogen hatte, brach er knirſchend in die Worte aus:„Entweder hat uns der elende Schuft von Spion belogen, wofür er verdammt ſein ſoll, oder die Borkumer Schiffer ſind zurückgekehrt, aber ein Donnerwetter ſoll mich erſchlagen, wenn ich begreife, wie der Satan ſie auf einmal hierhergeführt hat; doch es iſt einerlei, ſie ſind zur böſen Stunde zurückgekommen, denn wir laſſen keinen dieſer elenden Häringsfänger am Leben. Geſchützmeiſter, laß die Kanonen an der Backbordſeite mit Kettenkugeln laden; Bootsmann, laß das Langboot am Steuerbord herunter; die Mannſchaft der erſten Wacht beſteigt das Boot, ſtößt aber erſt ab, wenn wir dem, Lumpenvolk dort die dritte Ladung gegeben haben. Nun, herunter mit dem Anker!“
Der Anker raſſelte auf den Grund, und das Schiff drehte ſich langſam ſo, daß ſich die Backbordſeite dem Strande zukehrte, doch trat nun eine augenblickliche Pauſe ein, verurſacht durch die Voll⸗ ziehung der ertheilten Befehle. Julia ſtand neben Rolf, mehr neu⸗ gierig als ängſtlich dreinſchauend.
VI. Der Kampf.
Wie Folkert ſein kleines ſeltſames Heer aufgeſtellt hatte, iſt bereits angedeutet. Er hatte die Kanone verdeckt, um den Seeräuber ſicherer zu machen. Es hatte ſich von ſelbſt ſo angeordnet, daß die Frauen rechts von ihm ſtanden, die Mädchen links, erſtere unter der Führung von Gepke Teerling, letztere unter derjenigen von Aleida Viſſer. Einige flinke Jungen mußten für die Bedienung bei der Kanone zur Hand ſein, die alten Männer hatten ſich hier und da vertheilt.
Während das Schiff noch mit eingezogenen Segeln langſam durch die Flut ſich auf die Balgen zutreiben ließ, ging Folkert bei den Frauen umher und ſagte:„Wenn ſie vom Schiff ſchießen, ſo werden die Mädchen erſchrecken, und manche hat vielleicht Luſt, da⸗ vonzulaufen; ſehn ſie aber, daß die Frauen ſtandhaft aushalten, ſo ſchämen ſie ſich und faſſen wieder Muth. Ich weiß gewiß, die Frauen werden ihnen ein gutes Beiſpiel geben.“
„Darauf kannſt Du Dich verlaſſen!“ ſagte die mannhafte Gepke Teerling.„Ich wollt' es keiner Frau rathen, davonzulaufen, denn es ſollte ein Strohwiſch an ihre Hausthür genagelt werden.“
Dann ging Folkert zu den Mädchen und ſagte:„Vor dem Schießen müßt Ihr nicht erſchrecken; wenn man's erſt hört, ſo iſt keine Gefahr mehr dabei; es iſt wie beim Gewitter, wenn man das Donnern hört, iſt man nicht getroffen. Seid nun recht muthig und brav, daß die Männer ſtolz auf Euch ſein können, wenn ſie die Ge⸗ ſchichte hören.“
Aleida erwiederte:„Sei nur ruhig, Folkert, Du ſollſt auch ſtolz auf uns ſein können!“
Halb und halb hatte Folkert gehofft, der Seeräuber werde ſich durch die Vertheidigungsanſtalten abſchrecken laſſen und wieder von der Inſel abhalten, aber als das Schiff in die Balgen lief und den Anker fallen ließ, mußte er ſich freilich überzeugen, daß es zum Kampf kommen werde. Er warf noch einen Blick rückwärts nach dem Kirchthurm ſeiner Heimat und ſprach leiſe zu ſich:„In Gottes Namen denn!“ Er ſah wohl, daß man auf dem Schiff die Geſchütze fertig mache, ließ die Pferde zurückführen, richtete ſeine Kanone ge⸗ nau, nahm die Lunte einem der Knaben aus der Hand und brannte los. Ehe man noch die Wirkung des Schuſſes wahrnehmen konnte, entluden ſich die ſechs feindlichen Geſchütze, aber unſchädlich ſauſten die Kettenkugeln über den Köpfen der Inſulaner weg.
Jetzt ſah man, was Folkerts Schuß ausgerichtet hatte: die Kugel hatte den Hauptmaſt zerſchmettert, ſo daß er über die Steuer⸗ bordſeite ins Waſſer ſtürzte, alle Taue nach ſich ziehend und ſo das Schiff neigend, daß es nach der Inſel zu hoch aus dem Waſſer ſtand. Daß durch den fallenden Maſt das Boot umgeſchlagen wurde, welches ſich eben mit ſeiner Mannſchaft gefüllt hatte, und daß nur der geringere Theil der letzteren ſich zurück ins Schiff rettete— denn die Seefahrer ſind bei weitem nicht ſo des Schwimmens kundig, wie man erwarten ſollte:— dieſen Erfolg konnten die Inſulaner nicht wahrnehmen, aber auch derjenige, den ſie ſahen, mußte ihre kühnſten Erwartungen weit übertreffen. Ein glücklicherer Schuß iſt kaum jemals abgefeuert worden! Das Weiberheer brach nicht, wie man viel⸗ leicht hätte denken können, in ein Jubelgeſchrei aus, nur ein ernſtes
Gemurmel, das halb wie Verwunderung, halb wie ein Dankgebet klang, lief durch ihre Reihen.
So ſehr auch das Herz Folkerts aufjauchzte vor Freude, ſo wenig ließ er ſich doch von fernerem raſchen Handeln abhalten. Er ſah ſich nach ſeinen jungen Gehilfen um, aber dieſe— waren fort. Als ſie die Kugeln über ſich wegſauſen hörten, hatte ſie ein paniſcher Schrecken ergriffen und ſie liefen weg, ohne ſich nur umzublicken.
Rathlos ſchaute ſich Folkert um.
Da trat Aleida heran und ſprach:„Ich will Dir ſchon helfen, Folkert, ſage nur was ich thun ſoll.“
Folkert ſchaute ſie zugleich freundlich und bedenklich an, indem er ſagte:„So lang das Schiff ſo auf der Seite liegt, können ſie uns nichts thun, aber ich höre, wie alle Mannen drauf loshauen, um den Maſt zu kappen, und wenn das Schiff wieder gerade zu liegen kommt, richten ſie die Schüſſe eben auf dieſe Stelle.“
„Das thut nichts; wo Du ſein kannſt, kann ich auch ſein. Anje Meeuw und Freije Ackermann, kommt herbei, Ihr müßt hier helfen.“
Die beiden angerufenen Mädchen ſprangen herbei, und Folkert lud mit dieſer ſonderbaren Mannſchaft von neuem ſein Geſchütz. Es ging zwar langſam, aber es wurde richtig bewerkſtelligt.
„Alles klar!“ rief Folkert, nachdem er die Kanone aufs neue gerichtet hatte, ließ die Mädchen bei Seite treten und brannte zum zweiten Male los.
Als wenn ein höherer Beiſtand ins Mittel getreten wäre, ſo folgte auch dieſem Schuß das glücklichſte Gelingen, denn er zer⸗ trümmerte das Steuerruder und warf die Männer, die dabei geſtan⸗ den hatten, ins Meer. Diesmal begrüßte ein lauterer Aufſchrei, der faſt wie ein Jubel klang, den neuen Erfolg.
Folkerts Wangen hatten ſich immer höher gefärbt, ſeine Augen waren immer glänzender geworden, er rief:„Nun noch einige Schüſſe, und das Schiff bricht auseinander!“
„Das Schiff iſt ſchon jetzt verloren!“ ſagte Jan Smidt, der mittlerweile herangetreten war.„Das Schiff bleibt beim niedrigen Waſſer ſitzen und iſt beim nächſten Hochwaſſer ein Wrack.“
„Darauf wollen wir nicht warten,“ ſagte Folkert,„ſie haben Boote, und wenn ſie darin ans Land kommen, ſind wir noch lange nicht fertig. Friſch wieder ans Werk!“
Die Kanone wurde zum dritten Male mit Hilfe willigen Mädchen ſchußfertig gemacht.
„Alles klar!“ rief Folkert und griff nach der Lunte.
„Halt, halt, was bedeutet das?“ ſagte Jan Smidt. ziehen eine Flagge auf.“
„Eine weiße Flagge, wahrhaftig!“ rief Folkert ſehr überraſcht. „Sie wollen unterhandeln!“
Wir ſind genöthigt, uns für einige Zeit wieder auf das Räuber⸗ ſchiff zu begeben. Die Abfeuerung ſeiner Geſchütze war um einige Augeublicke zu ſpät gekommen, denn als ſie erfolgte, hob ſich das Schiff bereits durch das Zuſammenbrechen des Maſtes ſo ſehr, daß ſie unwirkſam blieb, ſonſt würde das Blut mancher heldenmüthigen Inſulanerin gefloſſen und vielleicht ein ganz andrer Ausgang erfolgt ſein. Die dann erfolgenden Umſtände verhinderten, wie wir wiſſen, ſowohl die wiederholte Anwendung der Kanonen als den Verſuch einer Landung. Rolf glich mehr einem gereizten Tiger, als einem zornigen Menſchen: er rief jede Verdammniß auf die Inſulaner herab und ſchwur mit gräßlichen Eiden, daß kein lebendes Weſen auf Borkum übrig bleiben ſolle, daß er die Dünen durchſtechen und das ganze Eiland von den Wellen wegſpülen laſſen wolle.
Als das Steuerruder zertrümmert wurde, ließen die Seeräuber die thätigen Hände ſinken, denn ſie wußten, daß ſie verloren waren. Vor allem wußte es Rolf ſelbſt, aber als ſeine Leute von allen Seiten ſchrieen, man müſſe ſich ergeben, da ſprang er in die Kajüte hinunter, indem er rief:„Ich will die weiße Flagge holen!“ Oben am Sims ſeiner Kajüte befanden ſich in kleinen Wandſchränkeu alle möglichen Flaggen, aber er ſchloß. ſchnell eine Fallthüre auf, die ſich in einer Ecke befand.
Eine Hand legte ſich auf ſeine Schulter, und als er ſich um⸗ drehte, ſchaute ihn Julia bleich und ernſt an, und ſagte leiſe, aber nachdrücklich:„Du willſt in die Pulverkammer, Du willſt das Schiff in die Luft ſprengen?“
Rolf nickte in finſtrer Entſchloſſenheit mit dem Kopf.
„Thu es nicht,“ fuhr ſie dringend fort,„laß uns als Ge⸗
der dienſt⸗
„Sie
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