Jahrgang 
1865
Seite
410
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haariges Weſen und empfindſame Natur bislang nur in dem Frei⸗ leben gedeihen zu wollen ſcheint, früher oder ſpäter unſre zoologiſchen Gärten bevölkern werden. Ja noch mehr: wer weiß zu ſagen, ob unſre Nachkommen nicht dereinſt neben dem Rebhuhn und dem Roth⸗ huhn die Wachtelhühner Virginiens und Kaliforniens, neben dem europäiſchen Birkhuhn das doppelt geflügelte Haidenhuhn Nord⸗ amerikas jagen, und bald ohne Zweifel wird auf unſern öffentlichen Teichen, wie das bereits in zoologiſchen Gärten zu ſehen iſt, neben dem weißen Schwan der ſchwarze Bruder Neu⸗Hollands ſich wiegen.

Durch die vieler Orten entſtehenden Vereine, die ſich zur Auf⸗

gabe geſtellt, werthvolle fremde Thiere bei uns heimiſch zu machen, durch die ſog. Akklimatiſationsvereine, werden im Laufe der Zeit die Reihen unſrer Haus-, Jagd⸗ und Luxusthiere weſentlich bereichert werden. Vielleicht gebietet der feine Ton dereinſt, Galawagen nur mit dem buntgeſtreiften Zebra zu beſpannen, und unſre Feinſchmecker werden ſich darauf legen müſſen, neben den pommerſchen Gänſen die ägyptiſchen und kanadiſchen herauszuſchmecken und vom Beefſteak ein Zebuſteak gehörig zu unterſcheiden.

Bei Vorſicht und Geduld fügen ſich die Thiere auch ziemlich fremdartigem Klima, ja ändern ſoweit ihre Natur, daß ſie, gewöhnt vielleicht im Sommermonat Dezember ihrer Heimat Hochzeit zu machen, allmählich den Jahreszeiten der Fremde ſich anbequemen und unſern Frühling als die geeignetſte Zeit anerkennen. Jahrelang habe ich verſchiedene afrikaniſche Finkenarten gepflegt und mehre derſelben zur Fortpflanzung gebracht. Einige niſteten Sommer und Winter hindurch, ſo daß die Nachkommenſchaft eines einzigen Eltern⸗ paares 26 Stück betrug. Heute noch brütet auf meinem Zimmer ein Pärchen jener herrlichen Neuholländiſchen Wellenpapageien Brut auf Brut ſeit Auguſt 1863, alſo nunmehr bereits 1 ½ Jahr. Dieſes einzige Paar hat in dieſem Zeitraum ohne Unterbrechung 10 Bruten gemacht, einige 50 Eier gelegt und 42 Junge kräftig und geſund groß gezogen. Es dürfte doch wohl als ein untrügliches Zeichen

ihres vollſten Behaglichkeitsgefühls zu deuten ſein, wenn ſie, vergeſſend

der traulichen Schlupfwinkel und naturwüchſigen Brutſtätten der Heimat hinter dem Drahtgitter mit einem pappernen Niſtkäſtchen ſich begnügen.

In Deutſchland zählen wir ungefähr 20 Hausthiere. Von dieſen ſind urſprünglich nur 5 in Deutſchland heimiſch: Rind, Schwein, Gans, Ente und Taube. Die übrigen wurden erſt aus fremden Ländern bei uns eingeführt und haben ſich nach und nach vollkommen unſerm Klima angepaßt oder, wie man ſagt, ſich bei uns akklimatiſirt. Als jüngſte Erwerbung dieſer Art ſind der Puter oder Truthahn zu nennen und verſchiedne neue Hühnerracen(Brah⸗ ma⸗Putra, Cochinchina ꝛc.) und unter den Jagdthieren das in England bereits verwilderte nordamerikaniſche Wachtelhuhn.

Von den meiſten der in zoologiſchen Gärten gefangen gehaltnen Thieren kann man ſagen, daß ihr Schickſal beſſer iſt, als das ihrer Brüder in der Freiheit; wenigſtens droht ihnen hier nicht das Beil des Schlächters, noch das Meſſer der Köchin, nicht die Waffe des Jägers noch das Recht des Stärkern, nach welchem ſich die Thiere gegenſeitig zum Opfer fallen. Es droht ihnen hier nicht die Gefahr, zum ewigen Einerlei ſchwerer Arbeit verurtheilt oder den Geſchoſ⸗ ſen feindlicher Kriegsſcharen als Schlachtopfer entgegengeführt zu werden. Sicherlich dürften z. B. Kameele und Dromedare der zoologiſchen Gärten ihre Gattungsgenoſſen draußen nicht beneiden um das Geſchick, Centnerlaſten monatelang durch Wüſten und Steppen unter Entbehrungen zu ſchleppen, denen manches Glied der langen Karavanenreihe erliegen muß. Manches Thier freilich ſcheint den Verluſt der Freiheit nicht ganz zu verſchmerzen und bei einigen ge⸗ bietet die Sicherheit, ſie in engem Gewahrſam zu halten; immer aber wird ihr Loos noch unendlich beſſer ſein, als das ihrer Brüder in Menagerien. Ich erinnere nur an Bären, Löwen, Tiger, die ſich in unſern Zwingern größerer Freiheit und mancher Annehmlichkeiten erfreuen, welche ihnen in Thierbuden nicht gegönnt werden können.

Wir glauben ein großes Gewicht darauf legen zu müſſen, daß durch nähere Bekanntſchaft mit den Thieren, wie ſie die zoologiſchen Gärten vermitteln, der zumeiſt aus Unkenntniß entſpringenden Lieb⸗ loſigkeit mancher Menſchen gegen die Thiere, wie dem eben dadurch beſtärkten Abſcheu gegen einzelne Geſchöpfe am gründlichſten ge⸗ ſteuert wird.

Die Reihe dieſer verläumdeten und verkannten Thiere iſt heute noch beſchämend groß. Nicht jeder, der Bildung zu haben ver⸗

meint, dürfte wiſſen, daß er bei uns eigentlich nur ein einziges Thier als giftig zu fürchten hat, die Kreuzotter nämlich. Unterſchiedlos wird auf alles zugeſchlagen, was Schlange heißt oder ſelbſt nur ſcheint, und mit gleicher Befriedigung kehrt der Sonntagsjäger heim, der einen Buſſard, dieſen unerſetzlich nützlichen Mänſevertilger, er⸗ legt hat. Und ſind es denn nur die Thorflügel der Bauern⸗ gehöfte, an denen man die ebenſo nützlichen Eulen angeheftet findet?

Was hat unſer armer Igel verbrochen, daß die Menſchen ihn fliehen oder mißhandeln? Er thut keinem von uns das Geringſte zu Leide, ſäubert Gärten, Feld und Scheuer von allerlei läſtigem oder ſchädlichem Ungeziefer und zeigt ſich bei näherer Bekanntſchaft als ein ganz harmloſer, drolliger und wirklich gemüthlicher Burſche. Ueberhaupt macht liebloſe Behandlung Seitens der Menſchen manche Thiere erſt unliebenswürdig. Ein andauernd gehaßtes, verfolgtes und mißhandeltes Thier wird gerade wie der Menſch in derſelben Lage je nach dem Charakter, furchtſam und ſcheu, trotzig und un⸗ bändig, mißtrauiſch und hinterliſtig. Jedes höhere Thier iſt em⸗ pfänglich für Freundſchaft, das eine mehr, das andre weniger. Und gewiß ſo manche, die in dem übeln Geruche gänzlicher Unzugänglich⸗ keit und Bildungsunfähigkeit ſtehen, würden bei näherem und freund⸗ licherem Verkehr Seitens der Menſchen früher oder ſpäter eine günſtigere Beurtheilung erfahren. Je klüger ein Thier iſt, deſto erfolgreicher weiß es ſich den Nachſtellungen ſeiner Bedränger zu ent⸗ ziehen und wird liſtig und ſcheu, trotzig und ſelbſt ſchadenfroh. Dergleichen böſe Eigenſchaften von Eltern auf Kinder und Kindes⸗ kinder vererbt, ſteigern ſich nothwendig nach und nach zu einem Weſen, welches den Träger deſſelben nur noch verhaßter und deſſen Verfolgung gerechtfertigt erſcheinen läßt.

Einſiedler und Zellengefangene entwerfen mit Begeiſterung und Liebe von dem einzigen Gefährten ihrer Einſamkeit, einer Ratte oder einem Mäuschen, Charakterbilder, die uns einen tiefen Blick in die eigentliche Natur dieſer Thiere geſtatten, und zu deren Erkenntniß zu kommen wir nur verhindert werden durch kindiſche Furcht eines⸗ theils, aber auch durch unerbittliche Verfolgung, die freilich gerade dieſen beiden gegenüber ſehr gerechtfertigt iſt.

Jung aufgezogen können viele dieſer Verhaßten zu wahren Lieblingen des Menſchen werden, oder beſſer geſagt, der liebreichen Behandlung entſprechend den guten Kern ihres Weſens entfalten. Es iſt jedenfalls nicht nöthig, die bekannten Beiſpiele jung aufge⸗ zogner Füchſe, Wölfe, Marder, Wieſel und ſelbſt größerer reißender Thiere anzuziehen; doch kann ich mir nicht verſagen, meiner gezähmten Lieblinge zu gedenken: eines Igels, der alle Furcht vor Menſchen abgelegt hatte und an einer großen Feſttafel auf einem Teller, aller⸗ lei Obſt des Deſſerts verzehrend, von Hand zu Hand die Runde um den Tiſch machte; ferner einer Fiſchotter, die ihrem Schutzherrn wie ein Hund folgte und endlich eines Iltis, der, während ich dieſe Zeilen ſchreibe, neugierig aus den Falten meines Rockes hervorguckt. Aber auch hier zeigt ſich der Charakter der Thiere höchſt verſchieden. Der gezähmte Igel war unterſchiedlos gegen jeden Menſchen zutraulich, der Iltis aber weiß nicht nur zwiſchen bekannten Perſonen zu unter⸗ ſcheiden, ſondern zeigt ſich gegen Fremde ebenſo vorſichtig und ab⸗ wehrend, als er gegen ſeine Erwählten zutraulich und harmlos iſt.

Auf den Galopagosinſeln ſo berichtet der engliſche Natur⸗ forſcher Darwin ſind Spottvögel, Finken, Fliegenfänger, Tauben und Raubvögel ſo arglos gegen den Menſchen, daß man ſie mit der Mütze oder dem Hute fangen kann. Darwin lag auf der Erde und hielt eine Trinkſchale in der Hand; ein Spottvogel ſetzte ſich auf den Rand derſelben und nippte ganz unverfänglich von dem Waſſer und ließ ſich mit dem Gefäß vom Boden aufheben. Einem andern Reiſenden ſetzten ſich Turteltauben auf Hut und Arme, ſo daß ſie ganz einfach mit den Händen ergriffen wurden.

Wie gefürchtet hat ſich der Menſch den Thieren gemacht, daß ſie vor Thieren ungleich größer und gewaltiger als der Menſch, weit weniger ſich ſcheuen! Wie fein aber unterſcheiden Jagdthiere den harmloſen Ackersmann und den tückiſchen Städter oder gar den be⸗ wehrten Jägersmann! Manche Thiere ſind ſo furchtſam geworden, geworden durch den ſie unerbittlich verfolgenden Menſchen, daß er ſich ihnen, wie z. B. den Trappen, kaum anders auf Schußweite nahen kann, als in der harmloſen Kappe einer Bauersfrau mit dem Tragkorb auf dem Rücken oder im Verſteck auf einem mit Stroh maskirten Wagen. Und iſt nicht ſelbſt das Wild, auffällig beſonders der furchtſame Lampe, außer der Jagdzeit viel zutraulicher? So