Zwar mäßigt der Doctor ſeine Stimme, kann aber nicht um⸗ hin, einige Bemerkungen über Schmälerung der allgemeinen Menſchen⸗ rechte zu machen, die Bohr jedoch ignorirt. Den kranken Herren wird das Stehen ſchwer und ſie ſetzen ſich deshalb auf eine Kanone. Aber nur einen Augenblick wird ihnen dieſe Erholung gegönnt.„Ich muß Sie erſuchen, ſich nie auf Sr. Maj. Hinterdeck hinzuſetzen, am aller⸗ wenigſten aber auf eine Kanone,“ tönt die Stimme des Wachhabenden ihnen entgegen. Alle drei erheben ſich und wanken an die Luvſeite, doch das Schickſal, überall Verſtöße gegen die Schiffsetikette zu machen, verfolgt ſie auch hier und Lieutenant Bohr muß ſie abermals darauf aufmerkſam machen, daß die Luvſeite nur für den Commandanten, den erſten und den wachhabenden Officcier beſtimmt iſt, alle übrigen ſich aber auf der Leeſeite Sr. Maj. Hinterdeck aufzuhalten haben. Ver⸗ zweiflungsvoll begeben ſich die überall vertriebenen Badegäſte nach dem Lee Fallreep. Sie ſtehen ſchweigend neben einander, halten ſich krampfhaft an einem Tau feſt und ſtarren zum Tode krank in die vorbeirauſchenden Fluten, wobei ſich unwillkürlich ihrem Gedächt⸗ niſſe die Strophe des alten Liedes aufdrängt:„Ach wär' ich zu Hauſe geblieben, ich hätte was Beſſeres gethan.“
Noch einige ſtampfende Bewegungen des Schiffes und die Kriſis tritt ein. Salomo beginnt; ſei es Wirkung des ſchlechten Beiſpiels, ſei es eigene Ueberzeugung, ſeine drei Begleiter folgen ihm ſofort und alle vier bieten jetzt das Bild eines aus eben ſo viel Köpfen ſprudelnden Springbrunnens.
Ich will den Leſer mit der Beſchreibung der Seekrankheit ver⸗ ſchonen. Sie iſt ſchrecklich, aber nicht gefährlich, und deshalb zeigen die ſonſt ſo gutherzigen Seeleute mit den daran Erkrankten kein Mitleid, ja ſie machen ſich ſogar noch über die Unglücklichen luſtig. Der Kadett Vogel gibt Dr. Salomo ein vorzügliches Gegenmittel an die Hand. Er räth ihm ein Stückchen Speck an einen Bindfaden zu binden, es abwechſelnd hinunterzuſchlucken und wieder heraufzuholen, um die Kehle geſchmeidig zu machen.
Vorn auf dem Deck ſieht es nicht beſſer aus, die neuen Schiffs⸗ jungen und Seeſoldaten drängen ſich Kopf an Kopf, über die Reiling und zollen dem Meere ihren Tribut. Einige Jungen wollen mit
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Gewalt wieder nach Hauſe und bitten den wachhabenden Officier unter Thränen, ſie doch ans Land zu ſetzen. Andere liegen trotz der Näſſe und Kälte in gänzlicher Apathie auf dem Verdeck und laſſen in dumpfer Reſignation die ſchlechten Witze ihrer Kameraden über ſich ergehen.
So verfließt die Nachmittagswache. Um fünf Uhr iſt Muſterung an den Geſchützen, deren Befeſtigungen nachgeſehen werden. Der erſte Officier macht dem Capitän Meldung darüber, und der Tambour ſchlägt ab. Die Mannſchaft bleibt jedoch in Gruppen vor dem Groß⸗ maſt ſtehen. Sie hat bemerkt, daß Capitän und erſter Officier über das Wetter ſprechen und erſterer auf eine in Weſten aufſteigende Wolken⸗ ſchicht zeigt. Eine derartige Unterhaltung nach der Geſchützmuſterung läßt die Leute auf ein Segelexercitium ſchließen und die Vermuthung wird zur Gewißheit, als Kurzſpleiß die Commandobank beſteigt.
„Alle Mann klar zum Segelbergen!“ tönt der Befehl,„Bram⸗ ſegel feſt, zwei Reffe in die Marsſegel, entert auf!“
Ha was für ein Gewühl und Drängen und Durcheinander entſteht plötzlich auf dem Deck! Die Bramſegel werden fortgenommen, die Marsraaen raſſeln donnernd von oben, die Refftaljen werden ausge⸗
yolt, die Segelberger entern in den Wanten auf und verbreiten ſich
auf den Raaen. In drei Minuten ſind die Bramſegel feſtgemacht, die Marsſegel gerefft und wieder geſetzt und die bekannten Roll⸗ pfiffe mit dem ſogenannten Schnepper daran, rufen zum Grog, den der Capitän ſowohl als Anerkennung für die ſchnelle Ausführung des Manövers als auch in Rückſicht auf die bevorſtehende November⸗ nacht austheilen läßt.
Um ſechs Uhr iſt Abendbrot, unveränderlich aus geſüßtem Thee und Butterbrot beſtehend, nur werden die Rationen wegen der vielen Seekranken heute größer und die Butter wird fetter als gewöhnlich aufgeſtrichen.
Um acht Uhr wird die neue Wache gepfiffen, und die andere Hälfte der Mannſchaft bekommt Hängematten. Das Uhrwerk des Schifftages iſt abgelaufen. Das Schiff zieht einen glühenden Streifen durch die dunklen Fluten, die Nacht lagert auf dem Meere und der erſte Tag in See iſt beendet.
Kerzte und Yfuſcher.
Von Reg.⸗ und Medicinal⸗Rath Dr. Wald.
Vor zweihundert Jahren ſchrieb der berühmte Ritter William Temple in ſeinem klaſſiſchen„Verſuch über Geſundheit und langes Leben“ Folgendes:
„Es gibt Modekrankheiten und Modearzneien, die Zugvögeln gleichen, und die man zu einer Zeit überall, und hernach nirgends mehr ſieht. Als ich noch ſehr jung war, fürchtete man ſich vor nichts allgemeiner, als vor der engliſchen Krankheit bei Kindern und der Schwindſucht bei den heranwachſenden jungen Leuten. Nach dieſen wurde die Hypochondrie die Modekrankheit. Dann kam der Schaarbock an die Reihe, und Jedermann klagte darüber. Nach einiger Zeit wurden ſodann alle Krankheiten von einer Ent⸗ zündung des Bluts erregt, und endlich folgten die Vapeurs. Ebenſo ging es mit den Arzneimitteln. Ich erinnere mich, daß zu einer Zeit das Tabakrauchen, ſodann das erwärmte Malzbier Univerſalarzneien waren. Nach dieſen folgte das Verſchlucken kleiner Steine, weil die Falkeniere ihre Falken in dieſer Weiſe kurirten. Ein gewiſſer Arzt brachte endlich die Methode auf, alle hitzigen Krankheiten und Fieber mit kaltem Waſſer zu kuriren, wovon man ſoviel als nur immer möglich trinken mußte. Wieder zu einer andern Zeit wurde eine gewiſſe Menge ausgedörrtes, klein geriebenes Weißbrot, welches nach dem Eſſen einzunehmen war, für ein untrügliches Mittel gegen alle Verdauungsbeſchwerden ge⸗ halten. Hierauf kam der Kaffee und Thee an die Reihe. Die aus⸗ gepreßten Kräuterſäfte und die Stahlpulver folgten in der Ordnung, wie auch gewiſſe Tropfen(Liqueure), die ſehr zuſammengeſetzt waren. Es geht mit dieſen Dingen wie mit den Kleidertrachten, die Jedermann nachahmt und ſo lange ſie neu ſind, für die beſten hält, ſie aber wegwirft, ſobald ſie aus der Mode kommen.“
Soweit der Ritter Temple. Angeſichts des geprieſenen Fort⸗
ſchritts der Natur- und Heilwiſſenſchaft in unſerer Zeit macht es einen ſonderbaren Eindruck, daß dieſe vor 200 Jahren geſchriebene Beobachtung faſt wörtlich auf die Gegenwart paßt. Setzen wir an die Stelle des„erwärmten Malzbiers“ den Malzextrakt,— geben wir jenem Kalt⸗Waſſerarzte, von dem der Ritter ſpricht, den Namen Prieſſnitz; dem Erfinder der trocknen Semmelkur den Namen Schroot, ſo bleibt, da es ſelbſt nicht an den Kräuterkuren der Madame Graf in Thüringen und des Herrn Lampe in Goslar und an dem zuſammengeſetzten ſogenannten Kräuterliqueur des Daubitz fehlt, wirklich nur noch das Verſchlucken kleiner Steine übrig, um welche jene Zeit der unſrigen voraus war, welche jedoch zum billigen Erſatze dafür die Goldbergerſchen Halsbänder und Amulete aufzuweiſen hat. Soviel iſt klar, daß die mediciniſchen Anſchauungen der heutigen civiliſirten Völker genau auf demſelben Standpunkte geblieben ſind, wie vor 200 Jahren. Und da es gefährlich ſein würde, hinter den gerühmten Fortſchritt der mediciniſchen Wiſſen⸗ ſchaft ein Fragezeichen zu ſetzen, ſo bleibt nur die Thatſache übrig, daß die Welt ſich verzweifelt wenig an dieſen Fortſchritt kehrt.
Aber etwas iſt doch gegen früher anders geworden. Im Gegen⸗ ſatz zu früheren Zeiten fällt die Gegenwart dergleichen Modekuren nicht blos aus Gedankenloſigkeit bei, oder aus Luſt am Wunderbaren und Abenteuerlichen, ſondern geradezu mit einer bewußten Oppoſition gegen die Aerzte und ihre Wiſſenſchaft. Betrachtet man den Fana⸗ tismus der Waſſerfreunde und Schrootianer, der Anhänger Lampes, Morriſons, und erwägt man die pekuniären Erfolge der modernen Schwindeleien mit den mediciniſchen Schnäpſen;— erwägt man ferner, wie der Zulauf zu den von Zeit zu Zeit auftretenden Wunderdoctoren, Schäfern und Wundermädchen den Ruf der be⸗ währteſten Aerzte weit überflügelt: ſo kommt man auf den Gedanken, daß das Volk ſich eigentlich nur in augenblicklicher Ermangelung ſolcher
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