Jahrgang 
1865
Seite
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unglückſeligen Leichdorn die Entſchuldigungen kaum hört, mit denen jener ſein ſcheinbares Ungeſchick gut machen will, iſt ihm von dem andern Spitzbuben die Uhr bereits aus der Taſche geholt. Wer auf der Gaſſe unſanft umgerannt wird, der merke auf, ob nicht in dem ſelben Moment eine Hand in ſeine Taſche greifen wird! Auch darf man nicht allzu ſorglos ſein, wenn man auf der Straße um Feuer von der brennenden Cigarre gebeten wird. Mancher hat die Sorg⸗ loſigkeit, mit der er dieſe Gefälligkeit erwies, ſchon mit ſeiner Uhr oder Börſe bezahlen müſſen. Ebenſo müſſen ſich Damen vorſehen, wenn ihnen, wie zufällig, aufs Kleid getreten wird. In dem Mo⸗ mente, in dem ſie ſich umſehn, kann ihre Taſche geleert werden. In Sonderheit ſei man vorſichtig, wenn man auf der Straße an glänzend ausgeſtatteten Schaufenſtern, vor Bilderläden, Juwelenhandlungen und ähnlichen Geſchäften, deren Glanz gewöhnlich eine Gruppe von Schauluſtigen feſſelt, ſtehn bleibt. Unter den aufmerkſamen Be⸗ ſchauern, die ſo harmlos wie möglich ausſehn, fehlen nur zu häufig die Taſchendiebe nicht und mit feinem Kennerblick wiſſen ſie zumal den Fremden, bei dem ſie eine größere Unkenntniß mit ihrer Schurkerei vorausſetzen dürfen, aufs Korn zu nehmen. Zwei oder drei machen dann, nachdem man mit einem Blicke ſich verſtändigt,Wand, d. h. ſie decken den Spitzbuben, der den Diebſtahl ausführen ſoll, vor den Blicken des nächſtſtehenden Publikums, und mit Blitzesſchnelle iſt das Verbrechen nicht nur ausgeführt, ſondern das Geſtohlene auch be⸗ reits in die Hände eines Kameraden gewandert, der daſſelbe vielleicht einem dritten zuſteckt, damit die Beute ſchleunig davon gebracht werde. Denn ſelten behält ein Taſchendieb was er erbeutet hat, in Händen; er gibt es ſchnell weiter, damit, falls er gefaßt würde, bei ihm nichts vorgefunden werde und er als der Unſchuldige daſtehe. Dar⸗ über kam vor nicht lange ein angeſehener Mann, irren wir nicht, ein Mitglied des preußiſchen Herrenhauſes, in gar üble Verlegen⸗ heit. Er erhielt in Berlin Beſuch von einem auswärtigen Freunde und man verabredete, Abends ins Opernhaus zu gehn.Aber laß Deine Brieftaſche zu Hauſe! ſagte er zu dem Freunde.Wa⸗ rum?Du könnteſt ohne ſie nach Hauſe kommen; hier gibt es Taſchendiebe!Taſchendiebe! antwortete der Freund;ich werde mich von Taſchendieben ausbeuteln laſſen! nein, ſo dumm bin ich nicht! Alles Zureden war vergeblich und der Freund ging mit ſeiner wohlgefüllten Brieftaſche ins Opernhaus. Der andere aber wollte ſich mit dem allzu Sichern einen harmloſen Scherz erlauben, ihm beim Hinausgehen im Gedränge die Brieftaſche ſelber nehmen, um ſchließlich an dem Schrecken des Freundes ſich ein wenig zu weiden, ihm das Seine wiederzugeben und einen kleinen Triumph über ihn zu feiern. Er verſuchte das ungewohnte Wage⸗ ſtück, und in der That, es gelingt. Aber kaum hat er die Brieftaſche verborgen, da fühlt er in ſeiner eigenen Rocktaſche eine fremde Hand; er greift hinein und was findet er? eine goldene Doſe! Ein Taſchendieb hat ſeine Manipulation geſehn, hat ihn für einen Spieß⸗ geſellen gehalten und auf der Stelle ihm zugeſteckt, was er ſo eben mit langen Fingern erbeutet hatte. befand ſich in der peinlichſten Verlegenheit und hatte Grund, ſeinen unbedachten Scherz zu bereuen. Ihm blieb nur übrig, der Polizei⸗ behörde zu übergeben, was unter ſo ſeltſamen Verhältniſſen in ſeine Taſche gekommen war.

Alte Gaunerkniffe, wie der, daß der Dieb ſeinen Nachbar im Theater um eine Priſe bittet und in die geöffnete Doſe eine kleine Bleikugel mit einem Seidenfaden fallen läßt, an dem er ſpäter die Doſe aus des Nachbars Taſche zieht, kommen noch immer wieder vor. Ebenſo das Spitzbubenſtück, das in Eiſenbahnwagen, Poſtkutſchen und Omnibuſſen executirt wird und das, nach Zeitungsnotizen, neuerdings wieder in London graſſiren ſoll. Daſſelbe beſteht in nichts anderem, als daß der Gauner, in einen Mantel gehüllt, falſche Arme trägt, die er, die behandſchuhten Hände womöglich gefaltet, mit Gra⸗ vität auf ſeinem Schooße ruhen läßt. Während ſie aber da ruhen, greift er mit ſeinen wirklichen Händen heimlich nach rechts und nach links und leert die Taſchen ſeiner Nachbarn.

Empörend iſt es, daß ſelbſt die Kirchen zu Schauplätzen für den verbrecheriſchen Unfug des Taſchendiebſtahls gemacht und die Gottesdienſte ſchandbar entweiht werden. Es kommt vor, daß Menſchen, die, wie in Andacht verſunken knieend, unter der Maske des Gebetes nur ihre Niederträchtigkeit verbergen und auf nichts harren, als auf den Augenblick, eine Taſche, nach der ſie ſchielen, zu erreichen. Es gibt Taugenichtſe, die niemals eine Kirche betreten, es ſei denn,

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Der mit der goldene Doſe Beſchenkte drucke des Ladendiebſtahls.

daß ſie auf Raub ausgehn. Am liebſten ſuchen ſie natürlich die⸗ jenigen Kirchen, die am meiſten gefüllt zu ſein pflegen, denn hier agiren ſie am ungeſtörteſten und können nöthigenfalls ſich am leich⸗ teſten im Gedränge verbergen. Namentlich pflegen es die Confir⸗ mationen zu ſein, bei denen die Taſchendiebe der Regel nach nicht fehlen. Bei einem derſelben fand ſich gelegentlich ein vollſtändiges Verzeichniß aller in Berlin um die Oſterzeit gerade damals bevor⸗ ſtehenden Confirmationen, mit genauer Angabe von Ort und Zeit. Man rechnet eben auch darauf, daß bei Gottesdienſten an die Nähe von Schurken am wenigſten gedacht wird.

Schließlich ſei bemerkt, daß die Kunſt und die Künſte der Taſchendiebe denn ihre Behendigkeit iſt in der That eine Art von Kunſtfertigkeit, die ihres Gleichen ſucht, mit der Kunſt und den Künſten der Taſchenſpieler in ſehr nahem Zuſammenhange ſteht. Es gibt ohne Zweifel ſehr ehrenwerthe Taſchenſpieler, aber es kommt auch vor, daß Taſchendiebe ihr Metier aufgeben, um als Taſchenſpieler in die bunte Reihe der fahrenden Künſtler einzurücken.

Den nahen Zuſammenhang beider Spielarten erſieht man aus einem

Meiſterſtücke des berüchtigten Cartouche, deſſen Gewandtheit und Frech⸗ heit in der That unübertroffen geblieben iſt. Als er nämlich in Paris am meiſten von ſich reden machte, äußerte der König eines Tages bei der Abendtafel, er möchte den Cartouche doch wohl einmal ſehn. Am andern Morgen, auf dem Wege nach dem Audienzſaal, bemerkte der König in einem Zimmer einen Menſchen, der die ſilbernen Wand⸗ leuchter zu poliren ſchien. Die Leiter, auf welcher er ſtand, drehte ſich, ſowie der König ſich näherte, und wollte umfallen. Der König ſprang ſogleich hinzu und hielt ſie mit den Worten:Nehmen Sie ſich in Acht, Sie können verunglücken! Cartouche ſtieg jetzt von der Leiter und machte dem Könige ſeine Verbeugung mit dem Worten: Ew. Majeſtät ſind ein zu gnädiger Monarch, unter deſſen Schutz ich nie verunglücken werde. Der König lächelte über dieſe Cour⸗ toiſie des vermeintlichen Leuchterputzers und ging in den Audienz⸗ ſaal, in welchem er ſofort in die Taſche nach ſeiner Doſe griff. Zu ſeinem Erſtaunen lag in der Doſe ein kleines Billet:Cartouche hat die Ehre gehabt, mit Ew. Majeſtät zu ſprechen. Er konnte die ſilbernen Wandleuchter nehmen und auch Ew. Majeſtät Doſe, denn ſie waren in ſeinen Händen; allein Cartouche raubt ſeinem Könige nichts. Er wollte nur Ew. Majeſtät Wunſch erfüllen. Natür⸗ lich war Cartouche über alle Berge. Hätte ein Taſchenſpieler ſich irgendwo producirt, er hätte kein glänzenderes Stück zum beſten geben können. Nur iſt die Kunſt des Taſchenſpielers, den man beſucht, minder koſtſpielig, als die des Taſchendiebes, von dem man geſucht wird. Man hüte ſich vor ihm!

Und nun noch ein Paar Notizen über den Ladendiebſtahl. Für ihn braucht die Gelegenheit nicht erſt künſtlich ausſpionirt zu werden; ſie ſteht mit großen Buchſtaben auf den Schildern der Läden geſchrieben, und je glänzender ein Kaufmannsladen iſt, um ſo lockender iſt er für den Dieb und die Diebin. Der Kaufmann ſteht, oft mehr als er es weiß oder eingeſtehen will, unter einem unerhörten Steuer⸗ Mancher Lagerdefekt, der ſich bei der Jahresinventur herausſtellt, gehört auf keine andere Nota, als auf die ſeine. Der Ladendiebſtahl iſt ein äußerſt cultivirter Induſtrie⸗ zweig des Gaunerthums. Kundige Polizeibeamten verſichern, daß die jährliche Ausbeute deſſelben in großen Städten eine ungeheure ſei. Die billigen Waaren mancher Händler und Hauſirer ſind oft nichts, als die Trümmer ſolcher Beute.

Vorzugsweiſe legen ſich Frauenzimmer auf den Ladendiebſtahl. Ihre weiten Tücher und Mäntel ſind für dieſen Krieg die beſte Mon⸗ tur. Aber auch an Männern fehlt es nicht, die dies Geſchäft mit Vorliebe treiben. Als reiſende Engländer, Grafen, Barone, wohl gar von einem Bedienten gefolgt, beſuchen ſie gern die Uhren⸗ und Goldläden und andere feine Geſchäfte. In der Regel hat der Laden⸗ dieb, wie die Ladendiebin, ihre Begleitung. Was iſt auch natür⸗ licher, als daß man bei wichtigen Einkäufen einen Freund, eine Freundin mitbringt, auf deren Rath und Geſchmack man ſich ver⸗ laſſen kann? Welche Dame kauft ein ſeidenes Kleid, bei deſſen Aus⸗ wahl ſie ſich nicht rathen ließe? Man läßt ſich Waaren zeigen, man prüft, man muſtert, man findet immer nicht ganz, was man ſucht; Stück um Stück wird auf den Ladentiſch gehäuft, bald hat man eine Art von Barrikade vor ſich. Noch immer iſt das Rechte nicht gefunden; der geplagte und dienſtfertige Verkäufer bückt ſich, wendet den Rücken, ſteigt auf eine Leiter, ſucht in dieſem und jenem

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