dieſer Seite hin war. Sie nahmen allgemein an, daß geologiſche Beweiſe vorlägen, aus denen hervorgehe, der Menſch ſei wirklich nach allen Erdumwälzungen als letztes Erzeugniß der Schöpfung erſchienen.
In die Sprache des Naturforſchers überſetzt, lautet nun die Frage nach der Abſtammung alſo: Können alle Menſchen von einem einzigen Paare abſtammen oder nicht?
Angeſichts der vielen doch nicht ſo unerheblichen Abweichungen im Baue des Schädels, der Hautfarbe, der Beſchaffenheit der Haare u. dgl., welche die verſchiedenen Völkerſtämme, mit einander verglichen, darbieten, war es und iſt es die Aufgabe der Naturforſchung nachzu⸗ weiſen, daß dieſe Veränderungen nicht ſo bedeutend ſind, daß ſie nicht im Laufe der Zeiten unter dem Einfluſſe der ſo verſchiedenen Ver⸗ hältniſſe des äußeren und inneren Lebens der einzelnen Völker ſich hätten entwickeln können, ferner, daß es keine weſentlichen(ſpezifiſchen) Unterſchiede ſind, welche die verſchiedenen Menſchenra ſen trennen, daß dieſelben nicht größer ſind, als wir ſie bei Thieren einer Art, die entſchieden von einem Elternpaare abſtammen, nach verſchiedenen Generationen auch finden. Es muß, um es kurz zu ſagen, nach⸗ gewieſen werden, daß die Menſchen alle zu einer Art(Species) ge⸗ hören.
Auf dieſe Weiſe die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Ab⸗ ſtammung von einem Paare nachzuweiſen, lag nun zunächſt den Ana⸗ tomen und den Zoologen ob.
Für den Anatomen löſt ſich jene eine Frage in vier Unterfragen auf, die alle erſt gründlich beantwortet werden müſſen, ehe ein ſicherer Ausſpruch von ihm über jene Hauptfrage erfolgen kann, nämlich: 1) Wie weit weichen überhaupt die ſämmtlichen Völkerſtämme unter einander im Bau und auch in Funktionen des Körpers von einander ab? 2) Wie verhält es ſich mit den Uebergängen zwiſchen den von einander verſchiedenſten Raſſen, finden ſolche in der Art ſtatt, daß wir nirgends ſcharfe Trennungen machen können, oder nicht? 3) Wie groß ſind in ein und demſelben Volke die Abweichungen von dem allge⸗ meinen Typus, und welcher Art ſind dieſelben? 4) Welche Veränder⸗ ungen laſſen ſich im Lauf der Zeiten an ein und demſelben Volke mit Sicherheit nachweiſen, welchen Einfluß haben veränderte Lebens⸗ weiſe, anderes Klima u. dgl. auf einzelne Stämme wirklich ausgeübt?
Namentlich in Beziehung auf die unter 3 und 4 aufgeführten Fragen hat man vielfach Beweiſe aus dem Thierreiche zur Hilfe ge⸗ nommen. Da der Zoologe Gelegenheit hat, an Thieren Be⸗ obachtungen undExperimente anzuſtellen, die ſich mit Menſchen natürlich nicht anſtellen laſſen, ſo hat man die Erfahrungen über Veränderlich⸗ keit der Thiere, welche ſicher von einem Paare abſtammen, und deren Steigerung durch mehrere Generationen hindurch meiſt mit in dem Streite über die Möglichkeit der Abſtammung der Menſchen von einem Paare benutzt, um auch für den letzteren ſolche Abweichungen als mög⸗ licherweiſe im Laufe der Zeiten entſtanden und durch Erblichkeit feſt⸗ gehalten darzuſtellen.
Der Streit über dieſe Frage, der unter den Naturforſchern ausbrach, wäre wohl kein ſo erbitterter geworden, wenn nicht eben ge⸗ rade in dem Worte Gottes darüber eine ſo beſtimmte Ausſage gemacht wäre, für manchen Grund genug, das Gegentheil anzunehmen und zu verfechten. Es hat lange gedauert, bis der Kampf ein weniger leiden⸗ ſchaftlicher wurde und die Ueberzeugung ſich Eingang verſchaffte, daß mit dem bis jetzt geſammelten Materiale der Anatomen und Zoo⸗ logen ſich ein ſicherer Beweis für die Abſtammung der Menſchen von einem Paare nicht führen laſſe, aber eben ſo wenig der Gegen⸗ beweis. Vergegenwärtigen wir uns nur noch einmal, welche Menge von anatomiſchen Unterſuchungen über alle Völkerraſſen erſt angeſtellt ſein müſſen, ehe ein ſicherer Ausſpruch gethan werden kann, ſo begreifen wir, daß noch ganze Generationen von Anatomen vollauf zu thun haben werden, bis dies möglich iſt, und bis jene vier oben genannten an den Anatomen zu richtenden Fragen vollſtändig beant⸗ wortet ſein werden.
Die Theilnahme an dem Streite der beiden Parteien iſt dann auch in dem gebildeten Publikum erkaltet, was ſehr natürlich iſt, wenn man mit der Antwort auf die den Gegenſtand des Streites bil⸗ dende Frage auf ſo ungewiſſe Zeit vertröſtet wird. Erſt neuerdings hat ſich die Aufmerkſamkeit wieder mehr dieſem Gebiete zugewandt, indem ganz unerwartet die bisher als abgemacht angeſehene Frage nach dem Alter des Menſchengeſchlechts zu einer wichtigen Streitfrage wurde, und Befunde bekannt wurden, aus denen das Vor⸗ handenſein von Menſchen ſchon in einer früheren geologiſchen Periode,
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alſo auch eine mehrfache Menſchenſchöpfung von tüchtigen Natur⸗ forſchern gefolgert wurde. Sehen wir nun zu, wie es ſich damit gegenwärtig verhält.
Wenn man die verſchiedenen auf und über einander geſchichteten Gebirgsarten, welche mit wenigen Ausnahmen Reſte von Pflanzen und Thieren eingeſchloſſen enthalten, näher betrachtet, ſo bemerkt man bald, daß dieſe organiſchen Weſen, die, weil ſie meiſtens in Stein ver⸗ wandelt ſind, Verſteinerungen genannt werden, ganz und gar verſchie⸗ den ſind von den jetzt lebenden, wenn ſie ihnen auch ſehr ähnlich er⸗ ſcheinen und in denſelben Klaſſen, Ordnungen und Familien des Thier⸗ und Pflanzenreiches wie dieſe, untergebracht werden müſſen. Man erkennt nun ferner aus dem Aufeinanderfolgen und der Lage⸗ rung dieſer Verſteinerungen, daß von den älteſten Zeiten der Erde an bis auf die jetzigen ein mehrfacher Wechſel im Thier⸗ und Pflanzen⸗ reiche ſtattgefunden habe, und hat darnach in der Geſchichte der Erde verſchiedene Hauptperioden unterſchieden, deren jede eine ganz beſondere ihr ausſchließlich eigenthümliche Generation von Thieren und Pflanzen enthielt. Alle diejenigen Bildungen von Geſteinen, welche in einer ſolchen Periode entſtanden, zuſammengefaßt nennt der Geologe eine Formation. Unmittelbar unſerer jetzigen Periode der Erdge⸗ ſchichte voran ging eine, welche den Namen der tertiären erhalten hat. In Beziehung auf die in ihr lebenden Thiere iſt ſie von den früheren dadurch ausgezeichnet, daß darin zum erſten Male in größerer Menge die verſchiedenen Ordnungen der Säugethiere auf⸗ traten, zuerſt in Formen, von denen heute nicht einmal mehr die Gattungen vertreten ſind, dann dieſelben Gattungen, wie wir ſie jetzt noch auf der Erde finden, aber in von den jetzt lebenden verſchiedenen Arten. Der Höhlenbär, der Höhlenlöwe, die Höhlenhyäne wie ſie ge⸗ nannt wurden, weil ſie vorzugsweiſe in den Höhlen unſerer Kalk— gebirge ſich finden, ſind ganz andre Arten als Bären, Löwen und Hyänen, wie ſie irgend ein Land noch jetzt beherbergt. Mit ihnen zuſammen, ſo nahm man allgemein an, gab es keine Menſchen, dieſe gehören eben der jüngſten Periode allein an.
Beweiſe gegen die Richtigkeit dieſer letzten Sätze glaubte ein Lütticher Naturforſcher, Schmerling, in den Höhlen ſeiner Umge⸗ bung gefunden zu haben. Nach allen Seiten dieſelben mühſam durch⸗ ſuchend entdeckte er nämlich in ihren Tiefen nicht ſelten menſchliche Gebeine unmittelbar neben denen jener ausgeſtorbenen tertiären Säugethiere. Beide fanden ſich in ganz gleichem Zuſtande unter Tropfſteindecken neben einander gelagert und in Lehm gehüllt, die Menſchenknochen bald unter, bald über denen jener Thiere, zuſammen auch mit Gegenſtänden menſchlicher Kunſt auf ihrer früheſten Stufe der Entwicklung aus Stein gearbeitet. Er veröffentlichte ſeine Unterſuchungen 1833 und 34 in einem größeren Werke und zog aus ihnen den Schluß, daß Menſchen auch ſchon zur Tertiärperiode ge⸗ lebt hätten.
So lange dieſe Befunde vereinzelt daſtanden, konnte man da⸗ gegen einwenden, daß dem Nebeneinanderliegen der Menſchen und jener Thierknochen nicht nothwendig auch ein Zuſammenleben der⸗ ſelben vorausgegangen ſein müſſe, daß ja ganz wohl beide aus anderen, getrennten Ruheſtätten durch Fluten hierher eingeſchwemmt worden ſeien. Aber allmälich häuften ſich ähnliche Fälle immer mehr; einzelne ließen jenen Einwand gegen den Schluß auf die Gleich⸗ altrigkeit des Menſchen und der tertiären Thiere nur als eine höchſt gezwungene und ebenſo unwahrſcheinliche Auskunft erſcheinen, und jetzt, können wir ſagen, iſt es für jeden Unbefangenen entſchieden, daß der Menſch mit jenen Thieren, in der That zuſammenlebte. Wir wollen nur einen der Befunde, der dies unzweifelhaft feſtſtellt, etwas näher betrachten.
Am Nordabhange der Pyrenäen bei Aurignac fand man am Fuße einer Felſenwand faſt völlig verſchüttet von Geröll eine kleine Oeffnung, die zu einer Grotte führte, welche kunſtvoll verſchloſſen war durch eine ſenkrecht geſtellte große Steinplatte. In ihr fand man 17 menſchliche Skelete, Waffen und Schmuck der roheſten Art, erſtere aus Stein, Horn und Knochen gefertigt, letzterer aus Muſcheln, Knochen und Zähnen großer Raubthiere gebildet.
Mit ihnen zuſammen traf man Gebeine von Höhlenbären und Hirſchen, an ihren Enden angebrannt, ſonſt unverſehrt. Nach Hin⸗ wegräumen des Gerölles zeigte ſich der Boden vor der Höhle ge⸗ ebnet, darauf ein roher Herd von Sandſteinen und ringsumher ver⸗ ſchiedene Lagen von Aſche und Kohle mit angebrannten Knochen ähn⸗ lich denen in der Höhle, aber mit deutlichen Spuren der Benagung
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