Einem Briefe des Zeichners unſres Bildes, welches genau die Localität und die Porträts der Kämpfer wiedergiebt, entneh men wir folgende zuverläſſige Einzelnheiten über den Tod des braven Feldwebels.—
Als ich daran ging, den Tod des Feldwebels Probſt bei Schanze V für Sie zu zeichnen, ſchreibt er, durchſtöberte ich zunächſt meine Skizzen⸗ bücher nach dem nöthigen Material und fand bald das Erwünſchte, an Ort und Stelle aufgenommen; dann ſetzte ich mich mit dem Unteroffi⸗ zier Daniel vom 64ſten Regiment in Verbindung, der im Auftrag der Avancirten der Compagnie kurz nach dem Sturm ſeinem Cameraden Probſt ein einfaches aber edles Denkmal geſetzt, indem er brieflich dem Bruder des Gefallenen deſſen Tod auf dem Felde der Ehre anzeigte und dabei deſſen ruhmvolles Verdienſt in ſchlichter ſoldatiſcher Weiſe ſchilderte.
Ein Hauptmann des Garde⸗Grenadier⸗Regiments Auguſta, einer der Wackerſten, welche dem Namen dieſes Regiments durch den Sturm auf Schanze VI einen europäiſchen Klang verſchafften, ſagte mir:„Möcht' ich doch wiſſen wer der Tapfere war, der ganz vorn, die Sturmfahne in der einen Hand, den Säbel in der andern, ſeinen Leuten weit voraus auf die Schanze V losging, auf der Communi⸗ cation zwiſchen V und VI ſein Panier aufpflanzte und wie ein Wüthender in die Dänen einhieb.— Ich ſah ihn kurze Zeit darnach aber nicht wieder.“
Die Antwort des Unteroffiziers Daniel, welche ich auf mein Schreiben erhielt, ſetzte mich in den Stand, dieſem Augenzeugen mit⸗ zutheilen, daß der Wackere unſer Felwebel Probſt war. Der natur⸗ getreu und von ehrlicher Soldatenfeder erzählte Hergang rief in mir ſofort die Erinnerung an die blutigen Stätten hervor, die Zeuge dieſer Cataſtrophe geweſen waren.
Das ganze Feld zwiſchen Schanze V und VI, der eigentliche Schauplatz dieſes Ereigniſſes, war von Bomben und Granaten buch⸗ ſtäblich zerriſſen und glich einem rieſigen, durchwühlten Anger. Die Communication ſelbſt, auf der Probſt die Sturmfahne auf⸗ pflanzte, ein einfacher Erdaufwurf mit 5— 8 Fuß tiefen Gräben dahinter, zum Theil bombenfeſt mit Balken und Erde eingedeckt, hatte ſeitwärts eingeſchnittene Sitzplätze, wie Chorſtühle in einem Dom. Dieſen Stätten ſah man an, daß ein verzweifeltes Ringen
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auf Leben und Tod hier ſtattgefunden hatte. Der Boden und die Seiten dieſes Grabenlabyrinthes waren bedeckt mit Montirungs⸗ ſtücken aller Art, mit aufgeriſſenen Torniſtern, Raſirſpiegeln, hölzernen däniſchen Löffeln, blutigen Tüchern und Leinwandfetzen, Gebetbüchern, Commißbrot, Granatſplittern und Blutlachen, es war ein gräßlicher Anblick.— Eine Miütze hob ich mir auf, in deren Schirm eine preußiſche Spitzkugel mit voller Wucht eingeſchlagen war— der arme Däne, der dabei lag, ein alter Reſerviſt, hatte den Schuß über dem linken Auge und ſtarrte den Himmel mit entſetzlichem gläſernen Blick an.
Doch nun laſſen wir den Unteroffizier Daniel reden:
„Der Feldwebel Probſt, die Sturmfahne in der Hand, befand ſich bei dem Zuge, welcher die Schanze von der linken Seite angriff. Ungeachtet des ſtärkſten Feuers der Dänen erreichte er das Glacis links vor der Schanze. Hier war ein Laufgraben zur Verbindung der Schanze V und VI aufgeworfen, darinnen erwarteten uns die Dänen. Hier pflanzte der Feldwebel ſeine Fahne auf, mit der Rechten ſchwang er ſeinen Säbel und hieb wild auf die anſtürmenden Feinde ein. Da wurde der Brave im linken Fuß verwundet und ſank in die Kniee, aber noch einmal erhebt er ſich, auf ſeine Fahne geſtützt, und ruft Hurrah!— Da ſpringt eine Däne vor, ſetzt dem Feldwebel das Bayonett auf die Bruſt und ſchießt ihn nieder.— Inzwiſchen ſind aber unſere Leute herangekommen, der Füſelier Herrmann, als der Erſte, ſchlägt den Dänen, welcher noch das Bayonett auf den Feldwebel gezückt hält, mit einem kräftigen Kolben⸗ ſchlag zu Boden, ſo daß der Kopf des Dänen ganz breit ge⸗ ſchlagen iſt. Wohl an 15 Dänen ſprangen auf und kreuzten ihre Bayonette mit unſern Leuten, wodurch ſich ein heißes Gefecht ent⸗ ſpann, in dem keiner weichen wollte; in einem Augenblick aber waren die Dänen niedergemacht. Unſer tapfrer Feldwebel lag durch⸗ bohrt von zwei Schüſſen und einem Granatſplitter, welcher den ge⸗ rollten Mantel und die Bruſt des Braven zeriſſen hatte, zu unſern Füßen.“
In einer der nächſten Nummern bringen wir von demſelben Künſtler einen andern heldenmüthigen Zug aus den Reihen der öſterreichiſchen Waffenbrüder. D. Red.
Vilder aus dem Heeleben.
Von Corvettencapitän Werner.
Abfahrt.
Es iſt ein kalter, trüber Novembermorgen. Der naſſe Nebel dringt mit eiſiger Kälte bis auf die Haut und läßt jeden, den nicht unabweisliche Geſchäfte zum Ausgehen nöthigen, das behagliche Zimmer aufſuchen. Nur am Bollwerk des Hafens herrſcht reges Leben. Eine Menge Boote befördern Paſſagiere zwiſchen dem Lande und Sr. Maj. Fregatte„Seeſtern“, die ſeefertig in der Mitte des Hafens liegt. Der„blaue Peter“, das Zeichen der Abfahrt, weht vom Vortop, die Boote ſind eingeſetzt und nur ein Kutter, ſowie des Capitäns Gig ſind noch zu Waſſer. Erſterer liegt bemannt läng⸗ ſeit, um die Taue loszumachen, letztere am Bollwerk, um den Capi⸗ tän zu erwarten.
Der erſte Offizier mißt mit ungeduldigen Schritten das Hin⸗ terdeck. Dieſelben ſind ſeit einer Stunde an Schnelligkeit und Größe in geometriſcher Progreſſion im Wachſen und können als Barometer für ſeine Gemüthsſtimmung dienen. Er wartet mit Schmerzen auf die Ankunft des Capitäns und wünſcht in Ermangelung eines an⸗ dern Gegenſtandes, an dem er ſich Luft machen kann, alle männlichen und weiblichen Beſucher zum Kuckuk, die ſich über die Fallreepen drängen. Sie kommen, um hier noch einem Bekannten die Hand zu drücken oder dort einen zärtlichen Abſchied zu nehmen. Einzelne führt auch wohl ein ſchwacher Hoffnungsſchimmer an Bord, daß die weichere Stimmung der Gemüther beim Abſchiede von der Heimat für mögliche Bezahlung ihrer Rechnungen ſich günſtig erweiſen möge.
Was gehen jedoch alle dieſe Motive den erſten Offizier an?
Er hat keine Verwandte, die ihm die Hand drücken, keine Braut, die mit naſſen Augen an ſeinem Halſe hängt. Ebenſowenig hat er aber auch unbezahlte Rechnungen und für ihn exiſtirt daher nur das Fac⸗ tum, daß jeder Beſuch eine Portion Schmutz mehr auf das ſorgſam geſchenerte Schiff ſchleppt,— der größte Kummer, der einem erſten Lieutenant widerfahren kann, namentlich aber unſerm Freunde, dem mit dieſer wichtigen Charge auf Sr. Maj. Fregatte„Seeſtern“ bekleideten Capitän⸗Lieutenant Kurzſpleiß.
Er iſt der vollendete Typus eines Seemanns. Jedermann an Bord weiß dies und achtet ihn deshalb. Im Dienſte iſt er ſehr ſtreng und kein Freund von vielen Worten. Kadetten und Mann⸗ ſchaft fürchten ihn und ſelbſt die Offiziere treten unwillkürlich nach Backbordſeite, wenn er am Steuerbord ſpazieren geht und die Zahl ſeiner Schritte 120 in der Minute überſteigt. Er iſt Junggeſelle und ein entſchiedener Weiberfeind. Seine einzige Liebe iſt ſein Schiff. Er hält es wie einen Putzkaſten und jeder Fleck iſt ihm ein Dorn im Auge. Sein Schiff iſt ſeine Welt; mit der andern hat er abgeſchloſſen, als der blaue Peter gehißt wurde. So lange die Reiſe dauert, geht er freiwillig nur in Geſellſchaft des Großmaſtes von Bord.
„Kattblock!“ ruft er dem dienſthabenden Steuermannsmaat zu, der ſich ſeit einer Viertelſtunde vergebens bemüht, die Gläſer des Fernrohrs mit dem Zipfel ſeines feuchten Halstuches zu reinigen.
„Zu Befehl, Herr Capitän⸗Lieutenant!“ erwiedert dieſer den Hut lüftend.
„Noch nichts zu ſehen?“
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