und ſo erſchuf ſich nach und nach das junge Mädchen in ſich ſelbſt eine eigene Welt, in der ſie lebte, litt und genoß. Doch der Menſch iſt nicht geſchaffen, um ſich ſelbſt zu genügen, und es gibt Stunden, in denen das zu volle Herz überfließt. Auch Lia hatte ſich manch— mal mit ihrem träumeriſchen Geiſte, mit ihrem von tiefen Gefühlen ſo überfüllten Herzen in die Außenwelt gewagt... doch ach!... jedesmal war ſie verwundet und leidend wieder fn ihre Einſamkeit ztegeii hen jedesmal mußte ſie in ihrer Phantaſie irgend einen heilenden Balſam für ihre trauernde Seele ſuchen! Lia hatte alles, as ſie ſich wünſchen konnte; ſie war jung, geiſtreich, ſchön und reich, doch ihr fehlte das, was für gewiſſe auserleſene Gemüther alles erſetzt, Lia war nie geliebt worden! weder Vater noch Mutter!— weder Bruder noch Schweſter! weder Verwandte noch Freunde!
Niemand hatte der Waiſe die Arme entgegengeſtreckt, niemand
hr geſagt: in dieſem Herzen kannſt Du ſicher Deine Schmerzen, Deine Verdein niederlegen!— Und als das Kind zur blühenden Jungfrau wurde, und als in den ſchlafl oſen Frühlingsnächten alle ihre Träume, alle ihre Ideale die Form eines Jünglings annahmen, da zog ſie ſich noch mehr in ſich ſelbſt zurück, denn alle die, welche ſie umgaben, waren von ihrem Ideale ſo weit wie der Himmel von der Erde ent⸗ fernt!— Lia las lange und viel, und da kein liebendes Auge über ſie wachte und ſie zu ſcheu war, ihre Lehrer um Rath zu fragen, ſo las ſie alles, was ihr unter die Hand kam, und wiederum kann man es ein Wunder nennen, daß ihr Geiſt rein blieb ſowohl von Pedantismus, wie von Licenz.
Lia Salomon war neunzehn Jahre alt, als ſie den Aſſeſſor Merkel zum erſten Male in einer Abendgeſellſchaft ſah, zu der ſie ihre Pflegemutter und deren Töchter begleitete, und in welcher jener Kaufmannsſtand, der nicht von hunderttauſenden, ſondern nur von tauſenden von Thalern ſpricht, am meiſten vertreten war. Er war den Dreißigern nahe und hatte ziemlich regelmäßige Züge und eine hohe ſchlanke Geſtalt; ſein Aeußeres zeigte beſonders, daß er den
größten Theil ſeiner Zeit auf daſſelbe verwandte und gab ihm unter
der kaufmänniſchen Jugend, die dieſer Geſellſchaft beiwohnte, einen Anſtrich von Eleganz und Ariſtokratie, die er eigentlich gar nicht be⸗ ſaß. Der Zufall wollte, daß, nachdem das junge Mädchen einen Theil des Abends den faden Complimenten der Vertreter der Herren⸗ welt in dieſem Kreiſe ausgeſetzt geweſen war, ſie beim Abendtiſche neben ihm zu ſitzen kam und an der Unterhaltung des vielfach ge⸗ bildeten jungen Mannes den lebhafteſten Geſchmack fand. Als man ſich trennte, erbat der Aſſeſſor ſich von Frau Selling die Erlaubniß, ſie beſuchen zu dürfen, welche dieſe gerne ertheilte, und den ganzen Winter über ſah er Lia Salomon wöchentlich mehrere Male ſowohl in dem Hauſe ihrer Pflegemutter, wie auch in verſchiedenen Geſell⸗ ſchaften, wo beide Eingang hatten. Das erſehnte Ideal des jungen Mädchens ſchien ſich endlich verkörpert zu haben, ſie ſah einen Mann, wie ſie ihn glaubte, geträumt zu haben, hohe Bildung, jugendlich glänzendes Aeußere und inmitten der ausſchweifendſten Jugend ſeinen Worten nach das Modell der ſtrengſten Moral!
Lia liebte,— ſie liebte von ganzem Herzen;— und er— er war ſo aufmerkſam, ſo gefällig gegen ſie, er wußte ſo allen ihren Wünſchen zuvorzukommen, daß ſie ſich wohl ſelbſt eingeſtehen mußte, daß auch ſie von ihm geliebt ſei. O wie glücklich, wie unendlich glücklich glaubte ſie zu ſein! Der Frühling kam und mit ihm der Schmerz, denn ſie wußte, daß Herr Merkel ſich auf einige Zeit aus der Reſidenz entfernen mußte und noch war das Wort, das ſie feſſeln, für ewig feſſeln ſollte, das ſüße Wort der Erklärung nicht von ihren Lippen gekommen.
Am Tage vor ſeiner Abreiſe bat er ſie, einige Augenblicke mit ihm in den Garten zu kommen, wo er ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe; ſie folgte ihm gerne, ihr Herz ſchlug heftig, denn ſie ahnte, daß das ſo lange erſehnte Geſtändniß endlich erfolgen würde.
„Lia,“ ſagte er, als ſie in einer Laube Platz genommen hatten, „Lia, Sie lieben mich!“
Das junge Mädchen wurde ſehr bleich... Etwas wie be⸗ leidigter Stolz ſchien ihr Herz erſticken zu wollen, doch er fuhr fort:
„Sie lieben mich, Lia, ich bebe es ſchon lange bemerkt, und— ich bin ein Ehrenmann— ich muß Ihnen ſagen, daß dieſe Liebe un— möglich iſt, denn ich kann und werde nie eine Jüdin heirathen!“
Gleich einer geknickten Blume ſank die Waiſe auf die Bank zurück— ſie hätte ſo viel ſagen mögen, doch es kam kein einziger Laut aus ihrer erſtickten Bruſt.
„Beide werden wir unſer Leben lang an die ſchöne Zeit, die wir zuſammen verbracht haben, denken,“ fuhr er fort,„und ich bitte Sie, Lia, im Namen der Gefühle, die uns beide beſeligen, geben Sie mir— uns— eine Rückerinnerung für immer— für ewig an dieſe Zeit unſrer Liebe.— Einen Kuß— einen einzigen, Lia— den erſten, den letzten dieſes Lebens.“
Und indem er ſeinen Arm um ſie ſchlang, drückte er ſeine Lippen auf die ihrigen.
Als der Aſſeſſor aufſtand und, ohne ein Wort zu ſagen, zur Gartenthür hinausſtürzte, da brach die Arme zuſammen, und mit einem herzzerreißenden Schrei ſank ſie ohnmächtig zu Boden. Aſſeſſor Merkel jedoch, nachdem er den Garten verlaſſen, zog ein Taſchentuch hervor, wiſchte den Staub von ſeinem Anzuge, brachte denſelben in vollkommenſte Ordnung, nahm eine Cigarre aus einem Etui und begab ſich in ein nahegelegenes Kaffeehaus, wo er ſich einer fröhlichen Geſellſchaft junger Offiziere zugeſellte und bald als der heiterſte von allen, die tollſten Witze erzählte.
„A propos,“ ſagte plötzlich ein Lieutenant, mit Deinem Judenmädchen?“
„So weit es mir beliebt, mit ſolchen Liebſchaften zu kommen,“ antwortete der junge Aſſeſſor und erzählte mit der größten Aus⸗ führlichkeit ſein ganzes Verhältniß mit dem Judenmädchen, wie er ſie nannte,„es iſt nun einmal mein höchſter Genuß,“ ſchloß er ſeine Erzählung,„beſtimmt zu wiſſen, daß ich geliebt bin,... mir zu jeder Zeit ſagen zu können: ich brauche nur zu wollen und vier oder fünf junge und ſchöne Mädchen vergeſſen für mich alle ihre Pflichten, ſind bereit, mir jegliches Opfer zu bringen, in einem Wort, ich liebe nicht, und finde doch ein unbeſchreibliches Gefühl von Wolluſt darin, von Mädchen über alles geliebt zu werden!“
Die Offiziere ſahen ſich an, ſie begriffen den jungen Mann nicht.
„Du biſt ein platoniſcher Don Juan,“ rief endlich einer.
„Faſt getroffen!“ antwortete Merkel ſchmunzelnd.
„Und hat denn dieſes Mädchen keinen Bruder?“ rief endlich ein ſchon ältlicher Hauptmann, der wegen der Derbheit ſeiner Sprache zum Sprichwort geworden war,„der einem Hallunken wie Ihnen die Knochen im Leibe zerbricht?“
Die Offiziere brachen in ein ſchallendes Gelächter aus, dem der Aſſeſſor ſelbſt beiſtimmte, denn der Hauptmann von Sartof hatte die Erlaubniß, alles zu ſagen.
„Hol mich der Teufel!“ fuhr er fort,„Ihr treibt's aber auch gar zu bunt; ich gehe in die Kaſerne, die Ställe revidiren; wahr⸗ haftig, die Pferde ſind mehr werth, wie Ihr alle!“
Und er erhob ſich, um das Local zu verlaſſen, doch ſein Säbel brachte einen Herrn, der einen andern Tiſch ſo eben verlaſſen hatte und ſich entfernen wollte, zum Stolpern. Die jungen Leute drehten den Kopf herum...
„Guten Tag, Ernſt!“ rief Herr Merkel.
„Guten Tag!“ antwortete dieſer, indem er ſchleunigſt das Zimmer verließ.
„Wer iſt denn der Tölpel?“ fragte brummend der Hauptmann, „der nicht einmal um Entſchuldigung bittet— ich habe Luſt, ihm nachzulaufen und ihm die Ohren zu ziehen!“
„Laſſen Sie es gut ſein, Sartof,“ ſagte der Aſſeſſor,„es iſt der Sohn des Commerzienrath Arkheim... ein Freund von mir.“
„Schlechte Empfehlung!“ brummte der Hauptmann im Heraus⸗ gehen!
Und Lia! Bruſt! o wie rettungslos unglücklich fühlte ſich die Arme!— Tage, Wochen lang zweifelte ſie an ihrem Schickſal, und als ſie endlich nicht mehr zweifeln konnte,... da wurde ſie faſt wahn⸗ ſinnig!...
Lia vergaß alles, jenen weiblichen Stolz, welchen ſie in ſo hohem Grade beſaß, daß er ihr als Hochmuth vorgeworfen wurde, ſie vergaß ihn... ſie ſchrieb an den Unwürdigen Brief auf Brief und er ließ alle Briefe Ia eantzwordt
Der Sommer nahte und Lias Geſundheit ſank von Tag zu Tag, Aerzte wurden conſultirt, verſchrieben dies und jenes, endlich, wie gewöhnlich, verordneten ſie eine Reiſe ins Bad.
Hier war es, wo Lia Hulda Arkheim kennen lernte und bald mit Wohlgefallen dem heitern, herzlichen Geplauder des jungen Mädchens zuhörte und auch einige Zerſtreuung darin fand. Die Aerzte
„wie weit biſt Du
.O wie ſchrecklich nagte der Schmerz in ihrer


