Jahrgang 
1865
Seite
446
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Jugend, ein Hauch von Ruhe und Glück ſchien über ihrem ganzen Weſen zu ſchweben und gab ihm einen unbeſchreiblichen Ausdruck von reizender Anmuth.

Nicht ſo erſchien der Bildhauer Meyer, der ſich faſt eine halbe Stunde ſchon mit ihr unterhalten hatte; in ſeinen energiſchen Zügen waren die Spuren einer furchtbaren geiſtigen Bewegung deutlich ſichtbar, er war bleicher wie gewöhnlich, der Ausdruck ſeines Auges hart und gebieteriſch, doch hätte ein aufmerkſamer Beobachter gar bald die Bemerkung gemacht, daß ſtürmiſche, nur mit Gewalt unterdrückte Gefühle in der Bruſt des Künſtlers hauſten, denn ſeine Unterlippe bebte oft und ſeine Finger zuckten krampfhaft, wenn er mit der Hand über ſeine bleiche Stirn fuhr.

Ernſt Arkheim... war erkältet, er huſtete häufig... und lächelte, wenn er Hermann anſah. Auch er hatte ſich mit Fräulein Salomon an dieſem Abende unterhalten, hatte ſie oft ſchmerzhaft und lange angeſehen, hatte ſie aber plötzlich verlaſſen müſſen, da er ſtark huſtete.

Herr Falk war weniger oft bei ſeiner Braut, er unterhielt ſich viel mit dem Aſſeſſor Merkel, der ihm in einem Rechtsſtreite guten Rath ertheilte, aber nicht unterließ, von Zeit zu Zeit einen zu⸗ frieden lächelnden Blick auf Fräulein Salomon zu werfen.

Emil Wergmann ſpielte den aufmerkſamen Beobachter, Hulda war unruhig, ohne zu wiſſen warum.

Fräulein Salomon erhob ſich und ging allein ans Clavier, Emil machte die Bemerkung, daß diesmal Herr Falk ſie nicht, wie er es gewöhnlich that, dahin begleitete.... Noch eine überraſchende Bemerkung machte er, aber er glaubte ſich zu täuſchen... Lia hatte, bevor ſie ſich ans Inſtrument ſetzte, einen pfeilſchnellen Blick durch das Zimmer ſchweifen laſſen, und dieſer Blick hatte einen Moment auf dem mit gefurchter Stirn daſtehenden Bildhauer geruht.

Lia begann, und bei den erſten Tönen ſchon wurde die Aufmerk⸗ ſamkeit der Zuhörer lebhaft erregt.... Es lag etwas ſo Fremdar⸗ tiges, Erhabenes in der Muſik, die ſie vortrug, daß niemand zu athmen wagte.... Es tönte wie verwirrtes Schlachtengetobe, wie Todesgeſchrei, wie Verzweiflung... dann wieder wie Triumph und Siegeshymnen... dann plötzlich erklangen die Töne kaum hör⸗ bar, obgleich ſie mit fieberhafter Schnelle hervorſtrömten... dann mißtönende Schreckensaccorde, wie herzerſtarrende Verzweiflung... endlich jedoch ſchien die Nuhe wiedergekehrt zu ſein und ein melodien reiches Adagio, ſo ſüß, ſo klangvoll und doch ſo thränenſchwer, daß faſt keiner der Anweſenden zu athmen wagte, endigte dieſe unge⸗ wöhnliche Compoſition.

Kaum erſcholl ein Bravo, als die Künſtlerin ſich erhob, doch Erſtaunen und Rührung lagen auf jedem Geſichte.

Hulda war wiederum die erſte, welche, und dieſes Mal mit Thränen in den Augen, die Freundin umarmte....

Gute, liebe Lia! rief ſie,wie ſchön haſt Du geſpielt! Doch von wem iſt dieſe mir gänzlich unbekannte Muſik? Lia erhob den Blick, und wiederum ſah Emil, wohin ſie ihn richtete.

Ich ſelbſt bin die Componiſtin, antwortete ſie.

Eine gewiſſe Hausfrau rümpfte die Naſe, und ſagte etwas zu ihrer Nachbarin, einer alten, mürriſchen Dame, von Strümpfeſtopfen und Suppekochen....

Und welchen Namen haſt Du Deiner Compoſition gegeben? fragte Hulda weiter.

Die Tochter Jephtas! antwortete Lia mit zagender Stimme.

Wären nicht aller Anweſenden Blicke auf Lia gerichtet geweſen, der Anblick Hermann Meyers hätte Mitleiden eingeflößt, ſeine Knie ſchlotterten, ſein Geſicht war leichenblaß. Er begriff, er fühlte, es war ein Geſtändniß, das ihn berauſchte, er wußte ſich von Lia geliebt... aber Ernſt?... Ernſt, ſein Ernſt?

Er wandte den Blick ein Schreckensſchrei entfuhr ſeinen bleichen Lippen... Ernſt lag ohnmächtig in einem Armſtuhle.

Auch der kleine Emil war fürchterlich erregt... er hatte Alles beobachtet und er fing an zu begreifen.

Den Kopf in die Hand geſtützt und einen ſorgenſchweren Blick auf die vor ihm liegende Correſpondenz gerichtet, ſaß Herr Julius

Falk in ſeinem Comptoir in der X... ſtraße. Sein ſonſt ſo heiterer Herr Commerzienrath heute früh nach London abgereiſt iſt und ſeinem f Blick war von quälenden Gedanken getrübt. Der Brief, den er ſo eben Sohne Prokura ertheilt hat. erhalten, enthielt einen harten Schlag für ſein jung aufblühendes, Herr Falk nahm Hut und Stock.

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kaufmänniſches Glück. Die bedeutende Firma E. B. Förſter in New⸗Orleans hatte ihre Zahlungen eingeſtellt, und die erſten Berichte ſprachen von einer Dividende für die Gläubiger von höchſtens zehn Procent. Es war ein harter Schlag für ihn, zumal da er wohl be⸗ griff, daß wahrſcheinlich dieſer Bankerutt eine Art von geſchäftlicher Criſis hervorrufen und mehr als ein Falliſſement auf dem Platze verurſachen würde. Er blätterte in ſeinen Büchern, ließ ſeinen Buch⸗ halter rufen, beſprach ſich lange mit ihm und kam zu der traurigen Ge⸗ wißheit, daß er in einigen Tagen eine bedeutende Summe von Wechſeln zu bezahlen habe, und daß in Folge des amerikaniſchen Bankeruttes ihm die Fonds dazu gänzlich fehlen würden. Herr Falk trug ſeinem Buchhalter auf, ſich zu erkundigen, in weſſen Händen die fälligen Wechſel ſich befänden, und nachdem dieſer ihn verlaſſen, verfiel er von neuem in ſein voriges Grübeln.

Es war dies nicht das Einzige, was ihn beunruhigte, Lias Be⸗ tragen hatte ſich ſeit einiger Zeit gegen ihn gänzlich geändert, ſie war ſo ungemein nervös, daß ſie ſogar, wenn er ihre Hand berührte, zurückſchrak. Sie hatte ihn gebeten, ſie nicht ſo oft zu beſuchen, denn ſie wolle fleißig Muſik ſtudiren, und jedes Mal, wenn er auf ihre ſo lange verſchobene Hochzeit anſpielte, wurde das junger Mäd⸗ chen dermaßen aufgeregt, daß er ſich entfernen und ſie allein laſſen mußte. Was hatte das alles zu bedeuten? und dann, obgleich er ſich ſelbſt das Gegentheil behauptete, war jener anonyme Brief ihm doch nicht aus dem Gedächtniß entſchwunden, und die ſo genauen Details deſſelben marterten gar oft ſeinen Geiſt. Er hatte in der letzten Zeit zwei neue Bekanntſchaften gemacht, oder war vielmehr mit zwei Perſonen, die er vorher nur oberflächlich kannte, viel umge⸗ gangen und hatte ſich gern und oft mit ihnen unterhalten; und beide, wahrſcheinlich ohne es zu wollen, hatten viel dazu beigetragen, ſeinen ſchon unruhigen Geiſt noch mehr zu verwirren. Der eine, der Aſſeſſor Merkel, erzählte ihm die furchtbarſten Geſchichten von den jungen Mädchen der Reſidenz, und obgleich er nie einen Namen nannte, nie etwas erzählte, was im geringſten auf Lia angewandt werden konnte, ſo ſagte ſich Falk, der den anonymen Brief nicht ver⸗ geſſen konnte, dennoch, daß ein Menſch, der die chronique scandaleuse der Stadt ſo gut kenne, ihm die beſte Auskunft zu geben fähig ſein würde, wenn er den Muth hätte, ſich ihm offen anzuver⸗ trauen. Der zweite Freund, Emil Wergmann, ſchürte auf eine andere Art und Weiſe das glimmende Feuer ſeines Mißtrauens an, indem er ihm allerlei Geſchichten von unglücklichen Ehen er⸗ zählte und mit vielem Pathos erklärte, daß das größte Unglück für einen Mann das ſei, wenn ſeine Frau geiſtig über ihm ſtehe, und daß er lieber eine mit den ſchlimmſten Eigenſchaften belaſtete Xantippe heirathen möchte, als eine Frau, mit der er nicht wenigſtens auf gleicher Geiſteshöhe ſtehe! Hätte ein anderer dies dem Herrn Falk geſagt, ſo hätte er es ſicherlich für eine Anſpielung gehalten, aber der kleine Emil?... Es war die Wahrheit im Munde der Un⸗ ſchuld!... Herr Falk biß ſich in die Lippen und ſchwieg. Als jedoch dieſe Erzählungen unter verſchiedenen Formen ſich oft wiederholten, zwang er den ſcheinbar verwirrten jungen Mann ihm zu geſtehen, daß er in vielen Geſellſchaften über Herrn Falks Zukunft die traurigſten Prophezeiungen gehört hätte, denn obgleich Fräulein Salomon über⸗ all geliebt und geachtet ſei, behauptete man doch, daß es ihr un⸗ möglich werden würde, Herrn Julius Falk das häusliche Glück, welches man ihm von ganzem Herzen wünſchte, zu bereiten. Wiederum biß er ſich in die Lippen, verſuchte einen Witz über die guten Seelen zu reißen, die ſich ſeiner ſo liebreich annahmen, und war den ganzen Tag über verſtimmt.

Jetzt kam zu Lias unbegreiflicher Kälte, zu des Aſſeſſor Merkels Betrachtungen über junge Mädchen und zu Emils Einflüſterungen noch die geſchäftliche Criſis, welche ihn in dieſem Augenblick und unter dieſen Umſtänden um ſo ſchmerzhafter traf.

Nach einer halben Stunde ungefähr kam der Buchhalter zurück und berichtete, die beſagten Wechſel befänden ſich in den Händen des Commerzienrathes Arkheim.

Herr Falk athmete auf.

Nun, ſo werde ich mit meinem Freunde Ernſt ſprechen, ſagte er,und er wird ſeinem Vater unſre Lage vorſtellen!

Das trifft ſich um ſo beſſer, ſagte der Buchhalter,da der

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