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kliche eine wäh⸗ ſeine rau⸗ erra⸗ nſch⸗ eiden ten! reine zum
auf
nacht hat
rung
ſchloſſen... wir alle liegen darin, wir Kinder dieſer Zeit,— und kein Erlöſer kommt und ſagt uns: Stehet auf und lebet!... Sie wiſſen es am Ende gar nicht! Wir ſind ja nur galvaniſirte Cadaver, es iſt ja nur ein Scheinleben— das unſre— hahaha!— ich möchte ſehen, wenn der Experimenteur mit einem Male die Maſchine an⸗ hielte, wie wir alle umpurzeln würden— und alles wäre vorbei— denn wir haben hier nichts mehr(er ſchlug mit der Fauſt auf die Bruſt)— nichts— nichts ſage ich Ihnen.. nichts wie thieriſche Electricität— der Funken Gottesfeuer des Prometheus iſt von den Herren Philoſophen ausgeblaſen worden— ſie haben uns den Glauben aus dem Herzen mit den ſpitzen Nägeln ihrer Sophismen gekratzt— es iſt nichts mehr darin— alles iſt todt in uns! Alles! vive l'absynthe!“
Er ſchenkte ein und leerte aufs neue ſein Glas.
Ich ſtand auf, ſchützte vor, daß es mir im Kaffeehauſe zu heiß wäre und bat ihn, um ihn von der Flaſche zu entfernen, mich hinaus in den Garten zu begleiten. Er ließ ſich einige Zeit lang quälen, endlich aber, da die Frühlingsſonne ſo verlockend durch die Glas⸗ ſcheiben hineinſchien, folgte er mir, und indem er ſich auf meinen Arm ſtützte, gingen wir ſchweigend einige Male in der großen Allee auf und ab.
Plötzlich jedoch wandte er ſeine Schritte der Galerie d'Or⸗ léans zu.
„Wo wollen Sie hin?“ fragte ich.
„Kommen Sie, wir wollen ſehen, was Dentu für neue Bücher im Schaufenſter hat,“ antwortete er.
Ich folgte ihm, ohne eine Ahnung zu haben, daß ich einige Augenblicke ſpäter Zeuge einer Scene werden würde, die ich in meinem Leben nicht vergeſſen werde. Wir befanden uns in der Glasgallerie, ungefähr beim Laden des ſo berühmten Schuhmachers Sakowsky, als durch die Seitengallerie, welche in den Hof des Schloſſes führt, ein Herr und eine Dame kamen.
Die Dame ſchien in den Vierzigern zu ſein, hatte breite, ſehr markirte Geſichtszüge, die gewiß in ihrer Jugend ihr einen eigen⸗ thümlichen Reiz verliehen hatten— große, tiefblickende, dunkle Augen, doch eine etwas ſehr corpulente Taille. Der Stoff ihrer Kleidungsſtücke war reich und gewählt, doch die Form derſelben äußerſt vernachläſſigt, ſo daß ſie, ich möchte ſagen, ſie nicht kleideten, ſondern nur ihren Körper bedeckten. Der Herr, welcher ihr den Arm gab, war ein ſtattlicher Cavalier in den Zwanzigern und hatte eine ſo frappante Aehnlichkeit mit ihr, daß man leicht begreifen konnte— daß es ihr Sohn ſei!
Plötzlich fühle ich, daß der Arm Alfred de Muſſets den meinen verläßt— ich ſehe ihn an; er iſt ſehr blaß, aber ſein Kopf iſt mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Stolz zurückgeworfen— ſein feſter, offener, mannhafter Blick fixirt jene Dame— ſie ſieht zu— fällig nach ihm auf— keine Muskel ihres Geſichtes zuckt— dann ſieht ſie wieder weg,— auch der junge Mann hat Muſſet bemerkt und iſt feuerroth geworden— noch einen Augenblick, und Mutter und Sohn ſind unter den Pfeilern der Seitengallerie verſchwunden und Muſſet ergreift von neuem meinen Arm!
Das war alles!— und ich errieth nichts— ich fühlte nichts — mein Geiſt war wie mit Blindheit geſchlagen!
„Kannten Sie jene Dame?“ fragte ich unſinniger Weiſe.
Er ſah mich an— er begriff nicht.
„Wer war denn jene Dame?“ fragte ich weiter, ohne nur eine Idee zu haben, daß ich ihm mit meinen dummen Fragen das Herz zerfleiſchte.
„Wer ſie war?“ ſtotterte er endlich und eine dunkle Röthe überzog plötzlich ſein bleiches Geſicht,„wer ſie war!... ſahen Sie denn den Pferdefuß nicht?— es iſt Lady Mephiſtopheles, die mir vor zwanzig Jahren meine arme Seele geſtohlen!“
Ich ſtand wie vom Schlage getroffen!— doch kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als er ſchon mit einem Sprunge in dem nahen Kaffeehauſe war, wo ich ihn einige Minuten ſpäter vor einer Karaffe Abſinth fand. Eine halbe Stunde nachher mußte ich ihn zu einer Droſchke führen und mit ihm nach Hauſe fahren— die Karaffe war leer!
Bald erfuhr ich im Quartier Latin, wohin mich mein Alter unwiderſtehlich lockte, mit welcher ſchwärmeriſchen Begeiſterung die
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ſtudirende Jugend an dem geiſteskranken Dichter hing, und dieſe Be⸗ geiſterung war deſto aufrichtiger, da zur Zeit, von der ich ſpreche, die politiſchen Parteien ſich ſchroff einander gegenüberſtanden und Muſſet aus dichteriſchem Prinzip nie ein Wort über Politik geſchrieben hatte. Eines Tages ſagte ein junger Juriſt zu mir:
„Muſſet iſt ein wirklicher franzöſiſcher Dichter— er hat von keiner Nation etwas erborgt! Er iſt ganz Franzoſe, er hat die franzöſiſchen Fehler und die franzöſiſchen Eigenſchaften— aber ich wiederhole es Ihnen, er iſt ein franzöſiſcher Dichter— und wird vielleicht der letzte ſein, denn mit dem heutigen fieberhaften Fortſchritte gehen alle nationalen Individualitäten verloren!“
Ich erzählte an einem der folgenden Morgen dem Dichter die Aeußerungen ſeines jungen Verehrers.
„Hm!“ ſagte er, indem er mit den Schultern zuckte,„Enthuſias⸗ mus! weiter nichts!— Das wird ſich legen! Ich ſehe voraus, daß es eine Epoche geben wird, wo man mich gar nicht mehr leſen wird; denn, ſehen Sie, da die Erde rund iſt, wie jener Midſhipman des Capitän Marryat ſagt, ſo muß ſich alles darauf wiederholen! Ich will Ihnen die Zukunft meiner Werke prophezeien und meine Prophezeiungen in ein unumſtoßbares Dilemma einſchließen! Ent⸗ weder die uns folgende Generation fährt in ihren materiellen Ten⸗ denzen fort und bringt ſie auf einen ſolchen Punkt, wo die Verſe eines Poeten, welcher den Glauben— den blinden, kindlichen
Glauben ſucht, gar keinen Werth mehr haben, oder eine religiöſe
Reaction tritt nach ſo und ſo viel Jahren ein, und dann werden die Werke des Dichters, der ſo offen und frei, wie ich es gethan, ſeinen Unglauben an den Tag gelegt hat, bei Seite geworfen werden— wenn nicht noch ſchlimmer. Sie ſehen, daß ich mir nicht viel auf meinen Nachruhm einbilde— er wird verlöſchen und verfliegen!“
Ich konnte ihm nicht antworten, doch eins frappirte mich, es war, daß er mir immerwährend von der religiöſen Tendenz ſeiner Werke ſprach. Ich wagte es einmal, ihn deshalb zu befragen und ich erhielt folgende Antwort:
„Meine Gedichte ſprechen von Gott, Schmerz, Zweifel, Ver⸗ irrungen und Liebe— ſind das nicht die Eſſenzen einer jeglichen Religion und beſonders der chriſtlichen?— daß ſie eine irdiſche Schmerzensreligion iſt, begreifen Sie wohl, und da ſie dem Geiſte keine Schranken auflegt, ſo gehören auch die religiöſen Zweifel und Verirrungen in ihr Gebiet.“
„Aber Ihre katholiſche Religion zieht ja eben dem Geiſte dieſe Schranken,“ unterbrach ich ihn.
„Ich ſpreche von dem„Chriſtenthum“, antwortete er mir ziemlich unſanft,„laſſen wir alle Benennungen bei Seite!— Auch die Religion der Liebe iſt ſie und das im Vorzug vor allen andren.“
„Aber nicht der Liebe, die Sie in Ihren Gedichten predigen,“ unterbrach ich wiederum.
Er ſah mich ſtarr an...„Und nehmen Sie es auf ſich, den genauen Weg zu beſtimmen, auf dem ein Kind des neunzehnten Jahr⸗ hunderts zu jener reinen Gottesliebe gelangt, welche das Ideal eines chriſtlichen Herzens iſt?“ ſagte er.„Glauben Sie mir, mein junger Freund, ein Menſch, welcher liebt— und wenn es auch nur ſein Hund wäre, den er liebte— ſteht Gott näher als jene Koloſſe menſch⸗ lichen Wiſſens, welche kalten Herzens vom Katheder oder von der Kanzel herab die Liebe zum Schöpfer analyſiren!“
Ich ſchwieg— ich ſah den Mann an, welchen die Liebe, ſo wie er ſie begriff, einem gräßlichen Tode nahe gebracht hatte, und der am Rande des Grabes noch dieſer Liebe freudig und vertrauungsvoll gedachte!
Muſſet war mit dem Herzoge von Orleans, dem älteſten Sohne des Königs Ludwig Philipp, auferzogen worden, und ein inniges Freundſchaftsbündniß war im Mannesalter der im Laufe des Lebens gewöhnlich unbeſtändigen Knaben- und Jünglingsverbindung gefolgt. Der Thronfolger nannte ſeinen Freund nur Alfred, und hörte von ihm keinen andern Namen als Philipp, und das trauliche Du ward nie zwiſchen ihnen verbannt. Man kennt den ſo ſchrecklichen Tod des jungen Kronprinzen, welcher am 13. Juli 1842, ehe er ſich zu den Sommermanövern begab, noch einmal ſeine Mutter und ſeine Frau, eine geborene Prinzeſſin von Mecklenburg, die edle Helene von Or⸗ leans, umarmen wollte, und den man eine halbe Stunde ſpaͤter mit zerſchmettertem Schädel auf der Chauſſee von Neuilly fand. Die


