Wänden umgeben, eine erwünſchte Zuflucht gegen den Sturm ge⸗ währte. Hier warteten wir über eine Stunde, und als endlich die Sonne durchbrach, ſchien der Großglockner plötzlich ſo nahe vor uns, daß es mir vorkam als ob ich einen Schneeball hinüberwerfen könnte, obwohl wir doch noch weiter als zwei Stunden von ihm entfernt waren. Wir hatten keine Zeit zu verlieren und machten uns daher als⸗ bald wieder auf den Weg. Bald gelangten wir zu einer Stelle, welche durch ihre eigenthümliche Formation uns in Gedanken bis zur Erſchaffung der Welt zurückverſetzte; wir konnten uns des Eindruckes nicht erwehren. Es war eine ungeheure Felskluft, welche von der Natur, wie es ſchien, durch zwei mächtige, zufällig da hineingefallene Felsblöcke überbrückt war; der gefährliche und ſchwindelnde Weg führt dicht an einem Waſſerfalle her, der durch den finſtern Abgrund der Felsſchlucht ſich ſeine Bahn ſucht.
Glücklich an der anderen Seite angelangt, erreichten wir endlich nach einer Stunde angeſtrengten Steigens den eigentlichen Anfang des Eiskegels des Großglockners. Starr und kalt erhebt ſich derſelbe bis zu einer Höhe von 2000 Fuß, und zwar ſo ſteil, daß der Schnee an einigen Stellen nicht haften kann und das ſchwarze Angeſicht des nackten Rieſen hindurchblickt.
Die Steigeiſen wurden nunmehr angelegt und Kramſer, der jüngſte der Führer, machte jetzt den Beginn der eigentlichen Beſtei⸗ gung, indem er als tapferer Vorpoſten vorauskletterte, um Stufen für uns in den Schnee zu hauen. Zum Glück hatte es, trotz des warmen Wetters unten im Thal, in dieſen Regionen kürzlich bedeu⸗ tend geſchneit, wodurch die Erſteigung einigermaßen erleichtert wurde, indem noch lockerer Schnee das feſte Eis bedeckte und uns feſteren Fuß faſſen ließ. Es wurde mir ein Seil um den Leib gebunden, welches Pichler, immer einen Schritt mir voranſchreitend, mit ner⸗ viger Hand feſthielt. Und ſo ging es in den ausgehauenen Stufen aufwärts. 3
Das Thermometer war etwas geſtiegen, und die Luft nicht un⸗ angenehm. Die Erſteigung der erſten Spitze iſt überhaupt mehr ermüdend als gefährlich,— wenigſtens für jemanden, der nicht an Schwindel leidet— und in ½ Stunden hatten wir dieſes erſte Ziel erreicht. Es war ½ elf Uhr Morgens, das Thermometer abermals um 3 Grad geſtiegen. Lachner und ich legten uns auf den Schnee um von den gehabten Anſtrengungen auszuruhen. Die beiden andern Führer aber trafen die Vorbereitung zur weiteren Beſteigung; in einer halben Stunde war alles fertig.
Sie hatten einen ſtarken Alpenſtock in den Schnee getrieben und zwei Seile daran befeſtigt; das eine derſelben nahm Lachner in ſeine Hand, während mir das andere um den Leib geſchlungen und von Kramſer, der zu dieſem Behuf bei uns zurückgeblieben war, feſtgehal⸗ ten wurde. Es iſt nämlich die erſte Spitze von der zweiten höheren, durch einen etwa 62 Fuß breiten Abgrund getrennt, der jedoch von einem durch Eis und Schnee gebildeten ſteilen Zwiſchengrat über⸗ brückt wird. Dieſes iſt die gefährlichſte und ſchwierigſte Stelle der ganzen Beſteigung. Lachner und ich ſetzten uns auf den Schnee und rutſchten einer dicht hinter dem andern auf einer ſteilen Schneefläche etwa 80 Fuß hinab um zu jener Brücke zu gelangen, die andern Führer folgten uns von ihren Alpenſtöcken unterſtützt. Nun muß⸗ ten wir über den 21 Fuß langen Grat, der auf ſeiner Oberfläche nicht mehr als zwei Fuß, ja an einigen Stellen nur 15 Zoll breit iſt, ohne daß rechts oder links ſich eine Erhöhung befände. Auf der einen Seite blickt man in eine Tiefe von 2740 Fuß, an der andern gähnt ein Abgrund ſo tief und ſchauerlich, daß ich mich ſchon vor Betretung der Brücke an die Felſen lehnen mußte um nicht vom Schwindel er⸗ faßt zu werden. Doch das Vertrauen auf meine Führer, die ſich bisher ſo tüchtig bewährt hatten, hielt meinen Muth aufrecht. Jetzt überſchritt Pichler mit einem Strick verſehen vorſichtig den Grat, während Kramſer ſtehen blieb, um den Strick feſtzuhalten. Nun wurde der Strick ſtraff angezogen, und bildete auf dieſe Weiſe eine Art von Geländer, welches zum Anhalten über dieſen ſchwindelnden Pfad dienen konnte. Lachner trat nunmehr auf den engen Pfad voran, ehe er jedoch weiter ſchritt, wandte er ſich nochmals nach mir,
um einen prüfenden Blick auf mich zu werfen. Ich aber, genau in ſeine Fußtapfen tretend, mit der einen Hand mich an ſeinen Gürtel, mit der andern an jenen Strick anklammernd, weder zur Rechten noch zur Linken blickend, gelangte ſo in wenigen Sekunden glücklich hinüber. Jetzt hatten wir noch die zweite Spitze zu erſteigen, welche 280 Fuß höher, aber noch bei weitem ſteiler iſt, ja an einigen Stel⸗ len faſt ſenkrecht abfällt, ſo daß die ſchwarzen, nackten Felſen hervor⸗ treten. Drei dieſer Stellen konnten nur mit Hilfe unſerer Leiter erklommen werden; die auch hier in den Schnee gehauenen Fußtapfen gaben meinen Tritten Halt, zumal der hinter mir gehende Führer dabei meine Ferſen auf höchſt praktiſche Weiſe vor dem Ausgleiten ſicherte.
Gegen 11 Uhr hatten wir alle Gefahren und Mühſeligkeiten überwunden, alle Schwierigkeiten ſiegreich beſtanden, denn wir be⸗ fanden uns jetzt auf der höchſten Spitze des Berges, dem höchſten Punkte Deutſchlands: 12,280 Fuß über der Meeresfläche. Die Luft war ſchneidend, fein und kalt, aber in dieſem Momente ſo ſtill, daß eine angezündete Wachskerze ohne Bewegung darin brannte. Das kleine Plateau, worauf wir ſtanden, war beinah rund, und maß nur 9 Fuß im Durchmeſſer. Auf allen Seiten ſtürzt der pyrami⸗ daliſche Kegel ſteil in die unabſehbare Tiefe, ich glaube der Glockner iſt der ſpitzeſte Gipfel, der jemals erſtiegen wurde.
Für alle Gefahren und Mühen ſahen wir uns reichlich belohnt, wir gedachten ihrer nicht weiter, als ſich die unbegreifliche Schönheit dieſes Anblickes vor unſern Augen entfaltete. Im erſten Momente erſchien mir alles verworren und wie im Traume ſchweiften meine Augen über die zu meinen Füßen liegende Welt. Wonnetrunken folgten meine Blicke den weißen Wölkchen, die durch die reinen Lüfte ſegelten. Ich fühlte mich in meine Kinderjahre verſetzt, wo mir meine Mutter erzählte, dieſe Wölkchen ſeien die Lämmer des Himmels, über welche die Engel zu wachen hätten. Hier war ich nun mitten unter ihnen, aber ich fühlte wohl, daß ich ſelbſt weder ein Lamm noch ein Engel war; dies ſchien das himmliſche Völkchen auch zu wiſſen, denn obſchon grade auf uns zukommend, ſo daß ich ſie beinahe mit Händen hätte greifen können, wichen ſie doch plötzlich dem Berge aus, als ob ſie über die fremden Gäſte, die ſo ungebeten in ihre Einſamkeit ſich eindrängten, erſchrocken geweſen wären.
Gegen Süden hin ſchweifte das Auge über Gebirge und Thal⸗ gründe fernhin bis zum Adriatiſchen Meer. Gegen Norden ließen ſich die weitgeſtreckten Ebnen des bairiſchen Flachlandes bis zu den waldreichen böhmiſchen Gebirgen hin verfolgen. Im Oſten zeigten ſich die zackigen Spitzen der bairiſchen Hochgebirge in wunderbarem Formenreichthum, während der rieſige Ortler nach Weſten zu wie ein Wächter der noriſchen Alpen daſtand. Dort ragte der Groß⸗ venediger aus einem Meer von Wolken hervor und badete ſein ſilbergraues Haupt in den tiefblauen Himmelslüften. Um uns herum in nächſter Nähe gewahrte das Auge nichts als einförmige Felder von Schnee und Eis, in denen alles Leben erſtorben ſchien, ein Anblick der wunderbar mit den hundertfach abgeſtuften Färbungen der Fernſicht contraſtirte. Keine menſchliche Sprache iſt reich genug, von dieſem Panorama je ein auch nur annähernd entſprechendes Bild zu entwerfen.—
Zwei Stunden, die wir in dieſer verklärten Welt zugebracht hatten, verſchwanden mir ſo ſchnell, daß ſie mir wie der Traum eines kurzen Augenblickes vorkamen und nur mit dem größeſten Widerſtreben konnte ich mich entſchließen den Rückweg anzutreten.
Abends um 7 Uhr kamen wir glücklich und wohbehalten wieder nach Heiligenblut hinunter. Der Paſtor, welcher uns durch das Fernrohr beobachtet hatte, kam uns mit dem ganzen Dorfe entgegen. Wir wurden mit großem Jubel empfangen und ſo war ich denn ein⸗ mal in meinem Leben der Held des Tages geweſen!
A. W.
Für das deutſche Rettungsweſen zur See beläuft ſich die Summe der bis heute eingegangenen Gaben auf ca. 700 Thlr. Die Quittung folgt in nächſter Nummer.
Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. RKobert Koenig in Leipzig. Verlag der Daheim⸗Expedition von Velhagen a Klaſing in Bielefeld und Berlin.— Druck von Fiſcher« Wittig in Leipzig.
1


