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Sine Theatergarderobe.
Umſchau in den Coſtümſchätzen des Königlichen Hoftheaters zu Berlin. Von George viltl.
Das königliche Schauſpielhaus zu Berlin gleicht einer Inſel. Rings von breiten Straßen oder Plätzen umgeben, welche es von den Nebengebäuden vollſtändig iſoliren, erhebt es ſich aus dem Häuſer⸗ meere Berlins wie ein ungeheurer Felsblock aus ſalziger Flut. Dieſes große Gebäude mit ſeinen Treppen, Thüren und zahlreichen Fenſtern, ſeinen verſteckten und ſichtbaren Eingängen, macht bei aller Großartigkeit der Verhältniſſe dennoch den Eindruck des Geheimniß⸗ vollen. Für Enthuſiaſten und Fremdlinge, denen es nicht vergönnt i*ſt, das Innere zu erſchauen, bleibt das Schauſpielhaus immerhin eine Art von Pyramide auf einſamer Inſel; alle Vorgänge im Schatten und Dunkel dieſes Steinkoloſſes malt ſich die Phantaſie mit lebhaften Farben aus, namentlich die Phantaſie junger bühnen⸗ und theaterſüch⸗ tiger Leute.
In der That birgt dieſe Pyramide, dieſe Inſel im Straßen⸗ meere, allerlei des Fremdartigen und Außergewöhnlichen. Iſt Abends der Theil des Gebäudes, welchem das Publikum ohne Mühe nahen kann, der Zuſchauerraum vor der Bühne und dieſe ſelbſt— bei glän⸗ zender Beleuchtung eröffnet, dann entfaltet ſich vor den Augen der Menge eine große Anzahl von Schätzen, die eben nur beſtimmt ſind, beim Lichte der Gasflammen, aus den Hallen, den öden halbdunkeln, ſchweigſamen Räumen der Schauſpielhauspyramide hervorgeholt, zu glänzen. Iſt das Licht erloſchen, ſind die weiten Gänge verödet, dann kehren dieſe bunten, reich gezierten Dinge wieder in das geheimniß⸗ volle Dunkel zurück, jenen räthſelhaften Emblemen gleichend, die der Egypter nur zur Verherrlichung ſeiner myſtiſchen Feſte an das Sonnenlicht zog.
Ja— die Schauſpielhausinſel zeigt vielerlei wunderſamen Tand vom kleinſten, unbedeutendſten bis zum großen, koſtbaren In⸗ ventarſtücke. Jedes hat ſeine Beſtimmung, ſeine Ordnung, ſeinen Zweck; vieles ſchon ſeine Geſchichte.
Beſonders werthvoll und zahlreich iſt der Schatz von prächtigen Coſtümen, die glänzende Garderobe, welche der Seſam des Schauſpiel⸗ hauſes birgt.
Dieſe reichen, ſchönen Gewänder ſind es, welche oft die Zuſchauer mit Staunen betrachten, wenn die Darſteller über die Bühne ſchreiten. Sie ſind es, welche zu den Schätzen gehören, deren Schönheit nur das Licht der Couliſſen, das künſtliche, beſtrahlen darf und die ſich vor dem Glanze des Tages in ſichre Verborgenheit zurückziehen.
Dieſer Coſtümſchatz der königlichen Bühne iſt ein ungeheurer. Man verſtehe darunter vor allen Dingen nicht ſogenannten ,Flitter⸗ kram“. Mit ſehr wenigen Ausnahmen iſt alles Vorhandene ſolid,
aus dem beſten Stoffe— nichts aber, das nicht von größter—
Sauberkeit zeugte. Die Damencoſtüme ſind ſämmtlich aus den ſchwerſten, theuerſten Stoffen gefertigt und am Hofe Philipps II. oder Kaiſer Maximilians hätten Herren und Damen ſich ungeſcheut der Kleider bedienen können, welche, im Schnitte jener Zeit, nach den Vorſchriften der damals herrſchenden Mode gefertigt, in der Garderobe des königlichen Schauſpielhauſes zu Berlin aufbewahrt werden.
Machen wir einen Spaziergang durch die Garderobenräume des großen Hauſes. Wir laſſen manches Seltſame unbeſichtigt, manches, das wohl zu dem Glauben verleiten könnte, wir befänden uns auf einer Inſel; ſo wunderlich und fremd ſind dieſe Waffen, dieſe Zier⸗ rathen, dieſe Gefäße.
Die Garderobe des königlichen Schauſpielhauſes zerfällt in vier Hauptabtheilungen. Man hat die Weltgeſchichte, in welcher die Kleider ja doch eine ſo große Rolle ſpielen, zur Richtſchnur ge⸗ nommen und danach die Eintheilung der Coſtüme bewerkſtelligt, indem man jeder Abtheilung den Namen des Völkerſtammes beilegte, wel⸗ cher zur beſtimmten Zeit in Moden und Trachten der tonangebende war. Die Abtheilungen beginnen mit Griechen und Römern, dann folgen: Altdeutſche(Mittelalter), dann Spanier, zuletzt die Fran⸗ zoſen. Dieſe letzte Abtheilung verzweigt ſich nach drei Richtungen: Franzöſiſche Trachten des 17. und der erſten Hälfte des 18. Jahr⸗ hunderts, franzöſiſche Trachten der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗ hunderts, endlich franzöſiſche Trachten des 19. Jahrhunderts.
Die Räume, welche dieſe Maſſen von Kleidern bergen, ſind im
weſtlichen Flügel des Schauſpielhauſes. Die eine Treppe hoch be⸗ legenen Zimmer enthalten große Spinden, in denen die Wäſche der Garderobe, Kragen, Fraiſen, die gefalteten Krauſen, Manſchetten— ſo wie die Tricots aufbewahrt werden.
Eine ſchneckenförmig gewundene Treppe führt in die eigent⸗
lichen Magazine. Zunächſt betreten wir die Schuh⸗ und Stiefel⸗ kammer. Es gibt Anblicke, komiſche Effecte, von denen man ſich eigentlich keine Rechenſchaft geben kann. Solch einen Effect bringt die ungemein reiche Sammlung von Schuhen und Stiefeln der könig⸗ lichen Garderobe hervor. Die verſchiedenen Formen der Füße, für welche die griesgrämig ausſehenden Geſellen beſtimmt ſind, haben ſich in das Leder hineingedrückt und man gewahrt häufig wunderliche Gebilde. Hier findet ſich Schuhzeug jeder Gattung: von der San— dale des Griechen oder Römers bis zu dem Lackſtiefel der Salons unſrer Tage. Die zierlichen Stiefel der Damen für Pagen à la Cherubin mit Seide und Band ausgenäht, die feinen Schuhe franzö⸗ ſiſcher junger Prinzen, dargeſtellt durch junge, elegante Künſtlerinnen, wie contraſtiren ſie nicht mit den hohen rindsledernen Reiterſtiefeln aus Cromwells, oder den plumpen, mit ungeheuren Sporenledern verſehenen Kanonenſtiefeln aus der Zeit des großen Kurfürſten. Dann folgt eine Schar von gelben Schuhen, dann wieder erblickt man ſchwarze— dann eine Reihe geſtülpter, der Zeit des 13. Ludwig nachgeahmter Halbſtiefel. Unter dieſen eine Sammlung feiner lackirter Schuhe mit rothen, hohen Hacken und breiten Leder⸗ riemen zur Aufnahme der Brillantſchnallen; breite verzierte Laſchen liegen dabei und neben dieſen weltlichen Zierden des Fußes erblickt man die kirchlichen Zierrathen, die rothſeidnen oder violetten mit Kreuzen geſtickten Schuhe der Prälaten, denen gegenüber ein um⸗ fangreiches Repoſitorium aufgeſtellt iſt, welches die plumpen, mit Lederbändern und Zinnſchnallen gehaltenen Bauernſchuhe von allerlei Form und Farbe anfüllen. Die Fußbekleidungen werden jedem Dar⸗ ſteller genau angepaßt. Bei dem Beginn ſeines Engagements an der königlichen Bühne erhält jeder Neueintretende ſeine eignen Stiefel und Schuhe, die nur zu ſeinem Gebrauche beſtimmt bleiben.
Die nächſtfolgende Abtheilung gewährt wieder einen komiſchen Anblick, denn ſie enthält die unmodernen Röcke und Beinkleider. Hohe Kragen, kurze Taillen, höchſt auffallende, zuweilen zweifelhafte Farben geben dieſen Kleidungsſtücken einen ſonderbaren„Lüſtre“. Hier hängen die Röcke der„ehrlichen, alten Diener“, der„banque⸗ rotten Kaufleute“, der„heruntergekommenen Genies“. Hier finden ſich vollſtändige Equipirungen für Induſtrieritter, die in harmloſe Bürger verpuppt werden ſollen, oder ſogenannte„Zufluchtskleider“ für leichtſinnige Söhne, welche bis zum dritten Akte eines bürger⸗ lichen Dramas als einfache, nicht der Mode fröhnende Jünglinge
zu erſcheinen haben, bis ſie endlich im nächſten Akte die heuchleriſche
Larve fallen laſſen. Betrachtet man dieſe uns noch ziemlich nahe liegenden Moden, ſo drängt ſich unwillkürlich der Gedanke auf: Wie werden in ſo und ſo vielen Jahren unſre Kleiderformen be⸗ krittelt werden? Lachen wir doch beim Anſchauen dieſer Trachten, welche einſt ebenſo geſucht waren, als es die heutigen ſind. Die Röcke mit den fürchterlichen Kragen dort an jenen Riegeln, die engen oder trichterförmig zugeſchnittenen Beinkleider, die ſcheußlichen Klappen der Weſten— dies alles zierte dereinſt die geſpreizte Figur eines Stutzers erſten Ranges— heute bedient man ſich jener Kleider auf der Bühne, wenn eine lächerliche, karrikirte oder verkommene Perſön⸗ lichkeit vor die Lampen gebracht werden ſoll;— das ſind die Kleider, und nun erſt die Hüte dort oben in den Spinden! welche Geſtelle! iſt es wirklich wahr, daß ſolche Verunſtaltungen als Kopfbedeckung in Gebrauch,—„Mode“— geweſen ſind? es iſt wahr, denn viele dieſer Hutungeheuer enthalten an ihrem Boden noch heute die ein⸗ gepreßten Firmen ihrer Verfertiger— Firmen, die ſich ſelbſt in unſern Tagen noch eines guten Rufes erfreuen. Die Hüte erſcheinen uns mehr wie Vorrichtungen zum Erlernen des Balancirens, die Mützen wie verunglückte Verſuche, eine Kopfbedeckung zu erzeugen. Wenden wir uns nun von dieſem wenig lachenden Anblick zu der griechiſch-römiſchen Abtheilung. Wir finden hier alles, was zur äußerlichen Repräſentation eines klaſſiſchen Zeitalters bezüglich
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