Jahrgang 
1865
Seite
398
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kommen. Mit Wonne ſchlürft hier die Bruſt den belebenden, friſchen Hauch und wir können es uns nicht verſagen, ein Weilchen im heimlichen Schatten einer mächtigen Buche zu raſten. In beſeligender Freude richten wir hier, lang ausgeſtreckt im ſchwellenden Mooſe, den Blick empor, wo lichte Wölkchen in ewig wechſelnden Formen langſam am klaren Himmelsblau dahin ziehen. Aber erſt muß ſich der Blick durch das ſmaragdene Laub der Buchen, welches in den ſonnenbe⸗ ſtrahlten Wipfeln wie grünflüſſiges Gold ſchimmert, Bahn brechen, ehe er den ſchimmernden Luftgebilden in ſchwindelnder Höhe folgen kann. Dabei findet das Auge und auch das Ohr Gelegenheit, all die geflügelten Inſekten, die den uns ſchirmenden Baum wie ihre beſondere Welt umkreiſen, zu gewahren. Das iſt ein Sichkreuzen und Auf⸗ und Niederſteigen; ein Summen und Schwirren, daß es nur ſo eine Luſt iſt. Dazu ſchmettert aus dem dichteſten Gezweig ein kecker Finke ſein weithinſchallendes Lied hernieder, und mit Ver⸗ gnügen laſſen wir das Auge ſo lange ſuchen, bis wir den fröhlichen Schelm im dichteſten Blättergewirr entdeckt haben. Lange ſäumen wir ſo in unausſprechlichem Wohlgefühl, das uns das Flüſtern, Summen und Sirren, das Singen und Zwitſchern, ſowie der An⸗ blick unſerer unmitelbaren Umgebung und des hoch über uns hin⸗ ziehenden Wolkenſpieles gewährt, ehe wir uns entſchließen können, das gewählte Ruheplätzchen zu verlaſſen. Endlich raffen wir uns doch empor und nehmen unſern Weg nun durch den vor uns liegenden Grund. Längs des darin raſch hinfließenden vergißmeinnichtge⸗ ſäumten Bächleins wandeln wir in ſchattiger Kühle durch Farren⸗ kräuter und andern üppigen Pflanzenwuchs dahin. Wie Pfeile ſchießen die Forellen in dem klaren Waſſer an uns vorüber, während blaue Libellen in den Sonnenſtrahlen, die hin und wieder das Thälchen durchblitzen, darüber hingaukeln. Da auf einmal feſſelt unſern Blick ein dunkles Augenpaar, das aus dichtem Fichtenunter⸗ wuchs und dem loſen Blätterwerk überragender Buchen nach uns herüber ſchaut, ohne jedoch, wie es ſcheint, uns zu bemerken. Ein ſtattlicher Rehbock, deſſen vor kurzem erſt gefegtes Geweih leuchtend das ſchmucke Haupt krönt, iſt's, der gar nicht weit von uns aus dem Grünen hervorlugt. Regungslos bleiben wir ſtehen, um das liebliche Bild, umſchloſſen vom Naturrahmen ſeiner Waldumgebung, noch länger genießen zu können, was jedenfalls die leiſeſte Bewegung unſerſeits vereiteln würde. Aber ſo haben wir die Freude, da wir vortrefflichen Wind haben, trotz des unverrückten Herüberäugens des aufmerkſamen Wildes unerkannt zu bleiben. Wie ausgemeißelt ſteht der Herrliche da, denn wohl mag er unſern Schritt gehört haben, und dadurch rege geworden, ſchaut er nun nach der ihm verdächtigen Stelle ſo unverwandt herüber. Als er ſich aber überzeugt zu haben meint, daß keine Gefahr drohe, beruhigt er ſich und ſenkt das zierliche Haupt hernieder, um am Bache die ſaftigſten Gräſer und Kräuter zu äſen; jedoch nicht ohne von Zeit zu Zeit den Kopf von neuem emporzuwerfen, um ſeine Umgebung zu muſtern. An⸗ muthigen Schrittes wandelt nun das ſchmucke Geſchöpf am Bache hin, denſelben dann mit elaſtiſchem Schwunge überſpringend. Drüben aber das gleiche Treiben. Bald hinter hohen Farrnwedeln faſt ver⸗ ſchwindend ſpiegelt ſich gleich darauf der Freigeborne, tritt er wieder heraus an das Waſſer, in dem klaren Naß. So tändelt langſam und unbeirrt der Traute dem Wäſſerchen entlang, bis er, durch die Windungen des Bächleins geführt, uns zur Seite gekommen und hier nun plötzlich Wind bekommt. Mit raſch emporgeworfenem Haupte, die Läufte ſchon zum Sprunge geſpannt, ſteht der jetzt Furchtathmende wohl noch einen Augenblick vor uns; dann aber mit Heftigkeit ſich rückwärts wendend und mit hohem, graciöſem Satz den jungen Tannenanflug überſpringend, flieht er nun am Hange des Thälchens empor, wo man noch auf weithin den Spiegel des Flüchtigen erkennen kann. Dazu ſchreckt der Aufgejagte, daß es hallend durch den mittagsſtillen Wald tönt, und nicht ſogleich faßt er Beruhigung, daß er ſein ſchützendes Aſyl verlaſſen mußte, denn noch lange und von weither hört man den Schreckruf des Geflohenen. Wir aber verträumen am kühlen Quell auf ſchwellendem Mooſe den heiß heraufgekommenen Mittag. Ruhe, heilige Ruhe umgibt uns dabei, denn nicht ein Lüftchen regt im Augenblick das ſonnen⸗

durchwobene Laub; kein Vogel läßt ſich mehr hören alles, alles ſcheint zu ſchlummern. Doch nein! Das nimmer raſtende Bächlein murmelt mit leiſe plätſcherndem Wellenſchage ſeine reizende Melodie, vieldeutig und doch ſo beredt, daß man mit Wonne der beſtrickenden Stimme lauſcht. Iſt's doch, als verſtänden wir zuletzt ſein Geplauder, als hörte man menſchliche Worte und Rufe erklingen, die uns gälten. Hinlauſchend ſchließen wir die Augen, um uns ſo ganz nur dem lieblichen Getön hinzugeben, das nun auch noch durch das plötzlich erklingende harmoniſche Rauſchen im Gezweige und in den Wipfeln der Bäume, die jetzt ein leiſer Luftzug durchweht, begleitet wird. Und nun umfängt uns, hervorgerufen durch ſolch ſinnberauſchendes Geflüſter, jene träumeriſche Ruhe, in welcher die Wirklichkeit mit der Gedankenwelt verſchwimmt, bis zuletzt tiefer Schlaf die ermatteten Glieder umfängt, ohne aber das aufgetauchte Traumleben zu be⸗ hindern, ſeine Phantome fortzuſpinnen, und ſo zieht, während die müden Lider geſchloſſen ſind, Jüngſterlebtes vor das geiſtige Auge herauf, und längſt Geſchehenes und Vergeſſenes ſpiegelt ſich in der Seele wieder. In unfaßlicher Weiſe verbindet ſich ſo Gegenwart und Vergangenheit, und wohl auch die Zukunft tritt, als im Bunde die Dritte, hinzu, und alle drei weben zuſammen wunderbar Phan⸗ taſtiſches ineinander; wenigſtens ſind uns durch dergleichen Traum⸗ gebilde ſchon oft die herrlichſten Waldmärchen erſchloſſen worden.

So ſchlummern wir lange auf weichem Pfühle, bis wir durch dumpfes Donnergrollen eines in der Ferne hinziehenden Gewitters und das ſtärkere Rauſchen in den Baumkronen erwachen und erſtaunt den getrübten Himmel über uns erblicken. Doch bald tritt die Sonne, die ihren Lauf ſchon weithin vollendet hat, die volle Herrſchaft wieder an. Schon übergießen ihre Strahlen den Wald mit röthlichen Abendtinten und die Schatten ziehen ſich lang geſtreckt am Boden hin. Raſch erheben wir uns deshalb, um noch den Reſt des Tages dem Weiterſtreifen zu widmen.

Wieder zeigt ſich nun das frühere rege Thierleben, das der hohe Mittag verſcheucht hatte. Munter ruft der Kuckuk wieder ſeinen Namen in die Welt, ſowie deſſen Herold, der Wiedehopf, ſein hohles hup, hup, hup! Weithin tönt auch der herrliche Accord des Pirols, während die kleine Sängerſchar, wie am Morgen, den Chor zu jenen hervorragenden Stimmen bildet. So rückt der Abend heran. Die Sonne neigt ſich mit rothgoldenem Schein dem Wald⸗ ſaum zu und überſtrömt mit ihrer Glut das vor ihr liegende Wipfelmeer, während tief violette Schatten die Thäler bezeichnen, denen bereits lichte Nebel entſteigen. Und nun ſinkt die Himmels⸗ königin vollends hinab in die Waldestiefe, im Scheiden noch die höchſten Bäume mit ihren purpurnen Strahlen küſſend. Von dieſen herab aber flöten Droſſel und Haidelerche den Abendſegen, und in der Ueberfülle des eigenen Herzens drängt es auch uns, dem Schöpfer ſolcher Herrlichkeit zu danken. Lange ſtehen wir ſo in Andacht ver⸗ ſunken, daß uns dabei die inzwiſchen heraufgekommene Dämmerung überraſcht. Trotzdem erklingt noch lange das Abendlied einzelner Vögel fort, dem ſich nun aber auch der ſchrille Ruf der Eule beige⸗ ſellt, die mit lautloſem Flügelſchlage den im Zickzack umherſchwirren⸗ den Fledermäuſen nachſtellt. Aber auch der Anblick von Rehwild erfreut uns noch einmal. Eben zieht ein ganzer Sprung aus dem jetzt ſo düſtern und ſchweigſamen Wald auf einen friſchen Birken⸗ ſchlag. Mit vorſichtigem Schritt führt zuerſt ein Mutterreh ſein Kälbchen heraus, die keck und in Bogenſätzen folgen. Dann ziehen ein Paar Schmalrehe hinterdrein und in kurzem Abſtand folgt der bedächtige Bock. Ruhig äſet ſich nun die ganze Familie auf dem gewählten grasreichen Plan, dabei bald munter untereinander ſcherzend, bald aber auch mit voller Aufmerkſamkeit ſich ſichernd.

Längſt ſtehen die blinkenden Sternlein am tiefblauen Firma⸗ ment, die Nebel durchwallen in langen Streifen die thaldurchſchnitte⸗ nen Forſten, und das Auge kann nur ſchwer noch den Bewegungen des lieblichen Wildes folgen, als wir endlich den Heimweg antreten. Dankerfüllt gegen den Schöpfer aller Dinge begleitet uns die er⸗ hebende Freude mit nach Hauſe, welche der Wald und ſeine Be⸗ wohner jedem empfänglichen Herzen zu allen Zeiten in ſo reichem Maße gewährt.