Jahrgang 
1865
Seite
411
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hat der Menſch mit ſeiner Vernichtungswuth das Weſen ſehr vieler Thiere nicht zu ihrer Empfehlung umgeſchaffen. Ein guter Theil der übeln Eigenſchaften, die wir an dem und jenem Thiere bemäkeln, muß ſo recht eigentlich als unſer Werk, die ganz nothwendige Folge unſeres Verhaltens zu ihnen gelten.

So kann im Laufe der Zeit ein immer und ewig verfolgtes Thier, durch Generationen hindurch gewitzigt, furchtſam oder tückiſch werden, deſſen Urahnen vielleicht zutraulich und ohne Falſch waren. Urgroßväterliche Vierfüßer oder Vögel würden über die Pfiffigkeit ihrer Enkelchen in gerechtes Staunen gerathen und ſich über die turnerhafte Behendigkeit der Nachkommen verwundern, aber in ihrer Einfalt ſich gewiß auch entſetzen über die Verſchlechterung der Sitten, grade ſo wie in der Menſchenwelt.

Manche Thiere ſind unglücklicherweiſe von der Natur geiſtig und körperlich vernachläſſigt, haben auch nicht Gelegenheit gehabt, in der Schule des Lebens durch Verkehr mit Menſchen gewitzigt zu werden. Sie vermögen ihren Bedrängern nicht erfolgreich genug auszuweichen; theils weil ſie ſo dumm ſind, ihren gefährlichſten Feind nicht zu kennen, theils weil ſie zu langſam und unbehilflich ſind, um ihm zu entgehn. Wohnen die unglücklichen Schlachtopfer überdies auf dem für ſie vielleicht unüberwindlich eingegrenzteu Raume einer Inſel, ſo iſt deren gänzliche Vernichtung unzweifelhaft. Und ſchließlich iſt der Naturforſcher glücklich, wenn er einzelne Knochen des untergegangenen Thieres oder auch die Trümmer eines Eies aus dem loſen Sande herausklaubt oder in der Rumpel⸗ kammer eines Muſeums Kopf oder Bein des Verſchollenen auf⸗ ſtöbert. Was er durch Sichtung der märchenhaft aufgeputzten Erzählungen der Eingebornen, die ſo glücklich ſind, Zeitgenoſſen des verſchollenen Thieres ſich nennen zu dürfen, gewonnen, damit müſſen wir uns über das unwiederbringlich Verlorne tröſten.

Zu dieſen Verſchollenen gehört aus der Familie der Vögel: der Rieſenvogel Neuſeelands, ferner die Dronte, ein Bewohner der Inſel Mauritius und der Brillenalk, ein pinguinähnlicher Vogel der Felſenklippen Islands. Dem ganzen Kleeblatt war auf jenen ent⸗ legnen Inſeln nicht Gelegenheit geworden, den unerbittlichen Feind alles Geſchaffnen kennen zu lernen und ſich in den Künſten der Liſt zu üben. Obendrein geiſtig und körperlich ſchon von Natur ſtief⸗ mütterlich bedacht keiner von den dreien vermochte zu fliegen auf Inſeln als ihren Wohnſitz gewieſen und noch dazu durch Fleiſch oder Dunen den Menſchen lockend, konnten ſie ihrem endlichen Schickſal nicht entrinnen. Aus den Reihen der Säuger ſind, in geſchichtlicher Zeit wenigſtens, nur zwei Thiere gänzlich verſchollen. Zuerſt der Urſtier, jedenfalls der Stammvater einiger unſrer zahmen Rinderracen, der noch zu Caeſars Zeiten in Deutſchland lebte und deſſen Reſte in den oberflächlichen Schichten der Erde uns aufbe wahrt ſind.

Das Nibelungenlied gedenkt ſeiner:

Darauf ſchlug er wieder Einen Wiſent und einen Elk, Starker Ure viere Und einen grimmen Schelk).

Das jüngſt verſchollene Säugethier iſt das nordiſche Borkenthier oder die Seekuh. Der Naturforſcher Steller hat ſie noch 1741 bei Kamtſchatka beobachtet. 1768 ſoll die letzte Seekuh getödtet worden ſein. Jetzt exiſtirt von dem 80 Ctr. ſchweren Thiere nur noch das Bruchſtück eines Schädels, das einzige was die Petersburger Akademie durch namhafte Preisverſprechungen zu retten vermochte, und eine nur die Umriſſe des Thieres roh wiedergebende Skizze.

Dieſen bereits ausgeſtorbnen Thieren reihen ſich ausſterbende an. Das Schickſal jener mahnt uns zur Erhaltung der letzteren nach Kräften zu wirken. Soweit die frevelnde Hand des Menſchen Schuld hat an dem nahen Verhängniß jener Thiere, mag dieſe Auf⸗ gabe der zoologiſchen Gärten als Sühne gelten für die von uns an ihnen begangenen Sünden.

Von den im Ausſterben begriffenen Thieren iſt in vorderſter Reihe der Wiſent des Nibelungenliedes zu nennen, auf welchen ſich

*) Den Wiſent und Elk werden wir noch kennen lernen. Der Schelk iſt der Rieſenhirſch, deſſen letzte Nachkommen gegen Ende des zwölften Jahr⸗ hunderts in Irland gelebt haben mögen. Mehr als doppelt ſo groß wie unſer Edelhirſch, trug er ein Geweih, gegen welches die bewunderten Stangen des nordamerikaniſchen Wapiti zwerghaft erſcheinen.

AII

Auerochſen, vererbt hat. rte Auerochſen im Syſteme ein, und die falſche Bezeichnung iſt ihm bis

der Name ſeines einſtigen Mitbewohners Europas, des Urſtier oder Schon der Altvater Linné führte ihn als

heute geblieben, nachdem man längſt den Irrthum eingeſehen. Dieſes gewaltige Thier bevölkerte einſtmals die Waldungen aller Gauen unſres Vaterlandes. Der letzte Auer Deutſchlands erlag im vorigen Jahrhundert der Kugel eines preußiſchen Wilddiebes. Jetzt hat ſich das Thier in einen entlegenen Winkel Europas als letzte Zu⸗ fluchtsſtätte gerettet. Hier, in dem nordiſchen Urwalde des lit⸗ thauiſchen Dorfes Bialowicz, iſt dem Auerochſen oder Wiſent durch das Machtgebot der ruſſiſchen Czaren die Freiheit gegönnt und das Beſtehen ſeines Stammes durch die ſtrengſten Strafen gewährleiſtet. Der ganze Wald, mitten auf der Haide gelegen, iſt einer Inſel ver⸗ gleichbar, deren Geſtade zu überſchreiten die gehegten Thiere keine Verſuchung fühlen. Ohne dieſe günſtige Lage des Aſyls und ohne jenen kaiſerlichen Schutz würde in ganz Europa gewiß ſchon längſt der Auer verſchwunden und nur noch in den Wäldern des Kaukaſus zu finden ſein.

Das mit nicht unbedeutenden Schwierigkeiten verbundene Ein⸗ fangen, natürlich junger Thiere, geſchieht äußerſt ſelten und nur auf ausdrücklichen Befehl ihres Schutzherrn. Nur für den zoologiſchen Garten in Amſterdam, für die Königin Victoria und für die Menagerie zu Schönbrunn wurden Auerochſen im Bialowiczer Walde eingefangen. Der Kaiſer von Oeſterreich erhielt ein wirkliches Paar der ſeltnen Thiere zum Geſchenk, und von dieſem einen Paar ſtammen die ſämmtlichen Auerochſen der deutſchen Thiergärten. Auch der Stier im Pflanzengarten zu Paris, deſſen Ankunft alle Bericht⸗ erſtatter in freudiges Staunen verſetzte, ſtammt aus derſelben Quelle zu Schönbrunn. Aber auch von hier werden lediglich Stiere abge⸗ geben. Nur der zoologiſche Garten zu Köln iſt durch beſondres glückliches Ungefähr von Schönbrunn aus mit einem wirklichen Paar allerdings noch junger Thiere bedacht worden. So iſt es möglich, daß mit der Zeit zu der bisher einzigen Bezugsquelle der Auerochſen noch eine zweite ſich geſellt.

Ein andres mehr und mehr zurückgedrängtes Thier iſt das Elen oder Elk. Unſre älteſten Heldenbücher gedenken ſeiner als eines über ganz Deutſchland verbreiteten Jagdthieres. Heutzutage hat es bereits ganz Europa geräumt bis auf Oſtpreußen, Litthauen und Skandinavien, wo es nur unter dem beſondern Schutz ſtrenger Regierungsgeſetze ſein Daſein friſtet. Sonſt würde es vielleicht nur das weite Sibirien ſeine Heimat nennen können. Unſres Wiſſens iſt von allen zoologiſchen Gärten Europas nur der Hamburger im Beſitz eines Elen und zwar eines Weibchens*). Ohne die Be⸗ mühungen der italieniſchen und franzöſiſchen Regierung würde der europäiſche Steinbock vielleicht ſchon gänzlich verſchwunden ſein. Eben daſſelbe Schickſal droht dem Biber, wenigſtens in Deutſchland, wo er nur vereinzelt an der Elbe, der Donau und einigen Neben⸗ flüßchen ſich findet**).

Eine Menge andrer Thiere: Wildlatze, Luchs, Wildſchwein ꝛc. werden mehr und mehr zurückgedrängt und dürften ſchließlich nur noch in Thierparks und zoologiſchen Gärten, wenigſtens in kulti⸗ virten Ländern, zu finden ſein.

Wie nothwendig es aber iſt, unſre einheimiſchen Thiere in zoologiſchen Gärten nicht zu vernachläſſigen, wird jeder glauben, der daſelbſt hören muß, wie Edelhirſche und Damhirſche verwechſelt, letztere für Gemſen gehalten werden, wie das Wildſchwein als Stachelſchwein präſentirt wird u. ſ. w.

Die intereſſanteſte der im Ausſterben begriffnen Vögelgattungen ſind die Kiwi⸗Kiwi Neu⸗Seelands, ſtraußartige Vögel mit langem Schnepfenſchnabel. Sämmtliche Mitglieder der Familie haben, wie jene bereits ausgeſtorbenen Vögel, das Unglück, der Flügel zu er⸗ mangeln und Inſulaner zu ſein. Nur wenige Bälge einzelner Arten dieſer Gattung werden in europäiſchen Muſeen aufbewahrt. Lebend iſt wohl nur einer dieſer Schnepfenſtrauße und zwar ein einzelnes Weibchen nach Europa gekommen, welches im zoologiſchen Garten zu London bereits ſeit 1852 leider vergeblich auf einen Geſellſchafter und Ehegenoſſen wartet. Trotz der bedeutendſten Ver⸗ ſprechungen iſt es der zoologiſchen Geſellſchaft nicht gelungen, ein

*) In neueſter Zeit ſollen in Köln drei Elenthiere angekommen ſein. 2) Von allen zoologiſchen Gärten kann nur der Berliner einen lebenden europäiſchen Biber aufweiſen.