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Nur noch einen Blick auf die davoneilende Schuljugend. Es ſind Söhne aus den beſten Familien der Stadt in ihrer Mitte, wie Karl von Tucher und der ſpätere Heermeiſter von Mittelfranken, Johann Sigismund von Haller; wie die beiden lebensfriſchen Jungen dort: Wilhelm von Peller und Hans von Imhof, die es nicht ahnen mögen, daß ihnen ſchon nach drei Jahren die Schneefelder Rußlands zum Ruhebette werden ſollten. Es ſind vielverſprechende Angeſichter, die ſchelmiſch auf ihre Lehrer zurückſchauen— und man frage die Chemiker und die Phyſiologen, ob Dr. J. F. Engelhardt und Andreas Wagner dem Nürnberger Realinſtitut Ehre machen.
Der Vorhang fällt über mein Augenblicksbild; aber was willſt Du damit? fragt man. Nun ich meine, nach Nord und Süd, nach Oſt und Weſt ſind die hier auf kurze Friſt vereinigten Perſonen in die verſchiedenſten Lebensſtellungen auseinandergegan⸗ gen, keiner ohne beſtimmte Wirkung von ſeinem Nürnberger Aufent⸗
Gegrüßt biſt Du Haſelſtrauch vom Freund der Natur, gegrüßt zu jeder Zeit des langen Jahres!
Im Winter, wenn ringsum noch alle andern Pflanzen ſchlafen, öffnet die Haſel ſchon die Schuppenblättchen ihrer niedlichen Blüten⸗ trauben und wie Goldſtaub fliegt der Pollen heraus. Neugierig ſchauen aus den Blattknospen daneben die purpurrothen Narben der Samenblüten hervor und die Goldkörnchen laſſen ſich auf ihnen nie⸗ der Es iſt eine ächt deutſche Natur, der Haſelſtrauch, er braucht ſehr lange Zeit, ehe er ſeine Frucht fertig bekommt, er fängt aber auch deshalb frühzeitig an und ſcheut Wind und Wetter dabei nicht. Bereits im Sommer treibt er die Staubblüten fürs nächſte Jahr als dünne Lämmerſchwänzchen hervor und legt in den Knospen der Blattwinkel daneben die Samenblüten an. Länger als zwölf Monate währt es, ehe der Kreislauf vom erſten Erſcheinen dieſer Blüten bis zur Fruchtreife vollendet iſt. Bedarf ja auch der ganze Strauch mindeſtens ſechs Jahre, ehe er bis zum Blühen und Fruchttragen kräftig genug iſt.
Im Mai ſproſſen die breiten Blätter hervor: verkehrtei⸗ rund, vorn zugeſpitzt, am Grunde herzförmig, ringsum ſcharfſäge⸗ zähnig.
Siehe da den kleinen feuerrothen Käfer mit ſchwarzem ſonder⸗ barem Kopfe. Es iſt ein Rüſſelkäfer, der Haſelblattwickler(Dickkopf), der hier auf dem Blatte herumſpaziert! Was will er beginnen? Er betrachtet das Haſelblatt nach der Länge und Breite, links und rechts, wie ein Schneidermeiſter das Zeugſtück zu einem Wams. Jetzt beginnt das Käferlein nicht weit vom Blattgrunde quer durch das Blatt zu ſchneiden. Die winzig kleinen Freßzangen müſſen als Scheere dienen. Der Schnitt geht durch die eine ganze Blatthälfte, dann durch die Mittelrippe und zuletzt noch durch einen Theil der zweiten Blatthälfte. Es währt eine gute Zeit, ehe der kleine Geſell mit ſeiner Arbeit zu Stande kommt. Aber das Hauptkunſtſtück folgt noch. Der Käfer faßt die losgeſchnittene Blatt⸗ hälfte und rollt ſie mühſam zuſammen zu einer Tüte. Um ſich dabei feſthalten zu können und die Elaſticität des widerſpenſtigen Blattes zu beſiegen, nagt er in die Blattmaſſe Vertiefungen, etwa eine Linie lang. In dieſe greift er mit den Fußklauen ein. Nicht ſelten aber ſchnellt das Blatt wieder zurück, wirft wohl dabei gar den Käfer vom Strauche herunter. Er läßt ſichs nicht verdrießen, kriecht bedächtig wieder hinauf und fängt die Arbeit von neuem an. Blattrolle fertig, die Zähne des Blattes ſind künſtlich in einander verſchränkt, ſo daß ſie geſchloſſen bleiben. In das Innere der Rolle legt das Thierchen 2 oder 3 winzige Cier. Die Würmchen, welche aus dieſen entſtehen, ſchmauſen das Blatt und werden groß davon, puppen ſich in der Rolle ein und kommen dann als neue Käfer zum Vorſchein, die ſofort das Wickelgeſchäft an andern Haſelblättern beginnen.
Ein Stückchen weiterhin ſpaziert auf demſelben Haſelzweig auch ein braungrauer Käfer, ein Vetter des Blattwicklers. Er iſt jedoch noch viel kleiner als jener, ſein Rüſſel haardünn, ſehr lang und ge⸗
Endlich iſt die
halt empfangen zu haben, keiner ohne Saamen mitzunehmen, den er anderwärts ausſtreute. Am deutlichſten wird das an den Rectoren.
Hegel, deſſen hohe Verdienſte man über den Unarten ſeiner Schüler nicht überſehen darf, der zudem in Heidelberg viel friſcher
war als in Berlin, nahm nach jenem Orte die Eindrücke und Er⸗
fahrungen von Nürnberg mit. Seine Philoſophie trägt ihre Spuren. Seine Achtung vor dem geſchichtlich Gewordenen, ſeine aufrichtige Verehrung für wahre Frömmigkeit, wie er ſie an den drei Greiſen geſchaut hatte, mögen von dort ſtammen. Schubert nennt Burgers Bibliothek ſelbſt ſein„Brothaus“; er hat aber nicht blos die Rich— tung für ſein weiteres Leben in Nürnberg erhalten, auch Arbeit hat er dort gelernt, und Maß und Zucht des Geiſtes, duldſam iſt er geworden, daß ſeine ganze Erſcheinung eine Friedenspredigt für die zerriſſne Kirche wurde und jeder Zeit hat er für jedes ernſte ſitt⸗ liche Streben, für jede tüchtige lautere Wiſſenſchaftlichkeit Achtung gehabt. Das war ſein Nürnberger Theil.
Vom Haſelnußblatte.
bogen. Es iſt der Haſelnuß⸗Rüſſelkäfer, der die unreifen Haſel⸗ nüſſe aufſucht.
Dieſe ſitzen zu zwei oder drei bei einander. Ihre Schale iſt noch ſaftig und weich, ihr Kern noch milchig und zart. Sie ſind rings umfüllt von dem grünen Näpfchen, das ſich nach oben in zerſchlitzte, Blattgebilde verlängert.
Der Käfer arbeitet mit ſichtbarer Anſtrengung ein haardünnes Loch mit ſeinem Rüſſel durch die Schale der Nuß bis in den Kern. Dann legt er ein Ei an die Oeffnung und ſchiebt es mit Hilfe des Rüſſels in das Innere der Nuß. Die Käferlarve, welche dem Ei entſchlüpft(Koſak), lebt dort im Nußkern wie der Mann im Pfannen⸗ kuchenberg mitten in ihrer Speiſe. Sie wächſt mit dem Kern um die Wette und hat ihn meiſt zur Hälfte oder zu drei Viertheilen ver⸗ zehrt, wenn ſie bereits ihre volle Größe erlaugte. Die ausgefreſſene
Nuß hat währenddem aber ihre Schale gehärtet und den Räuber
Zugleich iſt ſie locker geworden und fällt früher vom Buſch als die unverletzten Nüſſe. Der Käferwurm muß ſich aus ſeinem Gefängniß herausfreſſen. Er gräbt ſich dann in die Wald⸗ erde ein, verpuppt ſich darin und kommt im nächſten Frühjahr als neuer Käfer zum Vorſchein.
Es fällt Dir auf, daß hier die Unterſeite des Haſelblattes mit weißlichem Staub überzogen iſt. Prüfſt Du dieſen Ueberzug mit be⸗ waffnetem Auge, ſo erkennſt Du ein ganzes Saatfeld kleiner Gewächſe. Pilze haben ſich dort niedergelaſſen und wuchern in größter Ueppig⸗ keit. Ihre Samenzellen(Sporen) wurden wahrſcheinlich vom Winde herzugetragen, drangen durch die, dem bloßen Auge nicht erkenn⸗ baren Porenöffnungen des Blattes und lebten von den Säften des letztern wie das Getreide vom Ackerland. Sie bildeten ein Netz⸗ gewebe aus feinen weißlichen Fäden und auf dieſem dann gelbe und ſchwärzliche Kügelchen, Häufchen von Fortpflanzungszellen, letztere zerſtreuen ſich bald und erobern in wenig Tagen neue Blätter des Strauches.
Ein Haſelnußblatt iſt eine Welt im kleinen. eigne Vegetation und ernährt ſeine beſondere Thierwelt. Milben und andre winzige Weſen finden dort Speiſe und Trank. Fällt end⸗ lich im Herbſt das Blatt nieder zum Boden, ſo zerſetzt ſich's allmälig zu guter Walderde. Der Forſtmann ſchätzt den Haſelbuſch als einen vorzüglichen Bodenverbeſſerer.
Willſt Du nun noch dem Treiben der muntern Eichhörnchen, der Haſelmäuſe, Zieſelmäuſe und Waldmäuſe lauſchen, denen der Haſel⸗ ſtrauch im Herbſt zum Erntefeld wird? Du wirſt ſtundenlang dem muntern Treiben der flinken Kletterer zuſchauen können, wie ſie behende den Segen des Strauches einſammeln. Die einen Nüſſe verſpeiſen ſie ſofort in poſſierlichſter Weiſe, die andern tragen ſie nach ihren Verſtecken und ſparen ſie auf zum Wintervorrath.
Der Haſelſtrauch bietet dem Naturfreund einen reicheren Schatz intereſſanter Belehrung, als ſich in Kürze erzählen läßt. Gehe hin⸗ aus zum grünen Buſch und ſiehe es ſelbſt! Du wirſt Dich ergötzen. Hermann Wagner.
eingemauert.
Es trägt ſeine


