Jahrgang 
1865
Seite
387
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achtungsvoll ergebenſt Hermann Meyer, privilegirter Euterpen⸗

Ein anderer, wie der Herr Falk, wäre durch dieſe Einleitung entweder vollſtändig eingeſchüchtert oder ziemlich beleidigt worden, jedoch der kaufmänniſche Apollo fuhr ruhig in ſeinem Geſpräch mit dem Künſtler fort:

Meine Braut, ſagte er,wünſcht eine ſolche Statuette zu haben, und Sie würden mich ſehr verbinden, wenn Sie mir, ſobald es Ihnen möglich wäre, eine ſolche anfertigen könnten; über den Preis werden wir uns ſchon verſtändigen.

Bitte, lieber Emil, ſagte Meyer nach einer kurzen Pauſe, zieh Dein Taſchentuch und verſcheuche ein wenig die Wolke, die mir den Herrn verbirgt. So, alſo Sie ſind Herr Falk! Ah! Nun ſehen Sie, lieber Herr, es thut mir wirklich leid, Ihren mich ſo ehren⸗ den Auftrag nicht ausführen zu können, da das letzte Dutzend dieſes Artikels verkauft und ich zur Zeit nichts Aehnliches auf Lager habe. Gefälligen ſpäteren Aufträgen höflichſt entgegenſehend, verbleibe ich

fabrikant.

Ein ſchallendes Gelächter begleitete die letzten Worte des Bild⸗ hauers. Die jungen Gäſte Ernſt Arkheims ſchienen ganz und gar vergeſſen zu haben, daß die Spötterei Meyers ernſte Folgen haben konnte und gaben ſich der ausgelaſſenſten Heiterkeit⁶ hin. Doch Herr Falk war nicht der Mann, irgend etwas Beleidigendes in dem von Hermann Meyer Geſagten zu ſehen, er ſah es als einen Witz an und auf dem Felde glaubte er, ſich mit jedem meſſen zu können.

Ich freue mich, Herr Meyer, ſagte er,daß Sie dies ge⸗ ſchäftlich behandeln, und mich des von Ihnen gebrauchten Geſchäfts⸗ ſtyles bedienend, habe ich die Ehre, Sie zu fragen, welch einen Artikel Sie jetzt vorräthig haben oder in kürzeſter Zeit liefern können, und Ihrer baldigen Antwort entgegenſehend, verbleibe auch ich ergebenſt Julius Falk.

Hurrah! rief der kleine Emil,Hermann, Du haſt einen würdigen Gegner gefunden... Stoß auf Stoß! Das war recht, Herr Falk!

Doch Hermann Meyer hatte ſeit einigen Sekunden feſt dem Kaufmann ins Geſicht geſehen und plötzlich ernſt werdend

Schweig, Du heulender Zwerg! ſagte er,und laſſe vernünf⸗ tige Leute ein vernünftiges Wort ſprechen. Herr Falk, ich verſpreche Ihnen, in acht Tagen eine Statuette zu verfertigen, welche für das Piano Ihrer Fräulein Braut paßt und den Gott der Lieder vorſtellen wird. Sind Sie befriedigt? Das Vorhergeſagte war Spaß; was den Preis anbetrifft, ſo werden wir uns darüber nicht ſtreiten!

Da bereiten Sie mir wirklich ein großes Vergnügen, erwie⸗ derte Herr Falk;denn ich muß es Ihnen geſtehen, meine Braut glaubte, ich würde eine abſchlägige Antwort von Ihnen bekommen. Ich rechne auf Ihr Wort, Herr Meyer, wie Sie auf meine Kaſſe rechnen können. Doch verzeihen Sie, meine Herren, meine Braut erwartet mich gewiß mit Ungeduld... Ihr Diener, Herr Meyer! Ich empfehle mich, meine Herren!

Und er verließ das Zimmer: doch kaum waren ſeine Schritte im Corridor verhallt, als die jungen Leute in ein lautes Gelächter ausbrachen. Hermann Meyer jedoch verlangte Ruhe und ſagte:

Ich begreife Euch nicht! das ſcheint mir ein ſehr ehrenwerther Mann zu ſein, der mir eine gute Beſtellung gemacht hat; was habt Ihr denn darüber zu lachen? 4

Hermann! Hermann! ſagte Ernſt,Du brüteſt über etwas Entſetzlichem; Deine Ruhe iſt die Vorbotin eines Gewitters; doch ich bitte Dich, Hermann, ſchone das arme Mädchen, ſeine Braut; ſie iſt die beſte Freundin meiner Schweſter und wirklich ein herzensgutes Mädchen... b

Wenn ſie nur nicht ſo ſtolz wäre! ſagte Carl Tann.

Und ſo hochmüthig! fügte ein anderer hinzu.

Und ſo lieblos gegen ihre Verwandten! ſagte ein Dritter. Und ſo verliebt in ihren Bräutigam! rief ein Vierter. Eine Künſtlerin, die ſich in einen Ellenreiter verliebt, pfui! der kleine Emil dazwiſchen.

Rührende Uebereinſtimmung von fünf ſchönen Geiſtern! ſagte Hermann Meyer,doch was geht das mich an? ich habe dem Herrn Falk einen Gott der Lieder für ſeine Braut verſprochen, und ſo wahr ich Ich bin, werde ich mein Verſprechen halten! Und nachdem er dieſe Worte geſprochen, zündete er ſich eine friſche Cigarre an, nahm ein Album zur Hand, in welchem ſich die Photographien ſämmtlicher Bekannten Ernſt Arkheims befanden, blätterte darin und

ſchrie

68 ges faſt V. niger ge faſt unſichtbaren Ecke des Divans eine moquante Stimme, die ſo⸗ lirt und gleich von dem Gemurre ſämmtlicher jungen Leute unterdrückt wurde. tte ſeine VDu darſſt gar nicht mitreden, rief endlich Ernſt;daß man t, denn Dich nicht vermißt, iſt mehr als gewiß. Wenn man in Geſellſchaft Heſchäfte kommt, um einem Freunde ſeinen Cigarrenkaſten zu leeren, dann V freilich kann man keinen Begriff von den Reizen einer Mädchenge⸗ ten des ſellſchaft haben. on hatteWarum ſeid Ihr denn nicht dageblieben? antwortete die ſchloſſen Stimme,ſtatt hierher zu kommen und zu lamentiren! Mitgift VUndankbarer! ſagte Carl Tann,wir kamen, um Dir Ge⸗ an hatte ſeellſchaft zu leiſten; und ſo empfängſt Du uns? auf den VWir verließen die Freuden Capuas, um Dich Einſiedler auf fen, zu Ddceeinem gepolſterten Felſen zu beſuchen, und ſo empfängſt Du uns? die Zeit V Undankbarer! ſagte der junge Emil mit vielem Pathos. werd. VMeine lieben Herren, antwortete die Stimme, welche, wie atte ſich man es errathen haben wird, dem Bildhauer Hermann Meyer ange⸗ Schwei⸗ hörte,wenn ich allein bin, befinde ich mich in einer mir ſehr ange⸗ daß ein naehmen Geſellſchaft, woran ich im entgegengeſetzten Falle oft Gelegen⸗ heit habe, zu zweifeln. d jider VEine Erklärung oder eine Genugthuung! ſchrien ſechs fröh⸗ meſent liche Stimmen. 0 heSehr gern, antwortete der Bildhauer,finden Sie es etwa A. e aanſtändig, daß der hier gegenwärtige Ernſt Arkheim mich ſeit drei Ade Viertel Stunden ſchon hier weiß, ohne mir ein Glas Punſch oder antzelt eine ſonſtige Erfriſchung geſchickt zu haben? Finden Sie es anſtändig, nftiggn daß er mir vorhin jenen pathetiſchen Knirps, unſern Freund Emil, ſich d aa V hergeſchickt hat, um mich, der Barbar! zu einer Pianotortur aufzu mn auch fordern? als bEs war ja Fräulein Salomon, die ſpielte, unterbrach ihn einer. So, ſagte Hermann Meyer,Fräulein Salomon? Eine mir V unbekannte Größe! O, wenn die Regierung ſich nicht mit ſo vielen überflüſſigen Dingen beſchäftigen und lieber einen ernſteren Blick aauf die Marter des geſellſchaftlichen Lebens werfen wollte, wie wäre üdchen, dooch vielen geholfen! Cholera, Trichinen und Pianiſten ſind die Sei V Qual unſeres Jahrhunderts und die gerechte Strafe für alle unſre llätze Sünden. Höre, ſage das nicht vor ihrem Bräutigam, meinte einer der n acht jungen Leute,der würde es übel aufnehmen. ir dasAlſo einen Bräutigam hat ſie? fragte der Bildhauer, Natürlich, ſo ein gelehrtes Thier muß auch ſeinen Kornack haben. Wer iſt denn der Glückliche? HerrnKennſt Du den Apollo der Z... Straße nicht? fragte 4 1 Ernſt,Du beſuchſt doch dieſe Straße ſo oft. Ja, erwiederte Meyer,dort finde ich meine ſchönſten Modelle V für Satyrn, Faunen und ſonſtige Ungeheuer; aber Modelle zum Apollo habe ich dort noch nicht geſehen. lärung VEs iſt Herr Julius Falk, ſagte Carl Tann,kennſt Du ihn anderte ddeenn nicht? Braut, Wenn man vom Wolfe ſpricht, ſteht er an der Thür, ſagte 2 eein ſoeben Eintretender. diſ Ziemlich verblüfft ſahen die jungen Leute den ſo plötzlich Er 9 ſccheinenden an. Ernſt faßte ſich jedoch bald und ging ihm mit freundlicher Begrüßung entgegen. hts/Fühlen auch Sie, lieber Herr Falk, Heimweh nach einer Cigarre? ſagte er.. undern,Das nicht, antwortete der glückliche Bräutigam,aber ich ruder, habe die Gelegenheit gefunden, mich unbemerkt aus der Geſellſchaft erhall zu entfernen und Sie hier zu ſtören, da ich gehört habe, daß der m des Herr Bildhauer Meyer ſich in Ihrer heiteren Geſellſchaft befindet. üllt.Befände, tönte es aus jener Ecke hervor,hier ſitzt Herr hafts⸗ Meyer und lieſt dieſer verdorbenen Jugend ſtreng die Epiſtel. Sind dieſus Sie gekommen, um mir zu helfen, mein Herr? les der Falk, ſichtbar von dieſem mehr als komiſchen Empfang betroffen, nde zu näherte ſich zögernd dem Tiſche und ſagte: ntwortIch wollte mich nur erkundigen, Herr Meyer, ob Sie es ig eine wären, der jene Statuette, die Fräulein Hulda über ihrem Klavier nch) hat, gearbeitet haben?

Zu dienen, antwortete Meyer,ſie ſtellt ein gewiſſes Fräu⸗ armen lein Euterpe, Tochter des Herrn Jupiter und ſeiner morganatiſchen ugriß Gattin Mnemoſyne vor, die zu ihrer Zeit eine berühmte Violin⸗, an⸗ a ver⸗ dere ſagen Harfenſpielerin geweſen ſein ſoll. Kann ich Ihnen mit

etwas anderem dienen? kauch 1 1 35