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Der junge Menſch entfernte ſich und bald ertönten unter den geübten Fingern des jungen Mädchens die Accorde eines Salonſtückes. Emil war faſt augenblicklich zurückgekehrt und hatte Ernſt leiſe ins Ohr geflüſtert:
„Hermann Meyer läßt ſagen, daß er alle Pianiſtinnen der Welt für eine Panatella gäbe, und da er gerade eine ſolche rauche, ſo möge ſie in Gottes Namen ſpielen, er könne ſich nicht de⸗ rangiren.“
Fräulein Salomon war wirklich eine Künſtlerin, denn ſie ſpielte das ausnahmsweiſe ſchwere Stück mit einer fabelhaften Fingerfertig⸗ keit und entzückte dadurch das ganze Auditorium, beſonders aber den jungen Herrn, der ſie ans Klavier geführt und ſie jetzt auch wieder auf ihren Platz begleitete, und der ſeit einigen Monaten mit ihr verlobt war. Sie nahm die Complimente der Anweſenden mit einem freundlichen Lächeln an, jedoch als Hulda zu ihr herankam und ſie küßte, ſagte ſie zu ihr:
„Ich weiß eigentlich nicht, wie ich habe gut ſpielen können, meine ganze Aufmerkſamkeit war auf jene Statuette gerichtet, der Du eine Niſche über Deinem Klavier haſt einrichten laſſen und die, wenn ich nicht irre, eine der neun Muſen vorſtellt. Sie iſt wirklich reizend, haſt Du ſie geſchenkt bekommen?“
„Ja,“ erwiederte Hulda,„es iſt eine Galanterie meines Bruders, und ich habe mich ſehr darüber gefreut.“
„Frage ihn doch, wo er ſie gekauft hat?“ ſagte die andere, „ich möchte gar zu gerne eine gleiche haben.“
„Und würdeſt Du mir erlauben, ſie Dir anzubieten, liebe Lia?“ fragte Herr Falk, ihr Bräutigam.
„O, beeilen Sie ſich nicht,“ rief Hulda,„der Werth dieſer Statuette liegt nicht allein in der meiſterhaften Ausführung des Ge⸗ dankens, ſondern darin, daß ſie Hermann Meyer gemacht hat, der nie etwas anderes wie Fledermäuſe, Drachen, Satyrn und andere Ungeheuer aus dem Marmor erſchafft. Es iſt der beſte Freund meines Bruders und der hat drei Jahre bitten müſſen, ehe Hermann ihm etwas für mich arbeitete, und ich glaube, daß, wenn ich kein junges Mädchen geweſen, und er mir nicht meines Bruders halber ſehr gewogen wäre, auch ich irgend eine Spinne oder ſonſt etwas Schauderhaftes von ihm bekommen hätte.“
Lia betrachtete aufmerkſam die Statuette.
„Es iſt kaum glaublich,“ ſagte ſie,„daß derſelbe Meißel, welcher dieſe feinen und anmuthigen Formen gebildet, ſich die Aufgabe geſtellt hat, nur das Häßlichſte, was die Natur hervorbringt, nachzuahmen.“
„O!“ meinte Hulda,„er iſt in ſeinem ganzen Weſen ein Origi⸗ nal, und wenn man alles, was er ſagt, im Ernſt nehmen wollte, müßte man ſich oft mit ihm zanken.“
Doch Hulda ſah, daß Herr Falk ſeiner Braut gerne etwas ſagen wollte und zog ſich zurück, um mit anderen jungen Mädchen zu plaudern. Sie hatte recht gerathen, denn kaum war ſie fort, als dieſer ſagte:
„Ich werde verſuchen, den Herrn Meyer zu bewegen, auch Dir, liebe Lia, eine ſolche Statuette zu machen, es wird wohl nicht ſo ſchlimm mit ihm ſein; wenn ich ihm einen guten Preis biete, wird er wohl ſeine Fledermäuſe liegen laſſen und für klingendes Geld nicht verſchmähen, eine Göttin wie die, welche Du wünſcheſt, zu machen.“
Lia hob langſam ihre Augen zu ihrem Bräutigam empor und langſam ſenkte ſich ihr Blick wieder zur Erde.
„Ich danke Dir für Deine Aufmerkſamkeit, Julius,“ ſagte ſie,„aber gib Dir keine Mühe, es würde mir leid thun, wenn Dir Dein Verſuch beim Herrn Meyer mißlänge.“
„Bah!“ erwiederte dieſer,„ein Geſchäft iſt ein Geſchäft; Du wirſt ſehen, Lia! Du verſtehſt Klavier zu ſpielen, aber zu handeln verſtehe ich.“
Wiederum erhob ſich der Blick des jungen Mädchen zu dem, welchem ſie für das ganze Leben zur Gefährtin beſtimmt war, und wiederum ſenkte ſich ihr Blick zu Boden, ohne daß ihr Auge länger als eine Sekunde auf den Zügen ihres Bräutigams verweilt hatte.
Und dieſe Züge verdienten doch eine nähere Betrachtung, denn Julius Falk erſchien beim erſten Anblick als ein wirklich ſchöner Mann. Rabenſchwarze Haare und Bart umrahmten ſeine regel⸗ mäßigen Züge, auf denen ein Ausdruck von Sanftmuth und Heiter⸗ keit ſo zu ſagen ſtereotypirt war. Er ſchien den Dreißigern nahe zu
ſein, hatte jedoch in ſeinem ganzen Weſen ſo etwas Leichtfertiges, faſt Knabenhaftes, daß man ihm leicht fünf oder ſechs Jahre weniger ge⸗ geben hätte. Er war Kaufmann, hatte ſich ſeit kurzem etablirt und ſollte, wie man ſagte, ſehr gute Geſchäfte machen; auch hatte ſeine Verlobung mit Lia Salomon ſeinen Credit bedeutend erhöht, denn dieſe war eine ſehr reiche Waiſe, deren große Mitgift ſeinem Geſchäfte eine neue Ausdehnung geben mußte.
Dieſe Verlobung hatte den ganzen Kreis der Bekannten des jungen Paares in Erſtaunen geſetzt, denn Fräulein Salomon hatke ſchon das einundzwanzigſte Jahr überſchritten, ohne ſich entſchloſſen zu haben, unter der Maſſe von Anbetern, die ihr oder ihrer Mitgift ihre Herzen zur Verfügung ſtellten, eine Wahl zu treffen; man hatte lange behauptet, daß es wohl nie ein Kaufmann ſein werde, auf den dieſe Wahl fallen würde; man hatte ihr ſogar oft vorgeworfen, zu wähleriſch zu ſein und ihr prophezeit, daß ſie ſich, wenn die Zeit der Blüthe vorüber wäre, mit dem erſten Beſten begnügen werde. Endlich jedoch hatte Falk den Preis davongetragen; ſie hatte ſich ihm verſprochen, und jene kritiſirenden Leute, die nichts zum Schwei⸗ gen bringen kann, zuckten mit den Schultern und meinten, daß ein ſchöner Mann nie unverſorgt bleibe.
Das junge Brautpaar ſchien recht glücklich zu ſein, und jeder von ihnen gab ſein Glück auf eine ſeinem Charakter angemeſſene Art und Weiſe kund: Falk durch eine mehr als gewöhnliche Hei⸗ terkeit; Lia durch ein ſanftes, ruhiges Lächeln, mit dem ſie die feurigen Bethenrungen ihres Bräutigams anhörte. Die Brautzeit iſt ja ein ſo herrlicher Frühling, in dem die Blume des zukünftigen Glückes noch in der zarteſten Knospe prangt! Man ſah, wie ſich das junge Paar in jeder Geſellſchaft zu iſoliren ſuchte, um wenn auch nur einen Augenblick ſich ſelbſt anzugehören, und man that, als ob man es nicht ſähe.
„Lia,“ ſagte Falk, als die Umſtehenden ſich von ihnen entfernt hatten, um ein Spiel zu berathen,„mein liebes, ſchönes Liachen, Du haſt mir heute noch gar nicht geſagt, daß Du mir gut biſt.“
„Sei vernünftig, Julius,“ antwortete das junge Mädchen, „es ſchickt ſich wahrhaftig nicht, daß Du mir immer ſo zur Seite bleibſt, komm, laß uns zu jenem Tiſche gehen, wo Hulda die Plätze zum Spiele vertheilt, komm!“
„O, kalte Lia,“ ſeufzte der junge Mann,„doch warte, in acht Monaten, wenn wir verheirathet ſein werden, ſollſt Du mir das alles bezahlen!“
Und er ergriff ihre Hand, um ſie zum Tiſche zu führen.
„Du, Lia,“ rief Hulda ihr entgegen,„Du ſitzt neben Herrn Aſſeſſor Franz Merkel... dort oben...“
„Ich ſitze neben meinem Bräutigam,“ erwiederte Fräulein Sa⸗ lomon,„es thut mir leid, Deine Arrangements zu ſtören, aber ich thue es nicht anders.“.
Ein allgemeines Ziſcheln folgte dieſer unerwarteten Erklärung des jungen Mädchens; Hulda ſchlug die Augeg nieder und änderte ihre Dispoſitionen. Falk aber drückte freudig die Hand ſeiner Braut, ließ ſie aber gleich wieder los. 4
„Iſt Dir unwohl, Lia?“ fragte er beſorgt,„Deine Hand iſt wie Eis.“
„Ein wenig Kopfweh,“ antwortete dieſe,„es hat nichts zu bedeuten.“
Die arme Hulda hatte viel an ihren Dispoſitionen zu ändern, denn fünf oder ſechs junge Herren, und unter ihnen auch ihr Bruder, waren gleich, nachdem die letzten Accorde des Inſtrumentes verhallt waren, aus dem Zimmer verſchwunden und hatten ſich in dem des jungen Arkheim bald in eine Wolke von Cigarrendampf eingehüllt.
„Es iſt doch ein eigenthümliches Ding mit den Geſellſchafts⸗ ſpielen,“ ſagte Carl Tann, ein dreiundzwanzigjähriger Studioſus beider Rechte,„ſie üben auf mich die Wirkung des negativen Poles der electriſchen Maſchine aus,— ſie ſtoßen ab. Da ſo eine Stunde zu ſitzen und ſich den Geiſt zu martern, um eine recht unſinnige Antwort auf eine noch unſinnigere Frage zu finden da iſt mir wahrhaftig eine ſchlechtere Cigarre als die, welche Du uns offerirt haſt, Ernſt, noch zehn Mal lieber.“
„Und doch iſt es unrecht von uns,“ erwiederte Ernſt,„die armen Mädchen ſo im Stiche zu laſſen; denn wir können uns das Zeugniß geben, daß ſie uns ſechs von der ganzen Geſellſchaft am meiſten ver⸗ miſſen werden.“
„Beſcheidenheit ziert die Jugend,“ ertönte aus einer von Rauch
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