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Alles was hier eben über Mängel der modernen weiblichen Arbeiten geſagt wurde, hat ſchon ſeit Jahren lebhafte Beſtrebungen zum Beſſeren hervorgerufen, und mit großem Erfolg hat man, namentlich für den Schmuck der Kirche, die einfach wirkſamen Flächen⸗ muſter des Mittelalters wieder ausgeführt. Ebenſo fehlt es nicht an zahlreichen Vorbildern in dem ſtylvollen Farben- und Formenſpiel des Orients. Beide Richtungen ſeien zur Bildung des decorativen Ge⸗ ſchmacks angelegentlich empfohlen; ein feiner künſtleriſcher Sinn wird von ſelbſt Maß im Alterthümlichen oder Bizarren zu halten wiſſen und nach und nach von ſelbſt auf ſolche Formen kommen, welche dem durch⸗ gehenden Charakter einer geſchmackvollen modernen häuslichen Einrichtung entſprechen.
Von dieſem Gebiete lenken wir nun noch einen kurzen Blick auf die Herſtellung ſolcher häuslichen Kunſtarbeiten, deren Zierde nicht in weichen Stoffen, ſondern durch Zeichnung und Malerei auszuführen iſt, und alſo aus dem gebundenen Stil, wie er ſich für Canevas, Tuch ꝛc. ziemt, zu freieren Formenbewegungen fortſchreiten mag. Wir möchten hierauf die Aufmerkſamkeit vornehmlich aller derer lenken, welchen die Ausbildung der Hand und des Auges, wie ſie der gewöhnliche Zeichenunterricht erzielt, eine Thätigkeit auf dem Felde bildender Kunſt geſtattet, ohne daß ſie ſich berufen und befähigt fühlen, in ſelbſtändig künſtleriſcher Arbeit etwas Befriedigendes zu leiſten. Anſtatt der ewigen Nachbildung von Vorlegeblättern und der Herſtellung von Geſchenkzeichnungen zweifelhaften Werthes ſteht ihnen eine wirklich fruchtbringende und ſelbſtändig werthvolle Kunſt⸗ arbeit offen, wenn ſie ſich nur entſchließen, aus dem Gebiete der eigentlich„zeichnenden Kunſt“ in das Feld des Kunſtge⸗ werbes herab⸗— oder ſagen wir es lieber ganz offen— hinauf— zuſteigen! Und zwar geſchieht dies eben vermittelſt einer verſtändigen Pflege deſſelben Kunſtzweiges, der bei den weiblichen Arbeiten in ſeiner Weiſe zur Anwendung kommt, der Ornamentik.
Die der Architektur zugehörige und eigne Formenwelt der Verzierung gilt als das Element der Arbeiten, die wir im Sinne haben, feſtzuſtellen; zugleich aber die Grenzlinie zu ziehen zwiſchen ornamentalen Kunſtarbeiten in eigentlicher Bedeutung und denjenigen Zeichnungen und Malereien, die man als willkürliche Zierrathe von allerhand Luxus⸗ und Gebrauchsgegenſtänden anwenden mochte.
Offenbar haben wir auf dem Gebiete der bildenden Kunſt, das die drei Zweige der Baukunſt(Architektur) Bildnerei(Plaſtik oder Sculptur) und Malerei(mit den Nebenzweigen der zeichnenden und vervielfältigenden Künſte) begreift, ein Ganzes vor uns, dem alle Darſtellung der Schönheit in ſichtbaren Formen zugehört oder wenigſtens verwandt iſt..
Jeder ſagt ſich leicht, daß das Weſen der Malerei und Plaſtik in dem Schaffen bildlicher Darſtellungen— dort auf der Fläche, hier in körperlich⸗runden Formen— beſteht, daß alſo dieſen beiden die Mannigfaltigkeit des natürlichen Organismus,— Menſchen⸗ und Thierwelt mit der umgebenden landſchaftlichen Natur— als Darſtellungsſtoff gegeben iſt. Was ſoll aber als das Weſen der Architektur gelten? Wir dürfen ſchon unſern deutſchen Ausdruck „Bau⸗Kunſt“ nicht brauchen ohne damit viel zu wenig zu ſagen, denn im Bauen, dem Schaffen der Räume für das geſellige Leben des Menſchen, liegen wohl die höchſten Aufgaben dieſer Kunſt, aber es kann auch— man denke nur an ſo manchen Wohnhaus⸗, Fabrik⸗ oder Caſernenbau— ohne alle Spur von Kunſt dieſem Bedürfniß genügt werden. Auf der andern Seite breitet ſich der ganze Reichthum der Kleinkunſt, des Kunſtgewerbes in Geräthen, Ge⸗ fäßen, Stoffen u. ſ. w. mit dem Anſpruch aus, als Ver⸗ wandtſchaft der Architektur berückſichtigt zu werden und wenn der flüchtige Blick oberflächlicher Betrachtung ſchon herausfinden wird, wie eine Kette von leiſen Verwandlungen die Zierformen des eigent⸗ lichen Bauwerks, an Säulen, Gebälk, Bekrönungen, Füllungen, u. ſ. w. hinüberleitet zu ihren Verwendungen in andern Stoffen, ſo lehrt die Kunſtgeſchichte, daß in den Kleinkünſten, welche ſchmückend die erſten Culturbedürfniſſe der Völker verſchönern, gerade die Quellen für die architektoniſche Formenwelt zu ſuchen ſind, daß aus Geflechten, Geweben und Näthen die Elemente der ornamentalen Kunſt hervor⸗ gegangen, und daß der mächtige Steinbau, in welchem alle architek⸗ toniſche Wirkung gipfelt, die Belebung ſeiner Formen zurückzuführen hat auf die ſchlichten Arbeiten, an denen der friſche Kunſtſinn jugend⸗ licher Völker ſich zuerſt geübt. Wir erkennen aus dieſer bedeutſamen
Verbindung— als das gemeinſame Kunſtelement von Architektur und Kunſtgewerbe die Verklärung des Zweckdienlichen zum Schönen, und dürfen getroſt, dieſen Grundſatz feſthaltend, in die Fülle der künſtleriſchen Erſcheinungen hineingreifen, um über das Verhältniß einer jeden zu den drei Hauptſtrömen bildender Kunſtthätig⸗ keit Aufſchluß zu erhalten.— Wer hätte nicht den Zauber empfun⸗ den, der aus den anſpruchsloſen Formen einer gemalten griechiſchen Thonvaſe heute ſo lebendig uns anweht, als da ſie der Töpfer nach wohlgelungenem Brande freudig zur Hand nehmen mochte! Nun laſſe man nur das Auge dem anmuthigen Zug der Gefäßumriſſe mit dem Bewußtſein folgen, wie im Fuß die zuſammengefaßte Kraft des Tragens, im Körper die ſchwellende Ausdehnung zur Aufnahme des Inhalts, im Hals die Einziehung zu ſicherem und bequemem Ausguß in glücklichſtem Formenausdruck gegeben iſt, wie dann die Palmetten⸗ kränze, Flechtbänder und Streifen der Ornamente das Umfaſſende, Zu⸗ ſammenhalten, Aufſtreben und etwa in der Einziehung des Halſes in ſinniger Verknüpfung aufwärts und abwärts gekehrter Blüthen das Ein⸗ und Ausgießen bedeutſam bezeichnen. Soweit die Verſchönerung des Zweckmäßigen durch plaſtiſch und gemalte Formen;— die ſelbſt⸗ ſtändige Kunſt tritt im eigentlichen Vaſenbilde, wo der neutrale Raum des Bauches eine verzierende Bezeichnung beſondern Zweckes nicht verlangt, hinzu;— auch hier aber nicht ohne ſich an die Fläche des Gefäßes anzuſchmiegen und durch Wahl der einfachen Farben dem Charakter des mattglänzenden gebrannten Thones treu zu bleiben.
Wir können hier keinen Ueberblick über die formalen Bedingungen ornamentaler Kunſt, ſondern nur eine Anregung zum Nachdenken für unſre Dilettanten geben, denen wir noch immer ein zweifelndes und zaghaftes Beſtreben anzuſehen glauben, ob ſie denn wirklich ſich nichts vergeben, wenn ſie von Landſchaften, Köpfen und gar Figuren ſich zu Verzierungen wenden ſollen. Mögen ſie es einmal auf praktiſche Verſuche ankommen laſſen, zu denen wiir ſchließlich einige Fingerzeige geben wollen.
Wir ſagten ſchon, daß es nichts Neues iſt, häusliches Geräth mit künſtleriſchen Arbeiten zu verzieren. Es gibt Ofenſchirme, Zeitungsmappen dc. mit eingerahmten Zeichnungen unter Glas, man malt Blumen oder zeichnet kleine Genrebilder auf allerlei Holzgeräth, das dann lackirt wird, oder man benutzt dazu die Abziehbilder, mit
welchen„Jedermann ohne die geringſten Vorkenntniſſe in zwei Stunden
die ſchönſten Malereien herſtellen kann.“
Zu allen dieſen Dingen wird der Künſtler ſelten ein vergnügtes Geſicht machen, denn dieſen ſchon vorhin gekennzeichneten„willkürlichen Verzierungen“ fehlt die Vorbedingung architektoniſcher Schönheit, der wir unerbittlich alles Ornament unterordnen, Anſchluß an das Zweck⸗ dienliche und an den Stoff des zu zierenden Gegenſtandes. So häßlich es iſt, geſtickten Figuren Glasaugen aufzunähen, die dann die weiche Fläche ſtörend unterbrechen, ſo gehört in Käſten, Schränke ꝛc. keine Stickerei und kein Papier, keine zerbrechliche Glasplatte auf Tiſche, keine getrockneten Blumen auf Schreibmappen, ſondern man verziere den Stoff mit Beibehaltung ſeiner eigenthümlichen Oberfläche. Vor allem empfiehlt ſich das dauerhafte, brauchbare und leicht zu behandelnde Holz zu künſtleriſchem Schmucke. Unzähliges Ge⸗ räth häuslichen Lebens bietet ſeine Flächen zur Verzierung dar und im Material ſelbſt liegt die Aufforderung, die ſchönen Werke koſtbarer eingelegter Holzarbeit, mit ihren harmoniſch zuſammenſtimmenden Tönen von Ebenholz, Mahagoni, Jacaranda, Nuß, Ahorn u. ſ. w. mit beſcheidener Beifügung von Metallen und Elfenbein, nachzubilden. Umrahmt von einfachen Flächenarabesken, wie ſie namentlich die Frührenaiſſance Italiens in muſtergültiger Weiſe geſchaffen, und in ſolchen Gliederungen eingefaßt, welche ſich den eckigen oder runden Formen der zu verzierenden Platte anſchließen, mag dann eine Fül⸗ lung von figürlichen Darſtellungen, Blumen, Mappenbildern u. ſ. w. auch in andern als Holzfarben eingefügt werden, auch ſie werden, aber immer am beſten wirken, wenn ſie aus der Fläche der nachge⸗ ahmt⸗ eingelegten Arbeit nicht herausſpringen. Wir können verſichern, daß auf keinem Material ſich angenehmer arbeitet, als auf der matt⸗ geſchliffenen Ahorn- oder Birnbaumfläche, welche ein ſchwacher Maſtixüberzug zur Aufnahme der Waſſerfarben vorbereitet; auch das gemeine Tannenholz mag mit Leimwaſſer überſtrichen zur Zierde von ländlichen Stubenthüren, Schränken, Wandgetäfel und Truhen Holzmalerei in einfach kräftiger Zeichnung tragen und wird, mit Wachs gebohnt, ſeinen unedeln oelfarbegeſtrichenen Verwandten nicht mehr gleichen, da es die in allem künſtlichen„Holzanſtrich“


