Jahrgang 
1865
Seite
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lich glaubte er, daß kein anderer befähigt ſei, ihn zu unterſtützen. Der gute Mann hielt ſich nämlich für den erſten Reiter der Welt, er, der gerade, wie man ſagt, auf einem Gaule hängen konnte. Die Reitſtunde ward wöchentlich ein einziges Mal abgehalten und verlief denn auch eigenthümlich genug. Die Pferde waren, wie in ganz Amerika gebräuchlich, nur mit einer ſehr ſcharfen Kanthare gezäumt, ohne Trenſengebiß; eine zuſammengelegte Decke vertrat die Stelle des Sattels. So ritt die ganze Compagnie einzeln einher, die Scene begann mit einem großen Kreiſe und endete mit einem wüſten Durch⸗ einander. Schritt oder Galopp waren die einzigen Gangarten der Gäule, nach wenigen Minuten hörte jede Ueberſicht auf, jeder ritt auf eigne Fauſt und machte, was er wollte, wenn nicht etwa das Pferd machte, was es wollte, welcher Zuſtand bei den meiſten der vorherrſchende war. Daß es dabei an den heiterſten Situationen nicht fehlte, braucht wohl nicht bemerkt zu werden..

Sold hatten wir bis jetzt noch nicht zu ſehen bekommen, die Verpflegung dagegen wurde regelmäßig verabfolgt, ſie war genießbar, wenn auch ſehr einfach. Heute Bohnen und Speck, morgen Speck und Bohnen, das war das ewige Einerlei, ein Glück noch, daß wir dazu reichlich Kaffee von guter Qualität erhielten. Zu anderen Nahrungsmitteln konnte man nur in den Suttler⸗Wirthſchaften ge⸗ langen, deutſch Knapphans oder Marketender genannt. Jeder Truppentheil hatte ein ſolches Inſtitut, deſſen Eigenthümer der Regierung für die Conceſſion einen ganz erſtaunlich hohen Pacht zahlen mußten. Die United-States machten dabei vorzügliche Ge⸗ ſchäfte, oder doch anſtatt der Regierung die Beamten und Officiere, welche den Pacht erhoben. Die Suttlers wollten indeß womöglich noch beſſere Geſchäfte machen, folglich waren die Soldaten das Publikum, dem das Fell abgezogen wurde, und man mußte den vier⸗ fachen Werth für die gewöhnlichſten Lebensbedürfniſſe zahlen.

Unter dieſen Umſtänden würde der Sold, ſelbſt wenn er ge⸗ zahlt worden wäre, bei weitem nicht gereicht haben, die Wünſche des Magens und die Preiſe des Suttlers in Einklang zu bringen. Da aber das Geld bei unſern Leuten eine ſeltene Waare war, ſo ſuchten ſie ſich auf einem andern, in Amerika nicht ungewöhnlichen Wege in den Beſitz der begehrten Herrlichkeiten zu ſetzen. Die Suttlerwirth⸗ ſchaften wurden auf allgemeinen Wunſch von Zeit zu Zeit geſtürmt, geplündert und der Reſt zerſtört, eine ebenſo nützliche, als luſtige Be⸗ ſchäftigung, die zur Verkürzung der Mußeſtunden beitrug. Es war unmöglich, dieſen Unfug zu verhüten, die Officiere verſuchten es aber auch nicht einmal. Die Anſtifter waren faſt ſtets Irländer und Amerikaner, Deutſche betheiligten ſich nur ſehr wenige dabei, ſie traten jedoch den andern auch nicht entgegen, weil dies zu blutigen Köpfen geführt haben würde.

Die Suttlers waren übrigens mit ausnehmend feinen Naſen

ausgeſtattet, ſie witterten das heranziehende Unwetter wie die Sturm⸗ vögel und ſchafften das Werthvollſte immer zeitig geuug bei Seite. Was ſie dann noch verloren, kam gegen den ſchon gezogenen Gewinn nicht in Betracht, und ſie ſtanden ſich im ganzen recht gut dabei.

Der Geſundheitszuſtand war in dieſer Zeit nicht der beſte im Lager, eine bedeutende Anzahl der Soldaten litt an Rheumatismus und Fieber und die qualitative Beſchaffenheit der Herren Militär⸗ ärzte war durchaus nicht angethan, den Krankheiten zu ſteuern, wenn ihrer auch der Quantität nach mehr als genug vorhanden waren. Die meiſten verſtanden von der mediciniſchen Wiſſenſchaft genau ſo viel, wie unſere Officiere vom Dienſt, das heißt nichts, ja manche hatten ſich als Aerzte eben nur aus Mangel an anderer Beſchäfti⸗ gung anwerben laſſen. Es ſei mir geſtattet, über den Medicinal⸗ dienſt, wie ich ihn ſpäter kennen lernte, vorweg einige Worte zu ſagen. Jedes Cavallerieregiment hat etatmäßig einen Oberarzt mit dem Range eines Majors und zwei Unterärzte mit Capitäns⸗ reſp. Lieutenants⸗Rang. Von dieſen dreien hat ſelten einer wirklich Medicin ſtudirt, die anderen ſind Quackſalber, Barbiere, Hühner⸗ augenoperateure und dgl. geweſen. Mit jedem Dinge der Welt wird in Amerika Mißbrauch getrieben, mit keinem aber mehr als mit der edlen Arzneiwiſſenſchaft. Im beſten Falle ſind die von dieſer Sorte von Aerzten verkauften Mittel Pillen aus Brot und Univer⸗ ſaltropfen aus Waſſer. Daß etliche tüchtige Männer in der Armee dienten, will ich natürlich nicht in Abrede ſtellen, allein der weitaus größte Theil gehörte der Klaſſe der Charlatane und marktſchreieriſchen Geldſchneider an. Damit dieſe Jünger Aeskulaps nicht zuviel Unheil in der Auswahl der Medikamente anrichten konnten, war die Feldapotheke ungemein zweckmäßig eingerichtet: ſie führte nur zwei Arzneimittel: eine Art von Pillen, die gar keine Wirkung hatten, und ein Pulver als Abführungsmittel. Das eine oder das andere dieſer vor⸗ trefflichen Medikamente erhielt jeder, der ſich krank meldete, war der Zuſtand bedenklicher, ſo wurden beide zugleich angewendet. Unſere Leute wußten ſehr bald, woran ſie mit den Doctoren waren und verſuch⸗ ten nicht ohne Erfolg, ſie zu hintergeben. Des Morgens vor Beginn des Dienſtes wurde das Signal für die Kranken gegeben, ſie marſchirten zum Arzte und übergaben das Krankenbuch für jede Compagnie, in welches alle Soldaten, die ſich krank gemeldet hatten, eingetragen waren. Einer nach dem andern wurde vorgerufen, unterſucht und als krank oder als dienſtfähig verzeichnet. Nun kam es ſpäter, als der Dienſt anſtrengend wurde, wohl vor, daß ſich die Hälfte der Compagnie auf den Krankenrapport ſetzen ließ, lediglich um von einer Wache oder dem Vorpoſtenſtehen befreit zu werden. Da nun einerſeits unſere Pflaſterkaſten nicht im Stande waren, einen Kranken von einem Geſunden zu unterſcheiden, andererſeits aber auch eine nicht ganz unbegründete Furcht vor gelegentlich zu applicirenden Prügeln hatten, ſo wurde die halbe Compagnie von ihnen ohne weiteres als krank und dienſtunfähig eingezeichnet. Viele hofften auch, durch fortgeſetzte Klagen über unbegreifliche Rheumatismen im ganzen Körper den Herren weiß zu machen, daß ſie völlig dienſtun⸗ tauglich wären und wieder ausgemuſtert werden müßten; aber das Einzige, was ſie erzielten, waren ungeheure Doſen des Abführungs⸗ pulvers, welches ihnen, beiläufig bemerkt, vortrefflich bekam.

(Fortſetzung folgt.)

Sine neue Suppe für Kinder. Von Inſtus von Liebig.

Für Mütter, welche des Glückes entbehren, ihre Kinder ſelbſt

ſtillen zu können, oder denen es an Nahrung für ihren Säugling mangelt, iſt die Wahl einer für deſſen Ernährung geeigneten Speiſe ein Gegenſtand von Wichtigkeit; Gewohnheit und Gutdünken ent⸗ ſcheiden meiſtens darüber, und da die einfachen Ernährungsgeſetze, welche dieſe Wahl beſtimmen ſollten, den Perſonen meiſtens ganz unbekaunt ſind, denen ſie überlaſſen werden muß, ſo wird häufig in der früheſten Jugend die körperliche Entwicklung der Kinder durch die Art ihrer Auffütterung beeinträchtigt(ſiehe meine chemiſchen Briefe, 30. Brief, S. 57).

Es iſt leicht verſtändlich, daß ein Kind, welchem die Milch ſeiner Mutter verſagt iſt, ohne Amme(deren Wahl ſchwierig und oft mit Gefahren anderer Art für das Kind verbunden iſt) nur dann in der rechten Weiſe ernährt werden kann, wenn die Speiſe, die man ihm reicht, denſelben Ernährungswerth wie die Frauenmilch hat.

Um hierüber eine richtige Vorſtellung zu gewinnen, dürfte es

vielleicht nützlich ſein, daran zu erinnern, daß die Milch zweierlei

Stoffe enthält, die zu verſchiedenen Funktionen im Organismus dienen; aus dem Käſeſtoff in der Milch entſteht der Hauptbeſtand⸗ theil des Blutes, aus dieſem der Hauptbeſtandtheil des Fleiſches; die Butter und der Milchzucker der Milch dienen für mancherlei andere Zwecke im Körper und werden, in letzter Form, zur Erzeugung der animaliſchen Wärme verbraucht.

Die Speiſe des Menſchen und das Futter der Thiere haben eine der Milch darin ähnliche Zuſammenſetzung, daß ſie ſtets aus einer Miſchung von zweierlei Stoffen beſtehen, wovon der eine die nämliche Rolle wie der Käſeſtoff, der andere die Rolle des Fettes und des Milchzuckers übernimmt, ſo zwar, daß durch die Nahrung die Blut- oder Fleiſcherzeugung und die Temperatur des Körpers er⸗

halten werden.

Die n geran Bohnen ei halten iſ, zucker und welches im Für

hüͤltniß a