Jahrgang 
1865
Seite
434
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ſein Sohn Emil auch dieſes mit einem gedankenſchweren Kopfſchütteln verweigerte!...

Aber in aller Welt! rief er, unfähig ſich länger zu mäßigen, was willſt Du dummer Junge denn eigentlich werden?!...

Gar nichts! lieber Vater, antwortete Emil beſcheiden.

Der Rentier ſtand ohne Worte da, er mußte ſich verhört haben...

Was? rief er.

Gar nichts! wiederholte der kleine Emil.

Das war zu viel! die Bombe platzte und ein heiliges Millionen..., begleitet von einem vor Unwillen faſt unverſtändlichen Gewitter von Kraftausdrücken ertönte durch die Stube, daß die Fenſter davon zitterten...

Wie inmitten des Orkans der Capitän eines Schiffes unbe⸗ weglich den Maſt umklammert und in die entfeſſelten Elemente ſchaut, ſo ſtand Emil, an einen Lehnſtuhl gelehnt, und ließ mit der ſtoiſchen Ruhe eines Spartiaten das Unwetter über ſeinem Haupte ausbrechen; als er aber merkte, daß jene Kraftausdrücke an Fülle zu verlieren anfingen, daß Worte an Stelle der Ausrufungen getreten waren, daß in einem Worte dieſer Aequinoctialſturm bald ausgetobt haben würde, und daß ein Sonnenſtrahl, obgleich mühſam, ſich durch einen Riß des ſchwarzen Firmamentes einen Weg brach, da ergriff er von neuem das Steuer ſeiner Barke und die berühmte

Phraſe des großen Auguſtus dem Verſchwörer Cinna gegenüber

parodirend, ſagte er mit feierlichem Tone: Nimm einen Stuhl, Papa, und höre mir zu! Der Rentier, deſſen Corpulenz ungeheuer bei dieſem Zorn⸗ anfalle gelitten hatte, ergriff, innerlich ſeinem Sohne für ſeine Auf⸗ merkſamkeit dankend, dieſe Gelegenheit, ſich, ohne ſein väterliches Anſehen zu verletzen, ausruhen zu können; doch da er ein geſchworener Feind der Stühle war, die, wie er ſagte, von den Möbelfabrikanten, damit ſie mehr daran verdienen, ſo abſcheulich klein gemacht werden, ſo warf er ſich auf das neben ihm ſtehende Canapee und lieh den Worten ſeines Erben ein aufmerkſames Ohr. Dieſer räuſperte ſich und begann: Du biſt der Sohn eines Schornſteinfegers, lieber Vater.. Schornſteinfegermeiſters, verbeſſerte der Rentier. Schornſteinfegermeiſters, fuhr Emil fort,haſt das Maurer⸗ handwerk erlernt, biſt Meiſter geworden, haſt Häuſer gebaut, mich erzeugt und Dir 10,000 Thaler Renten erworben. Glaubſt Du, daß ich mich ſchäme, der Enkel deſſen, der den kleinen Kindern Furcht eingejagt, und der Sohn deſſen, der den Maurergeſellen früher Kalk zugetragen und jetzt rechtlich erworbene 10,000 Thaler Renten hat, zu ſein? Wahrhaftig nicht, mein Vater; neulich habe ich es erſt meinem Freunde, dem berühmten Bildhauer Meyer erzählt, und er hat mir freundſchaftlich geantwortet, daß ich zu allem dem nicht fähig wäre, weder einen Schornſtein zu fegen, noch ein Haus zu bauen, noch mir 10,000 Thaler Renten zu ſchaffen...

Ein ſehr vernünftiger Menſch! murmelte Herr Wergmann.

Ich ſagte alſo, daß ich mich meiner Abkunft gar nicht ſchäme, fuhr Emil fort,aber ich füge hinzu, lieber Vater, daß es jetzt auch Zeit iſt, daß irgend jemand daran denke, dem Namen, den Du und der Großvater durch Fleiß und Rechtlichkeit rein von jeglichem Flecken erhalten habt, einen gewiſſen Glanz zu geben und Euren Lieblings⸗ wunſch zu erfüllen, mit der Frucht Eures Fleißes das Leben zu genießen und glücklich zu ſein. Ich, lieber Vater, fühle mich ganz und gar dazu berufen, dieſe Rolle zu ſpielen und Deinen Renten, indem ich ſie mit Anſtand und Eleganz Dir verzehren helfe, die ihnen ge⸗ bührende Ehre anzuweiſen. Ich ſagte Dir vorhin, ich wolle gar nichts werden und Du haſt mich vielleicht falſch verſtanden, ich wollte nur ſagen, daß ich mich unfähig fühle, ein beſtimmtes Fach zu er⸗ greifen, bei ſeiner Erlernung meine beſten Lebensjahre zu vergeuden und dann mich der Chance auszuſetzen, es doch zu nichts zu bringen. Da ich Dank Deinem Fleiße ein unabhängiges Leben führen kann, ſo bitte ich Dich, mir zu erlauben, meinem Hange nachzugehen und Encyclopädiſt zu werden...

Herr Wergmann ſperrte den Mund auf...

Was iſt denn das für ein neues Gewerbe? ſagte er, einigermaßen beruhigt, daß ſein Sohn doch wenigſtens etwas werden wollte.

Encyclopädiſt, mein Vater, iſt ein Menſch, welcher von jeglicher Branche des menſchlichen Wiſſens ſoviel lernt, als es ihm möglich iſt, und ſeinen Geiſt mit Kenntniſſen ſo ausſchmückt, daß ihm nichts fremd iſt. Wenn man ſich dieſem Studium hingibt, um Carriere zu machen, ſo iſt es ſchwer, zu etwas zu kommen; wenn man aber reich iſt und es nur der Liebe zum Wiſſen halber treibt, ſo iſt und bleibt man ein beliebter Mann, der ſich in jeglicher Geſellſchaft zeigen kann, und deſſen Vater, ſei er nun Maurer oder Schornſtein⸗ feger geweſen, von den Leuten geachtet und beglückwünſcht wird, ſo viel Sinn für höheres, geiſtiges Wirken gehabt zu haben, aus ſeinem Sohne nicht dies oder jenes, ſondern einen wirklich begabten Menſchen im weiteſten Sinne des Wortes gemacht zu haben!. Ich hoffe, mein Vater, daß Du Dir und mir die Freude nicht ver⸗ ſagen wirſt, aus dem Namen Wergmann einen der erſten Namen unſeres Landes, nicht des Geldes, ſondern des Werthes deſſen halber, der ihn trägt zu machen!

Emil hatte ſeine Rede beendet, und Herr Gottlieb Wilhelm Wergmann war beſiegt! Der Gedanke, der Vater eines kleinen Wundermenſchen zu werden, hatte ihn berauſcht, er hatte ſeinem Sohne carte blanche gegeben, zu werden, was er wolle und hatte ihn nur gebeten, ihm das Wort Encyclopädiſt auf ein Stück Papier zu ſchreiben, damit er es auswendig lernen und ſich an dem Er⸗ ſtaunen der Stammgäſte des von ihm beſuchten Bierhauſes ergötzen könne, wenn er ihnen erzählte, daß ſein Sohn ein ſolcher Menſch ſei.

Und ſeit einem Jahre hatte ſich Emil Wergmann wirklich... aber mit der größten Ruhe... dieſem von ihm erfundenen Fache gewidmet. Jedoch hatte er neben ſeinem ſocialen Standpunkt als Encyclopädiſt ein andres Gewerbe, welches unſern Leſern vielleicht lächerlich erſcheinen wird, das er ſelbſt aber als das ernſteſte ſeines ganzen Lebens betrachtete. Emil Wergmann hielt ſich für ein be⸗ vorzugtes Werkzeug der Vorſehung und hatte als ſolches eine unbe⸗ grenzte Hochachtung vor ſich ſelbſt. Es war ihm vor einiger Zeit gelungen, ein ertrinkendes Kind zu retten, und der Gedanke, vielleicht durch ſeine Kühnheit einen zukünftigen Wohlthäter der Menſchheit am Leben erhalten zu haben, berauſchte ihn dermaßen, daß er ſich von jetzt ab vornahm, ſich, ſo viel er konnte, zwiſchen das Schickſal und die Menſchen zu ſtellen. Als es ihm ſpäter einmal gelungen war, einer in die tiefſte Noth geſunkenen Handwerkerfamilie durch Unterſtützung, guten Rath und Empfehlungen wieder emporzuhelfen, da wuchs dieſe Ueberzeugung bei ihm faſt zu einer fixen Idee und die erſte Folge davon war, daß er ſich mit vielem Eifer ſeinen mannigfaltigen Studien hingab; die zweite aber, daß er ſich um gar viele Dinge bekümmerte, die ihn nichts angingen. Glücklicherweiſe verlor er bei der hohen Rolle, die er ſich ſelbſt in der Weltregierung zuertheilt hatte, weder ſeine angeborene Heiterkeit, noch die Gut⸗ müthigkeit, die den Grundzug ſeines ganzen Charakters bildete, und obgleich er alle mögliche Gelegenheit aufſuchte, ſeinen Mitmenſchen ſo nützlich wie möglich zu ſein und durch ſeine Einmiſchungden Lauf des Schickſals zu ihren Gunſten zu ändern¹, wie er ſich aus drückte, ſo wußte er ſich doch immer zur rechten Zeit zurückzuziehen,

wenn er zu begreifen anfing, daß dieſe Einmiſchung in fremde Ver⸗

hältniſſe den betreffenden Perſonen nicht mehr angenehm zu ſein ſchien. Freilich that er dies nie, ohne jene Unſeligen von ganzem Herzen zu bedauern, die den Fingerzeig, den ihnen die Vorſehung in ſeiner mikroskopiſchen Perſon ſandte, nicht erkannten, ja ſogar weg⸗ ſtießen!

Es war ihm in den letzten Tagen eine bemerkbare Unruhe im ganzen Weſen des Herrn Julius Falk, den er manchmal beſuchte, um die in ſeiner Fabrik aufgeſtellten Webeſtühle zu beſichtigen(ein Encyelopädiſt muß ja alles kennen) aufgefallen; da er dieſen Herrn jedoch nur ziemlich oberflächlich kannte, ſo hatte er es nie gewagt, irgend eine Aeußerung darüber fallen zu laſſen. Auch Ernſt Arkheim, den er faſt täglich traf, ſah in den letzten Tagen bleicher und ver⸗ ſtörter als gewöhnlich aus, und als er ihn darüber befragte, erhielt er

zur Antwort, daß in der letzten Zeit die Arbeiten im Comptoir ſeines

Vaters ihn ſo häufig bis in die ſpäte Nacht beſchäftigt hätten, daß es nicht zu verwundern ſei, wenn er angegriffen ausſähe.

(Fortſetzung folgt.)

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