Jahrgang 
1865
Seite
376
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Kleides in langen Jahren herausnagte. Es iſt daher oft genug eine Aeußerung lebhaften Bedauerns unter den darſtellenden Mitgliedern der königlichen Bühne zu hören, wenn dieſes oder jenes alte Kleidungs⸗ ſtück dem zuletzt unvermeidlichen Schickſale desVerauctionirtwerdens verfällt.

Es iſt ferner noch bemerkenswerth, daß viele der gold⸗, ſilber⸗ oder ſeidegeſtickten Röcke und Weſten Geſchenke von hochgeſtellten Gönnern des Theaters ſind. Manches iſt erkauft auf Verſteigerungen, nach Auflöſung prächtiger Haushaltungen. An viele jener pomphaft gezierten Kleider, die nur noch vom Schimmer der Theaterlogen be⸗ ſtrahlt werden, mag ſich eine düſtere oder eigenthümliche Geſchichte knüpfen laſſen; ſie haben wohl wunderliche Wanderungen durchge⸗ macht, bevor ſie in den Hafen der königlichen Theatergarderobe zu Berlin eingelaufen ſind.

Die letzte Abtheilung haben wir ſchon zu Anfang betrachtet und es bleiben nur noch die Unterabtheilungen zu erwähnen. Sie zer⸗ fallen in: 1) Ideale Coſtüme, 2) Ordenstrachten, 3) ruſſiſche, pol⸗ niſche und ungariſche, 4) außereuropäiſche Coſtüme.

Die Pracht und Menge dieſer verſchiedenen Trachten muß ge⸗ ſehen werden, es iſt ſchwer, dem Leſer durch das Wort ein deutliches Bild vor die Sinne zu führen. Die langen, zahlreichen Kleiderrechen, an denen die einzelnen Coſtümſtücke hängen, bilden Gaſſen und Winkel, zwiſchen welchen der Beſucher ſich verirren kann. Ein Farben⸗ reiz ſchlägt den andern, die Stoffe und Stickereien wechſeln ſchnell und häufig mit einander ab, ſo daß die Augen das Einzelne nicht ohne Mühe herausfinden können.

Man muß erwägen, daß jeder Anzug aus den verſchiedenen, ihm zugehörigen Stücken beſteht, daß dieſe Stücke alle genau vor⸗ handen und ſtets beiſammen zu finden ſein müſſen. Ganz unab⸗ hängig und doch wieder zum Ganzen gehörig iſt, gleich der Fußbe⸗ kleidung, auch die geſammte Kopfbedeckung geordnet. Barets, Unter⸗ kappen, die hutförmigen Barets à la François I, ſpaniſche Hüte, die reich galonirten Hüte mit Plumage aufgeſchlagen, die dreieckigen Hüte, die ſonderbar geformten Hüte zur Zeit der franzöſiſchen Revolution, dann die zahlloſen Scharen von Czakos, Koſaken⸗, Kroaten⸗ und Mi⸗ litärmützen aller Art, phantaſtiſche Kopfbedeckungen, Narrenkappen ja ein zahlreiches Contingent praktiſcher Nachtmützen, elegante Be⸗ dientenmützen, Hüte und Mützen aller Landvölker das ſind die Hauptbeſtandtheile jenes Abzweiges der Garderobe, der zu den wich⸗ tigſten gehört, denn zu allen Zeiten galt das Wort:Der Hut macht den Mann.

Wer wollte es unternehmen, alle die Einzelnheiten gebührend zu ſchildern, welche in der That einer Schilderung werth ſind? Es iſt gewiß richtig: die meiſten Schönheiten des reichen, unvergleichlichen Coſtümſchatzes kennen und entdecken nur die Ausklopfer, wenn ſie, wie es ihr Geſchäft erheiſcht, die vor Motten und Staub zu ſchützenden Exemplare aus ihrer Ruhe am Kleiderriegel aufſtöbern. Und welche Menge von Dingen ſind hier noch gar nicht genannt worden? Die Kopf⸗ und Leibbinden, die Kragen und Talare, die Stolen und ge⸗ ſtickten Gürtel u. ſ. w.

Welch edler, wahrhaft künſtleriſch reicher Geſchmack tritt dem Beſchauer entgegen, der die ſchönen Gewänder der Damen in Augen⸗ ſchein nimmt! Nichts iſt kleinlich, nichts unſchön, nichts flitterhaft. Die Stoffe, zu Kleidern verarbeitet, machen ſchon den Eindruck des Reichen und Gediegenen, wenn ſie, hundertweis, von den Ständern der Garderobezimmer ohne Schwung herabhängen. Wie viel mehr treten ſie erſt heraus, wenn die eleganten Formen unſerer ſchönen Künſtlerinnen beim Schimmer der Flammen ſich in dieſen reichen, ſchillernden, üppigen Falten wiegen?

Flitterſtaat! Aeußerlichkeiten! Uebertrieben! ruft ſo man⸗ cher aus.

Das iſt unrichtig, übereilt. Dieſe Schönheit des Aeußeren iſt eine weſentliche Bedingung für die Förderung des Geſchmackes. Sie iſt eine entſchiedene Nothwendigkeit dem Zuſchauer gegen⸗ über, der durch den Anblick der ſchönen Außenſeite ſofort in eine be hagliche Stimmung verſetzt werden ſoll; ehe noch die Worte der Dichtung an ſein Ohr ſchallen, hat das Auge ſchon angenehme Ein⸗ drücke empfangen. Unwillkürlich verbinden ſich Decoration und Coſtüm mit dem Geiſte der Dichtung; ſie ſind die Flügel, auf welchen er herniederſchwebt. Nichts iſt verletzender, als eine magere Aus⸗ ſtattung, wenn die Vorſchriften der Bühne eine prächtige erfordern; die Zuſchauer fühlen es ſogleich und gehört denn überhaupt eine ſo

ungeheure Beobachtungsgabe dazu, den Hofſtaat eines Fürſten, etwa Ludwigs XIV, bezüglich des Reichthums der Kleidertrachten richtig zu beurtheilen? Es iſt etwas ganz Selbſtverſtändliches für jeden Gebildeten, daß ein als prachtliebend bekannter Monarch auch prachtvoll gekleidete Menſchen um ſich haben muß und nament lich kann auf einer königlichen Bühne bei ſolchen Anläſſen nicht Glanz genug herrſchen. Schönheit und Richtigkeit, Glanz und Geſchmack des Coſtüms ſind unzertrennlich von der Geſtaltung eines dramatiſchen Gebildes.

Die Garderobe des königlichen Hoftheaters zu Berlin kommt dieſen Anforderungen in ausgedehnteſtem Maßſtabe nach. Man darf dreiſt behaupten: keine Bühne kann an Reichthum der Ausſtattung die Berliner Hofbühne übertreffen. Nur ſehr wenige vermögen wohl nach einzelnen Richtungen hin es ihr gleich zu thun, in der Geſammt⸗ heit(Schauſpiel, Oper und Ballet) gewiß keine. Was hier dem Leſer mitgetheilt wurde, bezieht ſich ja überhaupt nur auf die im Schauſpielhauſe bewahrte Garderobe des Soloperſonals. Die Magazine in der franzöſiſchen Straße enthalten die ganze Garderobe des Chors, der Statiſten und des Corps de Ballet. Es ſind Straßen von Kleidern, an deren Seiten Spinden wie Häuſer befindlich alles vollgepfropft, alles behängt mit den mannigfaltigſten Coſtümen,

dieſem ſich anſchließend die Rüſtkammer, ausgeſtattet wie ein Arſenal,

mit den Harniſch- und Waffenformen aller Jahrhunderte gefüllt.

Haben wir nun ein allgemeines Bild des ungeheuren Coſtüm⸗ vorrathes, ſeiner Aufbewahrungsräume und Eintheilung zu geben verſucht, ſo wird es nicht allein intereſſant, ſondern auch nothwendig ſein, den Leſer mit dem Mechanismus bekannt zu machen, welcher dieſen umfangreichen Körper in Bewegung ſetzt und die Bewegungen ſo ordnet, daß bei aller nothwendigen Geſchäftigkeit keine Verwirrung in dem Kleiderlabyrinth erzeugt werde. Das Garderobeperſonal des königlichen Hoftheaters zu Berlin iſt ein beſonderer Stamm auf der Schauſpielhausinſel. Er beſteht aus circa einhundert Perſonen (Angeſtellte und Extrabeſoldete). An ihrer Spitze ſteht der königliche Garderobe⸗Inſpector Malte, deſſen Umſicht, trefflicher Führung des Geſchäftsganges und gewiſſenhafter Controlle der Betrieb des Garde⸗ robeweſens von dem General⸗Intendanten der königlichen Schauſpiele anvertraut iſt.

Sobald ein Stück von der Intendanz zur Aufführung ange⸗ nommen iſt, werden von der Direction die für daſſelbe nothwendigen Coſtüme, neu anzufertigende oder bereits vorhandene, mit dem In⸗ ſpector der Garderobe beſprochen. Die Namen der Rollen und die der Darſteller werden in die Bücher der Garderobe eingetragen. Neben dieſen Namen trägt der Secretär alle Coſtümgegenſtände ein, welche der Darſteller für die Rolle braucht. Neuangefertigte Coſtüme er⸗ halten neue Nummern, bei älteren wird auf die bereits vorhandene hingewieſen, wobei zugleich die Nummer der Haupt⸗ oder Neben⸗ abtheilung(I. Griechiſch, II. Altdeutſch ꝛc.) angegeben werden muß. Jedes Coſtümſtück hat ſeine ihm aufgeſtempelte laufende Nummer und die ſeiner Abtheilung, dieſe Nummern correſpondiren genau mit den

in den Büchern befindlichen. Wird alſo ein einzelnes Stück Kleid

verlangt, ſo iſt nur das Nachſchlagen in dem Hauptbuche der betreffen⸗ den Abtheilung erforderlich. Z. B. ein Coſtüm des Don Carlos würde zu ſuchen ſein in dem Hauptbuche der Abtheilung III. Auf⸗ geſchlagen findet ſich die Nummer 122, der Garderobier geht in die Abtheilung III. und wird ſicher auf 122 das Coſtüm des ſpaniſchen Königsſohnes finden. Zur Specialcontrolle ſind außerdem noch Bücher vorhanden, in denen ſämmtliche Stücke, aus welchen der Anzug zuſammengeſetzt iſt, verzeichnet ſind, als: Mantel, Hut, Fraiſe, Hand⸗ ſchuhe ꝛc. Alle dieſe Gegenſtände ſind ſchnell und ſicher nach den Nummern der Controllbücher zu finden. Ein beſonderer Abſchnitt in den Verzeichniſſen bleibt für etwaige Abändernngen in den Coſtüms offen. Die Titel der Bühnenvorſtellungen geben, alphabetiſch ge⸗ ordnet, an, wo ein Anzug oder einzelnes Garderobeſtück zu ſuchen iſt, und um eine ſchnelle Ueberſicht zu gewinnen, iſt in jedes Controll oder Inſpectionsbuch ein Theaterzettel des Stückes geklebt, deſſen Coſtümirung in dem Buche verzeichnet worden iſt. Aus dieſen In⸗ ſpectionsbüchern tragen nun die Garderobeaufſeher, ſehr genau, alle einzelnen Stücke eines jeden Anzuges in ihre Bücher über. Dieſe Buchführung iſt gewiſſermaßen ihre Legitimation den Unterbeamten gegenüber. Sie vertheilen die Coſtüme an die Garderobiers, welche Abends die Darſteller beim Ankleiden bedienen und nach Ausweis der Bücher müſſen die einzelnen Stücke der Anzüge wieder zur Garderobe