Jahrgang 
1865
Seite
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Die Grenzer.

Es iſt ein merkwürdiger Gürtel, mit dem Kaiſer Ferdinand I ſeine chriſtlichen Länder zum Schutz gegen räuberiſche Einfälle einzelner Türken⸗ horden umgab. Von den Geſtaden des adriatiſchen Meeres bis zu den Fels⸗ höhen der Transſylvaniſchen Alpen iſt jederGrenzer Soldat vom 18. bis zum 60. Jahre, und befindet ſich durchſchnittlich zwei Drittheile des Jahres im Dienſt, wodurch er ſeine Steuern und Abgaben bezahlt für den Grundbe⸗ ſitz, den er und ſeine Familie als Lehngut vom Kaiſer erhielten..

Die Organiſation der Grenzer iſt patriarchaliſch⸗ militäriſch. Der Familienälteſte, Hausvater genannt, iſt das anerkannte Oberhaupt, welcher alle Geſchäfte überwacht, die Poſten und Dienſtſtunden eintheilt, für die Be⸗ dürfniſſe der Familie die Beſtellung des Ackers, die Zucht des Viehes ſorgt, wie jeder andre Landmann, und bei feindlichen Einfällen, oder bei der Verfolgung von Räubern, der Hauptmann und Anführer ſeiner gefürchteten Schar iſt.

8 lange die Zahl der Mitglieder einer Familie nicht achtzig überſteigt, bleibt ſie unter der Obhut eines Hausvaters; wird ſie zahlreicher, ſo iſt es ihr erlaubt eine neue Kolonie zu gründen, wozu der Kaiſer ein neues Lehn(30 bis 50 Morgen Landes) bewilligt.

Die Tracht des Grenzers, wenn er auf Poſten iſt, beſteht aus einem langen, gelblichgrauen Bauernrock, worüber Patrontaſche und Säbel ge⸗ tragen werden; als Kopfbedeckung dient ein breitgekrämpter Bauernhut. Als ich die Grenzländer der Donau beſuchte, befanden ſich an Bord unſres Schiffes mehre höhere Offiziere, vielleicht auf einer Inſpectionsreiſe, wovon die Grenzpoſten benachrichtigt ſchienen; denn alle ohne Ausnahme traten ins Gewehr und ſalutirten, ſechs bis acht Mann auf jedem Poſten. Dieſer Dienſt nimmt täglich 5000 Mann in Anſpruch, unter gewöhnlichen Verhältniſſen; herrſcht aber die Peſt in der Türkei, ſo werden die Poſten verſtärkt, oft verdoppelt, und alsdann befindet ſich ein Drittheil der geſammten männ⸗ lichen Bevölkerung im Dienſt. Vermöge dieſer Organiſation kann binnen 12 Stunden eine krieggewohnte Armee von faſt 80,000 Mann in Bewegung geſetzt werden, und eben dieſe rohen Kriegsſöhne haben ſchon oft Schrecken durch Europa getragen, wo man vor den Panduren und Kroaten ebenſo zitterte wie vor den blutgierigen Türken, gegen welche ſie den Nachbarländern heute Schutz gewähren!

Dieſe ganze militäriſche Grenzmacht iſt in ſiebzehn Infanterie⸗Regimenter und ein Huſaren⸗Regiment getheilt, wozu noch ein Bataillon Tſchaikiſten von 900 Mann kommt, Grenzmarineſoldaten, welche in kleinen Kanonenböten auf der Donau, Save und Theiß kreuzen. Frank Lorenz.

Eine feine Lehre.

Der franzöſiſche General Petit wollte in einer deutſchen Stadt eine Karte des Landes kaufen. Der Kunſthändler ſagte ihm, ſie ſeien ſchon alle vergriffen, indem die Soldaten ſeiner Brigade ſie alle weggekauft hätten. Der General wunderte ſich darüber und um ſich von der Wahrheit der Aus⸗ ſage zu überzeugen, fragte er den Grenadier, der bei ihm die Ordonnanz hatte, ob er eine Karte des Landes habe?Ja, entgegnete der Grenadier, indem er die Karte überreichte. Nachdem der General ſolche beſehen hatte, gab er ſie dem Grenadier zurück, der dabei mit feinem Lächeln bemerkte:Meine Karte iſt wohl von der Ihrigen ſehr verſchieden?Wie ſo? fragte der General.Auf der Ihrigen, mein General, ſind lauter Schlöſſer, auf der meinigen nur Bivouacs. Seit dieſer feinen Lehre erlaubte ſich der General nicht wieder, ſich von ſeinen Truppen zu entfernen, ſondern theilte das Unge⸗ mach der Witterung mit ſeinen Untergebenen.

Colberger Papiergeld vom Jahre 1807.

Nachdem Gneiſenau durch Cabinetsordre vom 11. April zum Comman⸗ danten von Colberg ernannt worden war, und mit gewohnter Energie ſich auf dem ihm anvertrauten Poſten heimiſch gemacht hatte, fehlte es eben ſchließ⸗ lich an Geld zur Anſchaffung von Armaturgegenſtänden aller Art. Von Königsberg war ſolches nicht zu erlangen und Gneiſenau daher zu Anleihen bei Colbergs wohlhabenden Einwohnern gezwungen. Er erhielt Capitalien, die nach Pertz Biographie des ſpätern Feldmarſchalls bis zum Ende der Belagerung ſich auf etwa 96,000 Thaler beliefen. Anfangs Juni ſuchte er ſich auch durch Verfertigung von 30,000 Thaler Papiergeld mit Zwangs⸗ cours zu helfen. Da es damals in Colberg keine Druckereien gab, ſo wur⸗ den Packpapierbogen mit Schreibpapier überklebt, in kleine viereckige Stücke geſchnitten und von Schülern des Lyceums mit ſchwarzer, rother und blauer Dinte, je nach dem verſchiedenen Werthe als 8, 4 und 2 Gutegroſchen bezeichnet, durch Glieder des Magiſtrats, Bürgervorſteher und Kaufleute unterſchrieben und auf der Rückſeite durch Gouvernementsſiegel beglaubigt. Dieſe Geldſcheine wurden zwar Anfangs von den Schanzarbeitern und auch ſonſt ungern genommen, doch dienten ſie zur Erleichterung des kleinen Ver⸗ kehrs und die davon ausgegebenen 5,200 Thaler, ſpäter als Andenken und Seltenheit häufig aufbewahrt, waren Anfang 1808 gänzlich wieder eingekauft.

Während der Belagerung Colbergs, die von circa Mitte März bis zum 2. Juli ſich erſtreckte, ſollen nach Angabe des feindlichen Generals Loiſou ver Kugeln, Bomben und Granaten gegen die Stadt verſchoſſen wor⸗

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Ein ſehr auffallendes und merkwürdiges Ereigniß

fand am Tage nach der Ermordung Heinrichs IV zu Paris ſtatt. Der Bataille⸗Sergeant des großen Königs, Jacques Dominique, welcher in allen

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Kämpfen an der Seite ſeines Herrn gefochten und bei Ivry ein Bein verlor, ging über die Stelle in der Straße Feronnerie, wo Ravaillac ſeine teufliſche That vollbracht hatte. Plötzlich überfiel den alten Soldaten eine ſo gewaltige Betrübniß, daß er in Thränen ausbrach, ein convulſiviſches Zittern ſchüttelte ſeinen Körper, er vermochte nicht mehr zu ſtehen und ward in ein naheliegen⸗ des Haus gebracht, woſelbſt er wenige Minuten darauf verſchied. Seine Rüſtung wurde laut Befehl des Magiſtrats von Paris am Thurme von Er⸗ monville aufgehängt, durch Zufall neben dem Fenſter des Zimmers, in welchem Heinrich IV die erſte Zuſammenkunft mit der ſchönen Gabriele d'Eſtrées gehabt hatte.

Eine der rührendſten Grabſchriften des Alterthums

hat man in neuerer Zeit bei Rom auf dem Grabſteine eines ſiebenjährigen Mädchens gefunden. Der Vater widmet die Gedenktafel der kleinen Ent⸗ ſchlafenen und ruft zum Schluſſe aus: Erde, drücke ſie nicht! Sie hat auch Dich nicht gedrückt. 2 Luftweberei. 1

Aus Luft Steine zu machen und Häuſer zu bauen, wie Ehren⸗Münch⸗ hauſen vorſchlägt, iſt allerdings bis heute noch nicht gelungen, und die Luft⸗ ſchlöſſer haben ebenfalls keinen langen Beſtand. Aber die Luft, ähnlich dem Dampfe, zu feſſeln und einzuzwängen, um ſie zum Betriebe von Maſchinen zu verwenden, damit hat man in neuerer Zeit erfolgreiche Verſuche gemacht.

Ericſon war der erſte, welcher dieſe Idee verwirklichte. Er machte ſich anheiſchig, große Schiffe mittelſt zuſammengedrückter(comprimirter) Luft ſo ſchnell wie Dampfſchiffe zu befördern. Doch das iſt bis jetzt noch nicht ge⸗ lungen, und es werden zur Zeit in Amerika, wo man mit techniſchen Erfin⸗ dungen am rüſtigſten fortſchreitet, Maſchinen mittelſt zuſammengedrückter Luft nur mit zwei bis vier Pferdekraft in Betrieb geſetzt.

Einen bedeutenden Fortſchritt hat kürzlich der Engländer C. W. Harriſon auf dieſem Gebiete gemacht, indem er den Webſtuhl ſo einrichtete, daß derſelbe, ſtatt durch Dampf was ſchon als ein bedeutender Fortſchritt angeſtaunt wurde durch die Luft in Thätigkeit geſetzt werden kann.

Aber fragen wir zunächſt, welche Vortheile das Weben mittelſt zuſam⸗ mengedrückter Luft gegen das bisherige Verfahren bietet.

Was die ökonomiſche Seite betrifft, ſo gehören zuerſt zur Erzeugung des Dampfes Steinkohlen, welche jetzt unnöthig ſind. Sodann muß der eiſerne Picker, welcher in Verbindung mit einem geſchmeidigen Lederriemen das Webeſchiffchen hin und her wirft, ſtets gut geölt werden, um gehörig arbeiten zu können: Dies Oel macht nicht unerhebliche Koſten. Ferner muß in den Arbeitsräumen eine hohe Temperatur herrſchen, damit das Oel nicht gerinnt, ſondern flüſſig bleibt. Endlich iſt auch das Oel leicht geneigt, umher zu ſpritzen, und den Zitz zu beſchmutzen, in welchem Falle der Weber Abzug an ſeinem Lohne erleidet.

Wendet man dagegen Luft als treibende Kraft an, ſo vermeidet man alle die eben angegebenen Ausgaben und Verluſte.

Der Erfinder des neuen Verfahrens, C. W. Harriſon, wirft das Webe⸗ ſchiffchen mittelſt kleiner Luftſtöße hin und her, während die übrigen Theile des Webeſtuhls zur Zeit noch durch Dampf bewegt werden.

Das neue Verfahren iſt folgendes:

Die Luft wird mittelſt einer Pumpe in eine Reihe von unter dem Fuß⸗ boden befindlichen Röhren, welche ſämmtliche Webeſtühle ſpeiſen, geſtoßen; jeder Webeſtuhl iſt mittelſt eines biegſamen Rohrs, welches die zuſammenge⸗ preßte Luft in den Webeſchiff⸗Kaſten hineinläßt, mit einer jener Röhren ver⸗ bunden. Sobald nun die erforderliche Quantität Luft zugeführt worden iſt, ſchläͤgt das Schiffchen gegen die gegenüber befindliche Seite des Webeſtuhls, von wo es auf gleiche Weiſe zurückgeſtoßen wird. Dies Schlagen kann ſo regulirt werden, daß in einer Minute zweihundertundfünßzig bis ſechszig Schläge erfolgen, während beim gewöhnlichen Dampfwebeſtuhle durchſchnitt⸗ lich nur einhundertundachtzig Schläge in der Minute möglich ſind.

Es hat dies neue Verfahren alſo auch den Vorzug größerer Geſchwindig⸗ keit; ſo hat man berechnet daß, ein Dampfwebeſtuhl in einem Jahre eilf⸗ tauſendeinhundert Ellen webt, während die zuſammengepreßte Luft die Her⸗ vorbringung von dreizehntauſendneunhundert Ellen ermöglicht. Man berechne nun den Mehr⸗Ertrag von ſämmtlichen Webeſtühlen eines Landes, wie z. B. Großbrittaniens, welches fünfhunderttauſend Dampfwebeſtühle haben ſoll, und man wird finden, daß, wenn alle dieſe in Luftwebeſtühle umgewandelt werden, in einem Jahre viele Millionen Ellen Stoff mehr als jetzt gewebt werden können. Das wird ein Sinken der Preiſe zur Folge haben, welches der Fabrikant gut ertragen kann, da er ja bedeutend an Unterhaltungskoſten ſpart, das aber manchem armen Hausvater, der die Seinigen kaum dürftig zu kleiden vermag, zu gut kommen wird.

Hierzu kommt noch, daß die Herſtellung des Luftwebeſtuhls wohlfeiler, als die des jetzigen, und die Arbeit einfacher und leichter iſt. Auch in geſund⸗ heitlicher Hinſicht iſt die Harriſon'ſche Erfindung von großem Gewichte, da der Oelgeſtank fortfällt, und an Stelle der bisherigen ſchwülen Temperatur in den Arbeitsräumen ein ſtets reiner Luftſtrom tritt. Endlich hört auch bei dem Luftwebeſtuhle das unangenehme Geräuſch auf, welches die Dampf⸗ maſchine verurſacht.

Das Weben mittelſt zuſammengepreßter Luft bietet alſo vor der jetzigen Methode die Vorzüge der Wohlfeilheit, größerer Leiſtungsfähigkeit und einer reinen Atmoſphäre, in welcher ſich die Arbeiter bewegen. A. W- z.

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2.

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig. Verlag der Daheim⸗Expedition von Velhagen*Klaſing in Bielefeld und Berlin. Druck von Fiſcher a Wittig in Leipzig.

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