Jahrgang 
1865
Seite
502
Einzelbild herunterladen

prieſene und ergreifende Epiſode von Franziska und Paul ein beſonders eclatantes Zeugniß ablegt. Insbeſondere iſt es dem gott⸗ abgewendeten Sinne eigenthümlich, die geſchlechtlichen Flecken an großen Männern als etwas ſo Untergeordnetes anzuſehen, daß ſie bei der Beurtheilung geſchichtlicher Charaktere gar nicht auf die Wagſchale gelegt werden dürfen, ohne einen Hochverrath an der Majeſtät des Menſchengenies zu begehn. Dante, vor der heiligen Majeſtät Gottes ſich beugend und eben darum das Götzenmärchen von der Unverletzbarkeit des Genies verrachtend, hat für Menſchen⸗ kleinheit, wie Menſchengröße nur einen, den religiös⸗ſittlichen Maßſtab, mit dem er ohne Sklavenfurcht vor der despotiſchen Göttin Zeitmeinung auch die geſchlechtlichen⸗Sünden glänzender Talente oder hoher Häupter mißt. Brunetto Latini, ſein verehrter Meiſter,das theure, gute Vaterangeſicht, von ihm als Anfänger der italieniſchen Sprache und Poeſie bewundert, der ihn gelehrt, wie der Menſch in Werken der Wiſſenſchaft und Kunſt ſich verewigt (XV, 85,) der auf Erden, wie in der Hölle mit rhetoriſchem Schwung und in untadeligen Reimen donnernde Moralpredigten. gegen die Verderbheit der Zeit und für die Reinheit der Sitten hält, dieſer Brunetto Latini muß gleichwohl merken, daß die geheime Sünde Sodoms, auch wenn ſie von künſtleriſchem Schimmer überdeckt wird, den Geiſt Gottes für Zeit und Ewigkeit aus dem Menſchen bannt. (XV, 28 ff.) In daſſelbe Gericht müſſen alle ſeine Schuldgenoſſen fallen, ob ſie ſonſt auch weiſe Leute, tüchtige Cleriker und Kirchen⸗ fürſten,große Literaten von bedeutendem Rufe(XV, 106) ſind, und nicht weniger die politiſchen und geſellſchaftlichen Zierden der Völker, die ſelbſt durch Tapferkeit, feinen, ſtaatsmänniſchen Blick und adlige Manieren ausgezeichnet, dieſe Tugenden(Cortesia e va- lore XVI, 67) als Panier des Staatslebens hochhalten.(XVI, 37 ff.) Noch ſchärfer iſt das Gericht über die weltgeſchichtlichen Größen, welche wie Jaſon, durch die Ueberlegenheit ihres Standes und ihrer Perſönlichkeit die jungen Herzen betrügen und die Betrogenen ver⸗ laſſen, um in ihrem Sieges- und Ruhmeslaufe die Welt zu durch⸗ fliegen.(XVIII, 85.) Dante verlangt wie in dieſen Fällen, ſo über⸗ haupt die uneingeſchränkte Oberherrſchaft des religiös⸗ſittlichen Be⸗ wußtſeins über alle Seiten und Gebiete des Lebens ohne jede Aus⸗ nahme. Um zu Gott zu gelangen, ſchneidet er das Tafeltuch ent⸗ zwei zwiſchen ſich und zwiſchen ſeinen Gott widerſtrebenden Freunden (XI, 61 ff.), Blutsverwandten(XXIX, 19 ff.) und Parteigenoſſen. (X, 46, 119 ff.) Seine Natur fühlt den ſchmerzlichen Riß, aber ſeine Heilsſehnſucht fordert ihn.

Die thatkräftigſten und glänzendſten Perſönlichkeiten der alten und neuen Zeit müſſen ſich von demſelben Sittengeſetze richten laſſen, wie jeder Bettler, und wären ſie Alexander der Große, oder der geniale Ghibellinen⸗Kaiſer Friedrich II.(XII, 107; X, 119.) Auch wirkliche und große Verdienſte um das Vaterland und die Menſch⸗ heit, Treue und Pflichteifer im ſtaatlichen Berufe, ſowie ungeſtillter Wiſſensdurſt, und kühne Eroberungsluſt auf dem intellektuellen Ge⸗ biete, moraliſirende Aeſthetik oder äſthetiſirende Moral und die Keckheit des Genies geben vor Gott kein Anrecht auf eine eximirte Gerichtsbarkeit: der ſtolze Ghibelline Farinata, der Retter ſeiner Vaterſtadt Florenz(X, 91) liegt, wie alle Ketzer, in ſeinem Weſen und Streben, wie in einem glühenden Sarge lebendig begraben, Ulyſſes, die Verkörperung des unbegrenzten Fortſchrittes in der Wiſſen ſchaft, ſinkt hier oben im Ocean unter, um in der Hölle vom freſſenden Feuer ſeines Genies, das nichts anders als das ausgeſtoßene Gottes⸗ feuer iſt, verſchlungen zu werden.(XXVI, 94 ff.) Dantes ver⸗ ehrter Lehrer trägt an ſeinem Leibe die ſchändlichen Flecken ſeines Gewiſſens zur Schau, die er hier mit der gleißenden, ruhmreichen Hülle der Rhetorik, Aeſthetik und Moral bedeckte, und Bertram von Bormo, der kräftigſte und friſcheſte des von Dante anderswo hochgeprieſenen Troubadours⸗Triumvirates, welcher ſein poetiſches Genie zur Befriedigung ſeiner Luſt am Zerreißen göttlicher und menſchlicher Bande mißbrauchte, muß das eigne Haupt vom Rumpfe getrennt, bei den Haaren in der Fauſt tragen, wie eine nur zu ſpät benutzte Laterne.

Nicht das verbitterte Gemüth eines verdammungsſüchtigen, kurzſichtigen Melancholikers, Miſanthropen oder Parteigängers(XVI, 52), ſondern die Luſt eines der größeſten Männer an der Wahrheit und die Beugung eines der ſtärkſten Charaktere vor ihrem heiligen Scepter haben alle dieſe Heroen der Kunſt und Wiſſenſchaft, des Staates und der Kirche, deren inneres Leben von Gott losgelöſt war,

in die ewige Trennung von Gott enden laſſen. Man weiß kaum, was man mehr bewundern ſoll, den heiligen Ernſt mit dem die religiös⸗ ſittliche Betrachtungsweiſe als die höchſte und entſcheidende, geltend gemacht iſt, oder die Zartheit und Kunſt, mit der Dante überall vor allem menſchlich Süßen und Großen ſein natürliches Gefühl theils in Sympathie, theils in Anerkennung ausbrechen läßt. Staunend neigt er ſich vor den claſſiſchen Größen.(H. III.) Von dem ſüßen Feuer der Sinnenliebe einer Franziska wird er bis zur eignen Ohnmacht durchzuckt.(V, 113, 141.) Mit beredtem Munde er⸗ hebt er die Bürgertugend und Vaterlandsliebe eines Farinata. (VI, 79, 82. X, 91 ff.) Von der Geiſteskraft und Staatsklugheit anderer Landsleute, eines Guidoguerra und Aldobrandini, fühlt er ſich ſo angezogen, daß er zu ihnen herabeilen und ſie, die ewig Ruhmvollen, umarmen möchte(XVI, 46 ff.). Rührend iſt die Pietät, mit der er, der erhabne Schüler, auf ſeinen Lehrer Brunetto Latini hinblickt(XV, 82), oder die bebende Ehrfurcht, die ihn in der Gegenwart auch der ſchmählichen Päpſte überfällt(XIX, 58, 88, 100)). Er raubt den Verdammten kein Haar von ihrem natür⸗ lichen Werthe. Ihren ganzen Charakter ſammt allen Verdienſten und Tugenden läßt er ſie in der Hölle ewig behalten, die antiken Häupter ihre irdiſche Erhabenheit, die Namenchriſten ihre Heiligen⸗ mienen, den Kapaneus ſeinen ſtürmiſchen Trotz, den Farinato den ſtolzen Republikanismus, dem das irdiſche Vaterland als höchſter Schatz, Sorge hingegen um die eigne Seele als Thorheit gilt, den gelehrten Brunetto Latini ſeine äſthetiſirende, nur nicht vor Ge wiſſensbrandmalen ſchützende Moral, den weltgeſchichtlichen Jaſon die edle, königliche Haltung, die keine ihres Gleichen findet.(XVIII, 82 ff.) Die Menſchlichkeit, durch die alles menſchlich Holde mitge⸗ fühlt, die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit, in der alles menſchlich Bedeutende anerkannt, die geiſtig-ſittliche Energie endlich, und die chriſtliche Einfalt, durch welche der heilige Gott über dem allein ſo hoch erhöht wird, wie der Himmel über der Hölle iſt, umſchlingen und durchdringen ſich in Dantes Hölle zu gegenſeitiger Verklärung und Stärkung ſo wunderbar, daß jede neue Verſenkung in dieſe Ge⸗ ſtalten neue Seiten zu neuer Geiſteserquickung entdecken läßt.

Wie in der Hölle das ſittliche Gericht, die Conſequenz der Sünde auch über die Häupter der Genies hereinbricht, ſo hören wir auf dem Läuterungsberge die Genies aller Art nach Erlöſung aus den drückenden Ketten ihres genialen Dünkels ſeufzen. Sie fühlen und bekennen, daß die Erdenhoffahrt, in der ſie einſt mit aufge⸗ richtetem, ſteifem Nacken und kühner, vermeſſener Stirn daſtanden oder über alle irdiſche Höhen emporzuflattern große Luſt hatten, ihr wahres und göttliches Weſen wie unter einer Centnerlaſt nieder⸗ drückt, das edle und hohe Bild des Menſchen jämmerlich entſtellt, und ſeine Entfaltung zur göttlichen Größe unmöglich macht.(X, 113 ff.) Das ſtolze Gaffen nach irdiſchen Höhen verhindert das Aufſchauen zum Allerhöchſten, und iſt im Grunde nichts anders, als fortwährendes Hinſtarren auf den Staub(XI, 52), mag dieſer Stolz nun ein Ahnenſtolz ſein, wie beim Grafen Omberti(XI, 58 ff.), oder Künſtlerhochmuth und Aufgeblaſenheit des Genies, wie bei dem gefeierten Miniatur-Maler Odeviſi(XI, 79 ff.), oder Dünkel und Trotz des Staatsmannes und Herrſchers.(XI, 79 ff.). Mit beſonderem Ernſte verweilt Dante, der erſten einer unter allen Bildnern, bei dem Künſterruhm, der Genieverherrlichung, und erklärt beides für einen Mühlſtein auf dem Haupte. Es bedeutet etwas, daß er als Repräſentanten der ſtolzen Kunſtjünger einen Miniaturmaler gewählt hat, denn gegen den großen und lebendigen Urbildner, den allmächtigen Gott, ſind alle Kunſtwerke und ſelbſt die Himmel, Erde und Hölle, das ganze Univerſum um⸗ faſſende göttliche Komödie Dantes winzige und todte Miniatur⸗ bildchen, durch deren Bewunderung vom Anſchauen der lebendigen Gottesbilder ſich abhalten zu laſſen, unſer Dichter für mehr als Thorheit erklärt. Und dennoch dünkt ſo manches Miniaturma⸗ lerchen in Farben, Ton oder Wort über den lebendigen Gott und ſeinen Willen ſich erhaben.

O vana gloria dell' umane posse! ruft einer(XI, 91) von ihnen, deſſen ganzes Herz einſt von dergroßen Sehnſucht nach Eccellenza ſchwoll, und fügt hinzu:.

Nichts iſt der Weltruhm, als ein Hauch des Windes; Des Graſes Farbe gleicht die Namensehre,

Das kommt und geht, entfärbt von jener Kraft,

Die es hervorrief aus des Bodens Schwere.

V V V

4* 3 d 5 1 prei berge/ herrn in nnzuhöre Wahnie beginnen nelt geb heugen u ſanmenzu dr Hochn rurch ſein Dan wie erhab Genuß de wahrhaft die gottgeſ aus ſeinen unſer Lebe

&= 0

3

2

Die weſens iſt reatürlichen in immer lie

Alles⸗ genialität m

Im Hoch zu einer F in einer Fam delſelbe war f die nächſte E meine Reiſe fo