Jahrgang 
1865
Seite
536
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ſeines Dortſeins zweimal beſucht und bin jedesmal auf rührende Weiſe von ihm wiedererkannt worden. Das erſte Mal war ich im Auguſt 1863, alſo fünfviertel Jahr, nachdem er von Bord gegangen, in Begleitung des In⸗ ſpectors des zoologiſchen Gartens bei ihm. Er ſtand mir mit dem Rücken zugekehrt und fraß. Zuerſt rief ich nur ſeinen Namen, ohne daß er je⸗ doch Notiz davon genommen hätte. Als ich jedoch abermals ihn anrief: Robert, alter Junge, kennſt Du mich nicht mehr? drehte er ſich um ſo ſchnell er vermochte und lief mit erhobenem Rüſſel und geöffnetem Maule auf mich zu. Jeder andere wäre vieleeicht erſchreckt zurückgewichen; ich wußte jedoch, daß er mich erkannt hatte, ſteckte ihm meine Hand in das Maul und kratzte ſeine Zunge. Sobald ich dies gethan, war er ganz außer ſich vor Freude, ſchlang ſeinen Rüſſel um meinen Hals und taſtete mit der Spitze beſtändig auf meinem Geſichte herum. Der Inſpector war über dieſe Scene ganz überraſcht und äußerte, daß ihm in ſeiner Praxis ein ſolches Gedächtniß von Thieren noch nicht vorgekommen ſei.

Im vorigen Februar, alſo nach anderthalbjährigem Zwiſchenraum be⸗ ſuchte ich ihn abermals: das Wiedererkennen äußerte ſich auf dieſelbe Weiſe, aber ich hatte Gelegenheit, das Gedächtniß des Elephanten noch mehr zu bewundern. In den drei Jahren ſeines Aufenthaltes in Berlin hatte er nie die an Bord erlernten Kunſtſtücke geübt. Sobald ich ihm je⸗ doch zurief:Robert mache dein Compliment! warf er ſich auf die Knie und ſenkte die Stirn auf die Erde und ebenſo hob er den Fuß ſo hoch wie er vermochte, als ich ihn aufforderte, mir den Fuß zu geben.

Ich blieb über eine halbe Stunde bei dem mir ſo lieb gewordenen Thiere, das übrigens jetzt ſchon eine Höhe von nahe 6 Fuß erreicht hat und konnte mich nur ſchwer von ihm trennen. Seitens des Elephanten ſchien daſſelbe der Fall zu ſein, denn er hielt mich beſtändig mit dem Rüſſel umſchlungen. Als ich mich endlich losmachte, blickte er mir über die Barriere nach, ſo lange er mich ſehen konnte, und ich hörte ihn kläg⸗ lich brüllen, als ich den Stall verlaſſen hatte.

R. Werner.

Dr. Guillotin und die Guillotine.

Es iſt vollkommen richtig, wenn in No. 24 dieſes Blattes geſagt wird: Dr. Guillotin ſei nicht der Erfinder des berüchtigten Fallbeiles geweſen. Gleichwohl wird ihm niemand den traurigen Ruhm ſtreitig machen können, die ſpäter zu ſo furchtbarem Anſehen gelangte Art der Todesſtrafe aufs neue der Executivgewalt empfohlen zu haben. Eine Em⸗ pfehlung, die allerdings ſeinen Namen für alle Zeit mit dem Fallbeile identificirt hat.

Wie ebenfalls erwähnt, beſtand vor dem Ausbruche der Revolution eines der vielen Vorrechte des Adels auch darin, daß ſeine Mitglieder ſich einer beſonderen Todesſtrafe, der des Enthauptens, in vorkommenden Fällen erfreuen durften. Am 9. October 1789, als die Nationalverſamm⸗ lung von Verſailles nach Paris überſiedelte, brachte der Dr. Gulllotin, Abgeordneter von Paris, ein Mann, der ſich durch einige Schriften über den dritten Stand eine Art von Berühmtheit erworben hatte, zwei An⸗ träge auf Verbeſſerung der Todesſtrafe ein. Der erſte lautete:Die Ver⸗ brechen gleicher Art werden, ohne Anſehung des Ranges des Verbrechers, auf gleiche Weiſe beſtraft. 2) Die Todesſtrafe, in allen Fällen von gleicher Art, findet durch Enthauptung ſtatt und wird vermittelſt einer Maſchine vollzogen.

Die Debatten über dieſe Anträge, denen noch einige über Vermögen, Nachreden ꝛc. der Hingerichteten folgten, wurden vertagt. Aber Gulllotin, hartnäckig in ſeiner vermeintlichen Fürſorge, brachte ſie am 1. December wieder auf die Tagesordnung. Der erſte ward ſchnell angenommen. Ueber der zweiten entſpann ſich eine Discuſſion, in welcher der Abbé Maury das Project angriff und behauptete:Man entſittliche das Volk, wenn man es an den Anblick des Blutes gewöhne. Gulllotin ward ſehr heftig und rief, nachdem er weitläuftig den qualvollen Tod des Erhängens ge⸗ ſchildert hatte, aus:Sehen Sie dagegen meine Maſchine an. Mit dieſer Maſchine ſchlage ich Ihnen, meine Herren, den Kopf in einem Augenblick herunter, ohne daß Sie eine Empfindung davon haben. Ein furchtbares Gelächter folgte dieſem Ausſpruch. Ob ſich viele Lacher wohl des Mo⸗ mentes erinnerten, als ſie ſpäter ihre Häupter unter das Fallbeil legten? So erhielt das Inſtrument Guillotins Namen. Bekanntlich gab Peltier das Witzblatt: Les Actes des Apôtres heraus, ein Journal, welches die Revolution mit beißender Satyre zu bekämpfen ſuchte. Zwei Tage nach G's Antrag erſchien darin folgendes Lied: Auf die Maſchine des Dr. Guil⸗ lotin, die zum Enthaupten beſtimmt iſt und nach ihm: Guillotine ge⸗ nannt wird.

Guillotin, Le Romain Médecin, Guillotin, Politique, Qui s'appréte,

Imagine, un beau matin, Que pendre est inhumain Et peu patrotique. Aussitôt Il lui fait

Un supplice Qui sans corde ni poteau Supprime du bourreau L'Office.

Consulte gens du métier Barnave et Chapelier Méèême: Coupe-tèéte; Et sa main Fait soudain La Machine, Qui simplement nous tuera Et que l'on nommera Guillotine!

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Barnave und Chapelier waren die wüthendſten Anhänger der Revo⸗ lution, Coupe-téte iſt jene berüchtigte, furchtbare Perſönlichkeit bekannt unter dem Namen:Jourdan der Kopfabhacker. Alle drei fielen durch die Gulllotine.

So hatte das neue Strafwerkzeug ſeinen Namen erhalten, lange, bevor Guillotin auch nur einen Entwurf oder ein Modell beigebracht hatte. Die Anfertigung ward dem Dr. Louis, secrétaire du Collége des Chirurgiens übertragen und daher führte die Maſchine eine Zeitlang den Namen Louiſon. Aber ſchon am 18. December erſchien im Moniteur ein Artikel: Remarques s. I. Motion du Dr. Guillotin, concernant la machine de décapitation instantanée des animaux(!)

DieſeRemarques tadelten die Frivolität, mit welcher gewiſſe Zei⸗ tungsſchreiber den ernſten Gegenſtand bewitzelt hätten. Dadurch lenkte ſich die Aufmerkſamkeit gleich wieder auf Dr. G. und weil durch das oben⸗ erwähnte Lied der Name ſich dem Gedächtniſſe aller einprägte, blieb die Benennung Gulllotine.

Daß der Arzt und Deputirte die Erfindung ſich zuſprach, iſt unbe⸗ greiflich. Denn abgeſehen davon, daß die Maſchine bereits ſeit Jahr⸗ hunderten in Gebrauch war, bevor ſich Guillotin ihre Erfindung anmaßte, hatte ſogar im Jahre 1786 in Paris auf einem Pantomimentheater eine Production des Fallbeils bereits ſtattgefunden. Das Stück, in welchem das gräßliche Werkzeug dem Publikum vorgeführt ward, war entſetzlich zu ſagen eine Harlekinade:Die vier Haimonskinder. Böſe Zauberer wurden im Verlaufe derſelben durch das Fallbeil gerichtet.

Am 3. April 1792 reichte der Uhrmacher Guidon dem Syndicus Röderer Plan und Koſtenanſchlag einer Guillotine ein. Er forderte 5600.

Francs, was Herr Röderer zu hoch fand, worauf Guidon wiederum ent⸗

gegnete: daß man dieBeſiegung des Widerwillens, den die Arbeiter bei Fertigung der Maſchine an den Tag legten theuer bezahlen müſſe. Röderer eröffnete ihm darauf: Dies ſei wohl möglich, doch hätten ſich andre Werkleute zu billigerer Lieferung verſtanden, wenn man ihre Namen verſchweigen wolle.(1!)

Während der Unterhandlungen meldete ſich ein Clavierfabrikant Schmidt aus Straßburg und erbot ſich, eine Guillotine für den Preis von 960 Francs zu fertigen. Sein Gebot ward angenommen und er iſt der eigent⸗ liche Erfinder oder vielmehr Verfertiger der Schreckensmaſchine. Als ſpäter die Berechnung gemacht wurde, daß der materielle Werth der Ma⸗ ſchine nicht höher als 329 Livres, mit Einſchluß des Lederſackes, gerechnet werden könne, im gegenwärtigen Augenblicke aber 83 Inſtrumente für jedes Departement eines geliefert werden müßten, ſo ſollte ihm, als dem Erfinder, der Vorzug bei dem Abſchluſſe des Lieferungscontractes gegeben werden. Schmidt wollte auf dieſe niedrigen Preiſe nicht ein⸗ gehen und wandte ſich deshalb an das Miniſterium. Dieſes hatte aber die Lieferung für die Departements einem neuen Bewerber übergeben, worauf Schmidt ſich ein Patent erbat und im Weigerungsfalle mit einem Prozeſſe drohte. Der ungeheure Abgrund der Revolution verſchlang ſpäter alle Rechtsanſprüche und ſo iſt denn auch keine Notiz über die weiteren Schick⸗ ſale Schmidts, der ein geborner Deutſcher war, zu finden.

Der erſte Verſuch mit der von Schmidt gefertigten Maſchine fand durch Lanſon, Scharfrichter von Paris, am 17. April 1792 im Hofe des Bicétre ſtatt. Er ward an mehren Leichen vollzogen und fiel höchſt günſtig aus. Hieran knüpft ſich die vielfach erzählte Anecdote an, daß Ludwig XVI dem Meſſer der Maſchine die ſchräge Form gegeben haben ſoll, indem er, bekanntlich ein höchſt geſchickter Mechaniker, dadurch die Fallkraft vermehrt wußte. Die erſte öffentliche Hinrichtung ward zu Paris auf dem Grève- Platze am 25. April 1792 an dem Straßenräuber Pelletier vollzogen. Höchſt

bemerkenswerth iſt es, daß unmittelbar nach ſeiner Hinrichtung in dem Blatte: Les Révolutions de Paris, herausgegeben von Prudhomme, bei

Gelegenheit einer Beſprechung jener Exekution einige Zeilen abgedruckt waren, die deutlich beweiſen, daß die Jakobiner lange vor dem 10. Auguſt daran dachten, den König auf das Blutgerüſt zu bringen. Malesherbes hatte nämlich auf Dupperiers Tod eine Ode gedichtet, die von dem Tode als dem gemeinſamen Schickſale von Hoch und Niedrig ſprach. Dieſe Stelle ward hervorgehoben und dem Könige ſein ſpäteres Loos bereits ziemlich deutlich verkündet.

Inscription proposée pour la Guillotine: Et la Garde qui veille aux barrières du Louvre, N'en défend pas nos Rois.

Dr. Louis ſtarb bereits einen Monat nach der erſten Arbeit der Guillotine. Dr. Guillotin war allerdings nahe daran, die Gewichtigkeit ſeiner Empfohlenen an ſich ſelbſt zu prüfen, denn er war auf Dantons Befehl eingekerkert und zwar, wie man behauptet, weil er ſich geweigert habe, eine Doppelguillotine zu conſtruiren. Er ward aber am 9. Ther⸗ midor freigelaſſen, lebte in guten Verhältniſſen bis zum Jahre 1814 von allen, die ihn kannten, hochgeachtet, aber wie man ſagt, ſtets ſehr ge⸗ beugt unter der Laſt der ſchauerlichen Berühmtheit, welche ſein Name er⸗ langt hatte. Er ſtarb am 26. Mai, 76 Jahre alt.

Georg Hiltl.

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction desDaheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2.

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig.

Verlag der Daheim⸗Expedition von Velhagen* Klaſing in Bielefeld und Berlin. Druck von Liſcher* Wittig in Leipzig.