Jahrgang 
1865
Seite
392
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den ganzen ſtolzen Trotz des genialen Jünglings wachriefen. Und zwar wiſſen wir aus Beethovens eigenen Worten, welche Gewitter⸗ ſtürme ſeine leidenſchaftliche Heftigkeit ſchon damals in die frohen Spiele ſeiner Umgebung heraufzubeſchwören vermochte. Noch lange, nachdem er die Heimat ganz verlaſſen, liegt es ihm wie ein Alp auf der Bruſt, wie er ſeinerzeit mit den lieben Freunden ſeiner Jugend umgeſprungen. 3 Verehrungswürdigſte Eleonore! Meine theuerſte Freundin, ſchreibt er am 2. November 1793 von Wien aus an Lorchen;erſt nachdem ich nun hier faſt ein ganzes Jahr verlebt habe, erhalten Sie von mir einen Brief, und doch waren Sie gewiß in einem immer⸗ währenden Andenken bei mir. Schon oft unterhielt ich mich mit Ihnen und Ihrer lieben Familie, nur öfters nicht mit der Ruhe, die ich dabei gewünſcht hätte. Da war's, wo mir der fatale Zwiſt noch vorſchwebte, wobei mir mein damaliges Betragen ſo verabſcheuungs⸗ werth vorkam. Aber es war geſchehen, und wieviel gäbe ich dafür, wäre ich im Stande, meine damalige mich ſo ſehr entehrende, ſonſt meinem Charakter zuwiderlaufende Art zu handeln, ganz aus meinem Leben tilgen zu können. Freilich waren mancherlei Umſtände, die uns immer von einander entfernten, und wie ich vermuthe, war das Zuflüſtern von den wechſelsweiſe gegen einander gehaltenen Reden hauptſächlich dasjenige, was alle Uebereinſtimmung verhinderte. Jeder von uns glaubte hier, er ſpreche mit wahrer Ueberzeugung, und doch war es nur angefachter Zorn und wir waren beide getäuſcht.

Ihr guter und edler Charakter, meine liebe Freundin, bürgt mir zwar

dafür, daß Sie mir längſt vergeben haben. Aber man ſagt, die auf⸗ richtigſte Reue ſei dieſe, wo man ſein Vergehen ſelbſt geſtehet; dieſes habe ich gewollt. Und laffen Sie uns nun den Vorhang vor dieſe ganze Geſchichte ziehen und nur noch die Lehre daraus nehmen, daß wenn Freunde in Streit gerathen, es immer beſſer ſei, keinen Vermittler dazu zu brauchen, ſondern, daß der Freund ſich an den Freund un⸗ mittelbar wende.

Zu ſolchen Worten bemerkt Lorchens ſpäterer Mann, der uns dieſen ſchönen Brief aufbewahrt hat:Beethoven war ſehr reizbar, folglich leicht aufgebracht. Ließ man jedoch die erſte Regung bei ihm ſtillſchweigend verrauchen, ſo lieh er den Vorſtellungen ein offenes Ohr, ein verſöhnliches Herz. Die Folge davon war, daß er dann weit mehr abbat, als er gefehlt hatte. Allein ungleich ſchöner und wahrer ſind die Eingangsworte dieſer Skizze, die Beethoven ſelbſt über ſolche Vorgänge geſprochen hat, und in der That waren es die ewig unerſchütterlichen Grundſätze des Guten, die die Freunde zeitlebens verbunden hielten. Wir aber verdanken dieſem leidenſchaftlichen Ringen mit ſich ſelbſt, das auch Beethoven, wie jedem großen Manne, jedem edlen Charakter ſelbſt bei unſcheinbaren Anläſſen die Seele erfüllt, jene große Reihe der wunderbarſten Ton⸗ ſchöpfungen, in denen der unerreichte Meiſter die geheimſten Vorgänge der Menſchenbruſt enthüllt und ſo manchem Nachſtrebenden Troſt und Vorbild gewährt.

Menſchenhandel und Menſchenjagd am weißen Nil.

Während zur Zeit in Nord⸗Amerika ein furchtbarer Bürgerkrieg für und wider die Menſchenrechte der Neger wüthet, tobt in den inneren Gegenden Nord⸗Oſt⸗Afrikas ein anderer, auf Unterdrückung der ſchwarzen Race hinzielender Kampf. Im Innern Nord⸗Oſt⸗ Afrikas, an den Quellflüſſen des alten Nils, hart an und zum Theil ſogar innerhalb der Grenzen eines wohlgeordneten Staatsweſens, geſchehen Dinge, deren Erkenntniß uns einen Ausruf des Schreckens und der Erbitterung abnöthigen muß.

Schon vor Jahren hat Schreiber dieſer Zeilen ſeine Stimme zu Gunſten der ſchwarzen Völker Oſt-⸗Central⸗Afrikas erhoben und gegen deren planmäßige Verfolgung durch nichtsnutziges Geſindel geeifert. Aber immer wieder ſchreit neuvergoſſenes Blut um Rache, immer noch verhallen der Klageruf und das Todesröcheln gehetzter Schwarzer nicht erhört in Aethiopiens Urforſten.

Das unermeßliche Gebiet des weißen Nils iſt es beſonders, welches ſeit etwa zwanzig Jahren mehr noch, denn je, zum Schau⸗ platz wüſter Jagd⸗ und Mordzüge gegen ſchwarze Menſchen erkoren worden. Längs der wald⸗ und weidereichen Ufer eben dieſes weißen Nils leben zahlreiche ſchwarze Stämme, die Schilluk, Denka, Nuér, Bari, Schir u. ſ. f., Stämme, die Ackerbau und Viehzucht treibend, ſchon ſeit Jahrhunderten eine Art von geordnetem Gemeinweſen pflegten.

Bereits von den Zeiten der älteſten Pharaonen an hatten die Negerſtämme am oberen Nil durch räuberiſche Einfälle ihrer nörd⸗ lichen, hellfarbigen Nachbarn, Aegypter, Nubier und Sennarier, leiden müſſen. Schon ſeit jenen Zeiten ſind ihnen, wie Bilderſchrift, Papyrusrollen, arabiſche Handſchriften und mündliche Ueberlieferungen darthun, bei Gelegenheit ſyſtematiſcher Plünderungszüge Angehörige gemordet, geraubt, in die Sklaverei geſchleppt worden. Im Jahre 1821 fielen die Türken unter Ismail⸗Baſchas, des kriegeriſchen Sohnes Mohammed⸗Alis, Führung in die Südlande ein, unter⸗ warfen das der Ausmündung des weißen Nils benachbarte Gebiet, und gründeten am Zuſammenfluß beider Nilquellſtröme die Stadt Kharthüm. Dieſe blühete ſchnell empor. In ihr ließen ſich, während der ſpäteren Jahre mohammedaniſche Osmanen und Aegypter, Nubier und Sennärier, chriſtliche Kopten und Europäer nieder. Unter dieſen Colonen des neuerworbenen Gebietes verſuchten die meiſten an⸗ fänglich wohl ehrlicheren Erwerb, z. B. den Ankauf von Elephanten⸗ zähnen aus erſter Hand bei den Schwarzen des weißen Nils. Bald aber ward dies den Leuten zu koſtſpielig, zu zeitraubend und zu wenig gewinnbringend. Man ſuchte und fand mit der Zeit beſſer lohnenden Erwerb im Kauf und Raube ſchwarzer Sklaven.

Hierzu gaben leider die ägyptiſchen Gewalthaber der im Jahre

1821 eroberten Ländereien, des Beled⸗Sudän, ſelbſt den Anſtoß. Sie mußten nämlich viele Truppen und ein Heer von Beamten beſolden. Mit der Soldauszahlung aber ſtand es, Dank einer unpraktiſchen, wenig geregelten Finanzverwaltung, zu Zeiten ſehr ſchlecht. Man kam daher zu der Auskunft, großartige Raubzüge in die von heidniſchen Negern bewohnten Gebiete zu veranſtalten, die Dörfer der Schwarzen niederzubrennen, die Widerſtand Leiſtenden zu erſchlagen, und die Ueberlebenden in die Sklaverei zu führen. Dann vertheilte man die ſo erworbenen Gefangenen unter Soldaten und Beamte, welche ſich mit dem Erlös des von ihnen ſelbſt, veranſtalteten Menſchenhandels bezahlt machten. Hauptſächlich wurden die von Nobah⸗Negern be⸗ wohnten Bergdiſtricte Kordufäns, die ſüdlichen Bergdiſtricte von Sennär, Faſoglo, Weſtabyſſinien und die Ufer des weißen Nils, Zielpunkte ſolcher nur auf Menſchenraub gerichteten Züge.

Dadurch ward denn auch das Spekulantengeſindel von Karthüm angelockt, ſich mit dem klingenden Ertrage der Menſchenhetze und des Menſchenhandels zu bereichern. Dieſe Leute wandten ſich an den weißen Nil, deſſen Anwohner dem türkiſchen Geſetze nicht unter⸗ worfen waren und daher als vogelfrei betrachtet wurden. Türken, Aegypter, Kopten und Europäer rüſteten große Nilſchiffe aus, thaten ſchwerbewaffnete nubiſche Söldner hinein und fuhren damit in den weißen Nil. Man feilſchte hier mit den meiſt argloſen Negern um deren Handelsprodukte, namentlich Elephantenzähne, Waffen, Ge⸗ räthe, Felle u. ſ. w., reichte jenen dafür Glasperlen und kaufte ihnen auch Kriegsgefangene ab. Gaben die Schwarzen das Begehrte nicht gutwillig, ſo lehrte man ſie mit ſcharfen Musketenſalven Nachgiebigkeit. Das rief aber Mord und Todtſchlag ſonder Gleichen hervor. Denn die Neger, über der Spekulanten Benehmen entſetzt und aufgebracht, leiſteten Gegenwehr mit Lanzen, vergifteten Pfeilen und Ebenholzkeulen. 1

Die Kharthümer Menſchenjäger erſannen im Verlaufe der Zeit gar abſonderliche und verzweifelte Mittel, um ihre Ziele zu erreichen. Sie ſtahlen z. B. den Aliab⸗Negern Elfenbein und kauften damit den Schir⸗Negern gefangene Aliabs ab, dann nahmen ſie den Schirs das Elfenbein wieder mit Gewalt. Oder es raubten die Spekulanten dem einen Stamme Vieh, beſonders Buckelrinder, kauften dafür von irgend einem anderen Stamme Elfenbein, nahmen dieſem die in Zahlung gegebenen Rinder wieder und ließen ſie durch die urſprüng⸗ lichen Beſitzer mit Elfenbein auslöſen. Zum anderen Male ſegelten die Räuber an das erſte beſte Negerdorf heran, warfen Glasperlen, die Scheidemünze jener Gegenden, ans Ufer und lockten damit Kinder herbei. Dann wurden letztere gefangen genommen. Eilten nun die Väter zum Schutze ihrer Kleinen herzu, ſo ſtreckte man ſie mit

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