Jahrgang 
1865
Seite
430
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Um die Oſtſeeküſte zunächſt ſo weit zu ſichern, als dies in menſch⸗ licher Macht ſteht, bedürfen wir 35 40 Stationen, deren vollkom⸗ mene Einrichtung 70 80,000 Thlr. beanſprucht, während die Koſten ihrer jährlichen Unterhaltung ſich nur auf 4 5000 Thlr. belaufen.

Hauptſächlich ſind es jedoch drei Punkte unſerer Küſte, die der Schifffahrt beſondere Gefahr bringen, wo die meiſten Strandungen ſtattfinden und wo eine baldige Abhilfe Noth thut. Dieſe Punkte ſind Leba, Rügenwalde und Treptow. Als ich im Daheim die Sache anregte, die von der Redaction mit ſo warmem Intereſſe aufgenommen und gefördert wurde, hatte ich dieſe drei Punkte zu⸗ nächſt im Auge. Die eingegangenen Beiträge reichen faſt ſchon hin, um auf Leba die erſte vollſtändige Bootsſtation einzurichten; nach dem in letzter Zeit ſo reichlichem Zufluſſe von Beiträgen, nimmt die Redaction mit Sicherheit an, binnen kurzem die Summe voll machen zu können. Die Koſten eines aus der Hamburger Fabrik zu bezie⸗ henden Rettungsbootes von 30 Fuß Länge aus canellirtem Eiſen mit vollſtändigem Inventar, Transportwagen, Schuppen und Auf⸗ ſtellung betragen circa 1000 Thlr; hält die thatkräftige Theilnahme noch weiter an, ſo ſoll gleich der Raketenapparat dazu angeſchafft werden, deſſen Koſten ſich auf ungefähr 7 800 Thlr. ſtellen, ſo daß die vollſtändig eingerichtete Station 18 1900 Thlr. be⸗ anſprucht. Iſt dies erreicht, ſo ſoll die nächſte Anſchaffung von weiter einlaufenden Geldern des Daheim ein Raketenapparat für eine brave, bewährte frieſiſche Station ſein. Mit der Einrichtung der erſten Bootsſtation kann und ſoll ſchon in nächſter Zeit vorgegangen werden, da es von größter Wichtigkeit iſt, daß wenigſtens die drei erwähnten Küſtenpunkte noch vor den Herbſtſtürmen geſichert werden. Immerhin fehlen zur Erreichung dieſes erſten Zieles aber noch 180 Thlr.(abgeſehen von den 800 Thlr. zu dem unumgänglich nöthigen Raketenapparat) auf deren baldiges Zuſammenkommen ich jedoch zuverſichtlich hoffe, da der Leſerkreis des Daheim mit einem ſo ſchönen Beiſpiel vorangegangen iſt und ohne Zweifel auch ferner ein reges Intereſſe für einen ſo edlen und humanen Zweck bewahren wird. Es ſind mir außerdem auch von andern Seiten ſo günſtige Ausſichten

auf Beiträge eröffnet, daß ich ſchon jetzt die Erwartung ausſprechen

darf, in dieſem Jahre noch mehr als drei Punkte mit Apparaten aus⸗ gerüſtet zu ſehen.

In Stettin habe ich zu dieſem Zwecke die Bildung eines Ret⸗ tungsvereines für die Oſtſeeküſte angeregt. Mein Vorſchlag iſt dort mit der größten Bereitwilligkeit und dem freundlichſten Entgegen⸗ kommen aufgenommen worden und wenn die eigentliche Conſtituirung bis jetzt noch nicht ſtattgefunden hat, ſo iſt dies Schuld von nicht zu umgehenden Formalitäten, denen der Verein nach den beſtehenden Landesgeſetzen unterworfen iſt und deren Erfüllung immer eine gewiſſe Zeit beanſprucht. Ich darf jedoch hoffen, daß die Conſtituirung in wenigen Wochen ſtattfinden wird.

Bis dahin haben die Herren Capitän Schwartz und Nüske, Experten der preußiſchen Seeverſicherungsgeſellſchaften in Stettin, ſowie ich ſelbſt die Leitung der Sache in die Hand genommen und alle Vorbereitungen getroffen, um ſie möglichſt zu fördern. Sobald

der Verein conſtituirt iſt, werden wir ihm die Fortführung des unter ſo günſtigen Auſpicien begonnenen Werkes übergeben und dürfen be⸗ reits jetzt dem Publicum die Zuſicherung geben, daß die Sache dann in guten Händen ruhen, auf das Zweckmäßigſte eingerichtet und ener⸗ giſch gefördert werden wird.

Um die Wirkſamkeit der einzelnen Stationen möglichſt zu er⸗ höhen, iſt es ſehr wünſchenswerth, ſie in gewiſſem Grade unter eine einheitliche Oberleitung zu ſtellen, damit die gegenſeitigen Erfah⸗ rungen ausgetauſcht und benutzt und die Stationen nach einem gleichen Syſtem eingerichtet werden. Außerdem wirkt eine ſolche Zuſammengehörigkeit auch in anderer Weiſe höchſt nützlich, um das Intereſſe des Volkes und der Beitraggeber ſtets rege zu halten. Es iſt nicht nur wünſchenswerth, ſondern nach den mir zugegangenen Mittheilungen ſehr wahrſcheinlich, daß einzelne Städte ganze Statio⸗ nen errichten und unterhalten werden. Es kann dann leicht der Fall eintreten, daß ſolche Stationen in Jahren keine Gelegenheit zu Rettungen haben. So erfreulich dies nur ſein kann, wird die natürliche Folge eines ſolchen Falles doch immer ein Erkalten des Intereſſes von Seiten der Beiſteuernden ſein. Sobald jedoch ein gemeinſamer Verband ſämmtliche deutſche Rettungsſtationen umſchließt, werden die auf einem Punkte ausgeführten Rettungen, ſei dieſer bei Memel oder an der Ems, jedem Geber die gleiche Ge⸗ nugthuung gewähren und das ganze Volk intereſſiren. Ich habe deshalb zu dieſem Zwecke mit den Vorſtänden der drei Vereine an der Nordſeeküſte Verbindungen angeknüpft und bei ihnen das größte Entgegenkommen gefunden. Nach Conſtituirung des Stetti⸗ ner Vereines wird eine Zuſammenkunft von Delegirten der vier Vereine ſtattfinden, welche darüber berathen werden, bis zu welchem Grade eine gemeinſchaftliche Leitung des deutſchen Rettungsweſens nöthig und ſtatthaft iſt.

Das ſchöne Werk verſpricht demnach einen gedeihlichen Fort⸗ gang und wenn auch noch bedeutende Summen erforderlich ſind, um es zur Vollendung zu bringen, ſo dürfen wir uns doch der Hoffnung hingeben, daß die ſtets wachſende Theilnahme des deutſchen Volkes für das Rettungsweſen bald die nöthigen Mittel herbeiſchaffen wird. Möge nur ja die Gebeluſt nicht erkalten, denn das Errungene reicht kaum für den erſten Anfang, möge das Beiſpiel vielmehr jedem, der dies lieſt, ein Sporn nicht zu ſchlaffer Sympathie ſondern zu opfer⸗ williger Nachahmung ſein, die Redaction iſt fort und fort bereit, Gaben entgegen zu nehmen. Vor allen Dingen iſt ein guter Anfang gemacht und eine Station bereits ſo gut als geſichert. Sie wird den NamenDaheim tragen und hoffentlich manchen braven Seemann aus der kalten Flut erretten, um ihn ſeinen Lieben wiederzugeben. Aber ſchon jetzt ſtatte ich allen edlen Gebern, welche ſich an dem Unternehmen betheiligt und dazu beigetragen haben, die erſte Rettungsſtation aus der Mitte des Volkes an unſerer Oſt⸗ ſeeküſte in das Leben zu rufen, im Namen meiner Fachgenoſſen meinen innigſten Dank ab. Gott wird ſie dafür ſegnen und ihre That in unſeren Herzen eine bleibende Stätte der dankbarſten Erinne⸗ rung finden. Werner, Corvetten⸗Capitän.

Künſtlers Leid und Freud.

Novelle von H. Marcotin.

(Fortſetzung.)

Die Scene, die Hulda ihrer Freundin erzählt, hatte jedoch beider Beziehungen auf einen ſolchen Spannpunkt getrieben, daß eine Erklärung nothwendig geworden war, zumal da Ernſt wohl begriff, daß Meyer, indem er ſeinem Wunſche, Lia nicht zu kränken, nachge⸗ geben, ihm ein großes Opfer gebracht hatte.

Am Tage, wo die verlaſſene Lia ſo unerwarteter Weiſe einen Freund und Beſchützer gefunden hatte, war Ernſt in Hermanns Atelier gekommen, um mit ihm zu ſprechen, hörte aber hier, daß dieſer hinterlaſſen hätte, im Falle er ihn beſuche, möge man ihm ſagen, er wünſche ihn nach vier Uhr im Café X* zu ſprechen. Der junge Mann machte ſich noch einige Gänge und ſchon gegen drei Uhr befand er ſich am beſagten Orte. Es war in dieſem Kaffee⸗

hauſe, wo die ganze faſhionable Jugend ſich gewöhnlich in den erſten Nachmittagsſtunden einfand, um die Neuigkeiten des Tages zu er⸗ fahren und ſich über die Vergnügungen des Abends zu verſtändigen. Die erſte Perſon, welche der eintretende Ernſt bemerkte, war der Aſſeſſor Merkel, welcher mit einem Offiziere an einem Tiſche ſaß und eifrig zu ſprechen ſchien. Er hatte einen Arm in einer Binde, und ein ſchwarzes Heftpflaſter zeigte, daß er auch im Geſichte verletzt ſei. Ernſt, obgleich er eine wohlbegründete Antipathie gegen den Aſſeſſor fühlte, konnte dennoch nicht umhin, da dieſer das Haus ſeiner Eltern beſuchte, ihn zu grüßen und ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen.

Schlecht, wie Sie ſehen, erwiederte Merkel,doch jedes