Jahrgang 
1865
Seite
432
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Nach einem Orte, wo Du Fräulein Salomons Fenſter genau beobachten kannſt! antwortete dieſer.

Beide traten in das Atelier... Hermann Meyer hatte ſich auf einen Schrei des Erſtaunens gefaßt gemacht, den Ernſt beim plötzlichen Anſchauen ſeiner Statue ausſtoßen würde...

Ernſt ſah die arme Tochter Jephtas nicht einmal, er ſtürzte athemlos an jenes Fenſter, welches auf den Sellingſchen Garten ging...

Ja, Du haſt Recht, Hermann! rief er,dort iſt ihr Fenſter ... hier unten iſt der Garten, in dem ſie wahrſcheinlich mehrere Stunden des Tages verbringt!...

Meyer lächelte bitter... ohne zu antworten, warf er ſich auf ein Canapee und betrachtete ſein Werk...

Endlich wandte ſich Ernſt um und fragte:

Und was werden wir jetzt thun?

Hermann antwortete nicht...

Haſt Du einen Plan, Hermann? wir müſſen das Mädchen retten ich rechne auf Dich!

Hermann erhob den Blick zu ſeinem Freunde...

Ich begreife nur nicht, ſagte er,daß Du Dich von Herrn Falk haſt überholen laſſen; hätteſt Du vor einigen Monaten direkt um ihre Hand angehalten, ich bin überzeugt, daß Du ſie er⸗ halten hätteſt und nicht jener friſirte Gott der Z* Straße.

Was redeſt Du, Hermann? rief Ernſt zitternd.

Du mußt ſie ſeit langer Zeit, ſeit dem erſten Augenblicke, da Du ſie ſahſt, lieben, fuhr Hermann fort,Du biſt doch eine ganz andre Partie, als Herr Falf...

Ernſt ward bleich wie ein Todter... er ſank auf einen Stuhl.

Hermann... um Gotteswillen!... was ich in der innerſten Tiefe meines Herzens verbarg wer hat es Dir verrathen?

Narr! ſagte Meyer, indem er mit den Achſeln zuckte,ich begreife nur nicht, daß ich es nicht ſchon längſt gemerkt hatte; ich muß Dich ſogar darob um Verzeihung bitten oder Du mich, denn wären wir wie vor Jahren mit unſern Herzensergießungen Hand in Hand gegangen... wer weiß, Du wäreſt vielleicht ſchon nahe daran, ſie die Deine zu nennen! ſo müſſen wir wieder von vorne anfangen, denn Ernſt, fuhr er fort, indem er aufſtand und die Hände ſeines jungen Freundes ergriff,jetzt, wo ich weiß, daß Dein Lebensglück auf dem Spiele ſteht, kannſt Du Dir wohl denken, daß ich... Unmögliches möglich machen werde, um Dir den Weg des Glückes zu bahnen!

Ernſt warf ſich an die Bruſt des Freundes... er konnte keine Worte finden... ſchweigend umarmte er ihn, doch der tiefe Schmerz, der ſich auf ſeinen Zügen gelagert hatte, entging dem Bildhauer nicht.

Muth! mein Ernſt, ſagte er,wer wird denn gleich ſich ſo der Verzweiflung hingeben! Du ſollſt ſehen, wie wir zum Ziele gelangen werden... Haha!... der Aſſeſſor Merkel und Herr Julius Falk... ſind das etwa Gegner für Ernſt Arkheim und Her⸗ mann Meyer?!..

Und Lias Liebe! wer gibt mir die? fragte Ernſt mit kaum hörbarer Stimme.

Ich, wahrhaftig! rief Meyer,ich werde ihr ſo viel von Dir erzählen, werde ihr Dein Herz, das ich beſſer als Du ſelbſt kenne, ſo herrlich vorſtellen, daß ſie nicht anders können wird, als Dich lieben... Muth, mein Ernſt, Muth!

Du ſuchſt mich einzuſchläfern, Hermann... Und mein Vater

ſeine Einwilligung zu meiner Verbindung mit einer Jüdin!

Ich, ich! rief der Bildhauer,er iſt mir äußerſt gewogen. Ich halte ihm eine lange Rede, verſpreche ihm vierundzwanzig Statuen für die neue Börſe, die alle wie Menſchen ausſehen ſollen, aber nicht wie die, welche das Lokal bevölkern. So ſei doch ge⸗ ſcheidt, Ernſt! rege Dich nicht ſo auf... es wird alles gut werden...

Ernſt entwand ſich den Armen des Künſtlers.

Und wenn Deine Freundſchaft alle Hinderniſſe beſiegt haben wird, ſagte er mit tiefer, ernſter Stimme,dann wirſt Du auf eins ſtoßen, das Du nie zu beſeitigen im Stande ſein wirſt... nie hörſt Du, Hermann? niel

Und darf ich wenigſtens den Namen dieſes unüberſteigbaren Chimboraſſos wiſſen? erwiederte jener lächelnd.

Mein feſter, unumſtößlicher Vorſatz, mich nie.. und am

wenigſten mit Lia Salomon zu verheirathen.

Hermann blieb einen Augenblick ſprachlos...

So ſehr ich auch meinen Geiſt foltere, ſagte er,ich verſtehe Dich nicht!

Erlaſſe mir die Erklärung, mein einziger, mein beſter Freund! erwiederte Ernſt gerührt,der Zufall wird ſie Dir vielleicht bald geben.Jetzt, wenn Du mir einen Dienſt erweiſen willſt, für den ich Dir noch auf meinem Todtenbette danken werde, denke daran, das arme Mädchen aus den Klauen jenes Ungeheuers zu retten!

Hermann ſah ſeinem Freunde lange ins Auge, dann drehte er ſich plötzlich um... er furchte die Stirn.. er war unzufrieden mit ſich ſelbſt, mit einem Gedanken, der mit Pfeilesſchnelle ſein Ge⸗ hirn durchkreuzt und all ſein Blut ihm in die Wangen getrieben hatte . mit einem unausſprechlichen Blick betrachtete er ſeine Statue... dann wandte er ſich wieder zu dem jungen Arkheim und ſagte:

Du biſt ein Narr! laſſe vernünftige Leute für Dich ſorgen, Ernſt. Mit dem Aſſeſſor Merkel werde ich ſchon fertig werden, darüber laſſe Dir keine grauen Haare wachſen... übrigens habe ich es ſchon dem Fräulein Salomon ſelbſt verſprochen.

Wo haſt Du ſie kennen gelernt? fragte Ernſt erſtaunt.

Vor einigen Stunden, dort im Garten, antwortete Meyer,und ſchon nennt ſie mich ihren Freund.

Ein Blitz ſchoß aus den Augen Ernſts...

Ich kenne ſie ſchon ſeit einem Jahre. ſagte er,ſie iſt die beſte Freundin meiner Schweſter und noch nie habe ich von ihren Lippen ein ſolches Wort gehört...

Ein tiefer Seufzer entfuhr der Bruſt des Unglücklichen, ſein Kopf fiel auf ſeine Bruſt und ſeine Augen wurden feucht...

Meyer begriff, daß er die Unterredung ändern müſſe...

Du biſt aber auch der unhöflichſte Menſch der ganzen civiliſirten Welt, ſagte er,und es geſchieht Dir ganz recht; ſchon ſeit einer halben Stunde befindeſt Du Dich in Geſellſchaft einer Dame und haſt ſie noch nicht einmal angeſehen... Schau her, Ernſt, das Werk, welches mir Jahre gekoſtet hat und das in einigen Tagen vollendet ſein wird!

Und er ergriff die Hand des Freundes und führte ihn an eine Stelle, von wo aus der Wiederſchein der einbrechenden Dämmerung die Statue mit einem matten Roth beleuchtete...

Ernſt war wie von einem religiöſen Schauer ergriffen!... Wortlos ſtand er einige Augenblicke da... Nie hatte er etwas Aehnliches geſehen, gefühlt! Sein Athem ſtockte.. ſeine Augen wurden feucht er drückte krampfhaft des Bildhauers Hand...

O, mein Freund! wie groß biſt Du, rief er endlich, indem er ſich in ſeine Arme warf und ihn mit aller Kraft an ſein Herz drückte.Und Du liebſt mich der Erſchaffer jenes Meiſterwerkes iſt mein Freund, er nennt mich ſeinen Freund o Hermann!.. Gott vergelte Dir dieſen Augenblick, er iſt der glücklichſte meines Lebens!

Und wiederum heftete er ſeinen Blick auf die Tochter Jephtas und ſchaute ſie lange lange an, und ſchien ſich faſt zu be rauſchen und konnte ſein Auge nicht von den edlen Schmerzens⸗ zügen des weinenden Marmorbildes trennen!

Auch Hermann fühlte ſich bei dem Enthuſiasmus ſeines Freundes glücklich, er bereute es nicht, ihn in das Geheimniß ſeiner Arbeit eingeweiht zu haben... er hatte alles vergeſſen,... er fühlte ſich ſeit langer Zeit zum erſten Male recht innig glücklich.

Doch plötzlich ließ Ernſt ſeine Hand fahren, ſchien einen

Augenblick furchtbar zu leiden, ſein Geſicht wurde feuerroth ſeine

Züge verzerrt, ſeine Hände kampfhaft geballt... und mit einem Male entrang ſich ſeiner Bruſt ein mehrere Minuten lang dauernder, furchtbarer Huſten!

Hermann führte ihn erſchreckt zum Canapee.. reichte ihm ein Glas Waſſer und bald hatte ſich der Anfall gelegt... Doch...

Um des Himmels willen! ſchrie er plötzlich mit ſchreckhafter Stimme,ich ſehe Blut auf Deinem Taſchentuche, Ernſt!... Ernſt, was iſt das?... ſprich!... Du huſteſt Blut!...

Ernſt lächelte traurig...

Weißt Du nun, Hermann, ſagte er,warum, wenn es Dir auch gelänge, alle Hinderniſſe zu beſiegen, ich doch nicht Lia zur Gefährtin annehmen kann?!

Der Bildhauer ſtand erſtarrt da!