Jahrgang 
1865
Seite
467
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Hier wollen wir einer anderen Erwägung Raum geben. Wenn das Publikum ſo oft und viel über den Schaden klagt, der ihm durch Diebſtahl zugefügt wird, wenn in den großen Städten jedes Tages⸗ blatt die trübſeligen Fälle proklamirt, die in den letzten vierund⸗ zwanzig Stunden vorgekommen, wenn in Zeitungen und durch Plakate allwöchentlich namhafte Belohnungen für Ermittelung von Diebſtählen ausgeſetzt werden, wenn die Gerichtsverhandlungen voll ſind von immer neuen und jedesmal unerhört ſcheinenden Zeugniſſen des wuchernden Verbrechens, wenn alle Beſtrafungen ſich fruchtlos erweiſen und Frechheit und Verſchmitztheit über Geſetze, Gerichte und alle ſittlichen und bürgerlichen Ordnungen triumphiren: dann findet die Frage wohl Recht und Raum, ob auch Jedermann, der vor Schaden ſicher ſein will, ſelber das Seine thut, um ſich vor Schaden zu ſchützen. aller Erfahrungen im Schwange gehende Sorgloſigkeit und die ehren⸗ werthe Unbekanntſchaft eines großen Theiles des Publikums mit den Künſten des Diebſtahls ſehr weſentlich dazu beiträgt, demſelben Thür und Thor zu öffnen. Und wenn das Sprichwort auch behauptet, daß man durch Schaden klug wird, ſo läßt ſich doch nicht abſehn, warum man nicht auch ohne Schaden klug werden kann. Die Kunde der Verhältniſſe wird dazu beitragen, daß man Vorſicht lerne und die Augen rechtzeitig aufthue. Offne Augen vor dem Diebſtahle ſind beſſer, als offene Augen nach demſelben, und ſchließlich hilft alle Sicherheitspolizei wenig, wenn man nicht ſelbſt zur eigenen Sicherheit das Seine thut. Einige Fingerzeige, die hierzu dienen können, werden daher, wie wir hoffen, willkommen geheißen werden.

Zunächſt iſt zu bemerken, daß die leichte Conſtruktion der Häuſer, die in unſern großen Städten zu erheblichem Theil auf Speculation gebaut werden, den gewaltſamen Diebſtahl nur zu ſehr erleichtert. Der Bauherr hat nichts im Auge, als für ein möglichſt geringes Capital ein Gebäude herzuſtellen, das ihm mäglichſt viel Miethe einträgt. Daſſelbe erhält eine anſehnliche Frontſeite; an Ornamenten wird nichts geſpart, denn je ſtattlicher das Haus, um ſo beſſere Wuchergeſchäfte laſſen ſich mit ihm machen; aber wie ſtark das Mauerwerk iſt, ob Fenſter, Thüren, Läden einem verſuchten Einbruche auch nur den geringſten Widerſtand entgegenzuſetzen im Stande ſind, ob die leichten Fabrikſchlöſſer nicht vielmehr den Dieb einladen, ſie mit dem einfachſten Werkzeuge zu öffnen, daran wird nicht gedacht. Was liegt auch dem Spekulanten daran? Es ſind ja nur die Miether, deren Eigenthum aufs Spiel geſetzt wird, und die mögen für ſich ſelber ſorgen! Die alten einfachen Bauordnungen, welche vorzüglich auf eine derbe und ſolide Con ſtruktion der Häuſer hinwieſen und das Bürgerhaus als eine Burg des Familienlebens hinſtellten, ſind uns leider abhanden gekommen oder nach dieſer Seite hin wenigſtens in hohem Maße abgeſchwächt worden. Dazu kommt, daß unter dem Einfluß der Concurrenz, welche den geſammten modernen Verkehr beherrſcht, die alte Kunſt des zünftigen Handwerks in Abnahme gekommen, ja zum Theil ſo gut wie geſchwunden iſt und der billigen, leichten, fabrikmäßigen Arbeit das Feld geräumt hat. Niemand hat unter den Erfolgen dieſes Kampfes zwiſchen Handwerk⸗ und Fabrikarbeit mehr gewonnen, als der Räuber; denn was iſt der Einbrecher oder der Schränker, wie er mit ſeinem Gaunertitel ſich nennt, anders,

als der Räuber unſerer modernen civiliſirten Welt? Laſſen ſich doch

die Zuſammenhänge zwiſchen jenem alten und dieſem modernen Räuberweſen auch hiſtoriſch nachweiſen.

Sodann läßt der Bürger es heutzutage allzuſehr an der rechten Bewachung ſeines Hauſes fehlen. Er verlangt alles von der Polizei und thut nicht das Seine. Die unmittelbare Betheiligung des Bürgerthums an der Fürſorge für die öffentliche Sicherheit, die

in früheren Jahrhunderten eine ſtarke Stütze des Bürgerwohles war,

hat ſo gut wie ganz aufgehört. Der Bürger, der ſein Haus ohne⸗ hin nachläſſig gebaut hat und es dann noch nachläſſig verſchließt, fordert vom Staate, daß dieſer für die nächtliche Sicherheit deſſelben ſorgen ſolle. Was er ſelber dazu thut und er thut ſo wenig dls möglich, das geſchieht in der Regel läſſig und unvollſtändig genug. Bei ſchlecht eingerichteter Nachtwache, nicht nur in großen, ſondern auch in kleinen Städten, regiert daher der Dieb mit ſeiner ſchlauen und verwegenen Kunſt, und wenn, wie ein Kenner dieſer Nothſtände mit Recht klagt, ein einziger alter, ſtumpfer, halb blöd⸗ ſinniger Hirtenknecht für erbärmlichen Lohn ſich dazu hergibt, einige

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Wir irren ſicherlich nicht in der Annahme, daß die trotz

kein Wunder, wenn der Bauer Ach und Weh ſchreit, daß Scheunen und Ställe ihm geleert ſind. Zumal in größeren Städten ſollte man weder bei Tage noch am Abend und bei Nacht ſeine Wohnung ganz leer laſſen. Mindeſtens ein Erwachſener müßte allezeit zu Hauſe ſein und für die Bewachung der Wohnung mit Gewiſſenhaftig⸗ keit ſorgen.

Die Vergnügungsluſt, die ſo oft die ganze Familie aus dem Hauſe lockt, iſt eine große Förderung des Verbrechens. Der Dieb ſpeculirt auf ſie. Wenn die Herrſchaft zu Theater, Tanz und allen möglichen Ergötzlichkeiten aus dem Hauſe geht und oft erſt ſpät Nachts wieder heimkehrt, dann hält der Dieb ſeine Ernten. Der Sonntag iſt daher in ſeinem Kalender roth angeſtrichen. Mit dem Schwinden des häuslichen Sinnes und des eingefriedigten Familien⸗ lebens hält, auch aus dieſem Grunde, das Anwachſen der Verbrechen gleichen Schritt. Manche Familie beruhigt ſich zwar, wenn ſie ihrer Wohnung den Rücken kehrt, damit, daß ſie ja die Dienſtmagd zu Hauſe läßt und noch an der Schwelle wird derſelben eingeſchärft, daß ſie ums Himmelswillen gut Acht haben und die Wohnung bewachen ſolle. Allein wie viel heutigen Tages den Dienſtboten zu trauen iſt, weiß Jedermann. Die Magd wartet oft nur, bis die Herrſchaft den Rücken gekehrt hat, um die Thüre zu ſchließen und ihre eigenen Wege zu gehen. Und wenn ſie auch nur einen ganz kleinen Beſuch bei des Nachbars Dienſtmagd macht, die auch juſt allein iſt, weil auch ihre Herrſchaft in der Komödie oder auf Tanz iſt, eine Stunde, eine halbe Stunde reicht vollkommen hin, daß die Wohnung erbrochen und ausgeleert wird. Ja in einer Viertelſtunde iſt das gethan. Uebrigens hat die Magd ſchon ſeit ein Paar Tagen gewußt, daß die Herrſchaft nicht zu Hauſe ſein wird, und hat ihren Liebſten

einer Perſon.

beſtellt und in Hut und Schleier macht ſie mit ihm eine kleine Promenade; wenn die Herrſchaft ihr Pläſir hat, warum ſoll ſie nicht das ihre haben? Und iſt es recht zu verlangen, daß ſie häuslich ſei, wenn die Herrſchaft unhäuslich iſt? Oder es findet ſich gar ein Courtiſan ein, der vor der Hausthüre ſich mit der Magd in ein höchſt anziehendes Geſpräch einläßt und unter geſchicktem Vorwande ſie eine kurze Weile von der Thüre fortzuſchwatzen weiß, während der Kamerad des gaunerhaften Schwätzers, der das Gelingen dieſes Manövers an der Straßenecke abgewartet, den günſtigen Augenblick benutzt und in die verlaſſene Wohnung eindringt. Die Dienſtbotennoth, an der die ſchlechten Herrſchaften hundertfach mit verſchuldet ſind, hängt aufs engſte zuſammen mit dem Umſichgreifen des Diebſtahls und der Un⸗ ſicherheit des Eigenthums, und wenn nun gar noch Dienſtboten mit den Dieben unter einer Decke ſtecken, dann hat die Schurkerei völlig ihr gewonnenes Spiel.

Wenn das Publikum ſich vor Schaden ſicher ſtellen will, ſo muß es in beſonderem Maße auf die Einleitung und Vorbereitung des Diebſtahls Acht haben, welche der Gauner mit dem Kunſtaus⸗ druckeBaldowern bezeichnet. Unter Baldowern verſteht er das Auskundſchaften einer Diebſtahlsgelegenheit. Iſt dieſe Gelegen⸗ heit erkundet, dann genügt das handwerksmäßige Oeffnen von Thüren und Schränken und die Schnelligkeit des Zuſammenraffens und des Davongehens. Aber das Erſpähen und Auskundſchaften iſt eine Kunſt. Schlauheit, Scharfſinn, Beobachtungsgabe ſind in gleichem Maße erforderlich, um dieſe Kunſt mit Erfolg zu treiben. Der geriebeneBaldower iſt gefährlicher als der Ausführer des Diebſtahls. Der Baldower iſt Schauſpieler, Spion, Gauner in Mit der Glätte des Weltmannes, mit dem Scharf⸗ blicke des Poliziſten weiß er alle Wege des Verkehrslebens zu betreten, alle Rollen zu ſpielen, mit hundert Augen zu ſehn und aus allen Umſtänden, auch den ſcheinbar geringfügigſten, ſeine Combinationen zu machen.

Für Lokalitäten, für Menſchen, für Dinge muß er einen gleich ſcharfen Blick haben. Er iſt der Pſychologe, der Topograph, der Statiſtiker des Gaunerthums. In kurzer Zeit kennt er Ortſchaften und Häuſer mit ihren Einrichtungen, Ordnungen, Schlupfwinkeln. Kommt er in eine Stadt, ſo hat er durch geſchickte Unterhaltungen im Wirthshauſe alsbald ausſpeculirt, wer die Leute ſind, bei denen es etwas zu holen gibt, und wie es mit der Polizei beſtellt iſt. Das Adreßbuch wird ihm ſofort eine wichtige Fundgrube. Er lernt Namen und Wohnungen kennen und ſieht, was für Leute in jedem Hauſe zu⸗ ſammenwohnen. Manche Gauner führen die nöthigen Liſten ſchon

bei ſich; denn was einer weiß, das weiß alsbald eine ganze Schar.

Male des Nachts in der Dorfgaſſe auf⸗ und abzugehn, dann iſt es Die Gaunerherbergen, die Gefängniſſe, die Arbeits⸗ und Correktions⸗

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