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(rundes Fenſter) gedruckte Schmähungen zu des Königs Füßen nieder und am geſchäftigſten in der Verläumdung ſind die Genoſſen des könig⸗ lichen Hauſes, diejenigen, denen man keine Einladung für Trianon ſchickte, weil ſie entweder zu langweilig oder zu compromittirt ſind. Dieſe Leute verbreiten die Angriffe in weiter Linie. Abends hört man in den Foyers der Theater, in den Garderoben der Sophie Arnauld, der Contat oder Demare Anecdoten und Charakterzüge aus dem Privatleben der Königin. Von hier aus ſtiegen ſie nieder unter das Volk und halfen ſchieben, zerren, reißen an dem Wagen des Glücks, der bereits bergab zu rollen begann.— Wer richtet über Wahr oder Unwahr jener Beſchuldigungen? wer entſchleiert die Vorgänge, deren Heldin Maria Antoinette ſein ſollte? Es iſt verborgen geblieben in der Nacht der Jahre und niemand kann die Falten lüften, die Bos⸗ heit und Neid emſig durchdringen und zerreißen wollen, um das Bild der unglücklichen Fürſtin häßlich beſudelt zu zeigen.
Aber noch iſt Maria Antoinette die Herrſcherin. Wie ein ver⸗ wundetes Wild zieht ſie ſich in Trianons Einſamkeit zurück und ſucht ihrße Wunde in dem Kreiſe der Freunde durch heitres Spiel, Lectüre und Muſik zu heilen. Hier empfing ſie ihren Bruder Joſeph II, den König Guſtav III von Schweden, Caroline von Neapel, hier hörte ſie die Vorleſungen der Gelehrten und nahm die Beſuche Franklins und Lafayettes entgegen.
Ein ſolcher Beſuch war im Jahre 1782 in Trianon anweſend. Es waren der Großfürſt Paul von Rußland, ſpäter Kaiſer Paul I, und ſeine Gemahlin, die Prinzeſſin von Würtemberg unter dem Namen eines Grafen und einer Gräfin von Nord an den franzöſiſchen Hof gekommen. Die einfache Liebenswürdigkeit Pauls hatte dem Könige weit beſſer zugeſagt, als Joſephs II. moderne Philoſophie. Maria Antoinette zögerte nicht, dem großfürſtlichen Paare Trianons Miniaturherrlichkeiten zu zeigen. Sie gab ein glänzendes Feſt, Illumination des Gartens, des Sees; herrliche Muſik, Oper und Tanz. Aber der Großfürſt ſchien den ſtillen Aufenthalt in Trianon dem geräuſchvollen Feſtesglanze vorzuziehen und lud ſich ſelbſt einige Male ganz en famille bei der Königin ein. Am 10. Juni war wieder Souper in Trianon und nur die bewährteſten, zum Familien⸗ kreiſe gehörenden Freunde waren geladen. Der Eintritt in das Schlößchen geſchah über eine koſtbare Marmortreppe, von hier aus gelangte man in das Vorzimmer, dann in den Speiſeſaal. Dieſer Raum war mit Zierrathen aus geſchnitztem Holze überdeckt und ge⸗ ſchmückt; ſie ſtammten noch aus den Zeiten Ludwigs XV. Es folgte dann der kleine Salon der Königin, deſſen ſeidne Tapeten vielfache Gruppen von Inſtrumenten, Flöten, Guitarren, ſowie Masken und Guirlanden, aus vergoldetem Holze gefertigt und auf die Tapete gelegt, trugen. Man trat von hier aus in den großen Salon, deſſen Wände die Attribute der Wiſſenſchaften zeigten. Ringsumher liefen Feſtons von Lorbeer⸗ und Epheublättern, überall ſchütteten kleine Genien Hörner des Ueberfluſſes aus, und die Pilaſter bildeten Köcher, Pfeil und Bogen Amors. Eine kleine Thür führte in das Schlafgemach der Königin. Es war mit grüner Seide ausgeſchlagen, das Bett verſchwand unter einem Nebel von ſeidenen Spitzen. Schwere Vor⸗ hänge mit Franſen von Granatinſeide umſchloſſen die Ruheſtätte der Königin.
Am 10. Juni war die Geſellſchaft beſonders an den Speiſe⸗ ſaal gefeſſelt. Großfürſt Paul, ſeine Gattin, der König, die Königin, Graf Artois, kurz alles, was den engeren Familienkreis bildete, ſaß um die prächtig ſervirte, wohlbeſetzte Tafel der Königin.
Draußen war es längſt dunkel geworden, der Mond ſtieg herauf und goß ſein mildes Licht durch die hohen Fenſter von Klein-Trianon. Die Königin hatte Befehl zum Abräumen der Tafel gegeben, denn da der Raum in dem Scalloſſe be— ſchränkt war, ging man gewöhnlich nach der Tafel in den Salon, trank dort Kaffee, während deſſen trugen die Diener die Tafel hin⸗ weg und man kehrte, wenn es ſonſt beliebt ward, in den Eßſaal zurück. Großfürſt Paul benutzte in der That ſeinen Aufenthalt in Paris vortrefflich, er wollte alles kennen lernen. Jedes Geſpräch intereſſirte ihn, jeder Perſönlichkeit von Bedeutung oder einigem Rufe ſuchte er ſich zu nähern. Namentlich feſſelte ihn ſtets Herr von Beſenval, der zu den Auserwählten in Trianon gehörte. Beſenval, Vaudreuil und Adhemar bildeten die Grundlage der Unterhaltung der Geſellſchaft. Heute Abend war Beſenval beſonders geſprächig. Er erzählte ſo vielerlei aus ſeinem bewegten Leben, er wußte über jedes Bild, jede Nippesſache in Trianon eine pikante Anecdote mit⸗
zutheilen. Beſenval war ein Mann von 67 Jahren, aber ſo heiter, jugendfriſch und liebenswürdig, daß man ihm ſeine weißen Haare kaum zutraute.
Großfürſt Paul hatte den Arm des unterhaltenden Gaſtes er⸗ griffen und beide ſpazierten in dem Eßſaal auf und ab, während die übrigen Anweſenden ſich gruppenweis über Tagesneuigkeiten be⸗ ſprachen. Inmitten der Wanderung blieb Paul vor dem Kamin ſtehen und heftete ſeine Augen auf ein kleines in reichgeſchnitztem Rahmen befindliches Porträt, welches unter mehren anderen Gegen⸗ ſtänden den Simms des Kamins zierte.
„Wer iſt doch dieſe Dame?“ fragte Paul,„ich habe das Bild ſchon öfter geſehen, kann mich aber nicht darauf beſinnen.“„Oh!“ entgegnete Beſenval,„das iſt die Prinzeſſin von Montpenſier, die große Madame, die unglückliche Glückliche.“„Die den Grafen Lauzun heirathete!“„Dieſelbe, Herr Graf.“ Der Großfürſt hatte ausdrücklich gewünſcht, nur Graf titulirt zu werden.„Ein Prototyp unglücklicher Ehen,“ rief die Königin näher tretend.„Ich habe noch ein Beſteck aus ſchwerem Silber,“ ſagte Beſenval,„ein Pathen⸗ geſchenk des Herrn von Lauzun für mich. Er ſollte mich aus der Taufe heben, aber ſeine Kränklichkeit hinderte ihn daran.“„Er war leidend?“„Allerdings, Herr Graf. Die Kerkerluft von Pignerol hatte ſeine Geſundheit für ewige Zeiten zerrüttet.“„Ja, es war zu hart, dieſe Strafe für einen verliebten Leichtſinn,“ warf der König ein. „Leider waren damals die Zeiten nicht beſſer, Sire,“ ſeufzte Be⸗ ſenval,„der Graf trieb es allerdings ein wenig arg.“„Machte denn niemand den Verſuch für ihn zu bitten, ihn zu retten?“ fragte Paul.„Das erſtere war bei Sr. Majeſtät König Ludwig XIV ſchwer,“ antwortete der König,„das zweite wäre wohl unmöglich geweſen, denn Pignerols Kerker ſchloſſen ſo feſt wie die Baſtille.“ „Sire,“ entgegnete Beſenval,„es wäre ſehr leicht geweſen, den Grafen zu retten, hätte man die Hilfe einer Dame in Anſpruch ge⸗ nommen.“„Einer Dame?“ fragte der König. Alle wiederholten die Frage.„Sie wollen damit ſagen, daß Lauzun bei dem ſchönen Ge⸗ ſchlecht ſehr beliebt war und daß zu jener Zeit durch die Damen allerlei bewerkſtelligt wurde.“„Um Vergebung, Sire. Es war eine Dame, die in gar keiner Beziehung zu Lauzun, vielleicht nicht einmal zum Hofe ſtand, die aber gewiſſe Künſte trieb, für deren Kenntniß in Spanien beiſpielsweiſe noch heute der Scheiterhaufen lohnt.“ Man ward auf⸗ merkſam; jeder ahnte eine pikante Anecdote.„Sie ſcherzen,“ ſagte Paul.„Ja,“ lachte Ludwig,„es iſt nun ein Mal wieder Mode, die ge⸗ heimen Kräfte zu citiren. Aus Paris meldet man allerlei, Mag⸗ netismus oder Mesmerismus. Aber die Geſichter der Damen werden finſter, weil ich mit meinen Zweifeln eine gute Anecdote auf⸗ halte, die gegen uns herankommen ſoll. Erzählen Sie immerhin, Beſenval. Ich glaube alles.“ Man nahm Platz und richtete die Augen auf Beſenval, der ſich leicht vor dem Könige verbeugte.„Ich habe die Sache zwar von Hörenſagen, allein die Perſon war mir ſehr wohl bekannt. Ich lernte ſie ein Jahr vor dem Tode des Herzogs von Berwick kennen, ſie war damals 110 Jahr alt.“ Alles ſtaunte. „Es iſt das nicht ſo ſehr zu bewundern, meine Herrſchaften,“ meinte Beſenval,„die alten Herren und Damen aus dem vergangenen Jahrhunderte hielten ſich wacker,“ er lächelte, dabei auf ſeinen Kopf deutend.„Auch heutzutage gibt es Leute, die 100 Jahre alt werden wollen. Selbſt Graf Lauzun erreichte trotz ſeines harten Gefängniß⸗ lebens das Alter von 88 Jahren. Das Wunderbarſte an der ganzen Sache iſt nur, daß jene Dame vielleicht gar nicht geſtorben iſt. Man hat wenigſtens nie gehört, wohin ſie verſchwunden. Als ich ſie, noch in meinem Jünglingsalter ſtehend, kennen lernte, wollten hochbetagte Leute ſie ſchon längſt gekannt und von ihren Eltern gehört haben, daß man die Frau von Caumont la Force, Dame de Brion, be⸗ reits vor langen Jahren als ziemlich alt bezeichnet habe. Sie war eine Verwandte Lauzuns und als der Graf im Jahre 1671 gefangen geſetzt ward, geſchah Folgendes: Graf Lauzun ſtand wie mit ſo vielen Damen, ſo auch mit der Herzogin von Monaco in ſehr genauen Verbindungen. Kurz nach ſeiner Arretirung ſaß die Herzogin eines Tages in Gedanken verſunken, was ihr übrigens ſelten begegnete— denn ſie liebte Zerſtreuung— in ihrem Boudoir. Plötzlich öffnete ſich die Thüre. Die Herzogin hob erſtaunt den Kopf; kein Diener hatte jemand gemeldet. Sie erblickt eine Dame ſich gegenüber, deren Anzug ihre höchſte Verwunderung erregte. Ein türkiſcher Shawl umgab die Schultern, das Haupt bedeckte ein Reithut aus der Zeit Anna von Oeſterreichs, das Kleid war ziemlich modern und die Atlasſchuhe


