. IV.
Ausmarſch nach Virginien. Waſhington. Ankunft beim Regiment.
Noch drei Wochen ruhten wir im Lager auf unſern Lorbeeren aus, dann kamen endlich die Pferde für die anderen drei Compagnien und gleichzeitig erhielten wir Befehl, zum Regiment zu ſtoßen. Unſere kriegeriſche Ausbildung war vollendet.
Am Tage vor dem Ausmarſch wurden wir mit Waffen ver⸗ ſehen, mit Karabinern und Revolvern, auch einen Säbel konnte man bekommen, indeß machten nur wenige von dieſer Erlaubniß Gebrauch, da dieſe Waffe von der Unionscavallerie faſt gar nicht geführt wurde. Die von hinten zu ladenden Karabiner waren vor⸗ züglich gearbeitet, verſchleimten aber nach 6 bis 8 Schuß ſo ſtark, daß ſie dann momentan unbrauchbar wurden. Auch waren ſie ziemlich ſchwer und hinderten beim Reiten. Die Revolver, Cottſche zu 6 Schuß, ließen in Conſtruction und ſonſt nichts zu wünſchen übrig, ſie waren die eigentliche Waffe, deren ſich die Cavallerie allein bediente. Diejenigen unſerer Leute, die ſchon früher in europäiſchen Armeen gedient hatten, kamen ſich als Cavalleriſten ohne Säbel aber doch gar zu merkwürdig vor, ſie ließen ſich alſo Säbel geben, die, nebenbei erwähnt, in Amerika nicht am Schleppkoppel getragen, ſondern nach Art der franzöſiſchen Spahis am Sattel befeſtigt werden.
Der Morgen des Marſches brach an, die Compagnien ver⸗ einigten ſich zum erſten Male zum Bataillon und ſtellten ſich neben einander nach ihren Buchſtaben J. K. L. M. in einem Gliede auf. Capitän O. K. als älteſter eingemuſterter Officier übernahm das Commando und fort ging es, dem Feinde entgegen. Unſer Weg führte uns zunächſt nach Waſhington, dort war ein Regiment ſtatio⸗ nirt, welches nach ſeinem Commandeur Scott„Scotts Neunhundert“ hieß und den ſog. Profoßendienſt zu beſorgen hatte; dieſer beſtand darin, daß ſie jeden Soldaten, der ſich ohne Urlaub herumtrieb, und alle Betrunkenen aufzugreifen hatten. Um der unmäßigen Trunk⸗ ſucht zu ſteuern, war vom Congreß ein eigenes Geſetz erlaſſen worden, welches die Verabreichung von geiſtigen Getränken an ein Glied der Unionsarmee bei 1000 Doll. Strafe verbot und die Verhaftung und Beſtrafung jedes berauſchten Soldaten anordnete. Eine große Zahl von geheimen Poliziſten überwachte die Ausführung des Ge⸗ ſetzes um ſo eifriger, da ſie einen reichlichen Denunciantenlohn be⸗ kamen. Trotz aller dieſer Maßregeln und trotz des Befehls, daß niemand die Glieder verlaſſen ſollte, verlor ſich doch, als wir die Pensilvania Avenue in Waſhington paſſirten, wenigſtens ein Drittel unſeres Bataillons in die Nebenſtraßen. Wenn auch Mitte De⸗ cember, war es doch ein recht warmer Tag, wo man ſchon durſtig werden durfte, und ſo ließ ich mich ebenfalls bereden, einen Trunk aufzuſuchen. Zu dreien ſchwenkten wir ab, machten in einer Seiten⸗ gaſſe vor einem Hotel Halt, banden unſere Pferde an einen dort ſtehenden Wagen, traten ein und forderten Bier.„Kann ich nicht geben, meine Herren,“ erwiederte der vorſichtige Wirth.„Nur her damit, wir bezahlen doppelt.“„Thut mir leid, meine Herren, aber Sie kennen ja das Geſetz.“„Wir haben keine Zeit, wir geben den dreifachen Preis, aber ſchnell!“„Laſſen Sie mich gefälligſt ſehen, ob kein Detective(Geheimpoliziſt) in der Nähe iſt,“ ſagte der Wirth, der nun nicht mehr widerſtehen konnte, ſpähte nach allen Seiten um⸗ her und ſchenkte, da er nichts Verdächtiges bemerkte, die Gläſer ein. Allein unſer Durſt war groß und die Gläſer in Waſhington ſind merkwürdig klein, es wurde weiter unterhandelt und dem erſten folgte ein zweites, dieſem ein drittes und dann ein viertes Glas. Nun aber gerieth der Hotelbeſitzer in große Angſt.„Um Gottes⸗ willen, meine Herren, betrinken Sie ſich nicht, Sie wiſſen nicht, was ich aus Mitleid mit Ihnen riskire, denn nur aus Mitleid handelte ich gegen das Geſetz,“ flehte er. Wir hatten genug, bezahlten die Zeche, die, natürlich ebenfalls nur aus Mitleid, mit dreifacher Kreide geſchrieben war, beſtiegen unſere Gäule und ritten von dannen. Schon näherten wir uns dem Ende der Stadt, als uns eine Pa⸗ trouille der Profoßengarde entgegenkam.„Ihre Päſſe, meine Herren?“ fragte der Corporal.„Haben keine.“„Keine Päſſe? Da muß ich bitten, mir zu folgen!“ Das klang nicht ſehr erbaulich, und ich überlegte im ſtillen, ob wir uns nicht auf die Schnelligkeit unſerer Pferde verlaſſen ſollten. Allein einer meiner Gefährten wußte beſſer Beſcheid. Er ſprach das Zauberwort:„Hier ſind
30
2 Dollar zu Bier, Corporal, es iſt warm heute!“„Danke, meine Herren,“ antwortete der Wächter des Geſetzes,„Ihre Päſſe ſind in beſter Ordnung, aber machen Sie, daß Sie fortkommen! Adieu ¹ Das ließen wir uns nicht zwei Mal ſagen, im Galopp ſprengten wir zur Stadt hinaus, wo wir das Bataillon auf der Landſtraße haltend fanden. Nach und nach traf die verlorene Mannſchaft wieder ein, endlich erſchien auch der Capitän O. K., der zu ſeiner Meldung bei dem Kriegsminiſter unmäßig viel Zeit gebraucht hatte.
Eine lange Strecke führte der Weg am Potomac entlang. Die Ufer des Fluſſes ſind ſteil und felſig, meiſt mit dichtem Walde be⸗ deckt, der aber bis auf etliche 100 Schritt zu beiden Seiten nieder⸗ gehauen worden war, weil die Conföderirten früher von dort aus die auf der Straße marſchirenden Colonnen vielfach beunruhigt hatten. Etwa 4 bis 5 engliſche Meilen oberhalb Waſhington führt eine Kettenbrücke über den Strom, ſie war von einem Artlllerie⸗ detachement bewacht und jenſeits durch einen Brückenkopf gedeckt. Merkwürdiger Weiſe war jedoch kein Geſchütz zu ſehen und wahr⸗ ſcheinlich war auch nicht ein einziges vorhanden. Wir paſſirten Brücke und Verſchanzung und konnten nun jeden Augenblick auf Streifpartien des Feindes treffen, der durch ſeine Guerillas den Rücken der Armee unſicher machte und immer da erſchien, wo man ihn am wenigſten erwartete. Capitän O. K. fühlte in dieſer kri⸗ tiſchen Lage ſeine Verantwortlichkeit als ſelbſtſtändiger Commandeur und wollte ſein Licht leuchten laſſen. Er ſchickte eine Compagnie als Avantgarde vor und befahl ihr vorwegzumarſchiren. Durch irgend welche andere Vorſichtsmaßregeln inkommodirte er ſich nicht. Als die Nacht hereinbrach, wurden einige Poſten am Wege ausge⸗ ſtellt, jede Compagnie erhielt einen Allarmplatz bezeichnet, im übrigen richtete ſich Jedermann zur Nacht ein, wo und wie es ihm am beſten zuſagte.
Nach Einbruch der Nacht langten auch unſere Bagagewagen an und unſere Pferde kamen dadurch zu etwas Hafer. Wir ſelbſt hatten uns in Waſhington reichlich verproviantirt und litten daher keinen Mangel. Der Poncho, eine große Decke von Wachsleinwand, die gegen Regen und Feuchtigkeit treffliche Dienſte leiſtete, ward auf die Erde gebreitet und alles überließ ſich dem friedlichſten Schlafe. Durch nichts geſtört ruhten wir bis früh 8 Uhr, erſt um dieſe Stunde blieſen die Trompeten zum Aufſtehn. Die Pferde wurden geſattelt und wer Luſt dazu hatte, ritt nach dem nahen Bache zur Tränke. Endlich um 9 ½ Uhr erklang das Signal zum Aufſitzen, ein Theil der Mannſchaft war fertig, andere aber hatten noch gar nicht ge⸗ ſattelt, und unſer guter Capitän mußte ſich alſo in Geduld faſſen. Zwar wagte er im Gefühl ſeiner Würde als Höchſtkommandirender einige laute Worte des Tadels zu äußern, aber die Soldaten über⸗ ſchütteten ihn mit einem ſolchen Hagel von Schimpfreden, daß er eilig das Feld räumte und ruhig wartete, bis die Herren geſattelt hatten. Um 10 Uhr war ſchließlich alles ſo weit, die Compagnien ſammelten ſich auf dem Rendezvousplatze, eine halbe Compagnie ward zur Avantgarde, eine halbe zur Arrieregarde beſtimmt. So ſetzten wir den Marſch fort; jede der beiden Detachirungen ritt 300 Schritt vor und hinter den drei anderen Compagnien; von dem Vorſchicken von Patrouillen und Flankendeckungen war, ob⸗ wohl wir durch dichten Wald marſchirten, keine Rede. Einzelne Farmhäuſer, in beträchtlichen Entfernungen von einander, waren die einzigen Spuren von menſchlichen Wohnungen in dieſen Gegenden, meiſt waren ſie zerſtört und verlaſſen, die wenigen Bewohner ſahen ärmlich aus, der Anbau der geringen Acker⸗ ſtücke war vernachläſſigt, kurz man erkannte, daß ſich hier große Heere bewegt hatten, daß dieſer Landſtrich der Schauplatz ernſter Kämpfe geweſen war. Nach einem anſtrengenden Ritt erreichten wir Nachmittags eine Art Vorpoſten und gleich darauf ſahen wir, aus dem Walde heraustretend, ein weites, freies, mit Zelten bedecktes Terrain vor uns, es war das Ziel unſeres Marſches, das Lager, wo unſer Regiment mit noch zwei andern campirte. Dieſe drei Ca⸗ vallerieregimenter, das 2. Maſſachuſetts, das 13. Newyork und das unſrige(das 16. Newyork Volunteers) waren eine Detachirung der Potomac⸗Armee, die bei Vienne gegen einen aus Virginien auf Waſhington vorbrechenden Feind aufgeſtellt war. Vienne, einige 30 Meilen von Waſhington entfernt, beſtand zur Zeit aus einer Anzahl zerſtörter Häuſer, die uns nicht einmal mehr ein Obdach ge⸗ währen konnten. In das Lager eingerückt, marſchirten wir auf einem freien Platze auf, Capitän O. K. meldete dem Oberſten unſere An⸗
kunft Stall ſpann ließer
liebe dem habe berü⸗ wir gim den mili gee nirt eber gra mei er, bra
Ge


