Pferde waren ſcheu geworden und der Prinz hatte ſich beim Sprunge aus dem Wagen getödtet!
Alfred de Muſſet ließ ein ganzes Jahr vergehen, ließ alle officiellen und officiöſen Poeten ſich in ihren Beileidsergießungen er⸗ ſchöpfen, und ſchrieb dann am Jahrestage der Kataſtrophe eines ſeiner... ſchwächſten Gedichte!— Ich fragte ihn einmal, wie das denn möglich geweſen wäre, da er doch vor allen andern dieſen ſchrecklichen Tod am bitterſten gefühlt haben müßte!
„Eben deshalb!“ antwortete er mir,„noch heute wäre ich nicht fähig, etwas Gelungeneres hierüber zu ſchreiben— das Gefühl des Schmerzes hatte mich ſo überwältigt, daß jedesmal, wenn ich daran dachte, ich wie abgeſtumpft, wie geiſtverwirrt wurde! Daß Philipp wirklich dieſes Todes ſo plötzlich geſtorben wäre, gelang mir nicht zu faſſen, wenn ich die Feder in der Hand hatte— es ſchien mir immer, als wenn ich mir ein undankbares Phantaſiethema zu einer Elegie erwählt hätte! Sehen Sie dieſe Verſe! wie hölzern, die Ge⸗ danken wie ungereimt, wie unmännlich manchmal!... es thut mir nur leid, daß ich mich habe überreden laſſen, es zu veröffentlichen!... aber es iſt einmal ſo! man kann einem ſolchen Gefühle keine Form geben... eben an dieſer Plumpheit des Gedichtes würde der geliebte Todte, welcher mich ſo ganz durch und durch kannte, aufs neue ge⸗ merkt haben, wie ſehr ich ihn liebte und wie furchtbar ſein Ende auf mich gewirkt hat!...“
Sogar über ſein übermäßiges Abſinthtrinken wagte ich ihm eines Tages Vorſtellungen zu machen.—„Das verſtehen Sie nicht,“ ſagte er mir kurz,— und jedesmal wenn ich verſuchte darauf zurück⸗ zukommen, erhielt ich dieſelbe Antwort.— Ich verſtand es aber gar wohl.
Am Tage, an dem ich Paris verließ, hatten wir uns ein letztes Rendez⸗vous im Palais Royal gegeben. Ich ward läſtiger Geſchäfte halber, welche man gewöhnlich am letzten Tage vor ſeiner Abreiſe hat, verhindert, mich zur rechten Zeit einzufinden und traf wenigſtens eine halbe Stunde zu ſpät ein.
Schon von weitem ſah ich Muſſet, welcher vor der Thür des Café Foy mit einem Herrn im vertraulichen Geſpräche ſtand. Ich ſtellte mich vor irgend ein Schaufenſter und beſchloß, noch einige Zeit zu warten, bis die Herren ſich trennten. Plötzlich fühlte ich eine Hand, die ſich auf meine Schulter legte, ich wandte mich um, es war der Dichter Gérard de Nerval, von dem ich mich ſchon am vorher⸗ gehenden Tage verabſchiedet hatte.
„Sie haben alſo noch Zeit, im Palais Royal herumzuſchlendern,“ ſagte er zu mir,„und ſchützten geſtern ein Rendez⸗vous vor, um heute nicht mit mir zu frühſtücken!“
„Dort ſteht mein Rendez⸗vous,“ antwortete ich, indem ich ihm die Hand reichte und auf Muſſet zeigte,„ich will ihn nur in ſeinem Geſpräche nicht ſtören!“
„Wer von beiden,“ fragte Gérard,„Muſſet oder Sandeau?“
„Das iſt Jules Sandeau?“ rief ich erſtaunt.
„Natürlich,“ erwiederte Gérard,„kennen Sie ihn nicht?“
Wir ſchwiegen beide... aber ein Gedanke herrſchte in unſrem Geiſte.
Gérard de Nerval fand zuerſt Worte.
„O! wenn einer von uns beiden ein Balzac wäre!“ ſagte er, „welch Kapitel der Comédie humaine könnten wir über die beiden Männer ſchreiben, die dort ruhig mit einander plaudern! Sehen Sie ſich beide an... Sandeau, das Bild der Geſundheit, der üppigen
Lebenskraft... ſehen Sie, wie er von ganzem Herzen lacht... wie
zufrieden mit der Welt, mit ſich ſelbſt er erſcheint!— Er iſt der
glücklichſte Schriftſteller in ganz Frankreich!... Sehen Sie den andern, der in der Nagelſpitze ſeiner kleinen Zehe mehr Talent hat, wie jener dickbäuchige Philiſter ganz und gar... wie viel Schritte fehlen ihm noch von dem Platze, auf dem er ſteht, bis zum Kirchhof... man könnte ſie voraus berechnen!... und beide... beide haben in ihrem Leben den giftigen Todestrank aus derſelben Quelle getrunken, — beide ſind von derſelben Frau— geliebt und verrathen worden! ... Haha! und der eine hat dicke rothe Backen davon bekommen und der andre ſtirbt daran!... Sie ſehen, alles iſt relativ— ſogar das Gift!... in Steyermark eſſen die Bauern Arſenik... und hier ſtirbt man daran! O das Leben!... das Leben!...“
Als ich eine Stunde ſpäter von Muſſet Abſchied nahm, ſagte er zu mir mit ziemlich bewegter Stimme:
„Ihr Landsmann Heine hat Ihnen gerathen, Sie möchten ver⸗ ſuchen, alles Poetiſche aus Ihrem Herzen zu verbannen— ich rathe Ihnen das Gegentheil..... ſuchen Sie Ihre Blicke immer ſo hoch, wie Ihr Geiſt es erlaubt, feſtzuhalten..... und wenn auch Ihre Füße im Erdenkothe wie feſtgenagelt bleiben..... mögen Ihre Blicke keine Erdenfeſſeln haben!..... mögen ſie nur die Höhen ſuchen..... ſchauen Sie nach Oben!..... dort iſt immer Troſt und Hoffnung und Zuverſicht!— Und..... fügte er mit zagender Stimme hinzu.....„wenn Sie einmal fühlen, daß Ihr Herz zu voll, zu heftig in Ihrer Bruſt ſchlägt— und Sie ein anderes Herz ſich erſehnen, das ſich mit dem Ihren verzweigen ſoll..... ſo denken Sie daran, daß nur aus ge⸗ ſundem, kräftigem Boden die herrlichſten Pflanzen entſprießen..... wählen Sie keinen weiblichen Freigeiſt!— ich beſchwöre Sie um Ihres eigenen Glückes willen— die wahre Liebe iſt eine Religion und der erſte Liebeskuß muß wie die Hoſtie beim Abendmahl ſein—
der Geiſt Gottes muß in ihm ruhen!!“..... So ſchieden wir— er traurig lächelnd..... ich aus ganzer Seele weinend!....
„Auf Wiederſehen!“ ſagte ich. „Wo?“— antwortete er.
Als ich ſechs Jahre ſpäter von den Antillen nach Paris zurück⸗ kehrte, erfuhr ich die Einzelnheiten des ſchmerzvollen Todes des großen Dichters und die literariſchen Aergerniſſe, welche auf ſeinen Tod ge⸗ folgt waren. Eine poſthume Bewunderin hatte eine Biographie von ihm herausgegeben, in der George Sand, welche einen ſo verhängniß⸗ vollen Einfluß auf das ganze Leben Muſſets gehabt hat, nicht ge⸗ ſchont wurde. Die berühmte Schriftſtellerin fühlte ſich verletzt und aus ihrer ſo gewandten Feder floß ein Pasquill, in dem ſie ſich ideali⸗ ſirte und gänzlich vergaß, daß der, den ſie angriff, ihr nicht mehr antworten konnte. Doch der Bruder des Verſtorbenen, einer der geiſtreichſten Schriftſteller Frankreichs, Paul de Muſſet, nahm den Fehdehandſchuh auf und in ſeinem Werke„Elle et lui“ kann der Leſer ſehen, was eigentlich hinter der Maske, mit der gewiſſe Größen ihr Angeſicht bedecken, ſteckt.
Ich beſuchte das einfache Grab deſſen, der auf mein jugendliches Herz einen ſo unverlöſchlichen Eindruck gemacht hatte und unwill⸗ kürlich fielen mir folgende ſeiner Verſe ein:
„Le seul Bien qui me reste du monde, C'est d'avoir bien souvent pleuré.“
Kus der deutſchen Leinwandkammer.
Mit Abbildung. (Schluß.)
Ein Beſuch in der Ravensberger Spinnerei bildet gegen die bäuerlich⸗ländliche Spinnſtube, in welche wir in der vorigen Nummer den Leſer führten, einen Contraſt, wie er greller nicht gedacht werden kann. Es iſt ein prächtiger Anblick, wenn man durch das Thor des Portiergebäudes tritt und in einer Entfernung von etwa 80 Schritten das Hauptgebäude vor ſich liegen ſieht. In der Mitte des weiten Hofes ſteigt das von der Maſchine abfließende Condenſationswaſſer durch ein eiſernes Rohr empor und ergießt ſich dort, ein immer⸗
währender Springbrunnen, in ein rundes ſteinernes Baſſin. Von dieſem Baſſin nun fließt es in zwei oval angelegte Abkühlungsteiche, die unter ſich durch einen langen Canal verbunden ſind. Dieſe Teiche mit dem dampfenden Sprudel in der Mitte, deren Seiten und vordere Front mit Bosquets eingeſchloſſen ſind, geben dem Ganzen ein reizendes maleriſches Aeußere, und man glaubt im erſten Augenblick kaum inmitten induſtrieller Thätigkeit zu ſtehen. Das Hauptgebäude, ganz aus behauenen Bruchſteinen erbaut, bildet


