Jahrgang 
1865
Seite
438
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Geſtrenger, Edler, Veſter, inſonders liebwertheſter Herr Bruder!

Nach Wünſchung Göttlichen Segens und alles Guten zuvoran, bedanke mich bei dem Herrn Bruder nicht allein für die angenehmen Gratulationes zu ſtattgehabter fröhlicher Hochzeit Seiner beiden Nich⸗ ten, meiner Töchter, ſondern auch für das angenehme Geſchenke des ſtattlichen Wildſchweins in meine Haushaltung, als welches mir und Seiner Frau Schweſter, meiner Frau Cheliebſten, eine ſonderbare Ergötzlichkeit verurſachet, maßen dem Herrn Bruder nicht unbewußt, daß Schwarzwild in meinen Wäldern nicht anzutreffen, auch nicht aufkommen will, weiß nicht, ob um mangelnder Aeſung willen oder aus anderen bewegenden Urſachen, ſo ich denn zu unterſchiedlichen Malen mit nicht geringen Koſten etliche Stücke lebendig Schwarzwild beigeſchaffet und ausſetzen laſſen, welche aber jedesmal wieder ausge⸗ treten und ſich gänzlich verloffen, alſo daß ein ſolch Wild bei mir zu halten, dazu eine anmuthige Sauhatz zu begehen, mir aus dem Kopf ſchlagen müſſen.

Dermalen aber der Herr Bruder meine Frau CEheliebſte in Seinem Schreiben befraget, welche Bewandtniß es damit gehabt, als nehmlich nicht mit den Sauen, ſondern mit der Verheurathung Seiner zwo Nichten, wiewolen auch dieſer Umſtand mir viel Kopfzerbrechen gemacht hat und gar ärgerlich geweſen um des Geldes und entbehrten Vergnügens willen, was nehmlich die Sauen anbelangt; als habe nicht unterlaſſen wollen, darüber weitläuftigen Bericht zu geben, wie

es damit zugegangen, ſowol mit Verlöbniß, als mit Heurath und

aller Confuſion, ſo ſich dabei ereignet; maßen Seine Frau Schweſter Gänſefedern beſſer zu rupfen, als zu führen weiß, und es mit dem Schreiben gar kümmerlich ſteht. Halte auch dafür, daß ſolches beſſer Unſereinem, dazu Prieſtern, Doctoribus und Gelehrten anſtehe und einer ſo feinen, klugen und verſtändigen, dazu allezeit geſchäftigen Hausfrauen, welche der Haushaltung mit allen Ehren und Geſchick⸗ lichkeiten nunmehro an die dreißig Jahre löblich vorgeſtanden, ſchier unnöthig und zeitverderblich ſey.

Was nun zum Erſten das Verlöbniß anlangt, ſo hat ſich ſolches alſo zugetragen.

Der Herr Bruder wird wol gehört haben, wasmaßen Seine Churfürſtliche Gnaden etliche Tage vor Weihnachten mit großem Schwarm von Hofgeleit, Jägern und Hunden, auch Pferden und Leuten in mein Haus gefallen, alſo, daß wir viel Noth gehabt, ſo viel Volks geziemend unterzubringen, mußten auch der Pferde und Leute ſowie Jäger und Hunde das meiſte Theil zu den Bauern auf die näheſten Dörfer verlegen. War aber Urſach dieſes ehrbaren Be⸗ ſuches, daß S. Churfürſtl. Gn. etliche Meilen von hier gejaget, dabei mit dem Pferde geſtürzet und ſich dabei am Beine Schaden gethan, alſo daß Dieſelben den weiten Weg nach Dero Haupt⸗ und Reſidenz⸗ ſtadt geſcheuet und lieber auf eine Woche oder zwo bei einem ſtatt⸗ lichen Edelmann einkehren wollen, um daſelbſt die Heilung allererſt abzuwarten, und hatten S. Churf. Gn. dazu mein Haus und Hof erwählet, dieweil Sie mir und den Meinigen vor Andern ſonderlich gewogen, auch verhoffeten, daß unſere Liebe und Huld ſolche Beſchwer am gerneſten übernehmen würden. Welches alles mir S. Churf. Gn., nachdem Sie mit vielen Umſtänden vom Sattel und ins Haus ge⸗ bracht waren, gar artig zu wiſſen thaten. Ich antwortete darauf: Gnädigſter Herr Churfürſt! Dieweil in meinen jungen Jahren ſo manchen glück⸗, unterweilen auch unglücklichen Ritt zu Dienſt und Ehren des Churfürſtlichen Hauſes gethan, ſo kann mich nichts Schönres erfreuen, dann daß Ew. Churf. Gn. Ihren unglücklichen Ritt zu Ehren meines Hauſes haben wenden wollen, und werden ich und meine Frau Eheliebſte nach Kräften thun, um Ew. Churf. Gn. die Schmerzen vergeſſen und den Aufenthalt luſtig zu machen. Sollte aber bei der großen Eile, womit wir alles zurichten müſſen, dieß oder das mangelhaft ſeyn, ſintemal der vorausgeſandte Ew. Churf. Gn. Läufer uns ſo hohen und weitläufigen Beſuch erſt vor etlichen Stun⸗ den angeſagt, ſo wollte bitten, darüber in Gnaden ein Auge zuzu⸗ drücken. Worauf Sr. Churf. Gn. Narr einen artigen Schimpf machete und meinte, wenn wir nur von dem guten Pflaſter hätten, das in der Gurgel mit Faßdauben aufgeſtrichen werden müſſe, ſo

Sin Churfürſtlicher Beſuch gegen Inde des ſechszehnten Jahrhunderts.

Mitgetheilt von Victor von Strauß.

werde ſich der durchleuchtige Patiente ſchier erholen, ſich auch aller Mitleidenden Schmerzen bald legen, und würden wir die Ehre dieſes Beſuchs ſo lange genießen, als ſolche Apotheke im Keller vorhalten wolle zu Minderung irdiſcher Leiden. Darüber lachten S. Churf. Gn. als ein fröhlicher Herr, unerachtet Ihrer Schmerzen, und ſagten zu meiner Eheliebſten, obwol Sie wüßten, daß eine ſo berühmte Hausfrau ſich mit Ehren aus allen Ungelegenheiten zu ziehen wiſſe, ſo hätten Sie doch befohlen, guten Vorrath an Wildpret, Fleiſch, Fiſch, auch Mehl und Zugemüſe herbeizuführen, um bei ſolchem feindlichen Einfall in Küch und Keller der tapferen Hausfrau etliche Hilfsvölker unterzuthun. Da nahm der Narr mit ſeltſamen Ge⸗ berden ſeine Kappe vom Kopf und ſteckte ſie in den Buſen, und als S. Churf. Gn. fragten, warum er das thue, ſagte er:Bei Eurem Schaden und Schmerzen, Gevatter, ſprecht Ihr ſo witzig und handelt ſo unwitzig, dieweil Ihr hier in Kälte und Zugwind ſtehn bleibt, daß ich fürchte, Ihr wollt meine Kappen gegen Euren Churhut ein⸗ tauſchen, brachte ſie derohalben in Sicherheit. Da lachten Sr. churf. Gn. abermal und meinten, wenn Gott nicht jedem ſeinen Beruf be⸗ fohlen, ſo möchten Sie ſolchen Tauſch ſchon eingehn und würden ſich dabei beſſer ſtehn, als der Narr. Derſelbe aber habe einen guten Rath gegeben und möge ſich dafür ſeine Belohnung in vorgenannter Apotheke eingießen laſſen, derweilen Sie ſich unter meinem Geleit wollten in die für Sie bereiten Gemächer bringen laſſen. Welches denn ſolchergeſtalt geſchah, daß wir S. Churf. Gn., nach untergelegten Kiſſen, auf einen Armſtuhl ſetzeten und von Etlichen des Gefolges die große Steintreppe hinauftragen ließen, wo Sie in die Gemächer mit den ſchönen brabanter Tapezereien eingelegt wurden. Sie hießen mich darnach auf gar höfliche Weiſe gehen und blieben mit Etlichen Ihrer Vertrauteſten alleine. Will auch alsbald hier er⸗ wähnen, daß nicht lang hernach Medicus und Feldſcheer eintrafen und nach unterſuchetem und verbundenem Sr. Churf. Gn. Beine Ihre Meinung dahin abgaben, daß der Schaden gänzlich ungefährlich, auch kein Bruch vorhanden ſey, bei ziemlicher Ruhe Heilung kürzlich in Ausſicht ſtehe, und S. Churf. Gn. derweil immer einen guten Trunk thun mögen, maßen Sie Ihrer Gewohnheit nichts abbrechen ſollten.

Mittlerweil hatte mit ſonderbarem Wohlgefallen vermerket, daß im Geleit unſres gnädigſten Herrn auch meine ehemaligen beiden Mündel, die Junker Hans und Engelbert von Rüthe, eingetroffen, welche vorzeiten lang in meinem Hauſe geweſen, nachdem ſie ihre liebe Eltern an der großen Peſt verloren, wie dem Herrn Bruder nicht unwiſſend. Und iſt Junker Hans, nachdem er etliche Jahr auf hohen Schulen geweſen, S. Churf. Gn. Geheimſchreiber beige⸗ geben, wegen ſeiner guten Wiſſenſchaft, auch geſchwinden Geiſtes, derweil Junker Engelbert einen Befehlich über die Hatſchiere erhalten; S. Churf. Gn. ſind aber beiden Junkern ſonderlich zugethan um ihres Vaters ſeligen willen, welcher vor langen Jahren den gnädigen Herrn noch als ganz jungen Fürſten aus großer Fährlichkeit errettet. Denn da derſelbe ſeinen erſten Kriegszug gethan und ſich von ſeiner luſtigen, hitzigen, ungeſtümen Gemüthsart zu weit in die feindlichen Haufen treiben laſſen, war es geſchehen, daß der junge Fürſt mit Etlichen vom Adel nach tapferem Widerſtande war gefangen worden und ſollte weggeführet werden, als der von Rüthe mit einem tapferen Fähnlein ſtracks Laufs nachjaget und mit großer Gefahr Leibs und Lebens auch vielen ſchweren Wunden den jungen Fürſten heraushaute und wiederum in Freiheit ſetzete. Und hat mir S. Churf. Gn. zum öftern erzählet, daß, als er den von Rüthe darnach mit herzlicher Dankbarkeit umarmet, derſelbe ihn unwirſch angefahren und ge⸗ ſprochen:Junger Herr, junger Herr! wenn Ihr nicht lernt den Ungeſtüm zu Maße bringen, ſo wirds Euch mehr treue Männer koſten, denn Euch nütze iſt. Eins Fürſten Leben ſind viele Leben, und wer es ſo vermeſſentlich in Gefahr bringt, taugt zum Kriegsknecht, aber nicht zum Herzog. Welches Wort S. Churf. Gn., wie Sie ſagten, nimmer vergeſſen und dem ehrlichen Manne eben ſo ver⸗ danketen, wie ſeine tapfere Handlung. Auch hatten Sie mir, da ich die beiden Junker zum erſten Mal als junge Edelknechte mit an Hof führete, gnädig verſprochen, des Vaters Treue an den Söhnen zu vergelten, ſo ſie bei erlangten Jahren ſich deſſelbigen werth er⸗

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