—
war bald hinter einer Wolke von Rauch den Blicken ſeiner immer nooch über das Vorgefallene ſchwatzenden Freunde verſchwunden. Ccoen dieſe Wolke verhinderte auch Ernſt, zu bemerken, daß eins der Pportraits des Albums mit vieler Geſchicklichkeit aus demſelben heraus⸗
gezogen wurde und in der Bruſttaſche des Bildhauers verſchwand. Als Herr Falk in den Salon zurückkehrte, ſchlug Madame Ark⸗
388
heim gerade vor, wie gewöhnlich die Soiree mit Tanzen zu beendigen.
genommen wurde, bedarf wohl keiner weiteren Betheurung. Eine der jungen Damen, welche vorgab am Fuße zu leiden, ſetzte ſich ans Klavier, und kaum waren die erſten Töne erſchollen, als ſich auch V ſchon in der Thüre die ſechs Flüchtlinge zeigten, welche den Bildhauer ſeinen Betrachtungen auf ſeinem gepolſterten Felſen, wie der junge Emil ſagte, überlaſſen hatten und in die Geſellſchaft zurückgeeilt
Daß dieſer Vorſchlag mit Enthuſiasmus von den jungen Leuten auf⸗
waren, ſobald ſie die Ueberzeugung gewonnen hatten, daß die von V ihnen ſo gefürchteten Geſellſchaftsſpiele zu Ende wären. Schon hatte der Tanz ununterbrochen eine Zeitlang gedauert, als mehrere der ältlichen Damen die Bemerkung machten, daß es ſpät wäre und daß man an das Nachhauſegehen denken müßte; jedoch Hulda Arkheim ſchlug einen Cotillon vor, der, als ſie die Verſicherung gab, daß er höchſtens ein halbes Stündchen dauern ſollte, auch von den ſchläfrig⸗ ſten der Mamas angenommen wurde. In einer der Figuren dieſes Tanzes kam es vor, daß ein Herr ſich eine andere Dame, als die, deren Cavalier er war, wählen mußte, um mit ihr zu tanzen, und der Alſſeſſor Merkel, dem dieſe Aufgabe zugefallen war, ging auf Fräulein Salomon zu, die den ganzen Abend nur mit ihrem Bräutigam ge⸗ tanzt hatte, verbeugte ſich vor ihr und bot ihr ſeine Hand an. Falk war einen Schritt zurückgetreten, zum Zeichen, daß er ſeiner Dame geſtattete, die Einladung anzunehmen, und dieſe, obgleich es ihr eine große Ueberwindung zu koſten ſchien, hatte ihre Hand in die des Aſſeſſors gelegt. Der Tanz begann, und als die Paare ſich im Kreiſe drehten, ſagte Merkel ſo leiſe, daß es ſeine Tänzerin allein ver⸗ ſtehen konnte: „Sie haben mir geſchrieben, Lia, haben möchten.“ „Ja, ich bitte Sie darum,“— antwortete dieſe zitternd.
V daß Sie Ihre Briefe wieder V„Morgen Abend erwarte ich Sie um 10 Uhr im Garten Ihres
Hauſes, deſſen Eingang ich mir zu verſchaffen wiſſen werde,“ ſagte
der junge Mann,„und da, am ſelben Ort, wo ich den erſten und einzigen Kuß, den Sie mir gaben, von Ihnen erhielt, werde ich Ihnen Ihre Briefe wiedergeben, Fräulein Lia—“
„Es iſt mir unmöglich, Sie dort zu empfangen,“ erwiederte das am ganzen Körper zitternde Mädchen. B
„Sie wiſſen, daß, wenn ich einmal einen Entſchluß gefaßt habe, er unwiderruflich iſt,“ ſagte Herr Merkel,„dort oder nie gebe ich Ihnen Ihre Briefe wieder.“
Der Rundtanz war zu Ende und Herr Merkel verbeugte ſich tief, indem er ſeine Tänzerin ihrem Cavaliere wieder zuführte. Bald fingen einige müde Damen wiederum an, nach der Uhr zu ſehen, und
b obgleich Hulda betheuerte, daß die halbe Stunde noch nicht verfloſſen wäre, ſo war doch der Wunſch, ſich nach Hauſe zu begeben, ſo allge⸗ mein, daß der Tanz bald endete und die Anweſenden von der Ark—
V heimſchen Familie Abſchied nahmen. In wenigen Augenblicken waren die Säle leer und auch die Familie ſagte ſich gute Nacht und jeder zog ſich auf ſein Zimmer zurück.
Als Ernſt Arkheim dem ſeinen ſich näherte, Lampe noch brannte und wunderte ſich, daß,
nachdem Hermann Meyer, — wie er glaubte—
V auf einer Hintertreppe das Haus verlaſſen, ddie Dienerſchaft das Licht hatte brennen laſſen. Leiſe öffnete er die nur angelehnte Thür und ein unerwartetes Schauſpiel bot ſich ſeinen Zlicken dar. Hermann Meyer ſaß am offnen Fenſter, den Kopf auf die Hand geſtützt und den Blick auf den Boden geheftet, ſein Geſicht zeigte V Spuren einer fürchterlichen, inneren Bewegung, ſeine krampfhaft ge⸗ ballte Fauſt zerdrückte faſt das Taſchentuch, welches ſie hielt, er ſchien das Bild ſtummer, aber unendlicher Verzweiflung „Hermann!— um Gottes Willen!— Ernſt, indem er haſtig ins Zimmer ſtürzte. V Der Bildhauer fuhr wie aus einem Traume empor, ſah einen Augenblick ſeinen Freund an, dann ſchüttelte er einige Male wie fie⸗
was iſt Dir?“ rief
ſah er, daß die
Tabak zum Gedeihen bringen und,“ ſetzte er komiſch ſeufzend hinzu, b
berhaft den Kopf, fuhr mit der Hand über die Stirn und wie durch einen Zauberſchlag hatte plötzlich ſein Geſicht jenen heitern, unbe⸗ kümmerten, etwas moquanten Ausdruck angenommen, welchen es den ganzen Abend über gehabt hatte.
„Biſt Du unwohl, Hermann?“ fragte Ernſt weiter,„ſo ant⸗ worte doch, ich beſchwöre Dich!“
„Narr!“ erwiederte dieſer mit demſelben Tone in der Stimme, in dem er mit Falk geſprochen,„ich hatte Grillen und ward Philantrop; beim Anſtecken einer Cigarre dachte ich an die Neger⸗ ſklaven auf Cuba, die mit ſo vieler Anſtrengung und Mühe dieſen
„die Idee, den Schweiß meiner ſchwarzen Brüder zu rauchen, machte mich traurig!“
Ernſt ließ ſeine Hand fahren und trat einige Schritte zurück.
„Hermann,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe,„Du biſt dreißig Jahre alt, ich achtundzwanzig und wir kennen uns ſeit acht⸗ zehn Jahren, und ſeit achtzehn Jahren ſind wir Freunde!— Alle unſere Schulleiden und Freuden haben wir zuſammen erlebt, alle unſre Jünglingsträume zuſammen geträumt, alle unſre Verluſte zu⸗ ſammen beweint;— komm, Hermann, ſetze Dich zu mir, um Gottes⸗ willen keinen Witz! nur in dieſem Augenblicke keinen, Hermann!— komm, ſetz Dich, hör mich an, ich habe das Herz zu voll— ich muß es Dir ausſchütten.“
Und der junge Mann zog den ſich ſträubenden Freund, deſſen ſarkaſtiſch aufgeworfene Lippe⸗ wahrſcheinlich irgend einen Witz, wie Ernſt es vorausgeſehen, bereit hatte, mit ſich auf das Canapee, und indem er ſeine Hand feſt an ſich drückte, fuhr er fort:
„Als eines Tages mein Vater uns anzeigte, daß der Fürſt ihm einen Titel verliehen, und daß ſein Vermögen feſt geſichert ſei, da kamſt Du zu mir, ergriffſt meine Hand und mit Thränen in den Augen ſagteſt Du zu mir:„Ich freue mich, Ernſt!“— Als Du ſpäter Deine geliebte Mutter verlorſt und untröſtlich auf ihrem Grabe weinteſt, beſinnſt Du Dich, Hermann, wer ſich auf dem friſch aufge⸗ worfenen Grabe zu Dir ſetzte und, ohne zu verſuchen Dich zu tröſten, mit Dir weinte?... Als im großen Wettkampfe der jungen Künſt— ler Dir der erſte Preis zu Theil ward und die Regierung Dich, um Deine Studien zu vollenden, nach Rom ſchickte, wen fandeſt Du an der Thüre des Saales, wo die Kunſtrichter ihren Urtheilsſpruch ge⸗ fällt hatten— wer flog Dir zuerſt von allen Deinen Bekannten an den Hals und ſagte Dir:„ich freue mich, Hermann!“... Sieh, Deine Hand zittert in der meinen... Du fühlſt, wie ſchön unſere Jugendfreundſchaft war... wie glücklich ſie uns machte!— Dann trennten wir uns auf fünf Jahre, Du ſahſt Rom, Neapel, Paris, Du kamſt als ein großer Künſtler wieder, reich an Wiſſen und Kunſt, aber arm an Freundſchaft und Herz!— Drei Jahre biſt Du jetzt wieder hier, wir behandeln uns wie ein Paar gute Bekannte, aber wo iſt unſre Freundſchaft?— dahin!! Hermann, ich möchte weinen wie ein Kind, wenn ich daran denke!“
Der Bildhauer machte langſam ſeine Hand aus der ſeines Freundes los, und ſtrich ihm, ohne ein Wort zu ſagen, damit über die Stirne, ſein Blick war ſanft, gut und zärtlich.
„Kind!“ murmelte er,„Kind!“
„Ja, ich läugne es nicht“, fuhr Ernſt fort,„ich bin wie ein Kind, und jedes Mal, wenn ich mit den anderen Deine beißenden Be⸗ merkungen, Deine Witze, Deinen Sarkasmus belache, mache ich mir Vorwürfe nachher,... fühle ich faſt Gewiſſensbiſſe, als... ich kann Dir das nicht anders erklären, Hermann, als wenn ich einem Unglück⸗ lichen, der mir ſein Unglück erzählt, ins Geſicht lache.— Nicht wahr? ich bin recht lächerlich, Hermann, aber ich habe mir manches Mal ſchon vorgeſtellt, daß jeder Deiner Witze eine Maske ſei, die Du einer ver⸗ borgnen Thräne vorbindeſt.“
Hermann Meyer erhob ſich plötzlich, er näherte ſich dem offnen Fenſter und ſchien einige Male tief Athem zu holen, dann wandte er ſich zu Ernſt und ſagte mit rauher Stimme:
„Schweig mit Deinem thörichten Geſchwätz, Ernſt! ſchweig, ich bitte Dich darum!“
Doch Ernſt ſchien die Worte des haben, denn er fuhr mit trauriger Stimme fort:
„Ich weiß, daß ich nur ein gewöhnlicher Menſch bin, und daß ich mich mit aller Kraſt meines Willens gegen meine geiſtestödtenden Beſchäftigungen im Comptoir meines Vaters ſtemmen muß, um nicht in kurzer Zeit ein Menſch wie... wie Herr Falk zu werden. 5
Freundes nicht gehört zu 3


