beſchäftigen müſſen; der eine mußte die Väter kopiren, der andere ein Gebetbuch ſchreiben u. ſ. w., da entſtanden denn die wiſſenſchaftlichen Klöſter; ſpäterhin kamen die franzöſiſchen Oratorianer und die ge⸗ lehrten Mauriner auf— aber, aber! die Regel des h. Benedikt wurde eben damit auf die Seite geſetzt! Ganz natürlich! Der Gelehrte, der den ganzen Tag über ſeinen Büchern ſitzt, kann neben⸗ her unmöglich die ſtrenge Kloſterordnung aushalten: jeden Morgen um zwei Uhr den Schlaf brechen und ſich mit der rauhen Koſt be⸗ gnügen, die wir haben! Das Studiren greift die Bruſt an, da hat man ein Glas Wein nöthig, und guten Wein, und den muß man in aller Ruhe trinken können; man braucht auch ſonſt kräftige und feine Nahrung, die nicht zu ſchwer im Magen liegt, ſich leicht verdauen läßt; man braucht überhaupt völlige Ruhe, man muß— ſo zu ſagen — ſein eigener Herr ſein! Nun— das alles geht nun und nimmer⸗ mehr zuſammen mit dem ächten, urſprünglichen Kloſterleben! Und dies eben iſt der Grund, warum wir in unſerem Orden alle ohne Ausnahme, Chorgeiſtliche wie Laienbrüder, ſtrenge Handarbeit treiben. Wir haben im Haus eine Wollenſpinnerei und Weberei, ſo daß wir alle unſere Kleider ſelbſt fabriciren können; ebenſo haben wir eine Schuſterwerkſtatte, die alle unſere Brüder mit Schuhen ver⸗ ſieht(bei der Arbeit tragen aber die meiſten Holzſchuhe); wir haben eine Brauerei für unſern Bierbedarf, eine Mühle unten am Bach und eine Bäckerei, die uns unſer kräftiges Brot liefert; wir haben endlich eine große Oekonomie, in der es immer alle Hände voll zu thun gibt. Wenn Sie ſich nun recht müde geſchafft haben, mein lieber Herr, dann ſchmeckt Ihnen auch die rauheſte Koſt und es gilt Ihnen gleichviel, ob Sie auf einen Strohſack oder anderswie zu liegen kommen!—— Ebenſo iſt es auch mit den Gottesdienſten in der Kirche; für uns ſind dieſelben immer wieder etwas Neues; wenn wir vom Feld oder aus der Werkſtatt kommen, da können wir mit aller Andacht unſere Gebete und Pſalmen ſingen; aber mein guter Gelehrter— der hat dann ſeine Gedanken gewöhnlich noch in der Studirſtube, an einem Ohr zupft ihn Horaz, am andern: ich weiß nicht welcher Grieche— und das iſt nun eben keine Andacht! Ja, ich bin's gewiß, von dem Tage an, da unſer Orden die ſtrenge Hand⸗ arbeit aufgeben würde, würde er in Verfall gerathen.“
Ich dankte dem hochwürdigen Herrn für ſeine klare Darſtellung, ſtellte aber zugleich die neue Frage: ob der eigentliche Stifter des Trappiſtenordens, Abbé de Rancé, vielleicht noch etwas Be⸗ ſonderes zu der urſprünglichen Benediktinerregel hinzugefügt habe?
„Neues gar nicht,“ antwortete er,„er hat eben nur in ſeinen Reglements die alte Ordensregel ſtreng und bis aufs einzelſte hin⸗ aus durchgeführt. Von den Cluniacenſern und Ciſterzienſern war dieſelbe mehr und mehr gelockert worden, da kam de Rancé und wollte nichts mehr wiſſen von den herkömmlichen Dispenſen und Milde⸗ rungen, die nach und nach zu offenen Mißbräuchen geführt hatten— er wollte ein wahrer Benediktiner ſein. Sie kennen wohl ſeinen perſönlichen Lebensgang? Früher war er Weltprieſter und ein luſtiger Kamerad geweſen, hatte gegeſſen, getrunken und allerlei Thorheiten getrieben; dabei beſaß er, was weniger bekannt iſt, eine wirklich außerordentliche Gelehrſamkeit. Nun geht eines Tages eine gewaltige Veränderung in ihm vor, die Welt ekelt ihn an, er flieht in das Kloſter La Trappe, deſſen Abt er, dem Titel nach, ſchon längſt geweſen war, und reformirt es nach der Regel des h. Benedikt. Das tiefe Gefühl der Buße, das ihn hierbei antrieb, hat ſomit unſeren Orden geſtiftet.“
„Unter welchen Umſtänden,“ fragte ich weiter,„iſt dieſes Kloſter Oelenberg gegründet worden?“
„Das ging ſo zu: In der großen Revolution, im Jahre 1793, wurden alle unſere Leute aus Frankreich vertrieben und wanderten
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dann zum Theil in die Schweiz in die Valle⸗Sainte, zum Theil nach Deutſchland. Die letzteren konnten endlich in Weſtfalen, in der Nähe von Münſter, ſich niederlaſſen. Von unſeren Schweſtern— denn es gibt auch Trappiſtinnen— fand eine Anzahl in Köln ihr Unterkommen. Später aber, wie die Ordnung in Frankreich wieder hergeſtellt war, kehrte unſer ſeliger Vater, Dom Pierre, mit einer Anzahl Brüder und Schweſtern ins Elſaß zurück und kaufte ſich hier auf dem Oelenberg an. Das war im Jahre 1825 und jetzt zählen wir hier 114 Brüder und 83 Schweſtern. Die letzteren leben nach derſelben Regel wie wir, nur daß ſie natürlich nicht mit Feldarbeit und dgl. ſich beſchäftigen, ſondern eben Handarbeit im Kloſter treiben. Das hat freilich ſeinen Nachtheil, denn die Arbeit in der freien Luft iſt es eben, was uns geſund erhält. Sie wiſſen, das Frauenkloſter iſt hart neben uns, aber natürlich durch eine ſtrenge Klauſur von uns getrennt; doch bilden beide Klöſter im Grunde nur eines; wir haben dieſelbe Verwaltung und unſere Brüder müſſen für den Unter⸗ halt der Schweſtern arbeiten. Die Sache iſt nun einmal, wie ſie iſt! mein ſeliger Vorgänger hat es aber allerdings gegen das Ende ſeines Lebens bereut, daß er beide Kloſterhäuſer zugleich unternommen hat; wenn wir heute wieder anzufangen hätten, würden wir wohl nur bei dem Mannskloſter ſtehen bleiben.“
„Im großen und ganzen genommen— kann man ſagen, daß der Trappiſtenorden zunimmt?“
„O gewiß! Im ganzen gibt es etwa 3000 Brüder und Schweſtern unſeres Ordens; in Frankreich bilden wir zwei Congre⸗ gationen, genannt die von der älteren und die von der neueren Reform; die erſtere heißt auch: Congregation von Sept⸗fons, und die letztere: Congregation von La Trappe; zu der erſteren gehört unſer Oelenberg. Wir bekennen uns zu den Regeln des Abbé de Rancé, und die andern nur im allgemeinen zu der Regel des h. Benedikt; der Unterſchied iſt aber ganz unbedeutend.“
„Erlauben Sie mir, Herr Abt, nur noch eine Frage: welche heilſame Einwirkung kann denn der Trappiſtenorden bei ſeiner eigen⸗ thümlichen Verfaſſung noch auf die Welt haben? Der Trappiſt ſoll nicht predigen, nicht Seelſorge, noch Krankenpflege treiben, noch mit dem Unterricht der Jugend ſich abgeben: welches iſt dann noch ſein Zweck?“
„Mein Herr, die Antwort auf Ihre Frage iſt einfach dieſe: Was die Andern predigen, das wollen wir befolgen. An ſolchen fehlt es ja nicht, die mit Wort und Schrift die Tugend preiſen oder das Evangelium verkündigen,— aber an Thätern fehlt es; und wir möchten eben nur Thäter ſein; wir möchten ohne alle weitere Anpreiſung der Welt ein gutes Beiſpiel geben.“
Mit beſtem Danke für die Freundlichkeit, mit welcher der Abt mir über alles Aufſchluß gegeben, erhob ich mich jetzt von meinem Sitz; die Unterredung hatte den würdigen Herrn bereits etwas lange in Anſpruch genommen und ſogar veranlaßt, den Vespergottesdienſt, der ſchon begonnen, theilweiſe zu verſäumen. Unter wiederholten Dankesverſicherungen nahm ich Abſchied von dem Prälaten; er ent⸗ fernte ſich durch eine Seitenthüre, und ich— der empfangenen Ein⸗ drücke voll— eilte, den Rückweg anzutreten.— Durch die reichge⸗ ſegneten Fluren jener Gegend wandernd, konnte ich nicht umhin, mehr als einmal wieder mich umzuſchauen nach der ſchön gelegenen Trappiſtenkolonie. An dem goldenen Abendhimmel ſtieg das Kloſter jetzt in dunkeln Umriſſen, mit ſeinen vielen Giebeln und ſeinen herr⸗ lichen Baumgruppen, höher empor; rechts drüben ragten die Vogeſen in unvergleichlicher Schönheit, gleichſam durchhaucht von den zarteſten Farben. Mit jedem Schritt kam ich nun der lauten Welt wieder näher und näher, ſchon hörte ich ihren Dampfwagen in der Ferne brauſen und dröhnen— und zum letzten Mal blickte ich zurück nach dem ſtillen Oelberg.
Durch Wald und Haide— dem Waidmann zur Freude.
Von Guido Hammer.
I. Ein Frühlingstag im Rehgehege.
Thaufriſch, überſtrömt von den erſten goldigen Sonnenſtrahlen eines Maimorgens liegt der erlabte Wald vor uns. Wonneſam um⸗ ſpielt uns die balſamiſche Luft, die der tauſendſtimmige Chor der
kleinen befiederten Sänger durchhallt, ohne uns darüber den fröhlichen Kuckuksruf überhören zu laſſen. Scheint dieſer doch uns gleich⸗ ſam aufzufordern, das Auge weit offen zu halten für all die Herr⸗ lichkeit und Pracht in Gottes unendlicher Schöpfung. Aber es be⸗ darf wahrlich nicht erſt dieſer beſondern Mahnung, denn das beſeligte Herz ſchwelgt ſo ſchon mit voller Hingebung in der bezaubernden


