andern Junker in der Gegend. Der Generalwachtmeiſter muß in dieſer Zeit bedeutende Summen an die Aufbeſſerung der väterlichen Güter geſetzt haben. Wir erfahren nicht, wie die Geſchwiſter mitein⸗ ander gelebt haben in jenen Tagen, ſondern nur, daß der General⸗ wachtmeiſter immer ernſt und traurig geweſen und mit ſeinem Schlapp⸗ hut und dem rothen Handſchuh oft tagelang in der Haide einſam herumgeſtreift ſei. In jener Zeit wird auch das eigenthümliche Bild von ihm gemalt ſein, denn im Jahre 1637 ſtarb Fräulein Loyſe, aus Kummer über das„ungewiſſe Schickſal des Gotteshanſen, ihres lieben Bruders,“ hieß es in einer Niederſchrift, die noch am Ende des abgewichenen Jahrhunderts vorhanden war, und der General⸗ wachtmeiſter ließ„aus Dänemark“ mit großen Koſten einen Maler kommen, welcher für die Kirche zu Haidelliſt eine„ſchöne Tafel von der Auferſtehung“ malen mußte, zum Ehrengedächtniß für das Fräu⸗ lein. Das Bild iſt mit dem alten Dorfkirchlein ein Raub der Flam⸗ men geworden. Wahrſcheinlich hat derſelbe Maler damals das Porträt des Generalwachtmeiſters gemalt; es iſt das Bild ſicherlich das Werk eines Mannes von nicht gemeinem Talent, wer es auch geweſen ſein mag. Wir haben oben geſagt, daß das Geſicht des Generalwachtmeiſters auf dieſem Bilde den Ausdruck einer faſt er⸗ habenen Schwermuth trage; es iſt das Antlitz eines Mannes, der viel geduldet und gekämpft, der aber ahnet oder weiß, daß ihm das Schwerſte noch bevorſteht.
Es war in einer ſtürmiſchen Novembernacht, der Tag hat ſich nicht genau feſtſtellen laſſen, des Jahres 1639 als die Bewohner des Dorfes Haidelliſt die Töne der Nothglocke auf dem Schloßthurm ver⸗ nahmen, welche vom Winde getragen, laut und vernehmlich über die Haide klangen. Sie hatten die Pflicht, auf dieſes Signal ſofort be⸗ waffnet ſich vor dem Schloß einzuſinden und die ehrlichen branden⸗ burgiſchen Leute erfüllten dieſe Pflicht mit großem Eifer, denn ſie liebten ihre Herrſchaft um vielfacher Wohlthaten willen. Wir er⸗ fahren, daß in jener Nacht einunddreißig bewaffnete Männer aus⸗ zogen; ſo ſtark mochten bei der immer zunehmenden Entvölkerung damals wenige Dörfer in der Mark ſein! und es lag gewiß nicht an dieſen treuen Mannen, daß ſie zu ſpät kamen. Aber zu ſpät kamen ſie und zwar zu ſpät, um das Unglück zu verhüten, zu ſpät auch, um Rache an den Uebelthätern zu nehmen.
Als ſich die Bewaffneten der Stelle näherten, wo der Dorfweg im ſtumpfen Winkel mit dem Knüppeldamme zuſammenſtößt, welcher in die Haidebucht nach dem Schloſſe führt, da hörten ſie es in einiger Entfernung an ſich vorüberbrauſen, Geklapper und Geklirr und Roſſesgeſchnauf und Menſchenſtimmen, halb verweht im November⸗ ſturm und ein einzelnes rothes Licht flog über die Haide,— ein Reiter, der jenen nächtlichen Zug mit einer Fackel oder einem Wind⸗ licht führte. Im vollen Lauf ſtürmten die Dorfleute heran, die auch ihrerſeits Fackeln hatten. Dicht an den Vorderſten vorbei ſchnob ein einzelner Reiter, ein Nachzügler, ſie wollten ihm in den Zügel fallen, er aber hub ein Piſtol, feuerte mitten in ſie hinein und jagte dann laut fluchend weiter; er hatte keinen verwundet; den ſichtlich trefflich Berittenen zu verfolgen wäre Thorheit geweſen, es ſiel auch keinem der Dorfleute ein, da die Aufmerkſamkeit aller alsbald durch ein neues Ereigniß vollſtändig in Anſpruch genommen wurde. Sie hatten ſo eben den Knüppeldamm erreicht, die Stelle, wo jetzt die Sandſteinpyramide zwiſchen den drei Eichen ſteht; am Tage konnte man von dort das alte Schloß Haidelliſt ſehen und jetzt in der finſtern Novembernacht konnten ſie's auch ſchauen, denn ein unge⸗ heurer rother Flammenſtrahl ſchoß kerzengerade heraus aus dem viereckten Hauptthurm, ſtand wie ein Licht, alles ringsum röthlich anſtrahlend über dem Helm des Thurms und legte ſich dann, ge⸗ worfen von der Kraft des Sturmes, der Länge nach über die Dächer, verſuchte ſich wieder zu erheben und flackerte ohnmächtig auf und nieder im Kampf mit dem Sturme.
Im vollen Laufe jagten die Bauern auf dem Knüppeldamme dem Schloſſe zu, die Klänge der Nothglocke ſchwiegen plötzlich.
Die Dorfleute fanden das Thor an der kleinen Brücke ge⸗ ſprengt; wie ſich nachher ergab, war es durch eine angeſchraubte Petarde zerſchmettert, und dicht an dem Portal, durch welches man aus dem äußeren Hof durch das Schloß hindurch in den innern, den ſogenannten Brunnenhof geht, lag mit geſpaltenem Schädel die Leiche des langen Schweden; ſo nannte man einen alten Leibdiener
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des Generalwachtmeiſters, der ſeinen Herrn auf allen Zügen be⸗ gleitet hatte und in der letzten Zeit Wächter des Schloſſes geweſen war. Beim Anblick der Leiche ſtutzten die Bauern, bis eine Stimme rief:„Zum Thurm, Landsleute, helft das Feuer löſchen!“
Trotz des wüthenden Sturmes, deſſen Gewalt gegen den Morgen immer mehr zunahm, gelang es, das Feuer zu bewältigen, oder richtiger geſagt, auf den gewaltigen Eckthurm zu beſchränken; dieſer brannte völlig aus, die übrigen Theile des Schloſſes blieben unverſehrt. Vielleicht verhinderte eben die Macht des Sturmes die Flammen oben aus dem Thurm herauszuſchlagen, durch die ſchmalen Fenſtereinſchnitte aber erhielt der Brand nicht Zug genug und ſo war die Glut zwiſchen den klafterdicken Mauern eingefangen und wurde wahrſcheinlich durch den Zuſammenſturz des Helms erſtickt.
Aber wie ſah es in dem Schloſſe aus? Blut auf Gängen und Treppen, Blut und Leichen überall. In dem Gemach, in welchem das fremde kleine Mädchen mit ſeiner Erzieherin, oder was ſie ſonſt geweſen ſein mag, geſchlafen, lagen die beiden Herren von Haidelliſt todt mit furchtbar klaffenden Wunden an Bruſt und Stirn. Es mußte hier ein langer erbitterter Kampf ſtattgefunden haben, die Leichen von drei fremden Männern bezeugten, daß die beiden Junker ihr Leben theuer verkauft hatten. Der Generalwachtmeiſter war nur mit einem Mantel bekleidet, ſonſt völlig nackt, ſicherlich war er aus dem Bett herbeigeeilt, ein Piſtolenſchuß hatte ihn getödtet, die Kugel war durch das linke Auge eingedrungen, außerdem hatte er noch vier offene Wunden an ſeinem Leibe; Junker Achim war in voller Klei⸗ dung, er hatte alſo wahrſcheinlich noch gewacht, ihm war die Kehle durchſtoßen, er hatte noch das Gefäß ſeines Schwertes in den vom Todeskrampfe feſtgeſchloſſenen Fingern, die Klinge war abgeſprungen; die Thüre zeigte ſich eingeſchlagen, die Spiegel zerſchmettert, die Tiſche umgeſtürzt und überall klebte Blut und Hirn in der ſcheuß⸗ lichen Verwirrung. Ferner fand man noch die Leichen von zwei Dienern des Hauſes und die der alten Magd des verſtorbenen Fräu⸗ leins Loyſe. Die letztere lebte zwar noch, als die Hilfe kam, aber ſie verſchied, ohne eine Mittheilung machen zu können, vor Tages⸗ anbruch. Zwei andre Diener des Hauſes und eine Magd wurden vermißt, wahrſcheinlich waren ſie in dem Thurm verbrannt. So zählte man am Tage nach der Mordnacht, mit den drei Fremden, eilf Opfer im Schloſſe zu Haidelliſt. Gerettet hatten ſich nur der Jäger, der in der Nacht zufällig im Schloſſe war, dieſer hatte die Nothglocke gezogen, bis ihn das Feuer vertrieb; ferner zwei Knechte, die im Stall bei den Pferden gelegen hatten und erſt durch das Getöſe im Schloß und die Piſtolenſchüſſe erweckt worden waren. Sie hatten ſich nach dem vordern Hof geſchlichen, dort aber verſteckt gehalten, da ſie eine ganze Schar bewaffneter Reiter beim Schein einiger Fackeln erkannt. Unbewaffnet wie ſie waren, hätten ſie gegen die Ueber⸗ macht doch nichts vermocht. Zwei Mägde, welche in einer Kammer am Brunnenhof lagen, hatten nur das Geſchrei der Kämpfenden ver⸗ nommen, ſie hatten nicht gewagt, die Kammer zu verlaſſen. Zu den eilſ Opfern fand ſich ein zwölftes am folgenden Tage; denn als man die Spuren der Reiterſchar, die an fünfzig Mann ſtark geweſen ſein muß, verfolgte, fand man keine halbe Stunde weit vom Schloß die Leiche jenes feinen fremden Dieners, den der Generalwacht⸗ meiſter mitgebracht, er war von mehreren Degenſtichen jämmerlich ermordet.
Die Kunde von dieſem blutigen Ueberfall, deſſen Zweck und Ziel offenbar die Wegführung jenes fremden Mädchens, oder ver⸗ kleideten Knaben, nebſt ſeiner angeblichen Erzieherin geweſen, würde in jeder andern Zeit ſicherlich das ungeheuerſte Aufſehen gemacht und Nachforſchungen aller Art von Seiten der Obrigkeit zur Folge gehabt haben, damals ſcheint es bei dem allgemeinen Elend, dem Kriegstrouble und der Machtloſigkeit der churfürſtlichen Behörden beinahe ſpurlos vorübergegangen zu ſein; wenigſtens erfahren wir gar nichts von einer etwa ſtattgehabten Unterſuchung. Es wird uns eigentlich nur mitgetheilt, daß auf„boshaftige Weiſe“ ein Gerücht„ſpargiret“ worden, als habe der Generalwachtmeiſter mit einer ſchwediſchen Kriegskaſſe die Flucht ergriffen gehabt und ſei darum ſchwediſcher Seits von einer Streife heimgeſucht, endlich aber im Kampfe mit derſelben elendiglich umgekommen.
(Fortſetzung folgt.)
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