Jahrgang 
1865
Seite
514
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Staaten geworben wurden und mir deßhalb noch mehr zuſagten als die Milizregimenter der einzelnen Staaten. Nun fanden ſich zwar in jeder Straße rieſige Schilder mit der Inſchrift: Volunteers wanted, aber meine Nachfragen in allen dieſen Offices waren ver⸗ geblich, denn man brauchte nur Menſchen, die ſich als Gemeine an⸗ werben und als Kanonenfutter benutzen ließen, Officiere beſaß man bereits mehr als genug. Allerdings gab es einen Weg, Officier zu werden, man wurde Unterlieutenant, wenn man 20 Freiwillige, erſter Lieutenant, wenn man 30 Freiwillige zuſammenbrachte, allein hierzu waren vor allem Agenten nöthig, welche die Leute anwarben und für jeden Rekruten 10 bis 15 Dollars verlangten. Es war alſo ein kleines Kapital erforderlich, und dieſes ſtand mir nicht zu Gebote.

Die Art der Anwerbung verſetzt unwillkürlich in das 16. Jahr⸗ hundert zurück, man glaubt wirklich eine Werbeſtelle der alten Landsknechte zu erblicken. In dieſen Lokalen wird getrunken und gelogen, daß einem ehrlichen Menſchen angſt und bange werden muß. Lüge und Trunk ſind in der That faſt die beiden einzigen Mittel, durch welche man Rekruten bekommt. Die meiſten liefert der Trunk, denn mit Hilfe des reichlich geſpendeten Whisky werden die Leute in einen Zuſtand verſetzt, in dem ſie ſich mit Ver⸗ gnügen dem leibhaftigen Satan verſchreiben würden, und ſo unter⸗ zeichnen ſie das Anwerbeprotokoll. Bei anderen, namentlich den armen deutſchen Auswanderern muß die Lüge helfen; ihnen macht man Verſprechungen, die nur ein Narr glauben, aber auch nur ein Schurke machen kann. Die Regierung wirkt dieſem ſchändlichen Seelenverkaufe nicht allein nicht entgegen, ſondern unterſtützt ihn ſo⸗ gar, weil er die Reihen ihrer Armee füllt, und leider gibt es eine Menge von Gimpeln, die es in ihrer von Europa mitgebrachten Ehr⸗ lichkeit für ganz unmöglich halten, daß eine Staatsbehörde ſo gröblich und abſichtlich betrügen kann, und die deshalb ohne Bedenken das Handgeld nehmen und in die Falle gehen.

Nach einigen Wochen mußte ich mich entſcheiden. Ich hatte in dem Boardinghauſe einen Deutſchen kennen gelernt, einen Capitän O. K., der eine Cavalleriecompagnie errichtete. Er verſprach mir auf Ehrenwort eine Officierſtelle, nur müßte ich als no commissi- oned officer mit Rang und Gehalt eines Sergeanten eintreten, bis ich fließend engliſch ſprechen könnte. Der Capitän O. K. machte mir einen leidlich guten Eindruck und ſchien nach ſeinen geſelligen Formen ein Gentleman zu ſein; ich hatte keine Wahl, nahm daher die dargebotene Stelle wenn auch mit Widerſtreben an, unterſchrieb die große Zahl von Protokollen und Formularen und war nun wohlbeſtellter Sergeant in der J. Compagnie des 16. Newyork Cavallerieregiments.

II.

Der Aufſtand in Newyork. Abgang nach Organiſirung der Compagnie und Marſch in das Inſtruktionslager.

Nach Erledigung aller Formalitäten meines Eintritts erhielt ich die Anweiſung, mich nach Hamilton⸗Park, dem Aufenthaltsorte für die angeworbene Mannſchaft unſeres Regimentes zu begeben. In dieſem geräumigen, baumreichen Garten waren Zelte aufgeſchlagen, in denen die Rekruten von drei Compagnien campirten, im ganzen circa 90 Mann. Die vorhandene Mannſchaft beſtand zu ziemlich gleichen Theilen aus Deutſchen, die großentheils ſchon in den verſchiedenſten Armeen ihres Vaterlandes gedient hatten, aus ſtreit- und trunkſüchti⸗ gen Irländern, mit den ausgezeichnetſten diebiſchen Talenten begabten Menſchen, die aber ſpäter ſehr tüchtige und zu allem brauchbare Sol⸗ daten wurden, und ſchließlich aus Amerikanern, meiſt dem Abſchaum der niedrigſten Volksklaſſe, denen ſelbſt die Irländer den Vortritt in Trunkenheit und Gemeinheit laſſen mußten. Unter den Deutſchen be⸗ fanden ſich zwei Männer, die früher dem preußiſchen Heere als Officiere angehört, aber ihre Stellen durch Leichtſinn verſcherzt hatten. Der eine war, wie ich, als Sergeant, der andere als Corporal engagirt, Beide trugen ihr Geſchick mit Ernſt und Geduld, ſie waren mir als Landsleute und gebildete Männer ſehr willkommen. An Zeit fehlte es uns nicht, unſere Bekanntſchaft zu cultiviren, denn irgend eine Art von dienſtlicher Beſchäftigung gab es in Hamilton⸗Park abſolut nicht. Eine reichliche und ziemlich gute Verpflegung war das Einzige, was wir erhielten; jeder blieb in dem Coſtüm, in dem man ihn ange⸗ worben hatte. Das Verlaſſen des Parkes war aus guten Gründen unterſagt und jeder Ausgang mit einer Wache beſetzt. Dieſe Maßregel

Leben in Hamilton⸗Park. Staten⸗Island.

fruchtete indeß nicht viel, weil die Wachen aus unſeren eigenen Leuten beſtanden. Täglich liefen von den Angeworbenen etliche wieder da⸗ von. Für die Wachtpoſten waren einige verroſtete Musketen vorhanden die bei der Ablöſung feierlich mit überliefert werden mußten, aber nur zu oft ereignete es ſich, daß die Muskete allein traurig in der Ecke lehnte und das Thor bewachte, ihr Träger war unſichtbar geworden. Von Zeit zu Zeit erſchien der Capitän und zählte trüben Blickes die Häupter ſeiner Lieben, deren nie mehr als 30 wurden. Wenn auch jeden Tag neue Rekruten ankamen, ſo deckten ſie doch nur den Abgang, der bei dieſer Lage der Dinge nicht zu verhindern war.

Etwas Leben in die verzweifelte Langeweile unſeres Daſeins brachten die Unruhen in Newyork. Lincoln hatte ſich genöthigt ge⸗ ſehen, die Conſcription einzuführen; die freiwillige Begeiſterung für den Krieg war längſt verraucht und eine Ziehung ſtand bevor. Hier⸗ über waren die Newyorker in hohem Grade mißvergnügt. Sie fühlten ſich in ihren Rechten als freie Bürger um ſo mehr verletzt, als gerade ſie ohnehin nie lebhafte Sympathien für den Krieg gehabt hatten. Tobſüchtige Irländer und die Hefe des Mobs durchzogen die Stadt lärmten, plünderten und ſtahlen. Es kam zu heftigen, tumultuariſchen Auftritten. Die Fenſter in den Offices der republikaniſchen Zeitun⸗ gen wurden eingeſchlagen, dann dieſe Lokale und die Häuſer der Ziehungsbeamten beraubt und zerſtört, endlich die Neger, für deren Emancipation der ganze Krieg doch geführt ward, als mißliebige

Gegenſtände geprügelt und todtgeſchlagen. Gegen 40 Schwarze wurden ermordet, die Zahl der maſſenweiſe Verwundeten läßt ſich nicht angeben. Nachdem die Exceſſe einige Tage gedauert hatten, traf die Regierung ihre Maßregeln. Eine beträchtliche Truppenzahl aus den benachbarten Staaten rückte ein, ſperrte die Straßen ab und ſchoß alles ohne Unterſchied nieder, was ſich ſehen ließ. Zugleich wurde verkündigt, daß niemand das Haus verlaſſen dürfte; wer es dennoch wagte, riskirte, als Rebell weggeblaſen zu werden.

Der Krawall hatte ſchon einige Zeit gewährt, als unſer theurer Chef, der Capitän O. K. ſich im Parke einfand, mich geheimnißvoll bei Seite nahm und mir eröffnete, daß eine in der Nähe liegende Gewehrfabrik vom Pöbel bedroht ſei, und daß ich mir 12 Mann ausſuchen, die Fabrik beſetzen und bis zum letzten Blutstropfen ver⸗ theidigen ſollte. Zugleich händigte er mir eine Legitimationskarte ein, die mir den Zutritt verſchaffte, und das war in der That ſehr nöthig, denn ich und meine auserwählte Leibgarde ſahen um nichts anders und beſſer aus, als die gefürchteten Feinde. So zog ich denn aus zum Kampfe auf Leben und Tod, als einzige Waffe für mich und meine Schar einen dicken Stock führend. Ich gelangte unangefochten in die Fabrik, in der einige tauſend fertiger Gewehre befindlich waren. Mit mir zugleich drang eine Menge von Geſindel in das Gebäude. Ich bewaffnete nun meine Leute, ließ alle die überflüſſigen Gäſte ent⸗ fernen, ſtellte Poſten aus und richtete mich in einem Stübchen ziem⸗ lich bequem ein. Fünf oder ſechs Tage ſpielte ich den Cerberus, ohne von dem revoltirenden Plebs irgendwie behelligt zu werden. Der Aufſtand ward niedergeworfen, und ich kehrte nach Hamilton⸗ Park zurück.

Daß eine weitere Anwerbung die Compagnien nie vollzählig machen würde, wenn täglich ebenſo viele Leute fortliefen als hinzu⸗ kamen, mußte ſelbſt die Weisheit unſerer Anführer erkennen, und ſo wurden wir eines Tages, etwa 90 Mann ſtark, zuſammengerufen und marſchirten nach dem Hafen. Nachdem unterwegs faſt die Hälfte verſchwunden war, packte man uns auf ein Dampfboot und beförderte uns nach Staten⸗Island, einer etwa 4 engliſche Meilen von Newyork entfernten Inſel, in ein Lager, wo ſich bereits mehrere andere Truppen⸗ theile, wenn dieſer Name erlaubt iſt, befanden. Hier waren Barracken errichtet, von denen jede Compagnie eine bezog. 54 Mann ſtark waren wir eingerückt, um das gewohnte Bummelleben fortzuſetzen; die ſogenannte Dreß⸗Parade, eine Art täglichen Appells, ausgenommen, fand keine Art von Dienſt ſtatt. Um ſich wenigſtens eine kleine Zerſtreuung zu verſchaffen, arrangirten die Bewohner des Lagers faſt täglich Prügeleien, die nach Truppentheilen vorgenommen wurden und oft ſehr bedeutende Dimenſionen annahmen.

Wenn auch die Ausreißerei jetzt faſt ganz aufhörte, ſo blieb doch der Zuwachs außerordentlich ſpärlich. Vier Wochen waren ſeit meinem Eintritt in den Dienſt vergangen und die 3 Compagnien zählten zu⸗ ſammen kaum 100 Mann. Die Ausſicht, ſie jemals vollzählig zu bekommen, war ſehr gering, lag wenigſtens in weiter Ferne. Unſer

würdiger Capitän war ein diplomatiſcher Kopf und erfaßte dieſe

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