Jahrgang 
1865
Seite
534
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Betrachten wir jetzt von dieſem allgemeinen Geſichtspunkte aus den relativen Werth der einzelnen Theile unſeres Inſtrumentes eingehender.

Die Ohrmuſchel() iſt ein ziemlich unweſentliches Orna⸗ ment, ſie dient höchſtens zum Lauſchen und erleichtert ſomit der Lüge den Zutritt, wie denn auch die Griechen dieſer lange Ohren an⸗ dichteten. Wir können, wie die tägliche Erfahrung lehrt, mit einer großen Ohrmuſchel als Erwachſene oder mit einer kleinen als Kinder, ja auch mit einer halben ausreichend hören. Eine edel ge⸗ formte, ſorgfältig ausgemeißelte Ohrmuſchel ſoll nach Carus das Symbol einer edlen Seele ſein.

Auch die Form des Gehörganges(B) iſt ohne weſentliche Bedeutung; er iſt ja klein und eng bei den Kindern, groß und weit bei Erwachſenen; wir finden ihn bei normal Hörenden bald grade und kurz, bald gewunden und lang, er kann eng ſein nach Belieben, denn die Luft dringt durch jede Spalte, er kann mit fremden Körpern gefüllt ſein, nur dürfen dieſe ihn nicht hermetiſch abſchließen und nicht das Trommelfell berühren. Sein Secret(u u) dient nur zum Schutze, zur Erwärmung, es fehlt ja in der Tiefe und kann ſomit die Schwingbarkeit unſeres Inſtumentes nicht beeinfluſſen. Damit treten wir der Beobachtung keinesweges zu nahe, daß es mit der Abnahme der Hörkraft ſich meiſt vermindert und mit der Wiederzunahme derſelben von ſelbſt wieder eintritt.

Wichtiger iſt bereits das Trommelfell(C), daher finden wir es auch bei dem Kinde ſchon ausgewachſen. Unneſentlich iſt daran die ſichtbare Farbe und Form, die Lage und Beweglichkeit, weſentlich hingegen die unſichtbare Elaſticität und die mit dem Auge ſchwer zu ſchätzende Maſſe. Von verſchiedener Bedeutung wird beides, je nachdem periodiſche Schwingungen der Klänge oder nicht⸗ periodiſche der Geräuſche es treffen. Ein Loch z. B. oder ein Sub⸗ ſtanzverluſt des Trommelfelles für ſich allein, ohne Mitbetheiligung der anderen Faktoren des Inſtrumentes, beeinträchtigt weniger das Hören der Geräuſche, als das Hören der Klänge; eine Maſſen⸗ zunahme, eine Verkalkung hingegen für ſich allein, erſchwert das Fortbewegen der Stöße bei weitem mehr, als das Reſoniren auf Klänge. Und ſo hören wir denn alle mit dem Alter Klänge beſſer, als Geräuſche. Von der Reſonanzwirkung unſerer Trommel⸗ höhle erhalten wir eine klare Vorſtellung durch folgenden Verſuch:

Wir befreien irgend eine Saite eines Flügels von ihrem Däm⸗ pfer und ſingen den Eigenton dieſer Saite in den Flügel hinein; nach kurzer Zeit wird dadurch die Saite in Schwingungen gerathen und noch nachtönen, wenn wir bereits aufgehört haben, zu ſingen. Außerhalb des Flügels würde es ſchwer halten, unter gleichen Umſtänden dieſelbe Saite durch Anſingen zur Schwingung zu brin⸗ gen und zwar aus folgendem Grunde: ein leichter, leicht beweglicher, elaſtiſcher Körper(wie der Reſonanzboden eines Flügels), geräth durch Schwingungen der Luft leicht in Schwingungen, tönt aber auch leicht aus, ein maſſiver, ſchwer beweglicher, elaſtiſcher Kör⸗ per(wie die Saite außerhalb des Flügels) geräth durch Schwingun⸗ gen der Luft ſchwer in Schwingungen; iſt er aber erſt durch eine feſte Verbindung mit einem Körper erſterer Art(die Saite innerhalb des Flügels am Reſonanzboden befeſtigt), durch Schwingungen der Luft in Schwingungen gerathen, ſo tönt er auch lange nach.

Das leichte, leicht bewegliche, elaſtiſche Trommelfell wird zum Reſonanzboden für die maſſiven, ſchwer beweglichen, elaſtiſchen Gehörknöchelchen, um die Schwingungen der Luft letzteren zuzu⸗ leiten.

Der Flügelbauer baut ſeinen Reſonanzboden aus verſchieden tönendem Holze mit verſchiedenem Eigentone, er legt ein anderes unterhalb des Discantes, ein anderes unterhalb des Baſſes, und ſo hat auch der Schöpfer unſeres Inſtrumentes das Trommelfell, wie die Microscopie lehrt, aus verſchieden dichten, concentriſchen Ringen mit geſetzlich verſchiedenem Eigentone gewebt. Alles was die Reſo⸗ nanz des Trommelfelles beeinträchtigt, beeinträchtigt geſetzlich das Hören der Klänge, denn das Geſetz haftet an der Materie unſeres Inſtrumentes.

Die Elaſticität unſeres Trommelfelles kann ſich aus zweier⸗ lei Gründen verändern, entweder ſind es organiſche Pro⸗ ceſſe, welche ſeine Struktur verändern, oder mechaniſch u nglei⸗ cher Druck. Erſteres tritt, wie die Erfahrung lehrt, bald ſchnell ein, durch Ausſchwitzungen, bald langſam, durch Verdichtung oder Verdünnung, durch Erhärten oder durch Schwinden der elaſtiſchen

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Faſern. Ein ungleicher Druck findet ſtatt, wenn fremde Körper daſſelbe berühren, ſei es an der Außen- oder Innenfläche, oder durch ungleichen Luftdruck. Um dieſen zu vermeiden, wird die Luft in der Trommelhöhle(D), des Trommelfelles wegen, durch die Euſtachiſche Röhre(E) ventilirt. Und ſo tritt denn geſetzlich eine Verſtimmung unſeres Inſtrumentes, eine Schwerhörigkeit ein, ſobald die Trompete LE) längere Zeit hermetiſch verſtopft oder ge⸗ ſchloſſen iſt, analog wie durch Verſtopfungen des äußeren Gehör⸗ ganges. Es bedarf nur einer kunſtgeübten Hand, um jene mechaniſchen Hinderniſſe aus beiden Theilen zu entfernen, und unſer Inſtrument iſt wieder geſtimmt.

Verengerungen der Trompete ſind äußerſt ſeltene Zuſtände, ſie können allein niemals unſer Ohr verſtimmen, weil die Luft durch die engſten Spalten dringt; ſie ſind ebenſo unſchuldig, wie Verengerun⸗ gen des Gehörganges.

Unſer Trommelfell iſt ſo fein und elaſtiſch gewebt, daß ſchon die leiſeſten Schwingungen unſeren Hörnerv erregen; damit nun aber dieſer nicht durch ein unvermuthetes zu ſtarkes Geräuſch ſchäd⸗ lich erregt wird, hat der vorſorgliche Schöpfer unſer Trommelfell mit einem Sicherheitsventile verbunden, wie Johannes Müller ſo genial die Wirkung der beiden Muskelnp und a in der Trom⸗ melhöhle erklärt. Sobald zu kräftige Schwingungen das Labyrinth zu erreichen ſtreben, werden die ſonſt ruhenden Muskeln zum Wider⸗ ſtande gereizt, der eine(p) ſpannt alsdann das Trommelfell und macht es unfähiger zum Schwingen, der andere(q) ſucht den Steig⸗ bügel aus dem Vorhofe zu heben und beeinträchtigt die Mittheilung ſeiner Schwingungen an dieſen. Beide wirken vereint analog der Iris im Auge, die bekanntlich bei grellem Sonnenlichte ſich zuſam⸗ menzieht, um den Lichteindruck zu ſchwächen. Je mehr Reſonanz ein Trommelfell beſitzt, d. h. je elaſtiſcher es iſt, deſto leichter ver⸗ nehmen wir aus der Luft die Schwingungen der Töne und Klänge.

Bei den Gehörknöchelchen iſt das weſentlichſte die innige, feſte, iſolirte Leitung des Schalles, wie dieſer das Trommelfell verläßt. Auch ſie verſtärken durch Reſonanz die Klänge nachweisbar, doch ſteht dieſelbe in keinem Verhältniſſe zur Reſonanz des Trommel⸗ felles. Durch krankhafte Proceſſe(namentlich durch Schleimflüſſe im Scharlach) trennen ſich die Knöchelchen, indem ihre Gelenke ſich lockern. Der Schall dringt dann z. B. zweckdienlich bis zum Am⸗ boß, kann aber nicht zweckdienlich auf den Steigbügel übergehen, da jetzt Luft beide Knöchelchen trennt; natürlich wird Schwerhörigkeit die unabweisbare Folge.

Wir nehmen ein Stückchen feuchte Watte, ein Stückchen feuchte Haut, auch eine feine Gummiplatte, wir ſchieben dergleichen ſanft bis zum Trommelfell, wir nähern dadurch den Amboß dem Steig⸗ bügel, wir ſchließen die Kette und das Gehör kehrt wieder. Jenes winzige, nur kunſtgerecht anzulegende Stückchen Watte, jenes fälſchlich ſo genannte künſtliche Trommelfell, iſt die Brille des Ohres; es regelt die geſtörten Leitungsverhältniſſe in der Trommel⸗ höhle, wie die Brille die geſtörten Brechungsverhältniſſe im Aug⸗ apfel. Wir nehmen die Brille ab, wir entfernen die Watte, wir löſen die Leitung und ums Gehör iſt es geſchehen, um es nach Belieben wiederkehren zu laſſen.

Der Steigbügel ſchließt mit ſeinem Fußtritte, wie ein be⸗ weglicher Deckel das ovale Fenſter; er verhält ſich zum Rande deſſelben ungefähr wie eine recht alte, vom Zahne der Zeit berührte Scheibe zu ihrem Rahmen; eine ſolche gibt, weil der Kitt nicht mehr allſeitig anliegt, weil ſie beweglich geworden, beim Anklopfen einen hellen Klang, denn ſie geräth als ein begränzter Körper leicht in Schwingungen. Durch krankhafte Ausſchwitzungen, Verdickungen ſchließt nun der Fußtritt des Steigbügels oft zu feſt ſein Fenſter; er gleicht dann einer friſch eingeſetzten Scheibe, deren Kitt noch allſeitig anliegt und die beim Anſchlagen nicht ſo hell erklingt. So bewirkt Unbeweglichkeit des Steigbügels im Vorhoffenſter eine Abnahme der Hörkraft. Wir verſuchen den Kitt zu löſen, indem wir warme Dämpfe durch die Euſtachiſche Trompete gegen die Trommelhöhle dringen laſſen, und das gefeſſelte Gehör wird bisweilen erlöſt.

Zahlreiche Verſuche überzeugen uns, daß die Schallleitung in der Trommelhöhle nur durch den feſten Conduktor(Trommelfell, Hammer, Amboß und Steigbügel) von Statten gehe und die Luft daran keinen Antheil nimmt.

Die Luft in der Trommelhöhle hat nur den Zweck, dieſen feſten Conduktor zu iſoliren, ohne ihn zu drücken. Wird die

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