Jahrgang 
1865
Seite
394
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Am Orte des Schweigens.

Beſuch in einem Trappiſtenkloſter von J. Seſſing.

Anmuthig, inmitten einer reichen Gegend des Oberelſaſſes, nicht fern vom Fuße der Vogeſen, liegt auf einem ſanften Hügel das Trap⸗ piſtenkloſter Oelenberg. An einem heiteren Sommermorgen eilte ich mit dem Frühzug gegen Weſten, um im Schatten eines der prachtvollen Wälder des St. Amarinerthales behaglich etliche Stunden in ſüßer Ruhe zu verbringen, ſodann aber auf der Rückfahrt bei der Station Lutterbach die Eiſenbahn zu verlaſſen und dem noch fünf Viertelſtun⸗ den entfernten, ſeitabwärts gelegenen Kloſter einen Beſuch abzuſtatten.

Nachmittags langte ich vor der Pforte an, über welcher groß und deutlich die Worte geſchrieben ſtehen: Solitudo est janua coeli- (Einſamkeit iſt die Pforte des Himmels). Ringsum war alles faſt lautlos ſtill; derMittagszauber lag auf der weiten Ebene, die ſich zu den Füßen des Oelbergs ausbreitet und rheinabwärts ins Unendliche zu verſchwimmen ſcheint; gegen Oſten in der Ferne däm⸗ merte der heimatliche Schwarzwald und links in der Nähe ragten die blauen Vogeſenberge empor. Wieder und wieder ſchaute ich hinauf zu der vielſagenden Inſchrift über dem Thor, die mir hier als der eigentliche Grundgedanke und kurze Inbegriff alles Kloſterlebens entgegentrat. Solitudo est janua coeli, mit anderen Worten:nur im Kloſter kannſt Du wahrhaft fromm werden! Durch dieſe plumpe Ueberſetzung hatte ich mir freilich den Zauber jener Worte ſchnell vernichtet, den Farbenreiz mit grober Hand von ihnen weggewiſcht, aber es wollte mir alsbald wehe thun, den Stab ſo raſch gebrochen zu haben; eine leiſe, bittende Stimme ſprach zu mir: Verdirb es nicht! laß es doch ſtehen, wie es ſteht:Die Einſamkeit ſie iſt des Himmels Pforte! Iſt ſie's nicht? wenn nicht für alle, wenn nicht für Dich, ſo doch vielleicht für manches verſtörte und gejagte Menſchenkind, deſſen zerriſſenes Leben nun eben ein außerordentliches Heilmittel ſucht und braucht, an welches Du nicht den Maßſtab der gewöhnlichen Seelenbedürfniſſe legen darfſt. Nimm denn Dein abſprechendes Urtheil zurück, gehe Du Deinen Weg und laß andere den ihrigen gehen, wenn Du ihn gleich nicht verſtehſt!

Es war indeß Zeit, die Thorglocke zu ziehen und den Eintritt in das Innere des Kloſters zu bewerkſtelligen. Der Bruder Pförtner in braunem Laiengewand und ſtarkem Knebelbart öffnete ſogleich und erklärte ſich auf mein Begehren gerne bereit, mich ein wenig umher⸗ zuführen. Zuvor aber hieß er mich einen Augenblick in die Pförtners⸗ ſtube eintreten, an deren Thüre ein Täfelchen hing mit der Aufſchrift: Leiden, Schweigen, Meiden ſind drei edle Dinge. Dies konnte gewiſſermaßen als nähere Erklärung und Erweiterung jener vorhin beſprochenen Worte genommen werden; die ſüßlockende Jungfrau Solitudo fing hier bereits an, ihren Schleier etwas zu lüften und den nüchternen Ernſt ihres Antlitzes dem Neugierigen zu offen⸗ baren. Bald war der Bruder wieder da und wir traten zuerſt in den Speiſeſaal, wo der höfliche Bruder Speiſemeiſter eben das Abend⸗ brot für mehr als hundert hungrige Mägen in ſchöner Ordnung bereitete. Jedem ward ſein Stück gutes Schwarzbrot, ein Stückchen Käſe und ein ſtarker halber Schoppen Bier zugetheilt; dies nebſt dem Mittageſſen, welches um elf Uhr ſtattfindet, ſind die einzigen Mahl⸗ zeiten der Oelenberger Trappiſten; eine ſtrengere Abtheilung des Ordens hat ſogar blos Eine Mahlzeit um Mittag. Dieſelbe beſteht bei allen aus Suppe, bereitet ohne Butter oder irgend ein Fett, Ge⸗ müſe ebenſo bereitet, oder Salat mit ein wenig Oel angemacht, oder gekochte Früchte, oder Milchſpeiſe, oder Käſe mit Brot und Bier(in anderen Gegenden Wein). Hingegen iſt alles Fleiſch, Fiſche und Eier, außer im Krankheitsfall, das ganze Jahr über verboten; in den Faſtenzeiten fehlt auch die Milch..

Wenn man nun hört, daß der Trappiſt jeden Morgen um zwei Uhr(an Sonn⸗ und Feſttagen um ein Uhr) das Lager verlaſſen und in der Kirche eine halbe Stunde lang ſein lautes Ave Maria beten, nach demſelben eine halbe Stunde in ſtiller Betrachtung vor dem Sakrament zubringen muß, darauf der Meſſe anwohnt bis vier Uhr, um ſofort über eine Stunde im Kapitelſaal mit geiſtlicher Leſung zu verbringen; daß er um halb ſechs Uhr wieder in die Prim zu gehen hat, von wo es aufs neue in den Kapitelſaal geht zur Anhörung der heiligen Regeln und des Marterbuchs, ſowie zum lauten Bekenntniß der begangenen Sünden und Fehler, beziehungsweiſe zur Selbſtpeini⸗

gung mit der Peitſche; daß er unmittelbar darauf im Schlafſaal ſein Lager in Ordnung bringen muß, bis um halb ſieben Uhr das Zeichen zum Anfang der zweiſtündigen Vormittagsarbeiten gegeben wird, welche auf dem Feld oder in den verſchiedenen Werkſtätten des Kloſters vor ſich geht; daß alle vor neun Uhr ſich wieder in der Kirche zum Gottesdienſt verſammeln, welcher bis gegen halb elf Uhr dauert ſo kann man den guten Appetit ermeſſen, mit welchem jetzt der Trappiſt ſeine fru⸗ gale Mahlzeit einzunehmen im Stande iſt; man fängt an zu begreifen, was gemeint iſt mitdem edlen Ding: Meiden. Vom Mittageſſen bis zwölf Uhr kann ſich jeder in der Kirche in der Stille mit ſich ſelbſt beſchäftigen, um zwölf Uhr ruft die Glocke zum engliſchen Gruß, worauf in der Sommerszeit eine Stunde Schlafes gegönnt wird; nach demſelben wieder Lobgeſang in der Kirche und ſodann die Nach⸗ mittagsarbeit bis gegen vier Uhr; jetzt folgt in der Kirche die ſtille Vorbereitung zur Veſper und dieſe ſelbſt, was bis fünf Uhr währt, endlich um fünf Uhr das Abendbrot. Iſt das Eſſen zu Ende, ſo kann ſich ein jeder bis ſieben Uhr in der Stille ſammeln, worauf alle ins Kapitel zur geiſtlichen Vorleſung kommen und dann zum Schluß in der Kirche zur Abſingung der letzten Tageszeit und zum Salve Regina ſich vereinigen. Um acht Uhr im Sommer, im Winter um ſieben Uhr begibt ſich alles zur Ruhe.

Dieſe Tagesordnung gab mir begreiflicherweiſe manches zu denken und ich verwunderte mich jetzt nicht mehr über die mageren Geſtalten der Brüder, ſondern eher darüber, daß doch noch ein ziem⸗ liches Maß von Geſundheit und Kraft an ihnen zu ſehen war. Von

Abends fünf Uhr bis zum andern Tag um halb elf Uhr nichts über

die Lippen bringen, um zwei Uhr Morgens den Schlaf brechen, ſtreng arbeiten, Pſalmen ſingennach Noten(ich verſtehe jetzt dieſen ſprichwörtlichen Ausdruck), Selbſtpeinigung üben, bis der Abt das Zeichen zum Einhalten gibt u. ſ. w. das iſt ein Leben! Gerne hätte ich noch manche neugierige Frage ſtellen, über dieſes und jenes mich belehren laſſen mögen, aber der Bruder Pförtner ſchien mir nicht dazu der Mann. So entſchloß ich mich denn, um eine Unter⸗ redung mit dem Abt zu bitten, von dem man mir früher ſchon geſagt, daß er ein Deutſcher(Weſtfale) ſei und eine treffliche Bildung beſitze.

Zuvor wollte ich jedoch die übrigen Theile des Kloſters beſich⸗ tigen; wir durchwanderten mehrere lange, ſchmale Corridore, deren Wände, in ziemlich primitivem Zuſtand beſindlich, mit Cruecifixen, Bildern und ascetiſchen Sprüchen geſchmückt waren, ſtiegen endlich eine ſteile, enge Treppe hinauf und traten in den großen, hellen Kapitelſaal. Zur Rechten und Linken, die Wände entlang, ſtanden je zwei Reihen niederer Bänke, ohne Rücklehne, auf denen aber der Sitz eines jeden Bruders durch kleine Zwiſchenbretter abge⸗ grenzt, und der Kloſtername deſſelben ſammt beigefügtem Wahlſpruch verzeichnet war. Es wäre mir intereſſant geweſen, dieſe vielen Wahl⸗ ſprüche der Reihe nach mit Muße betrachten zu können, allein ich fand kaum die Zeit, in der Eile einige wenige Proben mir aufzuſchreiben, die hier als charakteriſtiſch folgen mögen:

Spernere mundum, spernere nullum, spernere se se, sper- nere se sperni quatuor isti beant. Die Welt verachten; nie⸗ manden verachten; ſich ſelbſt verachten; das, daß man verachtet wird, verachten, dieſe vier Stücke machen den Menſchen glücklich.

Experientia docere solet, quod ubi multae contradictio- nes ibi major speratur fructus. Die Erfahrung lehrt, daß da, wo ſich viele Gegenſätze zeigen, eine deſto reichlichere Frucht zu er⸗ warten ſteht.

Du mußt zuvor zu einem Eſel werden, ſollſt Du göttliche Weis⸗ heit beſitzen.(Diktum eines Trappiſtenabts.)

Nemo plus agit, quam qui unum agit. Niemand ſchafft mehr als der, welcher nur Eines ſchafft.(Ignatius Loyola.)

Vidi monachos, non sum ego monachos. Ich habe Mönche geſehen, bin aber ſelbſt noch keiner(d. h. noch kein rechter).

Die ganze Mitte des Saales bildet einen großen, freien Raum; hier pflegen die Büßenden zu ſtehen oder zu liegen, und die auferlegte Züchtigung ſich zu ertheilen, während das Kapitel um ſie verſammelt iſt. Am oberen Ende des Saales befindet ſich der erhöhte, pultartige Sitz des Abtes, über ihm gewahrte ich ein wunderſchönes Madonnen⸗