Jahrgang 
1865
Seite
378
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ſam und ſchmerzhaft in jenem entnervenden Getränke ein, das den Menſchen zum Vieh, den Dichter zum Idioten macht, in dem ſchlecht⸗ ſchmeckenden, herbbitteren Schweizerabſinth? das begriff ich nicht!

Während der wenigen Monate, die ich damals in Paris ver⸗ weilte, ſah ich ihn faſt täglich nicht bei ihm nicht bei mir, ſon⸗ dern, es iſt peinlich für mich, das Allbekannte wiederzuerzählen im Kaffeehauſe des Palais Royal, wo er alle Morgen, wie er es nannte, ſeine erſte Sitzung hielt, und hier, vor einer Flaſche Abſinth, die man ihm hinſtellte, ehe er ſie verlangte, verplauderte ich ganze Stunden mit ihm, Stunden, die mir unvergeßlich bleiben wer⸗ den, in denen ich die Welt und das Leben durch das Prisma eines trunkenen Dichters kennen lernte, in denen der Jüngling Worte und Gedanken hörte, die ihn mehr als das vor ihm ſtehende Getränk be⸗ täubten, und in denen er die Ueberzeugung gewann, daß, wenn jenes Genie beim erſten Schiffbruche ſeines Herzens nur einen Strohhalm gefunden hätte, an den er ſich hätte anklammern können, er gerettet worden wäre!

Der Leſer muß ſich Alfred de Muſſet nicht als einen moraliſch und phyſiſch heruntergekommenen Menſchen vorſtellen; das alles zer⸗ ſtörende Laſter des Trunkes hatte die Außenſeite bei ihm unberührt gelaſſen; in ſeiner Kleidung, ſeinen Manieren und ſeiner Ausdrucks⸗ weiſe blieb er ſtets der vollſtändigſte Gentleman und ſein ſchönes geiſtreiches Geſicht war inmitten ſeiner tollſten Trunkenheit eben ſo ſchwermüthig bleich, wie in den Salons der höchſten Geſellſchaften, die ihm durch ſeine Geburt und ſeinen Ruhm zu jeder Zeit offen ſtanden. Nein! es war keine unförmliche Ruine, wie Heine ſagte aber eine Ruine, die jedes hochfühlende Herz mit Trauer und Schmerz anfüllen mußte! Ich habe einige Auszüge der Unterhaltun⸗ gen, die ich im Kaffeehauſe und manchmal auch im Garten des Palais Royal mit ihm hatte, notirt, und will ſie den Leſern mit⸗ theilen.

Was halten Sie von Heine? fragte ich ihn eines Tages, nachdem ich ihm von der Art von nervöſem Enthuſiasmus, den der deutſche Dichter für ſeine Werke fühlte, erzählt und ihm geſagt hatte, daß es Heines Anſicht wäre, daß er, Heine, mit Alfred de Muſſet, Lord Byron und Eſpronceda eine Art von poetiſcher Schule bildeten!

Das kann ſchon möglich ſein, erwiederte Muſſet,wenn es darauf ankommt, das Pedantiſche der Form zu verachten und uns über die Vorurtheile der elaſſiſch gebildeten Menge kühn hinwegzu⸗ ſetzen. Ja! die Versfabrikanten werden uns wohl zu einer verſifi⸗ zirenden Schule rechnen die Poeten jedoch werden den Unterſchied leicht erkennen!

Alſo Heine? fragte ich verwundert.

Ich bin nicht fähig, den Dichter in Heine zu beurtheilen, ſagte er,denn ich verſtehe kein Deutſch, doch muß ich geſtehen, daß die Herzogin von Orleans, die ein ſehr richtiges Urtheil hat und ſelbſt eine nicht unbedeutende deutſche Dichterin ſein ſoll, mir geſagt hat, daß Heines lyriſche Dichtungen einen unbeſchreiblichen Reiz hätten. In der Ueberſetzung ſeiner Werke kann ich alſo nur den Gedanken beurtheilen, und wenn auch bei ihm, wie bei mir, das innerſte Ge⸗ fühl manchmal in ſarkaſtiſchen Tönen ſich einen Weg aus dem Her⸗ zen bricht, ſo ſind unſre Gedanken, unſre Gefühle, unſre Freuden und Leiden doch ganz verſchiedener Art.

Alſo Sie haben gar keine Sympathie für Heine? ſagte ich enttäuſcht. 2

Gar keine, antwortete er kalt,denn wie ich Ihnen ſchon vorhin ſagte, ich kann den Reiz ſeiner Dichtung nicht faſſen, da ich ſeine Sprache nicht verſtehe. Seine Gedanken regen mich nicht ein⸗ mal auf, einige gute Witze, einige treffende, beißende Bemerkun⸗ gen! das iſt alles! doch die leſe ich im Charivari und im Figaro ja auch!

Ich ſchwieg ich und doch errieth er es.

So ſchlecht beurtheilen Sie mich, ſagte er lächelnd,daß Sie glauben, ſeine perſönlichen Angriffe auf mich hätten mein Urtheil über ihn ſo hart geſtaltet! Gewiß nicht! und da Sie mich auf dieſes Thema gebracht haben, ſo müſſen Sie auch meine ganze Anſicht darüber hören! Ich kann die Gottloſen(impies) nicht leiden! Ein Menſch, welcher alles, was Glauben heißt, lachend von ſich ſtößt, iſt mein geborner Widerſacher

Aber Sie ſelbſt rief ich im höchſten Grade erſtaunt,Sie,

konnte ihm nicht ſagen, was ich dachte

in deſſen Werken der Zweifel an jeglicher Religion überquillt.

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.Sie haben das rechte Wort geſagt, unterbrach er michich bin ein Zweifler ich habe mein ganzes Leben lang gezweifelt! Begreifen Sie, junger Menſch, welch ein Leben in den wenigen Wor⸗ ten liegt? Aber ich habe mit Zähneknirſchen gezweifelt, nicht mit ſpöttiſchem Gelächter, wie Ihr Landsmann. Ich habe mein Zweifeln an den Glauben der Menge nicht als ein Privilegium, das die Natur meinem Geiſte gegeben hat, ſondern als eine furchtbare Gottesſtrafe betrachtet. Ich habe dieſer gräßlichen Seelentortur auf alle mögliche Art und Weiſe zu entfliehen geſucht, und wenn es mir nicht gelang, ſo habe ich doch das Verdienſt, mein beſſres Ich dem Kothe des Ma⸗ terialismus entzogen zu haben während dieſe Herren ſich darin gefallen und eine jegliche Hand, die ſich ihnen entgegenſtreckt, hämiſch zurückweiſen!

Ich ſaß ihm verwirrt gegenüber! Hatte ich denn gar nichts von ſeinen Werken verſtanden? Wie kam es denn, daß ich es nicht errathen hatte, daß dieſer markerſtarrende Sarkasmus ſeiner Gedichte nur Ringen nach Glauben, nach kindlichem Glauben war? Wir trennten uns und ich begann die Lectüre noch ein⸗ mal! und welchen Schleier hatten mir die wenigen Worte des Dichters von den Augen geriſſen! Ja, nun las ich ganz etwas andres aus dieſen ſchönen Verſen! Er hatte Recht und ich konnte den ſonſt ſo ſcharfſinnigen Heine nicht begreifen, daß er in dieſem Menſchen einen gleichfühlenden Dichter gefunden zu haben glaubte.

Ich komme auf unſre Unterhaltung von neulich zurück, ſagte ich einige Tage ſpäter zu ihm,haben Sie immer Voltaire ſo gehaßt, wie Sie in Ihren letzteren Dichtungen es ausſprechen?

Seit meinem erſten Denken, antwortete er mir,und wiſſen Sie, was mich in Verzweiflung brachte? Mein Geiſt hatte ganz und gar die Voltaireſche Tendenz; es muß nun einmal ſo in der Luft liegen, die wir hier einathmen! Es war ein ſchrecklicher Augenblick in meinem Leben fuhr er nach einigem Stillſchweigen fort als ich zum erſten Male begriff, daß die leichte, tändelnde Form meiner Gedichte meinen Gedanken dermaßen beherrſchte, daß ich ihn nie wieder in einer ernſteren, würdigeren wiederzugeben im Stande wäre! Es war er ergriff ſein Glas und lehrte es bis zur Neigees war... in Venedig!!

Ich ſchwieg und ſchlug die Augen nieder! Der Leſer weiß vielleicht, daß in Venedig der Verrath einer faſt bis zum Wahnſinn geliebten Frau, die in der Literatur ſich ſeitdem einen weltbekannten Namen errungen hat, den Dichter dem Tode nahe brachte. Seit dieſer ſchrecklichen Kataſtrophe datirt ſich auch in ſeinen Dichtungen, was man in Malereiſeine zweite Manier nennen würde, zu glei⸗ cher Zeit aber auch jenes fieberhafte Suchen nach Zerſtreuung, das ihn von Ausſchweifung zu Ausſchweifung bis zum Trunke gebracht hatte!...

Ja, in Venedig lallte er, indem er ſeinen Kopf auf die Bruſt ſinken ließ und mechaniſch die Hand nach ſeinem leeren Glaſe ausſtreckte.Eine prachtvolle Stadt, nicht wahr, mit ihren ſtin⸗ kenden Kanälen und verwitterten Paläſten ein wahres Drachen⸗ neſt und da liegt meine Jugend begraben!

Was ſollte ich ſagen? ich begriff ganz wohl, welche ſchreckliche Rückerinnerungen in ihm tobten ich ſuchte dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, doch es gelang mir nicht immerwäh⸗ rend kam er auf das furchtbare Thema des Schmerzes, der ſeine Seele zerrüttete, zurück, und bald in hämiſch beißenden, bald in trau⸗ rigen Worten hört' ich den trunkenen Dichter mir Bilder von verra⸗ thener Liebe von Gott, von menſchlicher Aufopferung und menſch⸗ licher Schlechtigkeit, von Seligkeitsfreuden und von bodenloſen Leiden vorführen die meinen Geiſt betäubten und mein Herz erſtarrten!

O, über jene Treuloſe! möge ihr Gott verzeihen, der unreine Hauch ihrer ſinnlichen Verderbtheit hat ein ſo herrliches Genie zum Verdorren gebracht!

Ich machte an demſelben Morgen noch einen Verſuch, ihn auf ein andres Thema zu bringen.

Ich habe in einer Chreſtomathie die aus Ihrer Mainacht genommene Parabel des Pelicans gefunden, ſagte ich,man hat ſie auf den Heiland bezogen, was doch wohl nicht Ihre Meinung war!

Heiland! ſagte er mit ſchwerer Zunge,jenes glänzende, er⸗ wärmende Licht, welches Voltaire auszublaſen verſucht hat?... wer

wird unſer Heiland ſein unſer Erlöſer?... haben wir ihn denn nicht nöthig? O das Grab, das Grab des Lazarus bleibt ver⸗