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Musketenſchüſſen zu Boden. Wieder griff man dies und jenes Neger⸗ dorf nach wohl entworfenem Kriegsplane an, ſteckte deſſen Stroh⸗ hütten in Brand, erſchoß und erſtach, was die Waffen ergriffen und bemächtigte ſich der Wehrloſen, die dann zu Sklaven gemacht wurden. Man hetzte den einen Negerſtamm gegen den anderen auf, ſtand dem einen bei, verhalf ihm durch Gewehrfeuer zum Siege und ließ ſich von dem Sieger für die gehabte Mühe mit Kriegsgefangenen und Rindern entſchädigen. Ja man trieb den Verrath ſo weit, daß man Neger zu Schmauſereien einlud, ſie durch Darreichung von Geſchenken und ſtarken Getränken in Sicherheit wiegte und nachher in Ketten ſchlug oder in die Schebah ſpannte, einen Baumſtamm, mittelſt deſſen man in Sudan widerſpenſtige Sklaven fortſchafft. Betrug ſich nun ein„ſchwarzer Hund“ halsſtarrig, ſo prügelte man ihn wund, im Wiederbetretungsfalle that man ihn ab. Beim Waſſer⸗ transporte der Sklaven warf man Schwerkranke lebend in den weißen Nil, den Krokodilen zur Luſt. An Weibern und Töchtern der Ver⸗ rathenen übte man aber die ſchändlichſte Barbarei. O man könnte
einen vollen Band mit Aufzählung ſolcher und ähnlicher Unge⸗
heuerlichkeiten füllen.
Um ihren Geſchäften eine Operationsbaſis zu ſichern, errichteten viele Kharthümer Spekulanten längs des weißen Nils, des Gazellen⸗ fluſſes, und weiter landeinwärts, feſte Niederlaſſungen. Den dazu nöthigen Grund und Boden mußte man ſchon durch ehrlichen Kauf erwerben. Man baute an ſolchen Plätzen Hütten nach ſenna⸗ riſchem Styl von Stroh, warf ringsherum einen Graben aus und umſchloß die Hütten mit Palliſadenreihen oder mit Dornhecken. Ein ſo umſchloſſener Platz heißt auf arabiſch: Zeribah. Jede Zeribah wurde nun mit fünfzig, hundert und mehr Berberinern(Nubiern) beſetzt, denen man Bayonetgewehre, Säbel und Dolche in die Hand gab. Dieſe Nubier, die den Namen ehrlicher„Aſaker, d. h. Soldaten“, ſchändeten, bezogen einen hohen Sold. Bewaffnete Barken, zuweilen ſogar leichte Feldſtücke an Bord, dienten zur Unterſtützung der Zeri⸗ bahs von der Waſſerſeite her. Einige Leute der Beſatzungen gingen den Elephanten nach und erlegten dieſe mit ſchweren Standröhren. Es hat allerdings Zeriben⸗Beſitzer gegeben, wie den Franzoſen Alexandre Vayſſière u. ſ. w., welche ihre nubiſchen Untergebenen nur mit Elephantenjagd beſchäftigt, welche nur ehrlichen Erwerb getrieben, die Schwarzen ſogar gütig und gerecht behandelt haben. Andere aber, und ihrer iſt leider die Mehrzahl, haben von ihren Zeribahs aus mit den berberiniſchen„Soldaten“ Menſchenhandel und Menſchen⸗ jagd im großartigſten Maßſtabe ausgeübt und durch die von ihnen veranlaßten ſcheußlichen Barbareien dem Andenken ihres Namens ein unauslöſchliches Brandmal aufgedrückt. Die Geſchichte des weißen Nils wird Menſchen, wie Alphonſe de Malzac, Nicola Ulivi, Vayſſiére (nicht der vorhin Genannte), Andrea de Bono(großbritanniſcher Unterthan, Malteſer) und ſeinen Neffen, den Ali⸗Abu⸗Amuri, Kutſchuk⸗ Ali und Biſelli(Mohamedaner), Schenuda(Kopten) ſtets als wilde, erbarmungsloſe Menſchenräuber anklagen. Die Herren Vaudey, Brun⸗Rollet, Ambroiſe und Jules Poncet, ſowie noch andere, trifft der Vorwurf eines höchſt rückſichtsloſen und brutalen Verfahrens gegen die Neger des weißen Niles. Petherick, engliſcher Conſulats⸗ verweſer in Kharthüm, hat manche, ihm namentlich von der apoſto⸗ liſchen Miſſion für Centralafrika Schuld gegebene Sünde durch neuerliches, energiſches Auftreten gegen die Sklavenhändler theil⸗ weiſe wieder zu ſühnen verſucht.
Die geraubten Neger wurden ſchon unterwegs an ſklavenhaltende Uferſtämme, wie z. B. die Bagara⸗Beduinen, abgegeben oder ſie wurden auf den Märkten von Kharthüm, Sennär, El⸗Obéd u. ſ. w. verſteigert. Bei den Türken ſind hübſche, ſtämmige Negerburſchen vom weißen Nile ſehr geſucht und werden gut bezahlt; man bildet aus ſolchen die wohlgedrillten Elitebataillone des ſennariſchen Korps. Viele Sklaven liefern die dem Vicekönige von Aegypten unterworfenen Fürſten der Fungi⸗Neger und der Abu⸗Rof⸗Beduinen in Sennär, deren Streifzüge gegen die Denka, Berthat, Djumus und andere Stämme faſt alljährlich wiederholt werden.
Man kann nicht behaupten, daß der Menſchenraub auch ſtets lohnend ſei. Die Unterhaltung der Barken und bewaffneten Söldner koſtet nämlich ſehr viel Geld, von den Mannſchaften ſterben manche am Fieber, an der Ruhr u. ſ. w. und nicht wenige der⸗
ſelben werden von den Negern umgebracht. In ihrer Todesver⸗
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zweiflung wehren ſich die letzteren oft wie raſend und erſchlagen ganze Haufen ihrer Widerſacher bis auf den letzten Mann. Gelingt indeſſen ein Fang, ſo iſt der daraus gezogene Gewinn meiſt recht bedeutend. Dieſe, wenn auch unſichere Ausſicht und der dämoniſche Reiz des Verbrecheriſchen locken immer wieder das verworfene Khar⸗ thümer Geſindel zu erneueten Attentaten gegen die Menſchheit.
Schon Mohammed⸗Ali, der berühmte Statthalter Aegyptens, erließ in dem letzten Jahrzehnt ſeiner Regierung Verbote wider den offiziellen, in Sudan üblichen Menſchenraub. Unter ſeinen Nach⸗ folgern wurde ſogar der Menſchen handel für ungeſetzlich erklärt, und viele der in den ägytiſchen Beſitzungen befindlichen Sklaven wurden von ihrer Regierung mit Freibriefen bedacht. Im geheimen aber wuchert das Uebel fort. Die Menſchenräuber, Mohammedaner ſowohl, wie auch chriſtliche Kopten und chriſtliche Europäer, ſetzen ihre Mord⸗ und Plünderungszüge fort, beſtechen die ägyptiſchen Beamten und ſchaffen die erbeuteten Sklaven auf Umwegen nilabwärts. In Cairo rekrutirt man die ſtattlichen ſchwarzen Gardebataillone aus ſolchen Sklaven und die Regierung achtet ſchwerlich darauf, woher denn dieſe ihre Soldaten eigentlich entnommen worden. Schekh Muſſa⸗el⸗ Akkäd übernahm in den letztverwichenen Jahren die Lieferung ſolcher ſchwarzer Soldaten von Kharthüm aus. Gegenwärtig macht Mohammed⸗Kher durch die Kühnheit ſeiner im großartigſten Maß⸗ ſtabe betriebenen Menſchenjagden Aufſehen. Mit den kriegeriſchen Bagära⸗ und Abu⸗Rof⸗Beduinen verbündet, überfiel Nohammed⸗Kher in den Jahren 1861 und 1862 die Schilluk⸗ und Denka⸗Neger, ſengte, brannte und mordete, ſchleppte tauſende in die Sklaverei, und erhielt zum Lohne dafür die Statthalterſchaft über die von ihm verwüſteten Diſtricte!.
Die apoſtoliſche, vom Marienverein zu Wien ausgerüſtete Miſſion für Centralafrika hat ſich auf das Entſchiedenſte gegen Menſchenhandel und Menſchenraub erklärt. Theilnehmer an dieſen Gewerben haben dann dafür auch die Miſſionare verhöhnt und beſchimpft. Ja, es konnten ſich gebildete europäiſche Reiſende finden, welche einem oder dem anderen Menſchenräuber vielleicht für erwieſene Gefälligkeit ver⸗ pflichtet, verſchiedene dieſer Kannibalen offen und verſteckt in Schutz nahmen und mit ihnen in das unmuthige Geſchrei gegen die katho⸗ liſchen Miſſionare einſtimmten.
Im Jahre 1861 mußten der öſterreichiſche Conſulatsverweſer Dr. Natterer und der italieniſche Conſul Lanzoni in Kharthüm, nach⸗ dem ſie energiſch gegen den herrſchenden Unfug proteſtirt, vom Dolche und Gifte des Muſſa⸗el⸗Akkäd und Mohammed⸗Kher bedroht, ihre Station flüchtend verlaſſen. Durch die öſterreichiſche Internuntiatur am Bosporus aufmerkſam gemacht, erließ aber neuerlich die hohe Pforte die allerſchärfſten Verbote gegen den in ihren afrikaniſchen Beſitzungen ſtattfindenden Menſchenraub. Ismail⸗Baſcha, der der⸗ zeitige, von Wohlwollen beſeelte Statthalter Aegyptens, hat denn auch daraufhin dem neuen Generalgouverneur von Sudan die bündigſten Verhaltungsmaßregeln anempfohlen. Der ſudaneſiſche Gouverneur, der gefürchtete Muſſa⸗Baſcha⸗en⸗Nimer, läßt jetzt durch ſeine, längs des weißen Nils zu Gondokoro, am Sobat, zu Denab, Kaka, El⸗Es u. ſ. w. aufgeſtellten Soldaten die Raubſchiffe an⸗ halten, durchſuchen, deren Kapitäne und Mannſchaften feſtnehmen, auspeitſchen oder auch in Ketten ſtromab ſchaffen. Dadurch wird allerdings ſo manchem der Kharthumer Räuber das Handwerkgründlich gelegt werden. Leider aber verfährt Muſſa⸗Baſcha inconſequent, indem er ſelber für ſeinen Soldatenbedarf Neger einfangen läßt, um ſie in blutigen Kriegen gegen rebelliſche Stämme des Sennar zu verwenden.
Die europäiſchen Regierungen ſollten nicht müde werden, in Aegypten immer von neuem und ernſtlich zur Ergreifung der kräftigſten Maßregeln wider das Raubgeſindel am weißen Nile zu rathen. Vornehmlich aber ſollten die europäiſchen Generalconſulate jene Auswürflinge unſeres Erdtheils ächten, welche im Innern Afrikas, zur Schande unſeres Geſchlechtes, ſchwer erreichbar dem Arme der Gerechtigkeit, ein„crime permanent“ begehen. So nennt der franzöſiſche Conſul Lejean das Treiben am weißen Nil. Das civiliſirte Europa müßte ſeinen Beifall zollen, wenn türkiſche Schergen an ſolchen Auswürflingen, unbehindert durch conſulariſche Einmiſchung, ihre Pflicht thun dürften.
R. Hartmann.
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