der Geſcholtene vor ſeinem Vorgeſetzten; faſt aber ſcheint deſſen hartes Wort den freiern heitern Ausdruck aus ſeinem Angeſichte zu bannen. Der neun und zwanzigjährige Mann, der durch einen kühnen Schritt Schellings, wie er heute auch nicht mehr möglich wäre, aus einem praktiſchen Arzte ein Schulrector wurde, hat ſchon viel erfahren, gelitten und gearbeitet. Meine freundlichen Leſer errathen es wohl ſchon, daß ich von Gotthilf Heinrich Schubert rede und verzeihen es, wenn ich ihnen in einigen Zügen die Geſchichte ſeiner Jugend wieder vorführe.
Eines Predigers Sohn und Enkel, war Schubert in dem kleinen Pfarrhauſe zu Hohenſtein im ſächſiſchen Erzgebirge aufgewachſen. Seines Vaters Eltern waren Krämersleute geweſen, deren Handels⸗ bücher auch nicht überall Cenſur paſſirt hätten. Als nämlich Mutter Schubert ſtarb, fand man einen guten Theil der Außen⸗ ſtände ſo notirt:„die arme Frau am Waſſer“;„der alte Mann am Eckſtein“ u. dgl. Es war der Wunſch der guten Frau geweſen, daß ihre Erben nicht etwa härter verführen als ſie gewohnt war; darum hatte ſie einen Riegel vorgeſchoben. Schuberts Vater war ein Mann von beſonderm Ernſte; daß er den Muth und die Kraft hatte, Opfer zu bringen, bewies er ſeinem Schwiegervater, dem Pfarrer Werner. Dieſem war in ſeinem Sohne ſein Amtsgehilfe geſtorben. Da entſchloß ſich der alte Schubert ſein eignes Pfarramt in Cunzenau aufzugeben und mit Weib und Kind in das Hohenſteiner Pfarrhaus
zu ziehen, um dem alten Herrn Kindespflicht zu leiſten. Vierzehn Jahre lang hat er dort in Geduld ausgeharrt und ſich als Wohnung mit den Seinigen an einer nach Norden gelegnen Stube genügen laſſen. Aber ſeines Weibes frommer Sinn, ihr Fleiß und ihre Ordnung, beſonders aber ihre immer gleiche Heiterkeit machten ihm den engen Raum zu einer Stätte des ſeltenſten Glückes. In dieſem Zimmer iſt Gotthilf Heinrich Schubert geboren worden; dort hat er ſeine erſte Kindheit verlebt; an dem feſten männlichen Sinn ſeines Vaters hat ſich der ſeinige emporgerankt, die Mutter, ſowie liebe Schweſtern haben edlen Samen in ſein junges Gemüth gelegt; und Mutter Natur hat auch nicht an ihm gekargt, weder in dem, was ſie ihm in die Wiege mitgegeben, noch in den Umgebungen, in die ſie ihn verſetzte. Vor Menſchen ſchüchtern bis zur Albernheit, ſonſt muthig bis zur Verwegenheit, bald der Chorführer der ſeinen Märchen lauſchenden Mitſchüler, bald die Einſamkeit ſuchend und pflegend, in der er ſeine Kinderromane ausſpinnen konnte, bald dem alten Bergmann zuhörend, der ihm nicht nur von den Erzen im Schoße der Erde, ſondern auch von den Kobolden erzählte, die dort ihr Weſen hätten und von dem„andern Geſicht“, das den Berg⸗ mann warnt, wenn ein„böſes Wetter“ droht, bald eine Sammlung von Blumen, Steinen, Vogelfüßen anlegend, bald ſich an Her⸗ richtung eines Veſuvs verſuchend, wird das Kind zum Knaben. Leichter Humor führt ihn ſchon damals über ernſtere Umſtände hin, und da er ins Waſſer gefallen iſt und glücklich aufs Trockne ge⸗ bracht wird, ruft er:„Das kommt einſt in meine Lebens⸗ geſchichte.“ Er hat Wort gehalten. Seinem Lernen ſetzten ſich widrige Verhältniſſe entgegen und es wurde ihm ſaurer gemacht als nöthig war, bis ihn eigner kräftiger Entſchluß zu den Füßen Böttigers führte, welcher damals unter Herders Auſpicien das Gymnaſium zu Weimar leitete und dort die Liebe zu den Alten, durch ſie zur Wiſſenſchaft überhaupt in manchen jungen Geiſt pflanzte, der nachher dem deutſchen Vaterlande Frucht getragen. Freriep, de Wette, K. Benedict Haſe ſind aus ſeiner Schule hervorgegangen. So ſehr wurde Schubert dort von dem Unterricht ergriffen, daß er einen armen Mitſchüler von dem Gymnaſium zu Greiz, das er vor⸗ dem beſucht hatte, zu ſich nachrief und ihm von ſeinem Koſtgeld— wöchentlich einem Thaler— unterhielt. In Weimar ſah er die großen Dichter, welche damals das deutſche Land mit dem Ruhme ihres Namens erfüllten; Einem aber, der ihn vor allen anzog und von deſſen Geiſt er auch zuerſt ſeine Richtung empfangen hat, verſuchte er ſich zu nahen. Herder empfing von den Primanern Weimars als Ephorus des Gymnaſiums, alljährlich eine Arbeit, nach freier Wahl des Schülers. Die Beſſeren mühten ſich Monate, Semeſter lang an ſolcher Probe. Die Stunde, in der Herder die Hefte zurückgab, war eine überaus feierliche, die Beſchämung für denjenigen, der ſeine Arbeit ohne jedes Wort der Ermunterung zurückerhielt, eine ſehr große. Schubert nahm ſich ein Thema, deſſen Wurzeln in Herders „Ideen zu einer Philoſophie der Geſchichte der Menſch⸗ heit“ lagen und deſſen letzte Form wir in ſeinem großen Werke:
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Ahnungen einer allgemeinen Geſchichte des Lebens“ finden, den Zuſammenhang der ſinnlichen mit der überſinnlichen Welt. Es gelang ihm, ſich durch ſeinen Aufſatz bei Herder einzu⸗ führen; er kam in deſſen Haus, wurde ein Schüler des Vaters und ein Freund der Söhne.
Ueberboten wurde der Einfluß, welchen der mächtige Theologe auf den jungen Schubert übte, erſt als dieſer ſchon die Theologie quittirt hatte und in Jena Medicin ſtudirte. Dort wurde er Schellings Jünger. Auch dem merkwürdigen Phyſiker Ritter trat er nahe, deſſen ganzes Leben ſich in die Studien des Galvanismus verſenkt hatte, und welcher durch ſeine Schriften, wie durch ſeine von einer außergewöhnlichen Anmuth gehobne perſönliche Anregung eine Wirkſamkeit übte, die um ſo weniger ahnen ließ, daß er bald zu den verſchollenen Exiſtenzen gehören würde, als auch ſein äußeres Leben der wärmſten Theilnahme würdig war. Schubert hatte, ſo ver— ſichert er, von Vater und Großmutter die Gabe des Traumes ge⸗ erbt, und trug deshalb ſchon immer einen Sinn für die Nachtſeite der Natur in ſich. Den nun hat W. Ritter in ihm großgezogen. Nur dem Namen nach war Schubert Mediciner geworden und weil es eben damals keinen andern Titel gab, unter dem man die Natur ſtudiren mochte. Sein ganzes Herz gehörte deren Erforſchung und ſchon waren von ihm die erſten Schritte zu einer Reiſe nach Afrika ge⸗ than, als zwei ſchwarze Augen und der Glockenklang einer Mädchen⸗ ſtimme ihn ans Erzgebirge feſſelten. Wer Henriette Mühlmann, Schuberts erſte Gattin auch nur aus ſeiner Biographie kennt, mag das begreifen und wird den jungen Arzt nicht ſchelten, der 23 jährig ſofort nach ſeiner Habilitation in Altenburg in die Ehe tritt„mit Gott und 100 Thlr. Schulden.“
Viel Noth, viel Freude, mancherlei getäuſchte Erwartungen, kurz die ganze Reihe von Erfahrungen, durch welche der Mann zu gehen hat, der ſein Lebensſchiff dem ungewiſſen Meere Preis gibt, hatte Schubert in Altenburg durchzuleben. Er machte Verſuche, ſich ſein Brot mit der Feder zu verdienen und warf einen zweibändigen Roman aufs Papier, den er nach ſeinem eignen Ausſpruch geſchrieben, aber nie geleſen hat. Ein wunderliches Kind ſeiner Zeit mögen dieſe„Kirche und die Götter“ geweſen ſein.„Wahnſinn, Ge⸗ fängniß, Geiſterſpuck kamen genügend darin vor; ferner eine ge⸗ waltige Waſſerflut, darauf ſo ſchöne Gruppen und Waldungen von Cedern, Cypreſſen, Obſtbäumen mit Blüthen und Früchten herum⸗ trieben, daß es Jammerſchade um ihren Verderb war. Jünglinge und Jungfrauen, Greiſe und Kinder ſtreckten ihre Hände und Köpfe aus den Wogen hervor; grünende Auen mit Sommerpalläſten und Hütten ragten, zum Theil halb zerriſſen, über die Strömung heraus; nutzbares Vieh in ganzen Herden mit mancherlei Gewürm kämpfte mit den Wellen, über denen die kleinen Gedichte, die dem überfluten⸗ den Texte eingefügt waren, wie muntre Vögel herumflogen. Aber alles ging in der grauſamen Ueberſchwemmung zu Grunde.“ So ur⸗ theilte ein Zeitgenoſſe über das erſte vergeſſne Werk des ſpäteren Vir⸗ tuoſen in der Volksliteratur. Doch der Roman that ſeine Schuldigkeit; er trug 90 Thlr. Honorar ein und von dieſen ließ ſich ein Weilchen leben. Außerdem wurde eine meddiciniſche Recenſiranſtalt mit Artikeln verſehen, die ein wenig mehr Mühe machten, denn es mußten ſehr viel Autoren hingeſchlachtet werden, ehe ein Druckbogen gefüllt ward, der dann mit 4 Thlr. honorirt wurde. Daneben unternahm unſer Freund die Herausgabe einer Bibliothek ſpaniſcher und italieniſcher Literatur, unterrichtete an Privatinſtituten in der italieniſchen Sprache und heilte wohl auch einen Kranken, wenn deſſen Angehörige ſich zu ihm verirrten. Das war ein Proletarier⸗ leben, wie es im Buche ſteht und aus dem nur die glücklichſten Naturen ſich herausarbeiten.
Dieß fühlte Schubert zu einer Zeit, da die äußere Noth ihn gerade nicht drängte, ſo lebhaft, daß er ſeine Zelte abbrach und noch ein Mal zur Schule zog. Sein Weib im Arme, den Ueberſchuß aus dem Verkauf ſeiner Möbel in der Taſche, aber auch das Gefühl ſeiner inneren Kraft und etwas mehr als eine Ahnung von dem, der ihn ſtark machte, im Herzen, zog Gotthilf Heinrich Schubert in Freyberg ein, wohin der Glanz von Abraham Werners Namen eine Zahl der beſten deutſchen Jünglinge zuſammenführte. Werner, der Linné der Steine, deſſen Bedeutung uns auch Humboldt achten lehrt, hatte in dem Thal und den umgebenden Höhen Freybergs eine natürliche Bergakademie entdeckt; er hatte durch eignes Suchen, durch Kaufen
und Tauſchen eine Mineralienſammlung zu Stande gebracht, der keine
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