„Fürchten Sie nicht, an die Grenzen der Ungerechtigkeit zu kommen?“ fragte Lia.„Es gibt auch... 2
„Ja, es gibt ein edles Herz, welches in Ernſt Arkheims Buſen ſchlägt, eine Seele voll Poeſie und reinem Gefühle— die Ihre, Lia— und ich habe Ihnen beiden die Hand gereicht und habe Sie beide Freunde genannt, bin ich ungerecht?— iſt es meine Schuld, wenn, ſo weit meine Blicke reichen, ich keinen dritten finde, dem ich dieſen theuren Namen zu geben im Stande wäre?“
Lia ſchwieg.„Und Ihr künſtleriſcher Ruhm,“ ſagte ſie end⸗ lich,„jener Ruhm, der höchſte, der reinſte, der niemandem eine Thräne koſtet und ſo viele beglückt?“
Die Stimme Hermanns zitterte merklich, als er ſagte:„Ich habe in einem großen franzöſiſchen Dichter geleſen: Die, welche an der Bruſt einer geliebten Frau ſterben, an deren Seite ihr Leben zum Paradieſe wurde, wie müſſen die jene traurigen Narren be⸗ dauern, welche ihr Leben in dem Suchen nach Ruhm und Unſterb⸗ lichkeit vergeudet und verloren haben?“
„Könnte man nicht beides vereinigen?“ fragte Lia ſchüchtern.
„Die Ruhmſucht iſt eine eiferſüchtige Geliebte,“ ſagte Meyer, „ſie will ganz— und allein herrſchen!“
„Und der Ehrgeiz?“
„O nein, dieſer finſtere Geiſt ſoll nicht über meine Schwelle kommen,“ rief Meyer,„man ſagt, er erzeuge alles Große, alles Herrliche— es mag ſein— aber ich will ihn nicht kennen!“
„Wie viel müſſen Sie gelitten haben,“ ſagte Lia nach einem kurzen Stillſchweigen,„Sie, deſſen Seele von Poeſie überſtrömt, Sie, der die Kunſt um ihrer ſelbſt willen, und nicht des Gewinnes und des Ruhmes halber, den ſie bringt, liebt!— O jetzt erſt be— greife ich, warum Sie, wie mir Hulda geſagt hat, die Pianiſten nicht leiden können!“
„Ich bedaure ſie, wenn ſie Künſtler ſind,“ unterbrach ſie Her⸗ mann,„denn, wenn ſie gezwungen ſind, ihre heiligſten Herzenser⸗ gießungen an eine Geſellſchaft, in der im glücklichſten Falle ſich Einer befindet, der zu ahnen fähig iſt, daß das Gefühl, welches den Tönen entſtrömt, die Seele des Künſtlers mit all ihren blutenden Wunden, mit all ihren verzehrenden Thränen, aber auch mit all ihren berauſchenden Freuden iſt, zu vergeuden o gewiß, dann bedaure ich ſie, dann ſind ſie meine Brüder und Schweſtern — aber im entgegengeſetzten Falle fallen ſie für mich in die Categorie der Krämer— nur anſtatt Wolle oder Tuch zu verkaufen, handeln ſie mit Tönen!“
„Wir haben aber auch unſere Produktionen für das Publikum, wie Sie Ihre Ungeheuer,“ erwiederte Lia lächelnd,„es ſind die Salonsſtücke... eine Art von harmoniſchen Turnübungen!“.
„Ich möchte Sie einmal ſpielen hören, Lia,“ ſagte Hermann nach kurzem Nachdenken.
„Ich möchte einmal Ihre Cartons— Ihr mir ſo nahe ge⸗ legenes Atelier mit allen Ihren Kunſtgeheimniſſen ſehen.“
„Es ſind meine Seelengeheimniſſe, Lia,“ antwortete Meyer.
Wiederum ſchwiegen beide.— Lia fing an, ſich zu fragen, warum denn eigentlich der Künſtler ſeine geheimſten Gefühle ihr ſo offen und frei entdeckt, und die Antwort, die ſie ſich nicht geben wollte, aber doch... ahnte, rief wiederum das Blut in ihre Wangen.
„Haben Sie ſchon einen Plan für Ihre Zukunft gefaßt?“ fragte Meyer.
„Nein,“ antwortete das junge Mädchen,„ich wollte vor allen Dingen Ihre Anſicht darüber hören!“*
Meyer ſtand auf und machte einige Schritte im Zimmer— dann wandte er ſich wieder zu ihr:
„Lia,“ ſagte er,„ich habe ſo eben meinem Freunde Ernſt mein Wort gegeben eine Gefährtin zu erwählen, ehe er eine lange Reiſe antritt...“
Lia ward ſehr bleich...„Sie wird ſehr glücklich ſein, die welche Sie Ihrer Liebe für würdig halten,“ ſagte ſie.
Der Bildhauer ergriff ihre Hand...„Sind Sie ſehr glück⸗ lich, liebe Lia?“ fragte er.
Das junge Mädchen legte die Hand aufs Herz— ihr Haupt ſenkte ſich auf ihren Buſen und kaum hörbar murmelte ſie:
„Bin ich auch einer ſolchen Liebe würdig?“
Hermann verſtand nicht.
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„Sie kennen mein vergangnes Leben... Sie wiſſen alles,“
ſtotterte ſie.
„Und dieſer Kuß verzeiht alles,“ rief er, indem er ſie in ſeine Arme ſchloß und ſeine Lippen auf die ihren drückte.
„Armes Kind, das in ſeiner liebesöden Jugend ſein Herz be⸗ thören ließ!... hätteſt Du eine liebende Mutter... einen Vater gehabt, es wäre nicht geſchehen— und was geſchehen iſt, verzeihe ich,— ich der allein das Recht dazu hat!“
Lia lag an ſeiner Bruſt— ſo wohl, ſo ruhig, ſo vertrauens⸗ voll! ihr Herz war ſo voll von dieſer Liebe, daß ihr die Worte verſagten.
Sie dachte an Merkel und ſie fragte ſich, welch eine Art von Gefühl es denn eigentlich geweſen wäre, das ſie für den Schändlichen empfunden und ſie konnte nur Hermann Recht geben; es war das Liebesbedürfniß, welches ſie gefoltert hatte und dem ſie unterlegen war! O gewiß! hätte ſie eine liebende Mutter gehabt, nie würde es einem Merkel gelungen ſein, ſich in ihr Herz zu ſtehlen. Und daun Julius Falk!... O wie ſchämte ſich die Arme!
Sie weinte ſtill an der Bruſt des Künſtlers, und er, der ihre Thränen ſah und deren Urſache gar wohl begriff, er ſchwieg— er küßte die Thränen aus ihren Augen und ſagte mit leiſer, aber doch für das Herz Lias ſo ſüßer Stimme:„Ich liebe Dich, Lia... ich liebe Dich.“
Schon ſeit einigen Minuten ſtanden Ernſt und Hulda in der Thür, Ernſt ruhig, ja glücklich lächelnd, Hulda ſchamhaft erröthend, denn ihr Bruder hatte ihr ſchon vorher alles erklärt!... doch die Glücklichen ſahen ſie nicht, hörten ſie nicht, die Welt war für ſie verſchwunden.
Endlich trat Ernſt vor—„Du bringſt mich in eine ſehr große Verlegenheit, Hermann,“ ſagte er.„So eben iſt mir eine Zuſchrift zugegangen, die die Ernennung meines Vaters zum proviſoriſchen Vormund des Fräulein Salomon enthält, und da ich ſeine Procura habe, wäre es meine Pflicht, Euch meinen Segen zu ertheilen... doch komm, mein Hermann, komm!“
Meyer flog ihm um den Hals— Lia lag in Huldas Armen... „Biſt Du glücklich Lia?“ fragte dieſe...„O! unendlich!“ war die Antwort!
Spät trennten ſich die Glücklichen— ſie gaben ſich ein Rendez⸗ vous am nächſten Abende in Hermanns Atelier, wo ein Schurke be⸗ ſtraft werden ſollte.
Als Ernſt ſich allein ſah, faltete er andächtig die Hände:„O mein Gott,“ ſagte er,„Du ſiehſt was ich leide, nimm mein freuden⸗ leeres Leben ſobald wie möglich zu Dir— aber o mein Gott, ſegne die Geliebten meines Herzens— ſegne Lia— ſegne Hermann!“
Emil hatte den ganzen Tag die Vorbereitungen beobachtet, welche der Aſſeſſor Merkel zu dem Rendezvous des folgenden Abends ge⸗ macht hatte; er hatte geſehen, wie die größten mauvais sujets ſeiner Bekanntſchaft eingeladen waren, um in einem gewiſſen Augenblicke zu erſcheinen und vielleicht einen thätigen Antheil an der ſo vorbe⸗ reiteten Scene zu nehmen, und obgleich ſein Blut in Wallung ge⸗ rieth, ſuchte er ſich doch zu mäßigen bis zu dem Augenblicke, wo ihm die untrügbare Ueberzeugung ward, daß anderſeits Hermann und Ernſt ſich gleichfalls nicht unthätig verhalten würden, und daß, wenn ſie die geringſte Ahnung von den Plänen des Aſſeſſors hätten, es leicht bis zum Aeußerſten kommen könnte.
Hier war ihm der Weg, den er einzuſchlagen hatte, genau vor⸗ gezeichnet: er mußte es verhüten! mußte alles Mögliche anwenden, damit dieſes fatale Rendezvous nicht zu Stande käme und ſomit eine Cataſtrophe vermieden würde! Aber wie dies anfangen? Emil ſann lange nach— endlich kam er zu einem Entſchluſſe und nachdem er ihn gefaßt, begab er ſich ins Café X. Wie er gehofft, fand er hier Herrn Merkel, inmitten einer fröhlichen Geſellſchaft, unter denen ſich auch einige Mitverſchworenen des kommenden Abends befanden. Emil ſetzte ſich ſo nah er konnte neben Herrn Merkel und nahm einen eifrigen Antheil an der Unterhaltung.
„Und wann iſt Deine Hochzeit, Franz?“ fragte einer der Anweſenden.
„Gegen Weihnachten,“ antwortete dieſer..
„Da werden ſich gewiß Ihre Gläubiger freuen,“ ſagte Emil lachend.
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