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ihn eine bitterböſe Zeit beginnt. Sobald der Same reif, wird der Flachs unbarmherzig ausgerauft, in Bündel gepackt und auf den tiefſten Grund meiſt ſchlechtduftender Gewäſſer verſenkt. All ſein Stöhnen kann ſeinen Beſitzer nicht erweichen, ihn eine Stunde früher aus ſeiner Bedrängniß zu erlöſen, bis er mit Kennermiene geprüft, ob auch die Seele von dem Baſt zu reinigen iſt. Und die arme Flachsſeele hat noch viele Stadien der Reinigung zu durchlaufen. Nachdem die Sonne den Waſſerbedrängten wieder getrocknet, fällt er dem Racker oder Brecher in die Hände. Auf einer Maſchine, deren Einrichtung ſehr verſchieden iſt, deren Reſultat aber immer darauf hinaus läuft, das den Flachs umſchließende Stroh zu ver⸗ kleinern und möglichſt davon zu löſen, wird er ſo lange hin und her gequetſcht, bis ſein Schutz und Trutz ihm Valet ſagen muß. Und die doch treu bei ihm ſtehen, die hartnäckigen Holzfaſern(Scheben), die ſich feſtklebend an ihn heften, ſie bereiten ihm nur neue Qualen. Die Schwingmaſchine löst auch ſie, und ſollte ja noch einer vergeſſen ſein, ſo reißt die Hechel auch dieſen letzten Freund mitleidslos und unbarmherzig von ihm ab. Gewiß iſt dem Flachsnach ſo vielen Strapazen ein Weilchen Ruhe zu gönnen; er weiß ſie aber auch zu ſchätzen, und erholt ſich ſichtlich auf dem Lager wieder. Nicht lange aber genießt er die wohlverdiente Ruhe, es harret ſeiner weitere Qual— er muß verſponnen werden. Es würde hier zu weit führen, wollte man in alle Einzelheiten des Spinnproceſſes eingehen, wir halten deßhalb unſere beſichtigende Wanderung durch das Etabliſſement feſt und treten zunächſt in die unteren Räume des Hauptgebäudes, die die Vorſpinnereien enthalten. Es wird in der Flachsſpinnerei der Spinnproceß nämlich in zwei verſchiedene Arbeits⸗ arten getheilt: in die Vorſpinnerei und die Feinſpinnerei. Die erſtere iſt gleichſam die Bildung des Spinnwockens, aus dem ſpäter der Faden gezogen wird. Man findet zunächſt ſogenannte Anlege⸗ tiſche in den Vorſpinnereiſälen. Auf ihnen wird der Flachs zu⸗ ſammengelegt, er marſchirt durch verſchiedene Walzen, um ſchließlich als ein fortlaufendes Band in einer Bleichkammer aufgefangen zu werden. Dieſe erſte Bandbildung birgt nun noch eine Menge Unregelmäßigkeiten; um ſie zu beſeitigen, finden ſich Streckwerke vor, die das Band ſo lange zerziehen und wieder zuſammen legen, bis es vollſtändig für die Vorſpinnmaſchine eingerichtet iſt. Die Vorſpinn⸗ maſchine erhält danach die Bänder von den Streckwerken, ſie theilt ſolche in ſchmale Streifen, die ganz loſe gedreht werden und ſich auf Spulen aufwickeln. Aus dieſem ſo verarbeiteten Flachs wird dann das Garn geſponnen, und zwar zerziehen die Feinſpinn⸗ maſchinen durch eine verſchiedene Geſchwindigkeit zweier über ein⸗ ander liegender Paare Walzen den vorgeſponnenen Flachs zu der Garnnummer, die angefertigt werden ſoll. Um dieſes Zerziehen leichter zu ermöglichen, wird das Vorgeſpinnſt durch warmes Waſſer geführt, und die Spindel der Feinſpinnmaſchine gibt demſelben die nöthige Drehung. Auf der Spindel befindet ſich eine Spule, die das Garn zu gleicher Zeit aufwickelt. Von dieſen Spulen wird das fertige Garn in Strängen abgehaspelt, die alle gleiche Faden⸗
länge beſitzen. Die Garne werden alsdann getrocknet und in kurze Bündel verpackt, die durch Preſſen zuſammengedrückt werden, um die ſpätere Verpackung in Ballen zu erleichtern. Dieſe ſämmtlichen Operationen werden in dem Hauptgebäude ausgeführt.
Auf der andern Seite des Keſſelhauſes, von demſelben nur durch einen gepflaſterten Weg getrennt, liegen drei durch Brandmauern geſchiedene, aber durch Thüren verbundene einſtöckige Gebäude. Das Aeußere derſelben iſt gewölbt. Es wird hier das durch das Hecheln gewonnene Werg verarbeitet oder ſpinnbar gemacht. Es ſind dazu beſondere Vorbereitungsmaſchinen nothwendig, ſogenannte Korden, die theils dazu dienen, die Holztheile aus dem Werg zu entfernen, anderntheils die Faſer wieder zu einem Bande zu vereinigen. Es iſt das nun eine gar ſtaubige Arbeit, und nur ſtarke Ventilationen machen den Aufenthalt erträglich. Ueberhaupt iſt in allen Räumen für gute Ventilation geſorgt, was um ſo mehr anzuerkennen iſt, als in dieſer Richtung in den meiſten⸗Arbeitsräumen gewöhnlich nur ſehr wenig zu geſchehen pflegt. In ſämmtliche, bis dahin aufge⸗ zählte Gebäude ſendet die Maſchine ihre bewegende Kraft. Magazine zur Aufbewahrung des Flachſes, die durchſchnittlich einen Beſtand von 20— 30,000 Ctr. Material aufweiſen, ferner ein Lager für Holz und daran anſtoßend der Packraum und die Expedition des fertigen Garns ſchließen den hintern Theil des Etabliſſements ab.
Wenn wir nun noch einen Blick in die geſchäftlichen Verhält⸗ niſſe der Anlage machen, ſo finden wir dieſelben in einem blühenden Zuſtande. Der Mangel an Baumwolle hat das Bedürfniß für Gewebe aus Leinenſtoffen in einem ſolchen Maße geſteigert, daß es kaum mehr möglich iſt, derſelben durch die jetzige Production an Rohſtoffen zu entſprechen. Das dadurch fühlbar gewordene Be⸗ dürfniß, die vorhandenen Anlagen zu erweitern und neue Spinnereien zu gründen, findet überall da lebhaften Anklang, wo ſich der Flachs⸗ bau erhalten hat und auszudehnen ſtrebt. Es iſt dieſe Erſcheinung auf dem commerciellen Gebiet des Zollvereins freudig zu begrüßen, da wir ſo nach und nach im Stande ſein werden, der mächtigen Concurrenz des Auslandes jene Ueberlegenheit wieder zu entwinden, die ſie ſeit Jahren über das heimiſchſte Product deutſchen Bodens gewonnen hat.
Die Verwaltung der Ravensberger Spinnerei, die unbeirrt von allen entgegenſtehenden Anſichten und Bedenken ihre Fahne hoch gehalten hat:„Dem Muthigen gehört die Welt“, ſie wird auch, davon ſind wir überzeugt, in dieſem Sinne weiter wirken und ihr gebührt vor allem die Anerkennung, durch ihre großartige Anlage ein ſolides und dauerndes Fundament zur Erhaltung des weſtfäliſchen Leinenhandels gelegt zu haben.
Später werden wir den Leſer einladen, die nur einige hundert Schritte von der Spinnerei entfernte ebenfalls großartig angelegte mechaniſche Weberei mit uns zu beſuchen, welche wie jene auf dem Gebiete des Spinnens, ſo auf dem des Webens einen neuen Flor der uralten Induſtrie anſtrebt.
Am Janilientiſche.
Die Taube beim Feſte.
Familienfeſte ſollten in jedem deutſchen Hauſe gehegt und gepflegt werden, denn ſie erhalten und ſtärken den Familienſinn und Familiengeiſt, eine der edelſten Erbſchaften deutſchen Weſens, durch welche zum größten Theil ſeine Entwicklung bedingt iſt. Bedroht doch die Zerſplitterung in lauter ſelbſtiſche Einzelweſen ein Volk mit den größten Gefahren für Sitte, Tapferkeit, Bildung, für Geſellſchaft und Staat, während die durch Neigung, Zucht und Gewohnheit begründete Ein⸗ und Unterordnung der Einzelnen in ein feſtes Familienganze alle Tugenden pflegt, wohl gar erzeugt, die einem Volke jene Schätze ſichern. Familienfeſte ſind die Cultusakte des Familiengeiſtes. Um dies aber zu ſein, müſſen ſie nicht bloß die ganze Verwandtſchaft mit Einſchluß der nächſten Freunde des Hauſes zu heiter ge⸗ ſelligem Begängniß im Hauſe ſelbſt vereinigen, ſie müſſen auch an eine wirkliche Hausbegebenheit anknüpfen. Gar ſinnig und bedeutſam iſt es, wenn wir die hohen Feſte der Chriſtenheit, vor allem Weihnachten, dann auch Oſtern und Pfingſten, zugleich als Hausfeſte begehen mit Groß und Klein; denn die großen Thatſachen, an welche jene Tage erinnern, ſind ja für ein chriſtliches Haus wahre Hausbegebenheiten, ohne die es nicht wäre, was es iſt. Vornehmlich aber gedenken wir der eigentlich familienhaften Ereigniſſe, der Kindtaufen, Verlöbniſſe, Hochzeiten, der Wiederkehr lange abweſender Familienglieder, des Eintrittes neu hinzukommender. Ferner treten Ge⸗
burtstage der Eltern, Kinder, Enkel oder andrer Nächſtverwandten und ähnliche Anläſſe ein. Die häusliche Feier ſolcher Tage kittet nicht nur die Zuſammengehörigen immer feſter aneinander, gibt ihnen nicht nur das ſüße Bedürfniß und den freudigen Genuß eines wirklichen Daheim, ſie nährt auch in dem Einzelnen, der wechſelnd ihr Mittelpunkt wird, das Bewußtſein ſeines Werthes für die Uebrigen und in den Mitfeiernden das Gefühl, erſt durch ſelbſtverzichtende Einfügung in das Ganze ſich einer ähnlichen Werthhaltung erfreuen zu können. Wie manche ſittigende und bildende Hausüberlieferung dadurch dann bewahrt wird und den Nach⸗ wachſenden zu Gute kommt, werde nur im Vorbeigehen erwähnt.
In dieſem Sinne ein rechtes Hausfeſt zu begehen, bot ſich mir und den Meinigen am 25. Juni 1861 ein erfreulicher Anlaß. Die liebe Braut meines älteſten Sohnes, mir noch unbekannt, denn das Verlöbniß ſelbſt hatte in ihrer Heimat, einer außerdeutſchen nordiſchen Hauptſtadt, ſtatt⸗ gefunden, betrat an dieſem Tage in Begleitung ihrer Eltern unſer und auch ihr zukünftiges Haus zum erſten Mal. Das war uns allen gewiß ein Feſt, und ſo mußte es denn auch feſtlich begangen werden, womit ſich eine Nachfeier der Verlobung gar ſchicklich verbinden ließ. Die treue Hausmutter hatte dazu in dem unteren Saale des Hauſes ein ſtattliches Mittagsmahl zugerichtet, zu welchem ſich, außer den vielwillkommenen Gäſten, nach der obigen Regel ſämmtliche anweſende Familienglieder nebſt den alten Hausfreunden einfanden. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß Braut
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