Winter zurück, jeder mit einem großen Beutel voll holländiſcher Gülden, ſo ſchwer ihn nur ein Mann tragen kann. Alſo Ihr geht alle mit?“
Die Zuhörer ſchwiegen, denn obgleich ihnen die Freude über die höchſt vortheilhafte Löhnung und über die Ausſicht auf einen an⸗ ſehnlichen Gewinnsantheil aus den Augen leuchtete, ſo war ihre Natur doch zu bedächtig, um ſo raſch eine bejahende Antwort zu geben, auch fehlte es wohl nicht ganz an ſolchen, die doch einige Zweifel und Bedenken hegten.
„Sollen wir denn die Alten, die Frauensleute und die Kinder allein auf der Inſel laſſen?“ fragte einer.
Tjeert erwiderte:„Und warum ſollten wir ſie nicht allein auf der Inſel laſſen, Feike Tjarks? Wer thut ihnen denn etwas? Das fremde Raubgeſindel, das auf dem Feſtlande hauſt, will die Füße wohl in frieſiſchem Blute baden aber ſie nicht in der See naß machen, vor denen ſind wir ſicher, und ſonſt haben wir keinen Feind. Unſre Frauensleute werden uns gerne gehen ſehen, um tüchtig Geld zu ver⸗ dienen, und werden uns frohe Geſichter machen, wenn wir ſchöne Geſchenke von Amſterdam mitbringen, ohne daß darum unſer Geld⸗ beutel ſonderlich dünner geworden iſt.“
Man ſchien in dieſer vergnüglichen Ausſicht den Einwand fallen laſſen zu wollen, doch Folkert Wybrand, ein ſchöner, aber beſonders ernſter junger Mann, der an der Thüre lehnte, nahm das Wort:„Alſo nach dem, was Du ſagſt, Tjeert Sniers, und nach dem, was in den Amſterdamer Papieren ſteht, wird jeder Bor⸗ kuer⸗ der ſchon eine Seefahrt gemacht hat, als Vollmatroſe be⸗ zahlt?“
Mit größerer Schärfe in Blick und Ton, als er vorher ange⸗ wandt hatte, entgegnete Tjeert:„So ſteht's in den Schriften, und ſo hab ich geſagt, aber ich weiß nicht, ob das auf Dich paßt, Folkert Wybrand. Als was biſt Du zur See geweſen?“
„Als Conſtabler eines Orlogſchiffes!“ antwortete Folkert mit gereizter Empfindlichkeit.
„Da haſt Du freilich,“ entgegnete Tjeert höhniſch,„von See— mannswerk wenig genug gelernt. Eine Kanone losſchießen kann jeder Schiffsjunge, das iſt kein Kunſtſtück, das hab' ich ſchon oft zu meinem Vergnügen gethan.“
„Du magſt wohl aus Deinen großen Waſſerſtiefeln geſchoſſen haben,“ ſagte Folkert verächtlich,„aber nicht aus Kanonen!“
„Folkert iſt ein guter Conſtabler,“ warf Upke Haan ein,„er hat mit ſeiner Kanone zur Probe geſchoſſen und auf fünfhundert Schritt ein Brett getroffen.“
„Mit ſeiner Kanone?“ rief Tjeert ſpöttiſch.„Nennſt Du das alte Ding, was er ſich vom letzten Strandgut als ſeinen Antheil ge⸗ nommen hat, eine Kanone?“
Hitzig rief Folkert:„Es iſt eine gute Schiffskanone, die ihre richtige ſechspfündige Kugel ſchießt, und es iſt ein Kaſten mit voll⸗ ſtändiger Munition dabei. Wenn Du Dich auf fünfhundert Schritt hinſtellen willſt, Tjeert Sniers, ſo will ich Dich umblaſen wie einen Grashalm. Haſt Du Luſt?“
Mitßlaunig erwiderte Tjeert:„Von ſolchen Kindereien iſt jetzt keine Rede. Ich ſage, daß Du als Conſtabler keinen Seemanns⸗ dienſt gelernt und gethan haſt.“
„Ich kann mein Boot ſo gut führen wie Du.“
„Aber Du haſt den Dienſt auf einem Seeſchiff nicht gelernt, Du weißt nicht mit Segeln umzugehen, und ich glaube nicht, daß Du auf die Heuer eines Vollmatroſen Anſpruch machen kannſt.“
„ Das muß ſich finden, ich weiß überhaupt gar nicht einmal, ob ich mitgehe.“
Nach dieſem Zwiſchenfall, in welchem man leicht eine zwiſchen Tjeert Sniers und Folkert Wybrand beſtehende Geſpanntheit er⸗ kennen konnte, fuhr erſterer fort, die großen Vorzüge des Unter⸗ nehmens auszumalen, und ſeine Zuhörer wurden immer wärmer bei den erfreulichen Ausſichten, ſo daß ſich gar kein Widerſpruch mehr erhob, im Gegentheil immer ſchönere Pläne auftauchten, was man alles mit dem gewonnenen Gelde unternehmen könne und wolle.
„Dann machſt Du ja auch wohl endlich Ernſt mit Aleida Viſſer, nicht wahr, Tjeert?“ fragte Roelf Bakker.
Mit Selbſtgefälligkeit erwiderte Tjeert:„Ja, Roelf, dann könnte wohl Ernſt daraus werden. Die feinſte goldne Kette, die in Amſterdam zu finden iſt, ſoll ſich gut um den ſchönſten Hals, der in Borkum iſt, ausnehmen.“
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Durch irgend eine Ideenverbindung blickte bei dieſer Wen⸗ dung des Geſprächs Upke Haan ſich um und ſagte:„Iſt Folkert Wybrand fort?“
Man ſchaute nach ihm umher, aber er war nicht mehr da, war wohl ſchon längſt fort, ohne daß man ſein Verſchwinden wahrge⸗ nommen hatte, denn der Abend war bereits über den eifrigen Ge⸗ ſprächen eingebrochen.
„Ob er hier iſt oder nicht, ob er mit auf den Walfiſchfang geht oder nicht, daran iſt mir nichts gelegen!“ rief Tjeert übermüthig.
Vielleicht nur, um den beneideten Tjeert ein wenig zu ärgern, ſagte Derk Ohlſen mit einem verſchmitzten Lächeln:„Na, na, wenn
der Folkert nur nicht irgendwo ſteckt, wo's Dir doch nicht ſo ganz
gleichgültig wäre.“
„Wo ſoll er ſtecken?“ rief Tjeert, indem die Adern ſeiner Stirn ſchwollen.
„Es wär doch eine Möglichkeit, daß er bei— Aleida Viſſer ſteckte.“
„Bei Aleida““ rief Tjeert aufſpringend. Blixem der Teufel holen!“
Es entſtand ein allgemeiner Aufruhr. Manche widerſprachen heftig der Vermuthung Ohlſens, manche hielten die Sache für wahr⸗ ſcheinlich.
„Wenn er wirklich bei ihr iſt, ſo ſoll er durch den Kolk gezogen werden!“ rief plötzlich Feike Tjarks.
Dieſes Wort ſtellte inſofern eine Einmüthigkeit her, als jetzt alle mehr oder weniger wünſchten, Folkert Wybrand möge wirklich bei Aleida Viſſer ſein, um nämlich ein Volksfeſt zu veranſtalten, das zu viel Verführeriſches beſaß, um nicht ſelbſt bei den nähern Bekannten Folkerts die Gefühle der Freundſchaft und Theilnahme in den Hinter⸗ grund zu drängen.
Zur Erklärung müſſen wir einen alten Gebrauch der Borkumer, der unſres Wiſſens auch jetzt noch nicht abgeſchafft iſt, erklären. Kommt man dahinter, daß ſich Abends ein junger Burſche zu einem Mädchen geſchlichen hat und bis Mitternacht dort verweilt, ſo wird das Haus gleichſam in Belagerungszuſtand erklärt; mit Gewalt eindringen darf man nicht, bevor die Sonne aufgegangen iſt. Bei der ſorgſamen Bewachung wird man des Uebelthäters entweder ſchon des Nachts habhaft, wenn er ſich wegzuſchleichen ſucht, oder wenigſtens am Tage, wo man das Haus mit ſchärferen Augen, als ſelbſt ein Grenzzoll⸗ Aufſeher beſitzt, durchforſcht. Nun wird dem Gefangenen die Frage vorgelegt, ob er mit dem Mädchen verlobt ſei, und im Falle der Bejahung wird die Verlobung ſofort mit Jubel, Glückwünſchen und Hochrufen gefeiert, und man durchzieht mit dem Bräutigam in feſtlichem Aufmarſch das ganze Dorf. Wird aber die Frage verneint, ſo bindet man dem Ertappten ein Tau um den Leib und zieht ihn, in Anweſenheit der ganzen Bevölkerung, dreimal hin und zurück durch einen Teich, der am Fuße der Dünen ſich befindet. Die Gewißheit, im Betretungsfalle jenachdem ein frohes oder doch ein ſehr aufregendes Volksfeſt zu feiern, war der Grund, warum der lärmende Haufen der jungen Leute auf einmal ſich zu einem einmüthigen Handeln vereinigte.
Man ſandte drei der Jüngſten ab, um eine vorläufige Er⸗ forſchung anzuſtellen, und erwartete mit großer Spannung ihre Nach⸗ richten. Endlich kam einer der Beauftragten wieder, glühend im Ge⸗ ſicht vor Aufregung, und theilte Folgendes mit. Folkert Wy⸗ brand war nicht im Hauſe geweſen, denn man hatte durch ein Fenſter beobachtet, wie Aleida mit ihrer Mutter bei einer häuslichen Arbeit ſaß. Während man noch unentſchloſſen berieth, ob man ſofort un⸗ verrichteter Dinge zurückkehren ſolle, hatte die Mutter das Haus verlaſſen, muthmaßlich um ihre kranke Schweſter zu beſuchen, die an einer andern Seite des Dorfes wohnte, Aleida aber hatte begonnen, für das Vieh zu ſorgen. Wir müſſen dabei einſchalten, daß Aleida ihren Vater, einen der Altbauern, ſchon vor längerer Zeit verloren hatte und als einziges Kind allein mit der Mutter hauſte. Kaum war die Mutter fort, als ein Mann, der hierauf gewartet zu haben ſchien, ſich vorſichtig dem Hauſe näherte und nach einigem Zögern hineinging. Die Aufpaſſer hatten ſich ſo ſorgſam verſteckt gehalten, daß ſie unbe⸗ merkt blieben, wohl aber erkannten ſie deutlich Folkert Wybrand. Alsbald hatte ſich einer derſelben zur Schenke begeben, die beiden andern aber theilten ſich in die Bewachung der Hausthüre und des Ausgangs der Scheune, um den Liebhaber nicht unbemerkt ſich ent⸗ fernen zu laſſen.
„Dann ſoll den
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